Wireheads - Lightning Ears

Seit ei­ni­gen Jah­ren ste­hen die Wire­heads aus Bris­bane jetzt schon für ei­nen aus­ge­spro­chen kru­den Sound, der klingt als wür­de er je­den Mo­ment in sich zu­sam­men fal­len und der auf sei­ne ganz un­ver­wech­sel­ba­re Art Ele­men­te aus Ga­ra­ge Rock, Pro­to-, Post- und Art Punk ver­mengt. Es tref­fen Ver­satz­stü­cke von Mo­dern Lo­vers und Vel­vet Un­der­ground auf den Mi­ni­ma­lis­mus und die qua­si zur Re­li­gi­on er­ho­be­ne Re­pe­ti­ti­on von The Fall. Aber mit ei­nem Front­mann, der eher sui­zid­ge­fähr­det als streit­lus­tig klingt. Da­bei gibt er ei­ne ei­gen­wil­li­ge Ly­rik von sich, die sich mehr auf ei­ner emo­tio­na­len als auf ei­ner lo­gi­schen Ebe­ne er­schließt. Als wie­der­keh­ren­des Mo­tiv lässt sich dies­mal ei­ne selt­sa­me Zah­len­mys­tik er­ken­nen. Kann was be­deu­ten, muss aber nicht.

Zu­gäng­li­cher klin­gen sie auf ih­rem neu­en Al­bum und de­fi­ni­tiv ein­fa­cher an ei­nem Stück zu hö­ren als auf dem sehr gu­ten, aber auch recht frag­men­ta­risch und se­diert wir­ken­den Vor­gän­ger Ar­ri­ve Ali­ve aus dem letz­ten Jahr. Das mei­ne ich kei­nes­wegs ab­wer­tend. Der schlep­pen­de, re­si­gnier­te Vi­be der letz­ten Plat­te war kein Un­fall, son­dern ge­nau der sprin­gen­de Punkt, das zen­tra­le emo­tio­na­le State­ment die­ses Al­bums. Auf Light­ning Ears sind hin­ge­gen nicht nur die ro­cken­den Num­mern zahl­rei­cher und ha­ben deut­lich mehr Biss, auch vie­le der ru­hi­ge­ren Mo­men­te ge­hö­ren zu ih­rem bes­ten Song­ma­te­ri­al. Die Psy­che­de­lia von Is Fran­ces Faye God? und das fol­ki­ge The Over­view Ef­fect ge­hö­ren zu den de­fi­ni­ti­ven High­lights hier.



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Blaha - The Long Arm of the Photo Booth

Schon wie­der ist ein neu­er Kurz­spie­ler des um­trie­bi­gen Blind Shake-Sei­ten­pro­jek­tes am Start. An­ders als auf der letz­ten 7" geht auf die­sem Tape et­was we­ni­ger der Punk ab. Da­für tobt sich das wie ge­wohnt sehr klas­si­ge Song­ma­te­ri­al ir­gend­wo im Um­feld von 60s Pop und Psy­che­de­lia aus, ver­ein­zelt kom­men auch ein paar Surf-Vi­bes zum tra­gen.


Chain & The Gang - Experimental Music

2017 war ein be­mer­kens­wert ge­schäf­ti­ges Jahr für die­sen Mann, der mit Leich­tig­keit die Rol­len des Rock'n'Roll-Poeten, Ak­ti­vis­ten, Phi­lo­so­phen, Per­for­mance-Künst­lers und Es­say­is­ten (Wink/​mit dem/​Zaun­pfahl) in ei­ner Per­son ver­eint. Ian Svenoni­os, be­kannt auch aus al­ten Bands und Pro­jek­ten wie The Na­ti­on Of Ulys­ses, The Make-Up, XYZ und Weird War, hat die­ses Jahr be­reits ei­ne Art Best Of-Al­bum mit sei­ner der­zei­ti­gen Band Chain & The Gang ver­öf­fent­licht, das aus­schließ­lich Neu­auf­nah­men der al­ten Songs ent­hielt. Im No­vem­ber kann man sich au­ßer­den auf das ers­te Al­bum sei­nes So­lo­pro­jekts Es­cape-ism freu­en. In der Zwi­schen­zeit ha­ben Chain & The Gang noch kur­zer­hand ihr fünf­tes Al­bum raus­ge­hau­en. Schnell und dre­ckig mit Vier­spur-Tech­nik auf­ge­nom­men, er­strahlt das gan­ze nach den et­was clea­ne­ren letz­ten Al­ben jetzt wie­der im bes­ten Vin­ta­ge-Sound, der ih­nen eh bes­ser steht. Und die zehn Songs, die sich über­wie­gend wie ge­wohnt ums Über­le­ben im schei­tern­den Ka­pi­ta­lis­mus dre­hen, ge­hö­ren mit zum bes­ten, was die Band bis­lang ver­bro­chen hat.



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Blaha - Fresh Horse 7"

Es gibt mal wie­der neu­es von Mi­ke Blaha zu ver­mel­den, den man viel­leicht bes­ser von den Ga­ra­gen­punks The Blind Shake aus Min­nea­po­lis kennt, wo er zu­sam­men mit sei­nem Bru­der Jim für Gi­tar­re und Ge­sang ver­ant­wort­lich zeich­net; letz­te­rer fiel and die­ser Stel­le eben­falls schon mit sei­nem So­lo­pro­jekt Jim And The French Va­nil­la sehr po­si­tiv auf. Auf sei­ner neu­es­ten So­lo-EP macht der gu­te Mann mal wie­der al­les rich­tig. Die A-Sei­te trifft so­fort ins Schwar­ze mit zwei strai­gh­ten Ro­ckern im un­ver­wech­sel­ba­ren Stil sei­ner Haupt­band, die B-Sei­te ent­zückt dann mit ei­ner eben­so aus­ge­zeich­ne­ten Mid­tem­po Power­pop-Num­mer.

Woolen Men - Lucky Box

Sind jetzt tat­säch­lich schon zwei Jah­re ver­gan­gen seit der letz­ten Ver­öf­fent­li­chung der Power­pop­per aus Port­land? Das ist un­ge­wöhn­lich lan­ge für die sonst so pro­duk­ti­ve Song­schleu­der. Über­haupt wun­dert es mich, dass Woo­len Men nach über acht Jah­ren im­mer noch kaum wahr­ge­nom­men wer­den. Denn kaum ei­ne an­de­re Band hat in der Zeit ei­nen so kon­stant gu­ten Out­put fa­bri­ziert und da­bei ei­ne so un­ver­wech­sel­ba­re ei­ge­ne Iden­ti­tät ent­wi­ckelt, mit ih­rem in bes­ter DIY-Ma­nier schnell und dre­ckig auf­ge­nom­me­nen Sound aus Power­pop und Ga­ra­ge Rock, der glei­cher­ma­ßen von Gui­ded by Voices in ih­rer gol­de­nen Ära wie auch vom Pro­to­punk der Mo­dern Lo­vers be­ein­flusst scheint. Neu­es Ma­te­ri­al soll schon un­ter­wegs sein, in der Zwi­schen­zeit kann man sich an ih­rer be­reits zwei­ten Com­pi­la­ti­on er­freu­en. Die ent­hält Songs, die ur­sprüng­lich auf di­ver­sen Tapes und EPs er­schie­nen sind; der über­wie­gen­de Teil da­von ist schon län­ger nicht mehr zu be­kom­men.



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Faux Ferocious - Faux Ferocious

Der Sound die­ser Band aus Nash­ville ließ sich schon im­mer et­was schwer fest­na­geln und auch auf ih­rer ak­tu­el­len EP ge­ben zei­gen sich wei­ter­hin sehr wand­lungs­fä­hig, aber auch deut­lich ge­reift. Der Ope­ner Me and John­ny tobt sich auf ei­ner Ba­sis von psy­che­de­li­schem Post­punk aus, an­ge­rei­chert um Ele­men­te aus Kraut, Space- und Mathrock; die ga­ra­gi­ge Kan­te ha­ben sie sich da­bei be­wahrt. The Big Ka­hu­na hat dann ei­nen ge­wis­sen Vel­vet Un­der­ground-meets-Mo­dern Lo­vers-meets-Gun Club Vi­be; zum Ab­schluss geht es dann noch mal or­dent­lich ab­ge­spa­ced zu.

David Nance - Negative Boogie

Lan­ge ein Ge­heim­tip der lo­ka­len Sze­ne, hat Da­vid Nan­ce aus Oma­ha in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ne gan­ze Rei­he selbst­ver­öf­fent­lich­ter CD-Rs mit kru­dem Ga­ra­ge Rock raus­ge­hau­en und spül­te erst­mals im letz­ten Jahr mit sei­nem char­mant Lo­Fi-mä­ßi­gen De­büt für Ba Da Bing Re­cords in an die Ober­flä­che. Aus glei­chem Hau­se kommt jetzt der Nach­fol­ger und wirkt durch ei­nen ver­gleichs­wei­se kla­ren Sound et­was zu­gäng­li­cher, oh­ne dass die Mu­sik an sich ir­gend­wel­che Kom­pro­mis­se ein­geht. Die Klang­pa­let­te ist viel­fäl­ti­ger ge­wor­den, es ma­chen sich dies­mal deut­li­che Ame­ri­ca­na-Ein­flüs­se breit; so­gar für ei­ne - selbst­ver­ständ­lich or­dent­lich ver­beul­te - Coun­try-Num­mer ist sich der Mann nicht zu scha­de. An­sons­ten do­mi­niert nach wie vor ei­ne sump­fi­ge Mi­schung aus al­tem Pro­to- und Art­punk, Blues- und Ga­ra­ge Rock, ei­nem Hauch von Glam. Oder auch mal Vel­vet Un­der­ground meets la­te The Gun Club meets ear­ly Nick Ca­ve meets elec­tri­fied Neil Young meets The Mo­dern Lo­vers. Oder ganz was an­de­res, wha­te­ver… ich weiß ja nix von Mu­sik.



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Sheer Mag - Need To Feel Your Love

Bin ich froh, dass es die­se durch und durch un­ge­wöhn­li­che Band gibt. Ei­ne Band, die der DIY-Punk­sze­ne ent­springt, aber sich nicht von des­sen selbst auf­er­leg­ten äs­the­ti­schen Kon­ven­tio­nen da­von ab­hal­ten lässt, Stil­ele­men­te aus al­tem Hard- und Sou­thern Rock auf­zu­grei­fen, sie dem Kon­text von hy­per­mas­ku­li­nem Rock­star-Ge­ha­be zu ent­le­di­gen und mit ly­ri­schen In­hal­ten von po­li­ti­scher Agi­ta­ti­on und bren­nen­der Lei­den­schaft auf­zu­la­den. Und egal wie knapp sie da­bei manch­mal die Kitsch-Fal­le um ei­ne Haa­res­brei­te ver­feh­len, al­le Wor­te aus dem Mund von Ti­na Hal­l­a­day (mei­nes Er­ach­tens ei­ne der groß­ar­ti­gen Vo­ka­lis­tin­nen un­se­rer Zeit) kau­fe ich ihr oh­ne Vor­be­hal­te ab.

Es fällt mir ge­ra­de schwer die Plat­te zu ge­nie­ßen, oh­ne da­bei den Kon­text der jün­ge­ren Er­eig­nis­se in Ham­burg im Hin­ter­kopf zu ha­ben.
Und da­zu sag ich mal herz­li­chen Dank auch, Leu­te. Ihr habt jetzt die per­fek­te An­ti-Wer­bung für eu­er An­lie­gen ge­macht und der Bun­des­po­li­tik ein tol­les Ar­gu­ment in die Hand ge­ge­ben, lin­ken Pro­test zu ver­hin­dern, zu dä­mo­ni­sie­ren und ge­ne­rell in ein schlech­tes Licht zu rü­cken. Ich hof­fe, ihr habt euch da­bei su­per-männ­lich ge­fühlt und habt 'nen gu­ten Ad­re­na­lin-Kick beim Fan­gen­spie­len mit der Po­li­zei be­kom­men. Der Back­lash vom Staat wird nicht lan­ge auf sich war­ten las­sen. Vie­le Men­schen, die ei­gent­lich auf eu­rer Sei­te ste­hen, wer­den sich jetzt dop­pelt über­le­gen ob sie zu­sam­men mit euch auf der nächs­ten De­mo sein wol­len. Und vie­le Men­schen mit ei­nem we­ni­ger ge­fes­tig­ten po­li­ti­schen Welt­bild wer­den sehr zö­gern, bei der nächs­ten Wahl für eu­rem An­lie­gen mehr oder we­ni­ger na­he ste­hen­de Ver­tre­ter zu stim­men. Weil sie "links" jetzt mit Bil­dern von Ge­walt und sinn­lo­ser Zer­stö­rung as­so­zi­ie­ren. Ei­ne su­per Ak­ti­on war das.

Aber ge­ra­de in die­ser auf­ge­la­de­nen Stim­mung fin­de ich Sheer Mag und ihr ex­zel­len­tes De­büt­al­bum so er­fri­schend und wich­tig. Denn auch wenn sie sich in ih­rer Rhe­to­rik an Bil­dern von flie­gen­den Fla­schen und Stei­nen be­die­nen (und es hängt vom ein­zel­nen Hö­rer ab, ob er die­sen Auf­ruf wört­lich oder sym­bo­lisch ver­ste­hen will), ver­lie­ren sich die Songs im Ge­samt­bild nicht in plat­ter Kampf­rhe­to­rik, son­dern setz­ten der Wut und der po­li­ti­schen Mo­bi­li­sie­rung auch ein gro­ßes Maß an Mensch­lich­keit, Ver­letz­lich­keit und Em­pa­thie ent­ge­gen. Die Lie­be ist schon Ti­tel­ge­bend und die Plat­te be­steht zu glei­chen Tei­len aus Pro­test- und Love­songs. Oft auch bei­des auf ein­mal. Zwi­schen den Zei­len ru­fen die­se Songs da­zu auf, den Mit­men­schen lie­be- und ver­ständ­nis­voll zu be­geg­nen. Men­schen zu ver­ei­nen, so un­ter­schied­lich ihr Le­bens­stil, ihr Aus­se­hen und ih­re Vor­lie­ben auch sein mö­gen. Und es da­bei nicht zu ver­ges­sen, sym­bo­li­sche Fla­schen und Stei­ne auf die men­schen­feind­li­chen Struk­tu­ren ei­nes schei­tern­den Ka­pi­ta­lis­mus zu wer­fen. Oder um es mal in den Wor­ten ei­nes al­ten Fritz Lang-Schin­kens aus­zu­drü­cken: "Mitt­ler zwi­schen Hirn und Hän­den muss das Herz sein." Ra­ge against the ma­chi­ne. Love against the ma­chi­ne.
Wenn ich es der­zeit ei­ner Band wün­sche durch die De­cke zu ge­hen, dann die­ser. Dass ih­re Mu­sik vie­le Men­schen be­wegt, ver­eint und zum Nach­den­ken bringt.



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The Roamin' Catholics - The Roamin' Catholics

The Roa­min' Ca­tho­lics aus Syd­ney sind (oder wa­ren? Ich bin mir da nicht so si­cher…) mal wie­der ei­ne von die­sen Un­der­ground-Su­per­groups, wie sie in der aus­tra­li­schen Sze­ne re­gel­recht aus dem Bo­den sprie­ßen; es sind un­ter an­de­rem Mit­glie­der von Ghast­ly Spats, House­wi­ves, Dry Fi­nish, Bitch Pre­fect und Peak Twins be­tei­ligt.
Das ers­te Mi­ni­al­bum die­ser For­ma­ti­on klingt in et­wa wie ei­ne Ver­men­gung von klas­si­schen Ver­tre­tern des un­kon­ven­tio­nel­len Pop á la The Fall, Flip­per oder Half Ja­pa­ne­se mit ak­tu­el­len Ga­ra­ge­punk-Bands wie et­wa Aus­mu­te­ants und Ura­ni­um Club. Das Er­geb­nis ist wun­der­bar knar­zi­ger Rock'n'Roll ir­gend­wo zwi­schen den Stüh­len von Ga­ra­ge- und Post­punk, der trotz vie­ler Ver­schro­ben­hei­ten nie aus­ein­an­der fällt.




Ei­nen (kom­plet­ten) Al­bum-Stream gibt's lei­der nicht. :(

Debate Club - Fish Fry

Schi­cker zwei­ter Kurz­spie­ler ei­ner Band aus Mont­re­al mit zu­rück­ge­lehn­tem Ga­ra­ge Rock und ei­nem Hauch von Surf, der zu­letzt über das fran­zö­si­sche La­bel Be­ko den Weg hier­hin ge­fun­den hat.


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