Soft Shoulder – Particles (ETC)

Okay ich versuch mal hier nichts durcheinander zu bringen... Aaalso: Die neue Soft Shoulder LP ist ganz offenbar nicht primär eine Compilation von Material, das in den letzten Jahren bereits auf diversen Lathe Cut-EPs und -Singles veröffentlicht wurde, sondern vielmehr eine Sammlung von Songs aus einer gemeinsamen Aufnahmesession, die schon von Anfang an als ein Album konzipiert war und dessen letztendliche Veröffentlichung genauso im voraus geplant war auch die häppchenweise Erstveröffentlichung der Songs auf besagten Kurzspielern. Puh, das ist mal definitiv eine krude und eigentümliche Vorgehensweise die irgendwie doch passend erscheint für eine der krudesten, eigentümlichsten Bands unserer Zeit, die schon länger am Start ist als dieses Blog, jenes potenziell noch weit überdauern wird und seitdem noch nie darin versagt hat zu beeindrucken mit ihrer so chaotischen wie auch komplett unverkennbaren Vision von vage The Fall-inspiriertem, No Wave-informiertem Post Punk und Noise Rock. Und weißt du was? Ich glaube das hier ist nicht weniger als das bisherige deformierte Meisterstück des aktuell als Ein-Mann-Band agierenden Projekts, sogar nach dem massiven Doppelschlag der 2023er LPs Smile Building's Exit und It’s A Small World After. Diese Songs hauen sogar noch härter auf den Putz in ihrer gebündelten, neu sequenzieten Form - so viel kreative Brillianz konzentriert in ein superdichtes, 21 Songs und 45 Minuten langes Album, das bei aller klanglichen Sperrigkeit nicht eine langweilige Sekunde enthält und nicht zuletzt trägt hier auch viel neugewonnener Punch und Transparenz eines im Vergleich zu den EPs klar aufpolierten Audiomasterings dazu bei, dieses Ding sauber zu verschweißen zu etwas das am Ende mehr ergibt als nur die Summe seiner separaten Bestandteile.

Album-Stream →

Snout Fever – Snout Fever

Heilige Scheiße, wie habe ich es geschafft die Debüt-LP dieser Wiener Band zu übersehen als sie im April erschienen ist? Die entpuppt sich jetzt nämlich mal als nicht weniger als eine der herausragendsten Veröffentlichungen des Jahres was Lärm vom etwas oldschooligeren Ende des Post Punk-Spektrums anbelangt mit einem Sound, der sich wie ein willkommener Flashback zu den einfacheren Zeiten eines gerade erst seine dritte Jugend erlebenden Genres in den 2010er Jahren klingt mit mehr als nur einer flüchtigen Ähnlichkeit zu so Bands wie Rank/Xerox und Negative Space, frühen Werken von Institute oder The Estranged, vielleicht sogar einem Hauch von Nervosas oder der allerersten Diät-7"? Ebenso ist da aber auch eine lebendig pulsierende Garagenkante am Start in so Songs wie Collecting Dust und nicht zuletzt ein nettes Sahnehäubchen aus leicht Wipers-mäßger Gitarrenarbeit. Genau die Art von aufs wesentliche reduzierter und unprätentioser, direkter Energie von der ich in diesen Zeiten gerne wieder mehr hören würde.

Album-Stream →

1-800-MIKEY – In Yun

Ein neuer Langspieler von 1-800-MIKEY ist jedes mal eine angenehm vorhersehbare Erfahrung ohne besondere Zwischenfälle von einem Typen, der ansonsten auch unter anderem als Teil von Gee Tee sein Unwesen treibt und dessen eigene kleine Nische auf dem Garage Punk-/Power Pop-Spektrum man inzwischen als sauber etabliert ansehen kann. Das wird niemanden mit Originalität und Innovation wegblasen, aber dafür mit der reinen und unschuldigen Power von geradliniger, schnörkelloser Songwriting-Brillianz! Genauso lassen sie auch auf ihrer neuen, dritten LP zuverlässig ein Bündel so infektiöser wie auch liebenswerter Pop-Ohrwürmer von der Leine die sicher niemanden überraschen, aber ohne Ausnahme jedermann verzaubern auf einer Platte, die Mikey von seiner bislang wohl entspanntesten Seite zeigt mit Momenten, die vereinzelt fast schon einen oldschooligen Dream Pop-Vibe transportieren insbesondere in der zweiten Hälfte und so Songs wie K-Style and Falling In Love.

Album-Stream →

Anytime Cowboy – Gone By Now

Verschiedene Geschmacksvarianten von Cowpunk-verwandtem Lärm scheinen das verbindende Element zu sein für vieles was in den letzten Wochen erschienen ist und pünktlich als wenn man vom Teufel spricht, kommt da auch gleich noch eine neue LP angerollt von einer der eindrucksvollsten und eigenständigsten Stimmen in jenem Feld: Reuben Sawyers Soloprojekt Anytime Cowboy, veröffentlicht wie üblich ohne großes Tamtam oder auch nur die kleinste Vorwarnung in Sachen Promotion und das gefällt mir gut so - Anytime Cowboy ist definitiv keine Band die Gefahr laufen würde, als industry plant beschimpft zu werden von einer Generation, die zum ersten mal realisiert dass es so ein Ding wie eine Promoindustrie gibt und dass Geld und PR-Strategien im Musikbusiness eine Rolle spielen, haha. Wie dem auch sei, die letztjährige Demons Obey LP war echt mal so ein massiver Instant-Klassiker, dass es vielleicht etwas übertrieben wäre, gleich einen weiteren dieser Art zu erwarten und in der Tat versucht die neue Platte erst gar nicht da noch einen drauf zu setzen, sondern begnügt sich damit "nur" ein sehr, sehr gutes Album zu sein, das hier und da vielleich mal ein paar Songs zu lang erscheint aber auf der anderen Seite die Sache in Bewegung hält mit einem etwas leichtfüßigeren Gesamtvibe aus relaxtem Indie Rock, ohne dabei das unverwechselbar folkige und schrammelige Jangle Pop-Feel zu verlieren und die etwas unheimliche, surreale Qualität in diesen Songs. Bei satten achtzehn davon bekommt die Platte zwangsläufig einen etwas fragmentieteren, wechselhaften Charakter aber angesichts der schieren Masse an zertifizierten Bangern hier kann ich nicht anders als zum Schluss zu kommen: Das Teil ist schon wieder ein verdammter Gewinner!

Album-Stream →

Lithophones – Lithophones

Diese Bostoner Band had sechs unwiderstehlich müffelnde Schlammpfützen aus oldschooliger Garage Punk-Action für uns die sich grob irgendwo zwischen den Parametern bewegt von klassischer Reatard(s)-Schule, der goldenen Ära von Liquids und stärker KBD-inspiriertem Zeug wie wir es von Bands wie Freakees und Launcher gehört haben. Obendrein sind dann noch ein paar schnörkellose Pop-Nuggets eingestreut die mich an so Scheiß á la Dark Thoughts und frühe Vaguess erinnern. Nichts furchtbar schlaues oder originelles also am Start hier, aber dafür treffen die Songs, Performance und Attitüde absolut ins Schwarze und wann immer mir der Appetit nach etwas simplem und ungewaschenem Garage Punk-Chaos steht, passt das hier super rein.

Album-Stream →

Xanny Stars – Take Shape

Die sind schon länger unterwegs als ich das zuerst realisiert habe, die Band aus Cleveland, Ohio zu deren Mitgliedern unter anderem Mickey Mocnik von den großartigen Nervosas gehört und die später zum Beispiel auch mit The Missed und, erst neulich, Vital Stress tollen Lärm gemacht hat. Nu ja, die letztjährige Adaptor EP sah die Band definitiv ein bisschen wegrücken von ihrem früheren Sound, dominiert von Echos des spät-'80er, früh-'90er Punk und Indie Rock mit diesem speziellen Fastbacks-Zusatz, hin zu einer etwas voller ausgeformten und irgendwie recht aktuell wirkenden, gleichzeitig aber auch sehr zeitlosen Machart des fuzzig-garagigen Noise Pop mit leichten Spuren von Psychedelia und Post Punk obendrauf. Auch auf der neuen EP channelt die Band ihre Energien in ein sogar noch etwas eingängigeres, kompakteres Bündel neuer Tunes die erneut ganz besonders an so Bands der 2010er Jahre wie Feature, UV-TV, Slowcoaches oder Monster Treasure erinnern.

Album-Stream →

Vague Fugue – The Annihilation Ritual

Vague Fugue hatten im letzten Jahr schon eine nette EP, die aber noch ein bisschen an ihrer etwas schnöden Produktionsästhetik litt, welche sich für meinen Geschmack doch etwas zu offensichtlich in einem middle-of-the-road Dadpunk-Garagenvibe äußerte um mich vollends zu überzeugen. Keine Ahnung, das fühlte sich einfach alles etwas unangemessen und unschmeichelhaft an für ihren Sound, ein derber Konstrast jetzt zu der schlickigen LoFi-Präsentation ihres neuen Tapes, die ihren anachronistischen Lärm jetzt genau ins richtige Licht rückt als genau die drogenvernebelte, ausgefuzzte, Satan huldigende Acid Rock-Ekstase die das Debüt schon andeutete, aber noch nicht so recht zu verkaufen wusste. Der Scheiß klingt perfekt hier und es hilft definitiv auch, dass das zugrundeliefende Songmaterial - wenngleich noch immer einfach gestrickt, roh und primitiv - einen Treffer nach dem anderen Landet und auf jegliches unnötiges Genudel und Jam Band-Rumgewichse verzichtet.

Album-Stream →

The Easy Eight – The Easy Way Out

Chubby's noch immer halbwegs neue Band EZ8 hat jetzt also ihren Namen minimal geändert und auch schon die erste LP auf Static Shock Records veröffentlicht die, soviel sei gesagt, eigentlich nur die Songs der ersten EP mit vier neuen Tracks erweitert. Das ist aber total knorke, denn jene EP ist immer noch wunderbar und verdient es, erneut gehört zu werden. Die neuen Songs sind aber nicht weniger Fabelhaft in ihrer unverwechselbaren Oi!- / Power Pop-Fusion wie sie eigentlich nur Chubby und seine Mitverschwörer so infektiös abzuliefern verstehen. Ein starker eingängiger Song und eine unbeirrt tighte Performance ist alles was es hier braucht, denn was dachtest du sonst was dich auf einer neuen Chubby-Platte erwartet? Eine Progressive Rock-Oper in neun Kapiteln? Nö, stattdessen gibt es diese Wundertat hier und bei alldem sind dennoch ein paar nette und unerwartete Schnörkel zu erhaschen die wir bisher noch nicht von dieser und den Vorgängerbands gehört haben, wie etwa das leicht Dungeon-mäßige oldschool Heavy Metal-Geschredder in den Strophen von Fear As A Gift.

Album-Stream →

Polish Gifts – It’s Not Just Beginning

Verdammt, muss der Lärm dieser Band aus Chicago schon altertümlich geklungen haben zu der Zeit als ihre erste LP im Jahr 2013 erschien aber jetzt, über ein Jahrzehnt nach ihrer letzten Veröffentlichung, vollendet ihr Sound letztendlich den Kreis zu einem so angenehm altmodischen wie auch zeitlosen Strang des anachronistischen Krachs, einer Klangwelt die sicher einige Inspiration von Lync, frühen Jawbreaker, Superchunk bezieht und in geringerem Umfang wohl auch Dag Nasty, Rites Of Spring und vielleicht ein paar Anzeichen von frühen Unwound und Hoover? Wie dem auch sei, diese Songs operieren auf einem Level ein paar Etagen höher als das durchschnittliche '90er Punk-Throwback, nicht zuletzt dank einem nie versiegenden Reichtum aus felsenfestem Songhandwerk und einer unerschütterlichen Intuition für zeitlose und robust gebaute, strukturell tragfähige Hooks, die dennoch reichlich Rangierfläche haben für ein paar nette Überraschungen und Ablenkungsmanöver die sich nicht ohne weiteres in die etablierten '90er Postcore / Emo / Indie Rock-Schablonen fügen wollen wie zum Beispiel dieser gewisse Wipers- und Dead Moon-mäßige Garagenvibe in Songs wie Caustic Dreams. Es ist genau diese gekonnte Balance zwischen einer offensichtlich intimen, enzyklopädischen Kenntnis dieses speziellen Fleckchens der '90er Punkgeschichte und gleichzeitig einer klaren Abneigung, sich allzu sklavisch an dessen Tropes und Konventionen zu halten, was letztendlich einen ganz eigenen Flavor ausmacht auf dieser Platte, die sich nicht dafür schämt zeitweise durchaus nostalgisch und retro zu klingen, ohne dabei jemals wie ein ausgelutschter Neuaufguss rüberzukommen, jederzeit dazu fähig dort wo es drauf ankommt die Erwartungen zu erfüllen oder auch zu subvertieren. Altmodisch aber durchweg inspiriert.

Album-Stream →

Aidmoozic – Manila Folders

Gerade mal ein halbes Jahr nach der brillianten vorherigen Weston-le-Clay EP, legt der Nachfolger erneut die Messlatte ein gutes Stück höher für die Band aus Watford, England was sowohl die Vielfalt, Kompaktheit als auch Catchyness ihres beizeiten subtil Math-infizierten Post Punks angeht und insbesondere expandieren sie hier die relaxtere Midtempo-Sektion ihres stilistischen Reportoires. Wie zu erwarten funktioniert der Scheiß wieder mal vortrefflich, denn dieser Typ (oder Typen?) ist klar im Besitz des kreativen Brennstoffs und der rohen Musikalität, um so ein Ding abzuziehen. Wie gehabt werfen hier jüngere Einflüsse des smarten Post Punks á la Landowner ihre Schatten, aber ganauso melden sich auch so einschlägige Hausnummern der alten britischen DIY Art Punk-Schule wie, sagen wir mal, Mekons, Blurt und Television Personalities zu Wort und letztendlich klingen Aidmoozic hier bei all dem doch klarer nach sich selbst als je zuvor. Die Wurzeln dieser Brillianz ließen sich bereits auf ihren zwei 2024er EPs erkennen, aber im Jahr 2026 spielen Aidmoozic definitiv noch mal auf einem ganz anderen Level und ich würde echt sagen, dass sich sich in diesen kurzen paar Monaten mit so rasiermesserscharfer wie auch scheinbar müheloser Präzision an die Speerspitze des aktuellen Art Punk-Felds katapultiert haben.

Album-Stream →