Es ist jetzt auch schon wieder ein paar Jahre her seit der letzten EP dieser Band aus Los Angeles und ganz klar hat ihr Handwerk eine starke Evolution durchlaufen seitdem, wie es ihr neues Langspieldebüt auf Under The Gun Records unter Beweis stellt. Dessen leicht Metal-injizierte Hard- und Postcore-Vibes mögen auf den ersten Blick vielleicht etwas unerwartet brutal, kalt und klinisch klingen für jene, die sich in ihren früheren Sound aus KBD-lastigen, Synth-unterstützten Garage Punk-Tunes vernarrt haben, die sich zuvor nur vereinzelt ins Hardcore-Spektrum verirrt haben. Ich meine, verdammt, da ist fast schon ein Hauch von klassichem Speed Metal am Start im einminütigen Opener For Now. Aber glücklicherweise ist die verschärfte Attacke nicht das definierende Merkmal dieser Platte und die fester angedrehten Schrauben arbeiten hier Hand in Hand mit reichlich smarten, ineinander greifender Nuancen, die insbesondere die derbere erste Halbzeit davon abhalten, zu einer allzu ermüdenden, gleichförmigen Angelegenheit zu verkommen. Aber es ist dann doch die zweite Hälfte, in welcher sich hier breitere Horizonte auftun, wenn die Songs komplexere Emotionen und ein Level von Melancholie durchscheinen lassen, wie etwa im Midtempo Post Punk-Stampfer Gridlock/Flatline der obendrein mit einem unerwartet psychedelischen Unterton aufwartet. Die Postpunkigen Vibes ziehen sich weiter durch Come Down bevor dann auch das folgende Uptempo-Material eine durchweg eingängige Qualität bewahrt, fast wie ein willkürlicher Ausgleich für die grimmige Eröffnung. Unter'm Strich bleibt das hier dennoch ein deutlich weniger freundlicher oder unmittelbar zugänglicher Brocken Lärm, der alte Bewunderer etwas abschrecken könnte. Aber wer sich trotzdem drauf einlässt, wird nicht weniger reich entlohnt!
Viel vom frühen Material dieser Band aus Chicago fühlte sich für mich ein bisschen zu vage und ungreifbar an um daraus schlau zu werden, aber ihr neues Langspieldebüt spielt da mal in einer ganz anderen Liga. Ich komme hier in Versuchung jener Platitüde, dass ihr Sound hier in einen scharfen Fokus einrastet, aber ehrlich gesagt ist es doch eher ein absichlicher Soft-Fokus, der ihre Jangle-lastige Melange aus Power Pop, Art-, Garage- und Psychedelic Rock, Spritzern von '90er Indie Rock und '80er Flying Nun Records-Psychedelia in ein ausgesprochen schmeichelhaftes Licht rückt. Der Scheiß klingt wie etwas, das am ehesten vor so 15 Jahren erschienen sein könnte in einer Garage-Subnische, die seitdem etwas auf die Abstellgleiser des Zeitgeists delegiert wurde, aber irgendwie auch nie ganz Weg war. Vermutlich brauchte es einfach nur mal wieder einen beeindruckenden Release wie diesen hier, um das Genre aus seiner selbstverliebten Mittelmäßigkeit zu schocken. Die surreale, hypnagogische Stimmung dieser Songs habe ich so eindrucksvoll mindestens nicht mehr gehört seit den frühen Werken etwas von Rat Columns und Blank Realm Anfang der 2010er, aber auch stärker Garage-orientiertes, jangle-vernebeltes Zeug aus der selben Ära etwa von den frühen White Fence und Apache Dropout kommt mir da in den Sinn und ich komm auch nicht umhin, da ein paar Echos von den '90er Shoegazern Flying Saucer Attack drin zu vermuten. Eine selten gewordene Art von einem wundersamen, virtuos aus den Balance geschlagenen Weirdo Pop-Album, eine Sorte von der ich bisher gar nicht realisiert hatte, wie sehr ich das vermisst habe in diesem Jahrzehnt.
Habt ihr euch auch schon gefragt, was eigentlich aus dem Dungeon Punk-Genre geworden ist? In den frühen 2020ern schien es noch so als würde der Krempel die Punkszene unaufhaltsam überrollen aber jetzt im Jahr 2026 muss ich feststellen, dass der letzte Großereignis in der Nische in Form der Steröid LP auch schon wieder anderthalb Jahre her ist. Klar, es gab da ein paar Versuche... wie die letzte Powerplant LP, die leider in einem halbgaren Schlamassel aus Prog-Gewichse den Faden verlor und lass uns erst gar nicht über die Enttäuschung reden, die in diesem Frühling mit Poison Ruin's aalglatten Versuch einherging, das Rockradio zu knacken. Aber wie auch immer, hier ist zur Abwechslung mal wieder ein würdiger Vertreter des Genres von einer Band, die ich zuvor nicht wirklich für sowas im Verdacht gehabt hätte, wennglich auch zumindest das Artwork ihrer Platten schon zunehmend in diese Richtung deutete.
Lass uns dabei aber zumindest nicht an einem anderen Elefanten im Raum vorbeireden und das ist die sehr fragwürdige Entscheidung, auf Bandcamp praktisch Vinyl-Preise für einen digitalen Download zu fordern, eine Praxis die bei einem erwerbslosen Bloggertypen wie mir, der sowieso kein Geld für Vinyl übrig hätte, echt für reichlich hohen Blutdruck sorgt, wie sich da bei bestimmten Bands und Labels zunehmend eine komplett absurde ein-Dollar-pro-Minute Policy zu etablieren scheint. Sowas könnte ich vielleicht wuppen, würde ich für's bloggen bezahlt. Werde ich aber nicht, daher lasst doch so einen Scheiß bitte einfach stecken. Ist ne assige Nummer sowas.
Okay das musste mal raus. Was aber nicht zu verleugnen ist, dass die Schweizer hier einen fraglos exzellenten zweiten Langspieler rausgehauen haben, der einerseits zwar keine wirklich neuen Werkzeuge zum Waffenarsenal des Genres beiträgt, aber dafür einen Qualitätslevel für angenehm käsigen Spaß hochhält, der mir in den letzten anderthalb Jahren doch sehr gefehlt hat. Bei dieser Band fühlt sich das durchaus nach einer logischen, organischen Entwicklung an und alle catchy Qualitäten ihres bisherigen Schaffens bleiben erhalten, aber werden nahtlos verschweißt mit einer knusprigen Schale aus altertümlichem Heavy Metal hier. Nie um ein gesundes (aber auch nicht überhand nehmendes) Maß an Kitsch verlegen, ist die Platte eine gewaltige Flut von Hooks, die dabei auch gerne mal auf die tiefer hängenden Früchte aus Songwriting-Werkzeugkiste zurückgreift und ich hab dem echt nichts entgegen zu setzen, weil der Scheiß einfach funktioniert. S.G.A.T.V. sind gläsern in ihren Methoden aber komplett treffsicher dabei, die primären Instinkte zu treffen. Sicher, die geplante Dungeon Punk-Offensive bleibt immer noch bis auf weiteres verschoben. Aber so lange hin und wieder eine Platte so wie diese auftaucht, bleibt doch zumindest die Hoffnung dass die mythischen Punk-Krieger weiterhin im Geheimen das dunkle Imperium unterwandern und an dessen Fundamenten kratzen werden.
Whippets sind eine Band aus Madison, Wisconsin unter anderem mit Bobby Hussy und Tyler Spatz an Bord, beide zuvor bekannt von Wristwatch und The Hussy. Während ich insbesondere von der letzten Wristwatch-LP immer noch ziemlich hin und weg bin, fiel es mir deutlich schwerer mich für den bisherigen Output von Whippets zu erwärmen nachdem insbesondere ihre 2024er Debüt-LP etwas zu sehr den ausgelatschten Post Grunge-Pfad beschritt für meinen Geschmack. Der neuen LP kann ich jetzt aber mal deutlich mehr abgewinnen, auch wenn es hier immer noch Momente von halbgarer Songkonstruktion gibt wie etwa in Dream Of Two, das sich zu sehr auf zwei einsame und nicht sonderlich spannende musikalische Phrasen stützt. Aber die Treffer überwiegen die Fehlzündungen auf dieser Platte, die sich für mich anfühlt wie ein Wristwatch-Abkömmling welcher deren stärkere Garage Punk-Neigungen mehr in Richtung einer ambitionierteren mitt-'90er bis frühen 2000er Indie- und Alt Rock-Ästhetik lenkt. Manchmal strapaziert das etwas meine Geduld als ein Kind der '90er wenn der Krempel etwas zu bemüht und schwerfällig klingt in seiner Midtempo-Ernsthaftigkeit oder wenn die Songsubstanz manchmal einfach nicht tragfähig genug ist, um die Sache beisammen zu halten. Ein Album mit Schwächen, aber jedes mal wenn es erfolgreich abhebt, schwingt es sich zu durchaus beeindruckenden Höhen auf.
Lasst alles stehen und liegen, es ist eine weitere Eggpunk-Platte erschienen... ja, ich weiß, big deal in dieser Ära. Aber das hier ist eine, für die ich mich nach wie vor begeistern kann. Ordentlich an Fahrt und tightem Punch hat diese Band aus Cleveland, Ohio dazugewonnen seit ihrer noch etwas flatterigen Digital Distortion EP, aber es ist mehr als nur das, denn wo jene Platte sich auch stilistisch noch echt schwertat, sich von der Masse an Snooper-inspirierten Trittbrettfahrern zu differenzieren, wächst die Band hier richtig rein in ihre eigene Weirdness und fieberhafte Energie, ich meine... verdammt, Can't Stop ist vermutlich der erste Song namens Can't Stop in vielen Jahren der wirklich so klingt als ob er nicht aufhören kann. Auch wenn er das sehr plötzlich tut, nach weniger als einer Minute. Die Songtitel sind Programm hier. (I Just Wanna) Be a Ramone wäre gerne ein Ramones-Song, Salsa hat einige Elemente von abgefucktem Salsa und Uptight klingt tatsächlich wie der nervöseste, verkrampfte Song auf der Platte. Tonnenweise aufregender Spaß von Anfang bis Ende auf dieser Platte und den größten Knall sparen sie sich für's Ende auf in Form des epischen Abschlusstracks The Nuclear Option, der viel mehr Inspiration von so Bands wie Uranium Club und Australien's chronisch unterbewerteten Garage Punk-Underdogs Electric Prawns 2 zu schöpfen scheint als von den üblichen Eggpunk-Referenzen dieser Zeit. Weise Entscheidung, das!
Es hat keinen Sinn sich zu zanken mit der dummen Extase, die diese Niederländer mit ihrer Debüt-7" auf Spaniens Bollwerk Discos Enfermos auf uns los lässt. Es ist einfach eine perfekte Fusion aus oldschooligem Garage Punk und Oi!-Elementen, siebziger Butt-/Sleaze Rock und vielleicht noch ein bisschen NWOBHM-mäßigen Riffing als Sahnehäubchen obendrauf. Was auch immer, der Scheiß tritt in die Klöten, denkt einfach nicht zu viel drüber nach. Ich denke das auch ganz besonders Verehrer der, ähm... goldenen Golden Pelicans-Ära sich da einen angemessenen Kick rausholen.