Dieses Ding ist auf dem früheren Pigeon-Bandcamp aufgepoppt und daher könnte es sich bei Tense vielleicht um genau die gleichen Leute handeln oder halt auch nicht - es ist einfach mal wieder die übliche Undurchschaubarkeit, die wir so schon seit langem von der berüchtigt anonym agierenden Berliner Post Punk-Arena gewohnt sind. Wenn es die gleiche Band ist, hat ihr Sound jedoch klar eine mittelgradige Transformation durchlaufen und kommt hier fokussierter und kompromissloser daher als je zuvor. Einerseits in mancher Hinsicht ziemlich eindeutige Berliner Post Punk-Schule wie sie im Buche steht, sticht der Scheiß aber dennoch deutlich heraus mit einem Level von beklemmender Weltuntergangslaune der hier komplett durch die Decke geht, alamierend selbst im Vergleich zu dem, was wir sonst so aus diesem nicht unbedingt für Partylaune bekannten Umfeld hören. Der vernichtendste Knall von da seit einer ganzen Weile, serviert mit eiskalt kalkulierter Präzision und unaufhaltsamer Rotationsgewalt. Eine hyper-ökonomisches Vorgehen in dem keine Note verschwendet wird stellt sicher, dass alle Schmerzpunkte zuverlässig aktiviert werden und dabei kann man trotzdem nicht anders, als in entrückter Ekstase mitzuwippen.
Okay ich versuch mal hier nichts durcheinander zu bringen... Aaalso: Die neue Soft Shoulder LP ist ganz offenbar nicht primär eine Compilation von Material, das in den letzten Jahren bereits auf diversen Lathe Cut-EPs und -Singles veröffentlicht wurde, sondern vielmehr eine Sammlung von Songs aus einer gemeinsamen Aufnahmesession, die schon von Anfang an als ein Album konzipiert war und dessen letztendliche Veröffentlichung genauso im voraus geplant war auch die häppchenweise Erstveröffentlichung der Songs auf besagten Kurzspielern. Puh, das ist mal definitiv eine krude und eigentümliche Vorgehensweise die irgendwie doch passend erscheint für eine der krudesten, eigentümlichsten Bands unserer Zeit, die schon länger am Start ist als dieses Blog, jenes potenziell noch weit überdauern wird und seitdem noch nie darin versagt hat zu beeindrucken mit ihrer so chaotischen wie auch komplett unverkennbaren Vision von vage The Fall-inspiriertem, No Wave-informiertem Post Punk und Noise Rock. Und weißt du was? Ich glaube das hier ist nicht weniger als das bisherige deformierte Meisterstück des aktuell als Ein-Mann-Band agierenden Projekts, sogar nach dem massiven Doppelschlag der 2023er LPs Smile Building's Exit und It’s A Small World After. Diese Songs hauen sogar noch härter auf den Putz in ihrer gebündelten, neu sequenzieten Form - so viel kreative Brillianz konzentriert in ein superdichtes, 21 Songs und 45 Minuten langes Album, das bei aller klanglichen Sperrigkeit nicht eine langweilige Sekunde enthält und nicht zuletzt trägt hier auch viel neugewonnener Punch und Transparenz eines im Vergleich zu den EPs klar aufpolierten Audiomasterings dazu bei, dieses Ding sauber zu verschweißen zu etwas das am Ende mehr ergibt als nur die Summe seiner separaten Bestandteile.
Heilige Scheiße, wie habe ich es geschafft die Debüt-LP dieser Wiener Band zu übersehen als sie im April erschienen ist? Die entpuppt sich jetzt nämlich mal als nicht weniger als eine der herausragendsten Veröffentlichungen des Jahres was Lärm vom etwas oldschooligeren Ende des Post Punk-Spektrums anbelangt mit einem Sound, der sich wie ein willkommener Flashback zu den einfacheren Zeiten eines gerade erst seine dritte Jugend erlebenden Genres in den 2010er Jahren klingt mit mehr als nur einer flüchtigen Ähnlichkeit zu so Bands wie Rank/Xerox und Negative Space, frühen Werken von Institute oder The Estranged, vielleicht sogar einem Hauch von Nervosas oder der allerersten Diät-7"? Ebenso ist da aber auch eine lebendig pulsierende Garagenkante am Start in so Songs wie Collecting Dust und nicht zuletzt ein nettes Sahnehäubchen aus leicht Wipers-mäßger Gitarrenarbeit. Genau die Art von aufs wesentliche reduzierter und unprätentioser, direkter Energie von der ich in diesen Zeiten gerne wieder mehr hören würde.
Guiding Light aus Austin, Texas hatten bereits eine ziemlich aufregende, wenngleich noch etwas unaufgeräumte Debüt-EP via Stucco / Down South Tapes raus im vorletzten Jahr und jenes Label zeichnet jetzt auch wieder verantwortlich für den Kassetten-Release ihres ersten Langspielers (Vinyl gibt's auch, und zwar von Post Present Medium), auf welchem die Band in so ziemlich allen Aspekten ihres Sounds massives Wachstum beweist wie es bereits die folkig-schrammelige Melancholie des Openers Shackled By Lust unmittelbar klar macht und auch wenn der Song nicht so hundertprozentig repräsentativ für den Rest der Platte ist, klingt er doch als durchweg beeindruckender Eröffnungsschlag noch lange Zeit nach. Die gleiche Klasse zieht sich auch durch das restliche Material, in dem ihre Folk- und Cowpunk-verbundene Schrammelei irgendwo zwischen Angst und Volcano Suns auf '80er Post Punk zwischen den Stühlen von sagen wir mal Burma, Saccharine Trust, Man Sized Action und frühen Minutemen trifft, aber obendrein noch gewürzt mit einer Note von Flying Nun-mäßiger Post Punk-Psychedelia, catchy Jangle Pop-Gitarrenleads und -harmonien. Solltest du dich stattdessen aber an jüngere Folk-/Cowpunk/Post Punk-Hybride erinnert fühlen wie z.B. Leche, Cardi O., jüngere Rolex oder Optic Nerve, dann würde ich sagen trifft das auch genauso zu. Nicht verpassen den Scheiß, wenn dich irgendwas davon anfixt.
Nach einem bereits durchaus aufrengenden Demotape in 2023 löst die Band aus Oslo endlich die Erwartungen ein und beeindruckt mit einer voll ausgewachsenen Vision drei Jahre später auf ihrem ersten Langspieler, der ihren eklektischen Sound auf epische Maße auswalzt und dabei so Dinge aufgreift wie die ängstliche, zerbröckelnde Energie der frühen Iceage, einen Hauch von schlammversifftem Poison Ruïn Dungeon Punk-Drama, gekoppelt mit einem gewaltigen Vortrieb der irgendwie an Hank Woods & The Hammerheads der Stay Home-ära erinnert aber auch viel von einer weiteren Band unter seiner Beteiligung enthält, nämlich Murderer und ihren existenziell-psychedelischen Cowpunk-Albträumen. Weiter erinnert mit der Scheiß etwa an die unberechenbare Wucht der noch recht frischen Forcer-LP, die epischen Frankenstein-Songkonstrukte von Tom Lyngcoln's 2020er Soloalbum sowie dessen Quasi-Nachfolgeband Metho, deren Line-Up dann ja wiederum den großen Jackson Reid Briggs an Bord hat und mich auf diesem Weg realisieren lässt, dass hier manchmal auch einiges von einer Split System-Energie mitspielt. Also ja, was die Band hier abzieht deckt eine bemerkenswerte Bandbreite ab und was auch imme die hier anfassen verwandelt sich in pures Gold, wobei gleichzeitig die garagenmäßigere Mid-Fi-Produktion der vorherigen EP Platz machen muss für einen stärker Hard- und Postcore-fokussierten Vibe mit leicht metallischen Obertönen, dem perfekten Vehikel für eine angemessen giftige, unnachgiebige Performance die mal sowas von den Nagel auf den Kopf trifft. Das Album ist eine bodenlos kreative Wundertüte die aus allen Nähten platzt vor kleinen Wundern und atemloser Ekstase.
Das New Yorker Duo Ismatic Guru gehört zu einer raren Brut von Post Punk-Acts, die nicht nur konstant mit jeder Veröffentlichung die Messlatte höher legt und das eigene Handwerk rapide verfeinert über ihre bislang sechs EPs - ungefähr eine pro Jahr seit 2021 - sondern dabei auch ihre ureigene, unverwechselbare Nische geschaffen hat und immer noch heraussticht, selbst in einem Genre-Umfeld, dass aktuell so belebt und kreativ ist wie vermutlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Wie gehabt hat das ihre patentierten verwinkelten, funky-bis-math-mäßigen Rhythmen und verpielten Grooves, reichlich an krautigen Eigentümlichkeiten, farbenfroh-kaleidoskopische Psychedelia und einen stark dubbigen Unterbau und erneut operiert das hier einen halben Tacken über allem, was die Band bisher gemacht hat. Die anfänglichen Quirks und Unwuchten schon im Laufe ihrer frühesten Platten ausgebügelt, klingt die Band jetzt einfach angemessen selbstbewusst und kann scheinbar einfach nichts mehr falsch machen. Wenn du auf Art Punk stehst, der gleichermaßen quirlig und classy, lebhaft und raffiniert ist, geht niemals ein Weg vorbei an einer neuen Ismatic Guru-Platte.
Die sind schon länger unterwegs als ich das zuerst realisiert habe, die Band aus Cleveland, Ohio zu deren Mitgliedern unter anderem Mickey Mocnik von den großartigen Nervosas gehört und die später zum Beispiel auch mit The Missed und, erst neulich, Vital Stress tollen Lärm gemacht hat. Nu ja, die letztjährige Adaptor EP sah die Band definitiv ein bisschen wegrücken von ihrem früheren Sound, dominiert von Echos des spät-'80er, früh-'90er Punk und Indie Rock mit diesem speziellen Fastbacks-Zusatz, hin zu einer etwas voller ausgeformten und irgendwie recht aktuell wirkenden, gleichzeitig aber auch sehr zeitlosen Machart des fuzzig-garagigen Noise Pop mit leichten Spuren von Psychedelia und Post Punk obendrauf. Auch auf der neuen EP channelt die Band ihre Energien in ein sogar noch etwas eingängigeres, kompakteres Bündel neuer Tunes die erneut ganz besonders an so Bands der 2010er Jahre wie Feature, UV-TV, Slowcoaches oder Monster Treasure erinnern.
Gerade mal ein halbes Jahr nach der brillianten vorherigen Weston-le-Clay EP, legt der Nachfolger erneut die Messlatte ein gutes Stück höher für die Band aus Watford, England was sowohl die Vielfalt, Kompaktheit als auch Catchyness ihres beizeiten subtil Math-infizierten Post Punks angeht und insbesondere expandieren sie hier die relaxtere Midtempo-Sektion ihres stilistischen Reportoires. Wie zu erwarten funktioniert der Scheiß wieder mal vortrefflich, denn dieser Typ (oder Typen?) ist klar im Besitz des kreativen Brennstoffs und der rohen Musikalität, um so ein Ding abzuziehen. Wie gehabt werfen hier jüngere Einflüsse des smarten Post Punks á la Landowner ihre Schatten, aber ganauso melden sich auch so einschlägige Hausnummern der alten britischen DIY Art Punk-Schule wie, sagen wir mal, Mekons, Blurt und Television Personalities zu Wort und letztendlich klingen Aidmoozic hier bei all dem doch klarer nach sich selbst als je zuvor. Die Wurzeln dieser Brillianz ließen sich bereits auf ihren zwei 2024er EPs erkennen, aber im Jahr 2026 spielen Aidmoozic definitiv noch mal auf einem ganz anderen Level und ich würde echt sagen, dass sich sich in diesen kurzen paar Monaten mit so rasiermesserscharfer wie auch scheinbar müheloser Präzision an die Speerspitze des aktuellen Art Punk-Felds katapultiert haben.
Der bisherige Output dieser Band aus Dublin war eine, wie soll ich sagen... etwas inkonsistente, unaufgeräumte Angelegenheit, aber andererseits auch ganz sicher niemals langweilig. Die neue digitale 2-Track Single markiert jetzt wohl den erfolgreichsten Versuch der Band, ihre kreative Vision zu entrümpeln und ich bin nicht weniger als beeindruckt von der Klasse der oldschooligen Indie Rock-Vibes die sich darauf entfalten und deren folkiges Geschrammel mich stark an die goldene Ära von Volcano Suns denken lässt oder deren immer noch aktive, spirituelle quasi-Nachfolgerband The Martha's Vineyard Ferries. Die A-Seite Secret Bench In The Bardo ist so ein durchschlagendes Beispiel davon, dass der zweite Song Abacus Rubicon hier zwangsläufig die zweite Geige spielen muss, aber das heißt keineswegs dass jener für sich selbst genommen nicht auch als ein saumäßig ansprechendes mitt-'90er Postcore Retro-Vehikel entzückt.
Philadelpia's Sims Hardin aka Society bedarf hier vermutlich keiner Vorstellung mehr nach den Wellen, die er mit der exquisit schrammelig-verrümpelten 2022er EP All Flies Go To Hell losgetreten hat und dessen Energie er dann 2024 auf dem Social Flies-Tape in eine etwas konkreteres, gereiftes und greifbares Gesamtbild transformiert hat. Reign Of Flies klingt jetzt in etwa wie ein direktes Sequel davon aber erneut mit klarem Wachstum und Verfeinerungen an den Details, die sich hier in einem ausgeprägteren Post Punk-Vibe ausdrücken und einem festeren Griff um seine simplen Hooks als je zuvor. Erneut ist das ein Pflichtprogramm für Freunde von ungeschliffenern und exzentrischen DIY Punk-Eigentümlichkeiten.