Es ist jetzt auch schon wieder ein paar Jahre her seit der letzten EP dieser Band aus Los Angeles und ganz klar hat ihr Handwerk eine starke Evolution durchlaufen seitdem, wie es ihr neues Langspieldebüt auf Under The Gun Records unter Beweis stellt. Dessen leicht Metal-injizierte Hard- und Postcore-Vibes mögen auf den ersten Blick vielleicht etwas unerwartet brutal, kalt und klinisch klingen für jene, die sich in ihren früheren Sound aus KBD-lastigen, Synth-unterstützten Garage Punk-Tunes vernarrt haben, die sich zuvor nur vereinzelt ins Hardcore-Spektrum verirrt haben. Ich meine, verdammt, da ist fast schon ein Hauch von klassichem Speed Metal am Start im einminütigen Opener For Now. Aber glücklicherweise ist die verschärfte Attacke nicht das definierende Merkmal dieser Platte und die fester angedrehten Schrauben arbeiten hier Hand in Hand mit reichlich smarten, ineinander greifender Nuancen, die insbesondere die derbere erste Halbzeit davon abhalten, zu einer allzu ermüdenden, gleichförmigen Angelegenheit zu verkommen. Aber es ist dann doch die zweite Hälfte, in welcher sich hier breitere Horizonte auftun, wenn die Songs komplexere Emotionen und ein Level von Melancholie durchscheinen lassen, wie etwa im Midtempo Post Punk-Stampfer Gridlock/Flatline der obendrein mit einem unerwartet psychedelischen Unterton aufwartet. Die Postpunkigen Vibes ziehen sich weiter durch Come Down bevor dann auch das folgende Uptempo-Material eine durchweg eingängige Qualität bewahrt, fast wie ein willkürlicher Ausgleich für die grimmige Eröffnung. Unter'm Strich bleibt das hier dennoch ein deutlich weniger freundlicher oder unmittelbar zugänglicher Brocken Lärm, der alte Bewunderer etwas abschrecken könnte. Aber wer sich trotzdem drauf einlässt, wird nicht weniger reich entlohnt!
Whippets sind eine Band aus Madison, Wisconsin unter anderem mit Bobby Hussy und Tyler Spatz an Bord, beide zuvor bekannt von Wristwatch und The Hussy. Während ich insbesondere von der letzten Wristwatch-LP immer noch ziemlich hin und weg bin, fiel es mir deutlich schwerer mich für den bisherigen Output von Whippets zu erwärmen nachdem insbesondere ihre 2024er Debüt-LP etwas zu sehr den ausgelatschten Post Grunge-Pfad beschritt für meinen Geschmack. Der neuen LP kann ich jetzt aber mal deutlich mehr abgewinnen, auch wenn es hier immer noch Momente von halbgarer Songkonstruktion gibt wie etwa in Dream Of Two, das sich zu sehr auf zwei einsame und nicht sonderlich spannende musikalische Phrasen stützt. Aber die Treffer überwiegen die Fehlzündungen auf dieser Platte, die sich für mich anfühlt wie ein Wristwatch-Abkömmling welcher deren stärkere Garage Punk-Neigungen mehr in Richtung einer ambitionierteren mitt-'90er bis frühen 2000er Indie- und Alt Rock-Ästhetik lenkt. Manchmal strapaziert das etwas meine Geduld als ein Kind der '90er wenn der Krempel etwas zu bemüht und schwerfällig klingt in seiner Midtempo-Ernsthaftigkeit oder wenn die Songsubstanz manchmal einfach nicht tragfähig genug ist, um die Sache beisammen zu halten. Ein Album mit Schwächen, aber jedes mal wenn es erfolgreich abhebt, schwingt es sich zu durchaus beeindruckenden Höhen auf.
Lasst alles stehen und liegen, es ist eine weitere Eggpunk-Platte erschienen... ja, ich weiß, big deal in dieser Ära. Aber das hier ist eine, für die ich mich nach wie vor begeistern kann. Ordentlich an Fahrt und tightem Punch hat diese Band aus Cleveland, Ohio dazugewonnen seit ihrer noch etwas flatterigen Digital Distortion EP, aber es ist mehr als nur das, denn wo jene Platte sich auch stilistisch noch echt schwertat, sich von der Masse an Snooper-inspirierten Trittbrettfahrern zu differenzieren, wächst die Band hier richtig rein in ihre eigene Weirdness und fieberhafte Energie, ich meine... verdammt, Can't Stop ist vermutlich der erste Song namens Can't Stop in vielen Jahren der wirklich so klingt als ob er nicht aufhören kann. Auch wenn er das sehr plötzlich tut, nach weniger als einer Minute. Die Songtitel sind Programm hier. (I Just Wanna) Be a Ramone wäre gerne ein Ramones-Song, Salsa hat einige Elemente von abgefucktem Salsa und Uptight klingt tatsächlich wie der nervöseste, verkrampfte Song auf der Platte. Tonnenweise aufregender Spaß von Anfang bis Ende auf dieser Platte und den größten Knall sparen sie sich für's Ende auf in Form des epischen Abschlusstracks The Nuclear Option, der viel mehr Inspiration von so Bands wie Uranium Club und Australien's chronisch unterbewerteten Garage Punk-Underdogs Electric Prawns 2 zu schöpfen scheint als von den üblichen Eggpunk-Referenzen dieser Zeit. Weise Entscheidung, das!
Na das ist ja mal eine Mystery-Band wie sie im Buche steht und die genausogut irgendwo aus dem Erdkern oder von den Ringen des Saturn oder aus Bayern oder dem x-ten Kreis der Hölle kommen könnte, oder vielleicht bilde ich mir die Existenz dieser Platte auch einfach nur ein, ich hab wirklich keine Ahnung was hier passiert. Aber falls der Krempel echt ist, würde ich ihn als höchstens tangential Egg-beeinflussten aber umso mehr abgespaceten Psych-Punk der abgehobensten und bedenklichsten Sorte beschreiben, jener von der man sich vorstellen würde dass sie aus dem zerfetzten Lautsprecher eines dämonisch besessenen Mittelwellenradios quillt, das in den Ruinen eines verlassenen Krankenhauses oder insolventen Einkaufszenztums jede Nacht zum Leben erwacht und die Räume mit unheilvollen Botschaften beschallt. Passenderweise sind jene Ausstrahlungen genauso rätselhaft und unentschlüsselbar wie ein alter Zahlensender und vermutlich unerreicht in der 12XU Klasse von '26 was die beunruhigenden und desorientierenden Effekte angeht von diesen Songs, deren Konstruktion von Anfang an mit reichlich Sollbruchstellen konzipiert erscheint um jeden Moment katastrophal und auf unvorhersehbare Art zu versagen, aber wie durch ein Wunder kollabieren die fragilen Strukturen die hier alles zusammenhalten nicht, so sehr sie auch jederzeit bedrohlich schwanken und knirschen. Stattdessen offenbaren sie bei näherer Betrachtung eine ganze Fülle von infektiösen Garage-Hooks unter jener dicken Schicht aus Dreck und Fuzz. Einerseits ist das keineswegs total ungehört in den Sphären dieses Blogs - ich würde sagen Psychal haben durchaus einige spirituelle Gemeinsamkeit mit so Bands etwa der Sorte Silicon Heartbeat, Corpus Earthling, Mateo Manic oder Thee Hearses - aber selten kam mir ein Artefakt unter, das bereit ist so weit zu gehen im zügellosen Acid Rock-Exzess.
Eine der unkorrumpierbarsten Bands der letzten Jahre ist wieder am Start mit einem neuen Arschtritt von einer EP auf der sie erneut wie wenig anderes aus unserer Zeit klingen, weil sie schrottseidank immer noch keinen Drang verspüren, ihren Sound nennenswert aufzupolieren, was natürlich keineswegs heißt, dass da nicht auch durchaus beeindruckendes Wachstum und Verfeinerung über die Jahre feststellbar wären in ihrer Musik, die hier mehr als je zuvor rüberkommt wie eine umfassende Rundreise durch vieles was sich irgendwann mal so an den seltsameren Tellerrändern des früh-'80er Punk- und Hardcoreuntergrunds getummelt hat. Aber selbst für die Band aus Olympia, Washington gehört das hier mal klar zum am rohesten klingenden Material das sie in jüngerer Zeit abgelifert haben, gleichzeitig lässt ihr Klangchaos jedoch niemals eine sorgfältig und zielbewusst kreierte Qualität vermissen, wie sie nur eine so überlegene Band wie Fugitive Bubble derart konsistent und mühelos aus dem Ärmel schütteln kann.
Dieses Ding ist auf dem früheren Pigeon-Bandcamp aufgepoppt und daher könnte es sich bei Tense vielleicht um genau die gleichen Leute handeln oder halt auch nicht - es ist einfach mal wieder die übliche Undurchschaubarkeit, die wir so schon seit langem von der berüchtigt anonym agierenden Berliner Post Punk-Arena gewohnt sind. Wenn es die gleiche Band ist, hat ihr Sound jedoch klar eine mittelgradige Transformation durchlaufen und kommt hier fokussierter und kompromissloser daher als je zuvor. Einerseits in mancher Hinsicht ziemlich eindeutige Berliner Post Punk-Schule wie sie im Buche steht, sticht der Scheiß aber dennoch deutlich heraus mit einem Level von beklemmender Weltuntergangslaune der hier komplett durch die Decke geht, alamierend selbst im Vergleich zu dem, was wir sonst so aus diesem nicht unbedingt für Partylaune bekannten Umfeld hören. Der vernichtendste Knall von da seit einer ganzen Weile, serviert mit eiskalt kalkulierter Präzision und unaufhaltsamer Rotationsgewalt. Eine hyper-ökonomisches Vorgehen in dem keine Note verschwendet wird stellt sicher, dass alle Schmerzpunkte zuverlässig aktiviert werden und dabei kann man trotzdem nicht anders, als in entrückter Ekstase mitzuwippen.
Okay ich versuch mal hier nichts durcheinander zu bringen... Aaalso: Die neue Soft Shoulder LP ist ganz offenbar nicht primär eine Compilation von Material, das in den letzten Jahren bereits auf diversen Lathe Cut-EPs und -Singles veröffentlicht wurde, sondern vielmehr eine Sammlung von Songs aus einer gemeinsamen Aufnahmesession, die schon von Anfang an als ein Album konzipiert war und dessen letztendliche Veröffentlichung genauso im voraus geplant war auch die häppchenweise Erstveröffentlichung der Songs auf besagten Kurzspielern. Puh, das ist mal definitiv eine krude und eigentümliche Vorgehensweise die irgendwie doch passend erscheint für eine der krudesten, eigentümlichsten Bands unserer Zeit, die schon länger am Start ist als dieses Blog, jenes potenziell noch weit überdauern wird und seitdem noch nie darin versagt hat zu beeindrucken mit ihrer so chaotischen wie auch komplett unverkennbaren Vision von vage The Fall-inspiriertem, No Wave-informiertem Post Punk und Noise Rock. Und weißt du was? Ich glaube das hier ist nicht weniger als das bisherige deformierte Meisterstück des aktuell als Ein-Mann-Band agierenden Projekts, sogar nach dem massiven Doppelschlag der 2023er LPs Smile Building's Exit und It’s A Small World After. Diese Songs hauen sogar noch härter auf den Putz in ihrer gebündelten, neu sequenzieten Form - so viel kreative Brillianz konzentriert in ein superdichtes, 21 Songs und 45 Minuten langes Album, das bei aller klanglichen Sperrigkeit nicht eine langweilige Sekunde enthält und nicht zuletzt trägt hier auch viel neugewonnener Punch und Transparenz eines im Vergleich zu den EPs klar aufpolierten Audiomasterings dazu bei, dieses Ding sauber zu verschweißen zu etwas das am Ende mehr ergibt als nur die Summe seiner separaten Bestandteile.
Heilige Scheiße, wie habe ich es geschafft die Debüt-LP dieser Wiener Band zu übersehen als sie im April erschienen ist? Die entpuppt sich jetzt nämlich mal als nicht weniger als eine der herausragendsten Veröffentlichungen des Jahres was Lärm vom etwas oldschooligeren Ende des Post Punk-Spektrums anbelangt mit einem Sound, der sich wie ein willkommener Flashback zu den einfacheren Zeiten eines gerade erst seine dritte Jugend erlebenden Genres in den 2010er Jahren klingt mit mehr als nur einer flüchtigen Ähnlichkeit zu so Bands wie Rank/Xerox und Negative Space, frühen Werken von Institute oder The Estranged, vielleicht sogar einem Hauch von Nervosas oder der allerersten Diät-7"? Ebenso ist da aber auch eine lebendig pulsierende Garagenkante am Start in so Songs wie Collecting Dust und nicht zuletzt ein nettes Sahnehäubchen aus leicht Wipers-mäßger Gitarrenarbeit. Genau die Art von aufs wesentliche reduzierter und unprätentioser, direkter Energie von der ich in diesen Zeiten gerne wieder mehr hören würde.
Guiding Light aus Austin, Texas hatten bereits eine ziemlich aufregende, wenngleich noch etwas unaufgeräumte Debüt-EP via Stucco / Down South Tapes raus im vorletzten Jahr und jenes Label zeichnet jetzt auch wieder verantwortlich für den Kassetten-Release ihres ersten Langspielers (Vinyl gibt's auch, und zwar von Post Present Medium), auf welchem die Band in so ziemlich allen Aspekten ihres Sounds massives Wachstum beweist wie es bereits die folkig-schrammelige Melancholie des Openers Shackled By Lust unmittelbar klar macht und auch wenn der Song nicht so hundertprozentig repräsentativ für den Rest der Platte ist, klingt er doch als durchweg beeindruckender Eröffnungsschlag noch lange Zeit nach. Die gleiche Klasse zieht sich auch durch das restliche Material, in dem ihre Folk- und Cowpunk-verbundene Schrammelei irgendwo zwischen Angst und Volcano Suns auf '80er Post Punk zwischen den Stühlen von sagen wir mal Burma, Saccharine Trust, Man Sized Action und frühen Minutemen trifft, aber obendrein noch gewürzt mit einer Note von Flying Nun-mäßiger Post Punk-Psychedelia, catchy Jangle Pop-Gitarrenleads und -harmonien. Solltest du dich stattdessen aber an jüngere Folk-/Cowpunk/Post Punk-Hybride erinnert fühlen wie z.B. Leche, Cardi O., jüngere Rolex oder Optic Nerve, dann würde ich sagen trifft das auch genauso zu. Nicht verpassen den Scheiß, wenn dich irgendwas davon anfixt.
Nach einem bereits durchaus aufrengenden Demotape in 2023 löst die Band aus Oslo endlich die Erwartungen ein und beeindruckt mit einer voll ausgewachsenen Vision drei Jahre später auf ihrem ersten Langspieler, der ihren eklektischen Sound auf epische Maße auswalzt und dabei so Dinge aufgreift wie die ängstliche, zerbröckelnde Energie der frühen Iceage, einen Hauch von schlammversifftem Poison Ruïn Dungeon Punk-Drama, gekoppelt mit einem gewaltigen Vortrieb der irgendwie an Hank Woods & The Hammerheads der Stay Home-ära erinnert aber auch viel von einer weiteren Band unter seiner Beteiligung enthält, nämlich Murderer und ihren existenziell-psychedelischen Cowpunk-Albträumen. Weiter erinnert mit der Scheiß etwa an die unberechenbare Wucht der noch recht frischen Forcer-LP, die epischen Frankenstein-Songkonstrukte von Tom Lyngcoln's 2020er Soloalbum sowie dessen Quasi-Nachfolgeband Metho, deren Line-Up dann ja wiederum den großen Jackson Reid Briggs an Bord hat und mich auf diesem Weg realisieren lässt, dass hier manchmal auch einiges von einer Split System-Energie mitspielt. Also ja, was die Band hier abzieht deckt eine bemerkenswerte Bandbreite ab und was auch imme die hier anfassen verwandelt sich in pures Gold, wobei gleichzeitig die garagenmäßigere Mid-Fi-Produktion der vorherigen EP Platz machen muss für einen stärker Hard- und Postcore-fokussierten Vibe mit leicht metallischen Obertönen, dem perfekten Vehikel für eine angemessen giftige, unnachgiebige Performance die mal sowas von den Nagel auf den Kopf trifft. Das Album ist eine bodenlos kreative Wundertüte die aus allen Nähten platzt vor kleinen Wundern und atemloser Ekstase.