Fast zehn Jahre nach ihrer letzten Tonkonserve rauft sich das in den 2010ern omnipräsente Garage Punk-Bollwerk aus San Francisco mal wieder zusammen und klingt dabei noch entschlossener und explosiver als je zuvor - eine einzige Abrissbirne von deren Durchschlagkraft man sich bereits bei ihrem fast schon irreal intensiven Köln-Gig im Frühling überzeugen konnte. Wie also schon zu erwarten war machen auch auf ihrer ersten neuen Veröffentlichung - jetzt schon digital zu haben, später auch als 7" auf Goodbye Boozy erwartet - keine halben Sachen. Mehr oder weniger werden hier die abgespaceten, krautigen, post-punkig psychedelischen Tendenzen ihrer letzten paar LPs und EPs fortgeführt, unaufhaltsam vorwärts gepeitscht von einer irrsinnig tighten, dichten und unnachgiebigen Performance, in der einfach jedes Detail sich mit scheinbar schlafwandlerischer Leichtigkeit perfekt an seinen Platz fügt. Jau, ich hab die Kerle vermisst. Toll, sie wieder am Start zu haben!
Eine entzückende und Spaßkanone von einem Debüt hat da eine Band aus Pittsburgh, Pennsylvania abgeliefert. Der instrumentale Opener Liftoff Jam (White Boys in E) schwillt an zu einem monotonen Monster aus psychedelischem Nebel, was ein bisschen so klingt als würden MX-80 und Chrome mit frühen The Men verschmolzen, woraufhin der Rest der EP sich dann aber eher auf eine handlichere Klangästhetik aus geradlinigem, moderat Stooges-infiziertem Garage Punk eingroovt, der sich vereinzelt auch mal Hardcore-Tempos und -Energieleveln annähert und sich jederzeit von der Masse abzuheben weiß mit seinen subtil psychedelischen Obertönen und einer konstanten melodischen Unterströmungen, die sich als roter Faden durch ihr oldschooliges Garage- und Proto Punk-Feuerwerk erstrecken.
Electric Prawns 2 aus Moffat Beach, Australien sind zurück mit nicht nur einer, sondern gleich zwei neuen LPs im Gepäck, die zwei mehr oder weniger gegensätzliche Vibes repräsentieren, welche eigentlich schon von Anfang an Bestandteil ihrer musikalischen DNA waren. Das dunkelrote Artwork der Perspex LP wirft bereits einen Schatten voraus, dass man dieses Gelände besser mit Vorsicht betreten sollte und in der Tat ist das hier mit voller Absicht ein gewisser Downer geworden. Die kraftvollen Useless Eaters-Vibes des Openers Who's Been Laying Eggs Under My Skin? leiten eine Strecke von ziemlich düsterem, psychedelischem Garage Rock ein, der irgendwo zwischen "ziemlich traurig" und "totaler Horrortrip" alterniert, gleichermaßen abgespaced und tausend Meilen im Meer versenkt, immer bei vollem Bewusstsein dass beide Orte nicht für ihre Gastfreundlichkeit gegenüber Menschen bekannt sind und nur nur eine dicke Stahlwand sie davon abhält, den Körper binnen von Millisekunden in eine halbe Badewanne voll rötlicher Glibbermasse zu transformieren. Und? Jetzt schon komfortabel mit dener fragilen Existenz? Die gute Nachricht ist, dass ich bisher nur die halbe Wahrheit preisgegeben habe und (die bislang wohl nur imaginär zu verstehende) Seite B zwar auch in psychedelischen Sphären herumschwirrt, aber sich durchweg auf die erbaulicheren Tugenden des Genres konzentriert, so verdammt sonnendurchflutet dass dir Blumen aus dem Arsch wachsen werden. Die etwas längere Heavy Shitters LP ist dann doch ein gutes Stück näher dran an dem quirligen, unverkennbaren Vibe, der einen Großteil ihrer bisherigen Diskografie dominiert hat; der eigentlich nur spielen und rumgammeln und abrocken und dumme Witze vom Stapel lassen will. Die größten Hits heben sie sich dabei für die zweite Hälfte auf und insbesondere die fabelhafte sechs-Song-Strecke von Sick bis Farted In Her Sleep ist die Art von schlafwandlerisch treffsicherem Songmaterial, für die andere Bands töten würden.
Vom neuesten Bündel an Releases auf Inscrutable Records hat ja mal klar die Evinspragg-Platte die meiste Aufmerksamkeit abbekommen - teils aus durchaus gerechtfertigten Gründen, teils aus eher ärgerlichem Drama-induziertem Anlass. Aber wenn ich ehrlich sein soll beißt jene Platte dann doch etwas mehr ab als sie zu schlucken vermag und versandet nach ihrem spektakulären Start mehr oder weniger auf halber Strecke. Nein, mich zieht es dann doch eher zu den anderen beiden Veröffentlichungen des Labels, zu denen auch das Langspieldebüt von Johnny Skin gehört. Der kreiert darauf eine verträumte und supereingängige Melange, welche die überlebensgroße Melancholie und Sehnsucht von '50er-'60er Bubblegum Pop-Balladen in eine minimalistische Ästhetik aus vintage elektronischen LoFi-Drumbeats und Synths transportiert, die fraglos unvermeidliche Vergleiche zu Suicide und Métal Urbain hervorrufen wird, im stetigen Wechsel mit ungleich lärmigeren und dissonant No Wave-igen Nummern, die mehr mit so alten Synth Punk-Pionieren á la Primitive Calculators und Nervous Gender gemein haben und mit dem experimentell-psychedelischen Krach etwa von Theoretical Girls, Chrome oder MX-80.
Die neueste EP dieser Band aus Indianapolis ist fraglos ihre stärkste Veröffentlichung bislang, auf der sie die stärker geradeaus rockenden Sounds der Vorgänger weitgehend hinter sich lassen und den Energielevel empfindlich reduzieren im Austausch gegen eine vergleichsweise relaxte Machart von Garage Rock, der gleichermaßen Inspiration zu schöpfen scheint aus Paisley Underground-mäßigem Jangle Pop und britischer Psychedelia. Und was soll ich sagen, die neuen Songs lassen keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinen damit. Es ist ein ausnahmslos hochklassiges Bündel von zurückgelehntem, psychedelischem Pop, saumäßig catchy ohne dabei jemals Gefahr zu laufen auch nur annähernd kitschig und überzuckert zu klingen - ein bisschen wie eine Mischung aus, sagen wir mal, Good Flying Birds und White Fence, oder vielleicht auch eine noch einmal viel gelassenere Version der aktuellen Power Pop-Überflieger Sharpnel und Dumbells.
Hatte ihre 2023er Debüt-LP noch mehr den Charakter einer bunt gemischten Tüte voll unterschiedlicher Styles und Geschmäcker, kommt das neue Album deutlich homogener daher von dieser Band aus Cincinnati, Ohio, in der unter anderem Mitglieder von The Drin, The Serfs, Vacation und Crime Of Passing mitmischen. Der rote Faden hier ist ein vergleichsweise schmieriger, hardrockiger Garage Punk-Sound, der vereinzelt auch mal die Grenzen zum Dungeon- und Motörpunk-Territorium ankratzt und starke Parallelen zu so Bands wie Cement Shoes, Golden Pelicans, Cheap Heat, Pïss Bäth oder auch einer Reihe von australischen und neuseeländischen Bands wie Hög, Polute, Split System aufweist, oder vielleicht auch zu Alien Nosejob's Sleaze Rock-LP Stained Glass vor geraumer Zeit. Dennoch ist hier noch reichlich Raum für Nuancen und Abwechslung. Currency hat einen starken Feel von klassischen Saints, Radio Birdman und Scientists während Afraid Of Guns antriebsstarke Power Pop-Harmonien mit psychedelischen Obertönen und Texturen anreichert. Und wo wir schon bei letzteren sind: Im krautig-abgespaceten Gears Never Dry werden mal die Connections zu The Drin ziemlich offensichtlich. Quite Nice und im etwas geringeren Maße What Have I Done versprühen einen vernebelten, leicht Cowpunk-mäßigen Heartland Rock-Vibe, Nie Wrócimy hat ein bisschen von einer MX-80 Proto-/Art Punk-Energie und dann wären noch die vier Bonus Tracks der digitalen Ausgabe nicht zu unterschlagen, unter denen etwa die power-poppigsten Songs des Albums - Error und Flowers - sowie das stark Wire-infizierte Ffion besonderer Erwähnung wert sind.
Silicon Heartbeat sind schon seit einigen Jahren eine konstante Präsenz an der Peripherie des 12XU-relevanten Klangspektrums und dennoch, so scheint es, habe ich sie bisher noch mit keinem Blogpost gewürdigt (sie sind euch jedoch mit Sicherheit schon auf der einen oder anderen Verspannungskassette begegnet). Das gehört natürlich sofort korrigiert und ihre neueste EP ist der perfekte Anlass dazu, hält jene doch nicht nur einige ihrer stärksten Songs bisher parat, sonden profitiert zusätzlich von dem Produktions-Zauber des Garage-Alleskönners Erik Nervous, die hier für reichlich Druck und Kontur sorgt in ihrem geringfügig Spits-beeinflussten, eingängigen und psychedelischen Sound aus Synth- und Garage Punk. Ich hoffe mal es ist - dem Titel zum Trotz - nicht das letzte, was wir von Silicon Heartbeat zu hören bekommen.
Diese Band aus Sydney hat für uns eine fast schon peinliche Fülle an Hooks und Melodien auf Lager, die sie auf ihrer zweiten LP in eine Form von zeitloser Eleganz transformieren - belastungsfähiges Power Pop-Songwriting kleidet sich in den Tugenden von Byrds-inspiriertem, relaxtem Garage Rock und Jangle Pop, der die British Invasion und erste Welle britischer Psychedelia mit Löffeln gefressen hat - glitzernde Songjuwelen die teilweise so rüberkommen wie eine weniger Sarkasmus-getränkte Version der Soft Boys, eine stärker retro-mäßige Inkarnation von Guided By Voices oder die powerpoppigeren Bereiche der Bevis Frond-Galaxie. Genau so gut kann man sie aber auch einer Reihe jüngerer US-Bands gegenüberstellen wie The Resonars, White Fence, Honey Radar, Good Flying Birds, Chronophage, Violent Change, Scupper, Germ House oder Mo Troper, während stärker richtung Indie Rock tendierende Songs wie Winston ein kleines bisschen an die aus Hobart, Tasmanien agierenden Treehouse erinnern.
Eine sensationelle Debüt-EP von einer Band oder einem Projekt aus Lethbridge, Alberta, welche sechs perfekte Schläge aus einer Machart des Post Punk beherbergt, deren ohrenbetäubenden Wände aus Lärm und pulsierende elektrische Beats zeitweise so klingen als kollidiere eine seltsame Art Eggpunk-Big Black mit den mehr oder weniger psychedelischen Qualitäten von so Garage-Größen wie den frühen Useless Eaters, Pow! und Mononegatives - oder aber auch mit den vernebelten Punk-Experimenten von Métal Urbain / Dr. Mix and the Remix - in einer atemlosen Abfolge hochendzündlicher Banger. Darüber hinaus habe ich auch noch so 'ne leise Ahnung, dass auch Freunde von so abgespaceten Krawallmachern á la Corpus Earthling oder dem französischen Magier Pablo X dieser Band aus der Hand fressen werden.
Was dieser Typ aus Chico, Kalifornien auf seiner Debüt-EP abzieht lässt sich am besten beschreiben als ein angenehm antiquiert wirkender Ausbruch des melodischen Lärms, bestehend einerseits aus dem Fuzz Punk von Bands der späten Nullerjahre und frühen 2010er wie z.B. Wavves, Male Bonding und frühe Terry Malts, aber gleichermaßen auch durchtränkt von einer gewissen Art der Surf-infizierten Psychedelia ungefähr aus der gleichen Ära, nicht unähnlich zu Bands wie Crystal Stilts oder Fresh & Onlys.