Blue Zero – Confusion

Ich konnte mich nicht so ganz erwärmen für die letztjährige Debüt-LP dieser Band, die zu ihren Mitgliedern unter anderem auch Chris Natividad von Marbled Eye und Public Interest zählt, denn jene kam mir in weiten Teilen doch einfach noch etwas zu nebelig, überstrapaziert und unterentwickelt rüber in einer Ära in welcher diese Attribute doch fast schon das bestimmende Symptom für den etwas traurigen, weitgehend ideenlosen Zustand der jüngsten Welle von Shoegaze-Bands geworden sind. Nun, auf ihrer neuesten EP trifft das glücklicherweise so gar nicht mehr zu, auf welcher sie die Kanten ihres Sounds ordentlich geschärft und die strukturelle Integrität ihres Sounds empfindlich verstärkt haben. Hab ich vorhin Shoegaze gesagt? Jau, in der Tat. Mit dem verträumten bis kantigen Post Punk von Marbled Eye hat das hier bestenfalls sekundär etwas gemeinsam. Vielmehr channeln Blue Zero hier eine gewissen Strömung vom ausgesprochen geradlinig und direkt agierenden Ende des alten Shoegaze-Spektrums, bezüglich dessen mir in erster Linie so Bands wie Swervedriver, Bailterspace, Pale Saints and frühe Ride in den Sinn kommen.

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Mopar Stars – Burning Question

Irgendwie scheinen die Kids ja wieder auf Shoegaze zu stehen in den letzten Jahren und doch passiert da irgendwie herzlich wenig, wofür ich mich begeistern kann in einem Umfeld, in dem die meisten Bands sich völlig damit zufrieden geben, ein austauschbares Bett aus leichter Ambient-Hintergrundberieselung zu erzeugen auf dem man zugegebenermaßen ganz gut einschlafen kann, dem es für andere Anlässe aber an Biss und Lärm mangelt und der die Songsubstanz, den Punk-Antrieb und die Energie früherer Generationen vermissen lässt. Mopar Stars aus Philadelphia sind da mal eine ganz andere Angelegenheit und eine durchweg erfreuliche Ausnahme, die den Geist etwa von Swervedriver, Pale Saints und frühen Catherine Wheel wiederbelebt und gleichzeitig die Klangpalette um Tugenden des eleganten Powerpop-Songwritings der ’70er bis ’80er Jahre erweitert, zu einem Resultat das mich besonders noch mal an das frühe Schaffen in den späten 80ern vom britischen Noise Pop-Act Mega City Four erinnert.

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Purp – The Little Brainwash Simulation

Mehr Brain Fuck und Brain Fog als des selbigen Wäsche ist diese durchweg desorientierende neue EP eines gewissen italienischen Gentlemans namens Leonardo Carlacchiani aka Purp, eine überwältigende Welle von LoFi-mäßigem DIY Lärm und Psychedelia, die alles daran setzt, den Verstand nicht etwa zu brechen, sondern zu benebeln. Der Opener Mind Space kommt in etwa so rüber als hätte man den folkig-schrammeligen Powerpop von jüngeren Vaguess-Platten in den durchgebrannten Fuzz Pop-Kontext weiterer italienischer Genossen wie Mustard/Metal Guru und der jüngsten EP von Dadgad verfrachtet. Letzteres morpht dann in Labyrinthorama zu einem deutlich relaxteren Midtempo-Indie Rocker, der mir etwa Treehouse und frühe Tape/Off ins Gedächtnis ruft. Reminder Demons With Gufo Mangia Sale ist pure Space Blues-Unendlichkeit. Astral Angel klingt ein bisschen nach frühen Pixies, verlangsamt zu einem deprimierenden Kriechtempo und bekommt zusätzlich einem Nachgeschmack von ’90er Chokebore verpasst. Ladybug’s Ballata With Bobby Chombo zieht einen No-Fi-Flickenteppich aus My Bloody Valentine und Dinosaur Jr durch einen psychedelischen Flying Saucer Attack-Fleischwolf, gefolgt von I-Ching, das eine Brücke schlägt von frühen Japandroids zu den Noise-/Fuzz Pop-Acts der späten 2000er / frühen 2010er á la No Age, Wavves und Male Bonding.

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Tiger! Shit! Tiger! Tiger! – Bloom

Meine armseligen Versuche über Musik zu schreiben mögen vor gut 10 Jahren noch viel schlimmer gewesen sein als sie es heute noch sind, aber zumindest muss mir meine Musikauswahl von damals zu 99% immer noch nicht peinlich sein. Tiger! Shit! Tiger! Tiger! wurde dabei im Herbst 2013 die fragwürdige Ehre zuteil, das Subjekt des allerersten Posts in diesem Blog zu sein und hier ist jetzt ihre neueste LP, die erste nach einer über sechs Jahre andauernden Funkstille. Der langsamen Arbeitsweise zum trotz, kann man ihnen also einen ungewöhnlich langen Atem attestieren – die Typen haben mal ganz locker locker die meisten Bands von damals überdauert! Die Entwicklung ihres Sounds über die Jahre macht ausgesprochen Sinn in meinen Augen. Lief ihre exzellente 2013er LP Forever Young noch stark in den Fußstapfen von Noise Pop- und Fuzz Punk-Bands der späten nuller- und frühen 2010er Jahre wie No Age, Wavves und Male Bonding, schlug Corners in 2017 eine deutlich relaxtere, indierockige Richtung ein. Mit der neuen LP findet sich die Band tief im Gebiet des oldschooligen Shoegaze wieder, mit besonders starken Echos von Bailterspace und Swervedriver. Das Tempo wird massiv gedrosselt, ohne dabei jemals langweilig oder schläfrig zu klingen – es bedarf außerordentlicher Raffinesse und mehr als solidem Handwerk in der Songkonstruktion um dieses Ding erfolgreich durchzuziehen und Tiger! Shit! Tiger! Tiger! liefern hier ausnahmslos eine Qualität ab, wie ich sie lange vermisst habe in einer bislang eher traurigen Ära für das Genre, in der die meisten jener Bands fraglos eine beeindruckende Sammlung von Effektpedalen akkumuliert haben, aber nicht die Songs, Energie und Vision besitzen um mehr zu leisten als mich sanft in den Schlaf zu lullen. Das hier, das klingt irgendwie ganz schön alt und dennoch ist das für mich im Jahr 2024 wie ein lange ersehnter Hauch frischer Luft.

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Beta Máximo – Creo que E​.​T. es Melvin

Die spanischen Noise Pop-Overlords Beta Máximo schlagen wieder zu mit einem starken Bündel neuer Songs. Schwer zu glauben, dass ihr gigantischer Output erst irgendwann im letzten Sommer seinen Anfang genommen hat… Ursprünglich noch mit einer deutlichen Eggpunk-Ästhetik, hat sich ihr Sound graduell in eine etwas ruhigere und verträumte, leicht Shoegaze-mäßige Richtung entwickelt und diese neuen Songs sind fraglos die rundeste Inkarnation ihrer jüngeren Entwicklung.

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Wetnap – Gnarled

Das Langspieldebüt dieser Band aus Tokyo fühlt sich ungefähr an wie eine Rundreise durch die schrammeligsten, melodischsten Ecken des Indie Rock, Noise Pop, Post- und Emocore der späten 80er bis 90er – das beschwört klar den Geist von Bands wie Polvo, Superchunk, Unwound, Bitch Magnet, Lync, Dinosaur Jr. und noch vielen anderen herauf, mit der gelegentlichen Dosis Slint obendrein und ein paar Shoegaze-Momenten die besonders was von Swervedriver haben. Das alles, abgefüllt mit angemessen räudigen LoFi-Produktionswerten, ist in seiner unverdünnten Konsequenz eine in jüngerer Zeit ziemlich rare und deshalb auch besonders erfreuliche Angelegenheit geworden.

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Healees – Healees

Die aktuelle Generation von Shoegaze-Bands haut mich selten vom Hocker, scheinen die meisten davon doch schon vollkommen zufrieden damit, einen kuscheligen Klangteppich zu erzeugen zu dem man gut einpennen kann und den man am nächsten Morgen schon wieder vergessen hat. Nicht so diese Pariser Band, die nicht nur die passende Klangästhetik auf Lager hat, sondern auch den nötigen Drive und Hooks, die sich hartnäckig im Gehörgang verkanten, wobei die einen ganz praktikablen Mittelweg finden zwischen den einschlägigen Shoegaze-Acts der goldenen Ära (insbesondere ein starker Bailter Space-Vibe ist hier mit am Start), einem Hauch von frühem Sarah Records-Schrammelpop und jüngeren Bands á la Gold Bears, Seablite oder Flyying Colours.

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Permanent Collection – Nothing Good Is Normal

Damit hatte ich nicht gerechnet… Satte sieben Jahre nach seiner letzten EP reaktiviert Jason Hendardy aka Permanent Collection aus Oakland sein altes Musikprojekt und liefert ein tadelloses neues Album ab, das – trotz des etwas fatalistisch anmutenden Titels – eine gewisse Abkehr von der klanglichen Trübsal seiner Vorgänger darstellt. Der düstere Post Punk tritt deutlich in den Hintergrund und die melodischen Tendenzen zwischen Noise Pop und Shoegaze geraten ins Spotlight – eine durchweg spaßige Fahrt mit hohem Energielevel. Wenn du dir jemals gewünscht hast, Bands wie A Place To Bury Strangers oder Ceremony (VA) würden weniger Zeit mit abspacen verbringen und stattdessen direkt zur Sache kommen, dann ist das hier die Platte für dich.

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The Deadbeat Club – Vital Earnings

Mal wieder ein echter Knüller aus dem Hause Digital Hotdogs. Einer von der verschrobenen Sorte, der seine flauschige Wärme unter einer kratzigen Oberfläche verbirgt. Klingt andersweltlich und doch sehr vertraut. Fast so wie man es von Veröffentlichungen dieses Labels erwartet. Über die Band an sich gibt es praktisch keine Infos. Es sind zwei gleichnamige Bands auf Bandcamp zu finden, aber ich glaube nicht dass es sich um eine davon handelt. Was wir hier zu hören bekommen ist eine massive Fülle an saumäßig eingängigen Songs, verpackt in gleichermaßen verträumte und kraftvolle Klangwelten irgendwo zwischen Post Punk, Noise Pop, Shoegaze und 90er Indie Rock, der Erinnerungen an die frühen LoFi-Abenteuer von Bands wie Eric’s Trip, Guided By Voices und Flying Saucer Attack wachruft… vielleicht auch noch ein bisschen Sebadoh. Oder aber man schlägt die Kurve zu jüngeren Bands á la The Molds, Treehouse, Pardoner, Rat Columns oder Teardrop Factory. Egal von welcher Seite du es betrachtest: Du hast ausgezeichneten Geschmack und bist wie gemacht für diese Platte.

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Big Bite – Trinity

Das Langespieldebüt von Big Bite aus Seattle im letzten Jahr war schon eine sehr willkommene Anomalie und der Nachfolger kommt nicht weniger brilliant rüber, haucht erneut einer schnörkellos rockenden 90er Schule irgendwo zwischen Indie-/Alternative Rock und ein bisschen Shoegaze neues Leben ein. Sugar, Polvo und Swervedriver kommen dabei an alten Bands in den Sinn; Pardoner, frühe Ovlov, Milked oder Dead Soft wären halbwegs geeignete Vergleiche aus der Gegenwart. Häufiger als zuvor werden hier außerdem ein paar psychedelische Momente ausgerollt und im Endspurt kommt noch ein gewisser Postpunk-Faktor der Marke Teenanger oder Constant Mongrel zur Geltung.

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