Viel vom frühen Material dieser Band aus Chicago fühlte sich für mich ein bisschen zu vage und ungreifbar an um daraus schlau zu werden, aber ihr neues Langspieldebüt spielt da mal in einer ganz anderen Liga. Ich komme hier in Versuchung jener Platitüde, dass ihr Sound hier in einen scharfen Fokus einrastet, aber ehrlich gesagt ist es doch eher ein absichlicher Soft-Fokus, der ihre Jangle-lastige Melange aus Power Pop, Art-, Garage- und Psychedelic Rock, Spritzern von '90er Indie Rock und '80er Flying Nun Records-Psychedelia in ein ausgesprochen schmeichelhaftes Licht rückt. Der Scheiß klingt wie etwas, das am ehesten vor so 15 Jahren erschienen sein könnte in einer Garage-Subnische, die seitdem etwas auf die Abstellgleiser des Zeitgeists delegiert wurde, aber irgendwie auch nie ganz Weg war. Vermutlich brauchte es einfach nur mal wieder einen beeindruckenden Release wie diesen hier, um das Genre aus seiner selbstverliebten Mittelmäßigkeit zu schocken. Die surreale, hypnagogische Stimmung dieser Songs habe ich so eindrucksvoll mindestens nicht mehr gehört seit den frühen Werken etwas von Rat Columns und Blank Realm Anfang der 2010er, aber auch stärker Garage-orientiertes, jangle-vernebeltes Zeug aus der selben Ära etwa von den frühen White Fence und Apache Dropout kommt mir da in den Sinn und ich komm auch nicht umhin, da ein paar Echos von den '90er Shoegazern Flying Saucer Attack drin zu vermuten. Eine selten gewordene Art von einem wundersamen, virtuos aus den Balance geschlagenen Weirdo Pop-Album, eine Sorte von der ich bisher gar nicht realisiert hatte, wie sehr ich das vermisst habe in diesem Jahrzehnt.
Habt ihr euch auch schon gefragt, was eigentlich aus dem Dungeon Punk-Genre geworden ist? In den frühen 2020ern schien es noch so als würde der Krempel die Punkszene unaufhaltsam überrollen aber jetzt im Jahr 2026 muss ich feststellen, dass der letzte Großereignis in der Nische in Form der Steröid LP auch schon wieder anderthalb Jahre her ist. Klar, es gab da ein paar Versuche... wie die letzte Powerplant LP, die leider in einem halbgaren Schlamassel aus Prog-Gewichse den Faden verlor und lass uns erst gar nicht über die Enttäuschung reden, die in diesem Frühling mit Poison Ruin's aalglatten Versuch einherging, das Rockradio zu knacken. Aber wie auch immer, hier ist zur Abwechslung mal wieder ein würdiger Vertreter des Genres von einer Band, die ich zuvor nicht wirklich für sowas im Verdacht gehabt hätte, wennglich auch zumindest das Artwork ihrer Platten schon zunehmend in diese Richtung deutete.
Lass uns dabei aber zumindest nicht an einem anderen Elefanten im Raum vorbeireden und das ist die sehr fragwürdige Entscheidung, auf Bandcamp praktisch Vinyl-Preise für einen digitalen Download zu fordern, eine Praxis die bei einem erwerbslosen Bloggertypen wie mir, der sowieso kein Geld für Vinyl übrig hätte, echt für reichlich hohen Blutdruck sorgt, wie sich da bei bestimmten Bands und Labels zunehmend eine komplett absurde ein-Dollar-pro-Minute Policy zu etablieren scheint. Sowas könnte ich vielleicht wuppen, würde ich für's bloggen bezahlt. Werde ich aber nicht, daher lasst doch so einen Scheiß bitte einfach stecken. Ist ne assige Nummer sowas.
Okay das musste mal raus. Was aber nicht zu verleugnen ist, dass die Schweizer hier einen fraglos exzellenten zweiten Langspieler rausgehauen haben, der einerseits zwar keine wirklich neuen Werkzeuge zum Waffenarsenal des Genres beiträgt, aber dafür einen Qualitätslevel für angenehm käsigen Spaß hochhält, der mir in den letzten anderthalb Jahren doch sehr gefehlt hat. Bei dieser Band fühlt sich das durchaus nach einer logischen, organischen Entwicklung an und alle catchy Qualitäten ihres bisherigen Schaffens bleiben erhalten, aber werden nahtlos verschweißt mit einer knusprigen Schale aus altertümlichem Heavy Metal hier. Nie um ein gesundes (aber auch nicht überhand nehmendes) Maß an Kitsch verlegen, ist die Platte eine gewaltige Flut von Hooks, die dabei auch gerne mal auf die tiefer hängenden Früchte aus Songwriting-Werkzeugkiste zurückgreift und ich hab dem echt nichts entgegen zu setzen, weil der Scheiß einfach funktioniert. S.G.A.T.V. sind gläsern in ihren Methoden aber komplett treffsicher dabei, die primären Instinkte zu treffen. Sicher, die geplante Dungeon Punk-Offensive bleibt immer noch bis auf weiteres verschoben. Aber so lange hin und wieder eine Platte so wie diese auftaucht, bleibt doch zumindest die Hoffnung dass die mythischen Punk-Krieger weiterhin im Geheimen das dunkle Imperium unterwandern und an dessen Fundamenten kratzen werden.
In unserer fortschreitend konsolidierten und kodifizierten Eggpunk-Ära bricht die dritte EP der New Yorker Raybees zwar nicht so 100% mit etablierten Genremustern, aber sticht dennoch durchaus raus aus der Masse indem sie die Regeln zumindest ordentlich verbiegt und damit aufwertet, was ansonsten ein weiteres durchschnittliches Artefakt der Prison Affair-Schule bliebe, mit einer angenehm rumpeligen Produktionsästhetik und etwas, das für mich irgendwie mal nach ganz klassischem DIY-Schlafzimmergetrommel auf Töpfen und Eimern klingt und den ansonsten etwas standardmäßigen elektrischen Beats etwas eigenen Charakter hinzufügt. Diese Songs strahlen eine glaubhafte Freude an der Sache und einen überspringenden kreativen Funken aus, den mir das Genre häufig vermissen lässt in jüngerer Zeit. Es schadet dabei sicher nicht, dass sich hier einige belastbare Songwriting-Klasse erkenntlich zeigt besonders in der zunehmend Synth-dominierten zweiten Hälte, wo Songs wie Knife Fight oder der Rausschmeißer Victory March fast schon einen oldschool Digital Leather-Feel transportieren.
Ein neuer Langspieler von 1-800-MIKEY ist jedes mal eine angenehm vorhersehbare Erfahrung ohne besondere Zwischenfälle von einem Typen, der ansonsten auch unter anderem als Teil von Gee Tee sein Unwesen treibt und dessen eigene kleine Nische auf dem Garage Punk-/Power Pop-Spektrum man inzwischen als sauber etabliert ansehen kann. Das wird niemanden mit Originalität und Innovation wegblasen, aber dafür mit der reinen und unschuldigen Power von geradliniger, schnörkelloser Songwriting-Brillianz! Genauso lassen sie auch auf ihrer neuen, dritten LP zuverlässig ein Bündel so infektiöser wie auch liebenswerter Pop-Ohrwürmer von der Leine die sicher niemanden überraschen, aber ohne Ausnahme jedermann verzaubern auf einer Platte, die Mikey von seiner bislang wohl entspanntesten Seite zeigt mit Momenten, die vereinzelt fast schon einen oldschooligen Dream Pop-Vibe transportieren insbesondere in der zweiten Hälfte und so Songs wie K-Style and Falling In Love.
Die sind schon länger unterwegs als ich das zuerst realisiert habe, die Band aus Cleveland, Ohio zu deren Mitgliedern unter anderem Mickey Mocnik von den großartigen Nervosas gehört und die später zum Beispiel auch mit The Missed und, erst neulich, Vital Stress tollen Lärm gemacht hat. Nu ja, die letztjährige Adaptor EP sah die Band definitiv ein bisschen wegrücken von ihrem früheren Sound, dominiert von Echos des spät-'80er, früh-'90er Punk und Indie Rock mit diesem speziellen Fastbacks-Zusatz, hin zu einer etwas voller ausgeformten und irgendwie recht aktuell wirkenden, gleichzeitig aber auch sehr zeitlosen Machart des fuzzig-garagigen Noise Pop mit leichten Spuren von Psychedelia und Post Punk obendrauf. Auch auf der neuen EP channelt die Band ihre Energien in ein sogar noch etwas eingängigeres, kompakteres Bündel neuer Tunes die erneut ganz besonders an so Bands der 2010er Jahre wie Feature, UV-TV, Slowcoaches oder Monster Treasure erinnern.
Diese New Yorker Band ist schon eine Weile unterwegs, gewann aber erst mit der exzellenten 2024er EP Zinger wirklich meine Aufmerksamkeit, die erfolgreich den Charakter ihrer noch etwas schlafferen, unaufgeräumten frühen Platten zu einem ungleich aufregenderen, kohärenten Paket verschnürt hat. Ihre neueste EP verfolgt weiter diese angenehm anachronistische Laufbahn, fuzzy Garage Punk mit viel von spät-'80er bis mitt-'90er College-/Indie Rock- und (Proto-)Grunge geprägtem Geschrammel zu verschmelzen, wenngleich auch der zweite Track Cutie mich kurz etwas zweifeln ließ, der einfach etwas zu wenig Bindegewebe einbringt um Sinn zu ergeben und diesen fragilen, unförmigen Organismus wirklich zum Leben zu erwecken. Aber wie auch immer, alles was darauf folgt fühlt sich ungleich organischer und besser durchdacht an auf dieser Platte und wenn diese spezielle Sorte von oldschool Slacker Punk deine Baustelle ist, ist auch das hier ein würdiger neuer Koffeinkick!
Irgendein Typ aus Cincinnati hat fünf so berauschende wie explosive Garage Punk, Power- und Noise Pop-Nuggets für uns auf dieser Debüt-EP, die eingerahmt ist von zwei unbestreitbaren KO-Schlägen grob im Fahrwasser von alten Marked Men, Sonic Avenues, frühen Mind Spiders, Bad Sports oder Steve Adamyk Band, wohingegen die Songs in der Mitte sich dann eher in einen relaxteren Midtempo-Areal gemütlich machen mit ein bisschen Surf Twang, den sie in Dock mit einem Fundament aus '90er Indie-/Slacker Rock verschmelzen, einem Hauch von '80er Flying Nun Pop in Acid Angel und auch der Psychic TV-Coversong God Star pisst nicht neben die Schüssel. Alles in allem eine durchweg erfreuliche Angelegenheit, da kann ich auch noch mehr von haben.
Eine Reihe von Veröffentlichungen weitgehend geprägt von Neuaufnahmen alter Songs wies zuletzt schon darauf hin, dass Lansing, Michigan's ausgesprochen produktive Schöpfer ausgefranster Noise Pop, Fuzz- und Garage Punk-Miniaturen stark an einem weichen Update ihres Sounds interessiert waren und entsprechend dieser Tendenz, beginnt auch ihre neueste EP mit einer Neuinterpretation - ihrer wohl drastischsten bisher - ihres alten Highlights ABV, die hier mal deutlich die Beine ausstreckt, das Tempo drosselt und damit die melodischen Qualitäten des Materials stärker in den Mittelpunkt rückt, ohne dabei etwas von ihrer alten Magie zu verlieren. Der Krempel hier klingt nach wie vor unverkennbar nach einer Snarewaves-Platte, wenn auch einer etwas aufgeräumteren, weniger hektischen Version davon, die mehr Luft zum Atmen lässt sowohl in den Performances als auch der etwas transparenteren Produktionsästhetik. Guter Scheiß wie immer, freu mich auf mehr davon!
Hard Looks aus Springfield, Illinois haben hier eine unverschämt ansprechende, süchtig machende Debüt-EP hervorgezaubert die, ungeachtet eines subtil Rudimentary Peni-mäßigen Death Rock-Vibes im Opener The Stain, es sich doch schnell gemütlich macht in einer oldschooligen Nische klar beeinflusst von den melodischeren Randbereichen der Punklandschaft in den mittleren bis späten '80er Jahren, mit einer guten Dosis von prä-'90er Pop Punk-Handwerk etwa der Fastbacks-Schule, noch unbelastet von der faden Gleichförmigkeit einer späteren Ära und stattdessen geerdet in geschmackvollen Tugenden von ultraklassischer Pop-Songkunst. Als ein ungleich jüngerer Vergleich würden sich aber auch ganz gut die noch relativ frischen EPs von Psychic Armour aus Montreal anbieten, zumindest wenn man sich bei denen die altertümlichen Heavy Metal-Versatzstücke wegdenkt.
Die letztjährige Epoxy River and Super Pool LP dieser mutmaßlichen Ein-Mann-Band aus Evesham, New Jersey war bereits ein massiver Qualitätssprung und erneut markiert auch dieser neue Langspieler eine stetige Verfeinerung, auf welchem Window Phase sich wieder etwas von den spät-2000er Fuzz Punk- und Noise Pop-Versatzstücken entfernen, die noch die letzte LP dominierten, und sich stattdessen umso mehr in eine oldschoolige von '80er und '90er College- und Indie Rock informierte Ästhetik reinlehnen mit Sounds die von klassischen Dinosaur Jr. und Sebadoh, Bitch Magnet und frühen Seam reichen hin zu '90er Standardinventar á la Superchunk und Polvo, mit einer ganz subtilen Note von 2nd wave Emo obendrein und nicht zuletzt auch einem zunehmenden Einfluss von Hardcore-basierten '80er Proto-Noise Rockern der Sorte Flipper, Big Black, Drunks With Guns und No Trend, insbesondere im Endspurt dieser Platte. Diesen Songs wohnt eine unberechenbare Qualität inne und eine aus allen Nähten platzende explosive Energie, eine unverblümte Freude daran, eine so euphorische wie auch kantige, überlebensgroße wie anachronistische Sorte von Lärm in den Äther zu pumpen, der heutzutage wundervoll aus der Zeit gefallen wirkt und auf ganz entzückende Weise noch weiter aus der Balance geworfen wird von den markerschütternden Schreien eines Typen der sich hier nicht mit halben Sachen zufrieden gibt, so viel ist klar.