Cartoon – Theatre Of The Absoid

Die 2024er LP Nyuck Nyuck Boing gehörte zu den unwahrscheinlichsten Highlights des letzten Jahres, ein sich seltsam anachronistisch anfühlender, unhandlicher Koloss von einer Platte, die im gleichen maße von US Post Punk/-core-Bands wie Saccharine Trust und Minutemen inspiriert scheint wie von britischem Art Punk der Swell Maps- und The Pop Group-Bauart, mit weiteren Echos von motorisch-krautigen Grooves, No Wave-Atonalität und reichlich ’60er Acid Rock-Exzess. Hier ist jetzt also der Nachfolger davon am Start und auch auf den trifft immer noch das meiste davon zu, wobei die Band zugleich aber auch ihre eklektizistischen Einflüsse zu einem etwas kohärenteren und greifbareren Päckchen verschnürt, nicht zuletzt weil sie sich hier stärker auf die psychedelische Seite der Gleichung konzentrieren und weniger auf die funky Post Punk-Grooves des Vorgängers, obwohl auch jene nochmal eine kleine Rückkehr feiern etwa in The Big Hit, das eine vergleichsweise versöhnlich gelaunte, relaxtere zweite Hälfte einläutet – das Yin und Yang einer Band die sich immer noch keinen halben Dreck schert um sauber geordnete Genre-Kategorien und unsere jeweiligen Vorstellungen davon.

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Monda – Ponderous Leviathan

Auch wenn ich es immer noch nicht fertig gebracht habe, mich tiefer in die etwas einschüchternd massive Diskografie von Monda aus Totowa, New Jersey reinzuwühlen, muss ich ihnen dennoch zugute halten im Laufe dieses Jahres einen kräftigen Eindruck hinterlassen zu haben als eine sich konstant wandelnde und ruhelose kreative Gewalt. Wo die im Frühling erschienene LP Stiff Jumbo amtlich abgespackt seine schrille Fahne in den Wind hängte in der Form von kurzen Blitzen aus melodoischem Lärm und VIII in Sommer dann die klanglichen Parameter deutlich entpannte zu einer klassicheren Indie Rock-Ästhetik, begibt sich der neueste Langspieler in weiten Teilen in vergleichsweise, nu ja… benebelte Sphären würde ich mal sagen. Das ist ein ausgesprochen wolliges, ausgefranstes Bündel aus DIY-mäßigen Space-/Acid Punk-Exzentrizitäten, die in keinem Moment den kreativen Trieb, die menschliche Wärme, Neugier und Verwunderung verbergen kann hinter einer, zugegeben, ziemlich bekifften Fassade. Einerseits erinnert mich das stark an so Zeug wie Mononegatives, späte Useless Eaters, Pow! und einige der stärker Motorik-verschwurbelten Inkarnationen von The(e) O(h)Sees, wobei dann andererseits aber Songs wie I Alwys Have It Till I Need It, Chronic Embarrassment und Creek Time wiederum die gleichen melodischen oldschool Indie Rock- und Fuzz Punk-Qualitäten transportieren, die schon die beiden Vorgänger durchzogen.

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Pablo X Broadcasting Services – Running Wild / Hunted

Nach der durchweg berauschenden Debüt-LP vom letzten Sommer liefert der französische Psychedelic-Zauberer Remy Pablo auf dieser neuen Single mehr von der gleichen überwältigenden Klangware, die ganz stur ihr eigenes Ding durchzieht aus pulsierenden Loops und abgehangenen Drones in den entrückten Sphären, an denen sich Psych- und Space Rock, Post-, Art-. Proto- und Garage Punk überschneiden mit mehr als nur leichen Anklängen etwa an MX-80, Chrome und Métal Urbain.

Scooter Jay – Jaywalking

Eine entzückende Ladung relaxter, jederzeit etwas schief liegender Psychedelic- und Garage Punk-Jams von einer Band aus Toronto. Das hat durchaus einen gewissen US Protopunk-Vibe und darüber hinaus einen unübersehbaren Space-/Acid Rock-Einschlag, was ein bisschen rüberkommt wie ’ne Mischung aus den noch recht frischen LPs von Jean Mignon, Peace de Résistance oder auch geringfügig älterem Scheiß von Faux Ferocious oder frühen White Fence. Geht ja mal sowas von klar, das!

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Teksti-TV 666 – Vapauden Tasavalta

Eine neue LP von dieser finnischen Band mit zu vielen Gitarristen… ich glaub 666 waren das beim letzten nachzählen. Nu ja, auf dem neuesten Album verschieben die ihren Sound deutlich in eine Psych Rock-Richtung, besonders in TJ begeben sie sich Kopfüber in gewisse Space Rock-Sphären und das funktioniert auch ganz vorzüglich. An anderen Stellen bleibt die Band aber auch ihrem gewohnten Sound im melodischen Indie Rock, Fuzz Punk und Noise Pop treu mit Anklängen etwa an No Age, Wavves, California X, Happy Diving oder frühe The Men – eine Mischung die sie dann um charakteristisch weitläufige Gitarren-Drones á la Glenn Branca und 80er Sonic Youth anreichern.

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Super-X – Super-X

Nach einer starken EP im Jahr 2017, liefern Super-X aus Melbourne jetzt ihr Langspieldebüt ab, das erneut aus allen Nähten platzt angesichts einer ungemein abgespaceten Wucht. Klassische Stooges-Energie kollidiert hier mit psychedelischem Feuerwerk á la frühe Telescopes, einer unerwartet kräftigen Dosis Post Punk und einer Spur MX-80. Dabei bleiben sie über die gesamte Strecke spannend und so vielseitig, dass sich mitunter doch sehr unterschiedliche Bands wie Public Eye, Writhing Squares, Destruction Unit, Faux Ferocious, Bailterspace, The Cowboy oder The Men in ihrer Open Your Heart-Ära als Vergleiche anbieten.

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Boogie Board – Station

Die aktuelle EP von so ’nem Typen aus Chicago liefert uns viereinhalb kurze aber wirkungsvolle Farbenspiele aus unverschämt über die Distortion-Klippe geschubster krautig-spacerockender Psychedelic-Garage-Fuzz-Ekstase. So etwa Destruction Unit treffen auf Chrome, Draggs kollidieren mit Dr. Mix & The Remix.

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Paint Thinner – The Sea Of Pulp

Wow! Was ein gesundes Minimum an Produktionsaufwand für einen Unterschied machen kann, beweist der erste Langspieler von Paint Thinner aus Detroit. Die gefielen mir bereits auf ihrem Demo vor ca. drei Jahren ausgesprochen gut. Aber kamen mir damals als Vergleich noch eher Wire so anno Chairs Missing in den Sinn, klingt das hier etwas weniger nach Ur-Postpunk und Artpunk, dafür stärker nach Ur-Psychedelic- und Spacerock, nach Pink Floyd der (mal ehrlich, einzig wahren) Syd Barret-Ära und frühen Hawkwind. Und das mitunter auch bei den Songs, die bereits auf dem Demo enthalten waren. Vereinzelt kann auch ein wenig Surf-Twang etwa an Crystal Stilts erinnern. Aber zu keinem Zeitpunkt lässt The Sea Of Pulp zweifel daran aufkommen, dass in ihm ein Herz aus Punk schlägt. Die Platte ist ein Killer und mit Fell Flat ist (erneut) einer der stärksten Songs an Bord, die mir in letzter Zeit so unterkamen.

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Writhing Squares – Out Of The Ether

An zeitgenössischem Psychedelic- und Space-Gedöns mangelt es dieser Tage ja keineswegs, wohl aber an Bands die sich trauen, die allzu ausgetretenen Pfade zu verlassen und diesen ergrauten, schon längst etwas abgestanden riechenden Genres ein wenig Frische zu entlocken. Writhing Squares sind da eine so lobenswerte wie auch hochpotente Ausnahme. Eine Hälfte des Duos aus Philadelphia ist ansonsten noch bei den Postpunkern Taiwan Housing Project anzutreffen, der andere Typ hat bei den stilistisch etwas näher gelagerten Purling Hiss seine Finger mit drin. 2016 fielen mir die beiden schon mal mit einem sehr appetitlichen Minialbum auf, aber der Nachfolger davon ist noch mal ein ganz anderes Biest, dessen Sound einerseits eine deutliche Entschlackungskur durchlaufen hat, andererseits aber genau dadurch stark an Form gewonnen hat und ein wenig so klingt als träfen sich mal Suicide, mal eher Big Black mit Hawkwind (oder heute eher: Destruction Unit), Chrome und MC5 zu einer bekifften Jamsession. Die minimal-Instrumentierung aus 70er Roland-Style LoFi-Beats, Bass und wahlweise mit Saxofon oder kosmischen Synth-Sequenzen obendrauf, verpasst der Sache eine ganz eigene Klangfarbe.

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Thriller Party – Gelfling Wanderer

Ich seh das Cover und denk mir was zum Fick? Dahinter kann sich doch nichts gutes verbergen. Sicher eine dieser ausgelutschten PsychedelicStonerProgressiveSpaceDoom-Kapellen, die seit Jahrzehnten jeglicher Entwicklung und Kreativität erfolgreich aus dem Weg gegangen sind. Oder best case: Ein uninspirierter Oh Sees-Klon.

Und wie falsch ich da lag! Bis auf den Teil mit Oh Sees. Diese Platte würde nämlich tatsächlich gut auf Dwyer’s Label Castle Face passen, aber die Band aus Los Angeles ist auch reichlich inspiriert. Die Fantasy- und Science Fiction-Verweise sind nicht da um ernst genommen zu werden und riechen mehr nach Heavy Metal. Dem Film. Na ja, manchmal auch dem Genre (siehe Ferengi Madness!). Und ja, es gibt auch viel psychedelisches bis abgespacetes Zeug aber Thriller Party haben Punk im Arsch. Fuzzpunk, mit dem sie die halluzinogeneren Elemente komplementieren und der mich an No Age, Male Bonding, Hüsker Dü oder Japandroids erinnert. Oder wenn’s eher Psychodingens wird an Pow!, spätere Parts & Labor und deren Nachfolgeband Upper Wilds. Und natürlich auch mal Oh Sees. Das hat Energie, das macht Krach und Spaß. Spaß, wie er anderen Bands tabu zu sein scheint, die mit ähnlichen Versatzstücken rumhantieren.

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