Die Wiederveröffentlichung der ursprünglich ende letzten Jahres erschienenen Hello, Mr. Operator EP der New Yorker Elektropunks Hand Helds auf dem australischen Label Grog Records lies mich mal echt aufhorchen. Ein kurzer Blick auf ihr Bandcamp-Profil offenbart dann nicht nur dass es bereits einen Nachfolger zu der EP gibt, sondern auch eine Band, die offenbar schon ein paar Jahre ihr Ding durchzieht und konstant EPs in einem variablen Spektrum zwischen Noise-versifftem Garage Punk, minimalistischem und überwiegend ziemlich rauhem Synth- und Elektropunk rausgehauen hat. Ich bin mir ziemlich sicher, früher schon über die Band gestolpert zu sein, kann im Nachhinein aber auch nachvollziehen warum ich mich damit nicht weiter befasst habe, klingt viel ihres früheren Werkes doch nach einer maximalistischen Herangehensweise, möglichst viel Dreck an die Wand zu werfen um zu sehen was dran kleben bleibt. Nu ja, ein paar Dinge sind aber offensichtlich kleben geblieben und auf ihren jüngsten zwei EPs fügen sich die Teile viel nahtloser zusammen dank eines vergleichsweise minimalistischen und wohlüberlegten weniger-ist-mehr-Ansatzes. Hello Mr. Operater ist dabei klar noch die etwas kruder klingende EP mit einer stark in der Schuld von Primitive Calculators und vereinzelt auch Suicide stehenden Machart des bis auf die Knochen reduzierten Synth Punk. Die Transatlantic Death Machine EP tauscht dann die Bassgitarre gegen einen Schlagzeuger aus Fleisch und Blut ein und das Ergebnis ist noch ein gutes Stück wilder und fast schon ein bisschen elegant, auch wenn die dissonanten Muster aus Synth-Kakophonie in so Songs wie Glue Tongue alles daran setzen, darüber hinwegzutäuschen. Eine seltsam krautig-motorische Qualität durchzieht das Ding. Entschlackt auf ein Minimum aber mit der notwendigen Liebe für die Details auf die es ankommt ist das klar ein paar Tacken höher angesiedelt als die Masse an Electro Kraut-Veröffentlichungen und No-Wave-mäßigen ’80er Synth Punk-Rückblenden.
Die 2024er LP Nyuck Nyuck Boing gehörte zu den unwahrscheinlichsten Highlights des letzten Jahres, ein sich seltsam anachronistisch anfühlender, unhandlicher Koloss von einer Platte, die im gleichen maße von US Post Punk/-core-Bands wie Saccharine Trust und Minutemen inspiriert scheint wie von britischem Art Punk der Swell Maps- und The Pop Group-Bauart, mit weiteren Echos von motorisch-krautigen Grooves, No Wave-Atonalität und reichlich ’60er Acid Rock-Exzess. Hier ist jetzt also der Nachfolger davon am Start und auch auf den trifft immer noch das meiste davon zu, wobei die Band zugleich aber auch ihre eklektizistischen Einflüsse zu einem etwas kohärenteren und greifbareren Päckchen verschnürt, nicht zuletzt weil sie sich hier stärker auf die psychedelische Seite der Gleichung konzentrieren und weniger auf die funky Post Punk-Grooves des Vorgängers, obwohl auch jene nochmal eine kleine Rückkehr feiern etwa in The Big Hit, das eine vergleichsweise versöhnlich gelaunte, relaxtere zweite Hälfte einläutet – das Yin und Yang einer Band die sich immer noch keinen halben Dreck schert um sauber geordnete Genre-Kategorien und unsere jeweiligen Vorstellungen davon.
Nu das ist ja mal ein Sperriger, versiffter Klumpen des rohen Lärms, der uns auf dem zweiten Tape (ihr erstes in voller Länge) dieser Wiener Band entgegen kommt. Auf den ersten Blick scheinen sie in erster Linie den Proto-Noise Rock von Flipper und No Trend zu channeln, außerdem auch frühe Swans und einen ordentlichen Brocken des no-wavigen Lärmexzesses. Aber wer etwas genauer hinhört mag auch leichte Echos von japanischen ’80er Psych-/Noise-Bands á la The Rabbits erkennen oder von US Art Punk-Klassikern wie Chrome und MX-80. Songs wie etwa Entropy haben dann wiederum aber auch etwas von einem Kopenhagen-Vibe der frühen 2010er á la Lower und Iceage und wo ich eh schon dabei bin Krempel aus jener Ära aufzuzählen, sag ich mal da steckt auch ein bisschen Soupcans drin. Wie dem auch sei, das sind vierzig exzellente Minuten von waffenfähiger Klangattacke, die deine Sinne überwältigt, alle mentalen Sicherungen durchbrennen lässt, Hemmungen überbrückt und wenn der Scheiß mit dir fertig ist fühlst du dich irgendwie Schmutzig und brauchst schnell ’ne Dusche. Mission accomplished sag ich dazu!
Zwei Jahre nach ihrer superspaßigen Debüt-EP hat Philadelphia’s reinlichste Band endlich ihren ersten Langspieler fertig geputzt und der legt noch mal ordentlich einen drauf in Sachen chaotischer Energie ihres abgehackten Art Punks, der komfortabel zwischen den Wischmops sitzt von dissonantem, oldschooligem No Wave-Lärm, dem schrägen Artcore der frühen Minutemen aber auch reichlich jüngeren Phänmenen, wie etwa dem klugscheißerischen Art Punk von Patti, Reality Group und Brandy oder auch etwas stärker Richtung Postcore gehenden Acts á la Cutie, Mystic Inane und Rolex. Ich muss schon sagen, ihr mathematisch verwinkelter Sound macht einen sehr ordentlichen Job darin, die Herausforderung zu vertonen die sich meinem ADHS-gefickten und vermutlich auch leicht autistischen Gehirn beim Ordnung halten in der eigenen Wohnhöhle stellt… und dabei lassen sie es klingen als wäre das die spannendste Aktivität der Welt.
Vom neuesten Bündel an Releases auf Inscrutable Records hat ja mal klar die Evinspragg-Platte die meiste Aufmerksamkeit abbekommen – teils aus durchaus gerechtfertigten Gründen, teils aus eher ärgerlichem Drama-induziertem Anlass. Aber wenn ich ehrlich sein soll beißt jene Platte dann doch etwas mehr ab als sie zu schlucken vermag und versandet nach ihrem spektakulären Start mehr oder weniger auf halber Strecke. Nein, mich zieht es dann doch eher zu den anderen beiden Veröffentlichungen des Labels, zu denen auch das Langspieldebüt von Johnny Skin gehört. Der kreiert darauf eine verträumte und supereingängige Melange, welche die überlebensgroße Melancholie und Sehnsucht von ’50er-’60er Bubblegum Pop-Balladen in eine minimalistische Ästhetik aus vintage elektronischen LoFi-Drumbeats und Synths transportiert, die fraglos unvermeidliche Vergleiche zu Suicide und Métal Urbain hervorrufen wird, im stetigen Wechsel mit ungleich lärmigeren und dissonant No Wave-igen Nummern, die mehr mit so alten Synth Punk-Pionieren á la Primitive Calculators und Nervous Gender gemein haben und mit dem experimentell-psychedelischen Krach etwa von Theoretical Girls, Chrome oder MX-80.
Ein fantastisches Stück des psychedelischen, monoton pulsierenden Post Punk mit Echos aus der Proto- und frühen Art Punk-Ära. Diese neue Kassette der Pariser Jazz V.O.S.T. kommt ein bisschen so rüber wie eine unheilige Allianz aus Métal Urbain, MX-80 und Chrome, ein bisschen Swell Maps obendrein… oder vielleicht auch so japanischen Grenzgängern zwischen Psychedelic und Post Punk wie The Rabits und frühe High Rise. Das alles wird hier in eine vage Kontur eines Cold Wave-Kontexts transportiert, hat dabei aber dankenswerter Weise überhaupt nichts von der formelhaften Gleichschaltung jenes Genres, das ich in den letzten Jahren mitunter leider für eines der unkreativsten und eingefahrensten halte. Nein, das hier ist eine ganz andere Tasse Tee. Die Pulse, Zuckungen und Donnerschläge auf dieser Platte entstammen ganz und gar nicht den kühlen Rotationen einer austauschbaren Maschine, sondern der unaufhaltsamen menschlichen Schaffensfreude kreativ getriebener Geister, die hartnäckig grimmigen Realitäten ins Gesicht lachen, unwillig, sich von ihnen erdrücken oder bestimmen zu lassen.
Hochwertiger Stoff mal wieder vom zuverlässigen spanischen Spezialisten für eigenwilligen Post Punk, Flexidiscos. Auf ihrer Debüt-LP beschwört die Band aus Valencia, Spanien einen mehr als beachtlichen Sturm herauf aus schlauem, verwinkeltem, jedoch niemals ermüdend wirkendem Lärm, die ein bisschen so rüberkommt wie eine Verschmelzung der No Wave-igen Noise Rock / Post Punk-Abstraktionen von Spray Paint mit einer ganzen Reihe verwandter Genre-Grenzgänger wie etwa die gewundenen, ineinander greifenden Garage Punk-Grooves von Uranium Club, Reality Group und Vintage Crop einerseits, aber auch den exzentrischen Post Punk-Konstrukten von so Bands wie Rolex, Knowso, Meal, Exit Group, frühen Marbled Eye und Patti. Das alles fühlt sich dabe viel weniger bemüht und eingängiger an als man so erwarten würde, vorangetrieben mit unaufhaltsamem Drive, ökonomisch und punktgenau konzentriert angewandter Energie.
Wie ein perfektes Pendant zur zeitgleich erschienenen Demo Rally-LP über die ich heute auch noch etwas posten werde, liefert das Langspieldebüt dieser Band aus Leeds aus dem späten Sommer – jetzt als Tape wiederveröffentlicht vom französischen Label Discos Peroquébien – mehr vom exzellent lärmigen, No Wave-igen Post Punk, dessen mögliche Einflüsse irgendwo pendeln zwischen so Akteuren des dissonanten Chaos‘ wie Spray Paint, Brandy, Rolex, Lumpy and the Dumpers, Cutie und Soupcans, wobei vergleichsweise langsamere und disziplinierte Tracks wie etwa Bog witch sogar ein bisschen von einer klassischen ’90er Chicago-Style Math-/Postcore-Energie ausstrahlen.
Wow, ist das mal eine fantastische Debüt-EP von einer Band aus Philadelphia, die sich darauf mit einem erdigen, dissonanten und mittelgradig exzentrischen Mix aus Art- und Post Punk zu schaffen macht. Das monotone, no wave-mäßige Geschrammel des Openers The Shield lässt dabei an den Minimalismus von Shop Regulars oder Honey Bucket denken, während Green Man mehr von einem früh-’80er The Fall-Vibe mitbringt und weitere Ähnlichkeiten etwa zu den Stadtnachbarn Toe Ring und B.E.E.F. 39X hat. Die Bösen Grooves in Gangstalker hingegen halten eine empfindliche Balance aus Dissonanz und Eingängigkeit und channeln damit eine etwas stacheligere Inkarnation von Lithics, gekoppelt mit so einiger dissonanter Glenn Branca- und ’80er Sonic Youth-Gitarrentextur, wie wir sie vor nicht allzu langer Zeit etwa von Self Improvement gehört haben.
Selbst im Angesicht von so ziemlich allem was jenes lose Musiker-Kollektiv rund um das New Yorker Label Decoherence Records bislang so verbrochen hat, stachen Gay Cum Daddies immer noch deutlich heraus als besonders sprachlos machende Botschafter des Chaos und Unheils. In gewisser Art und Weise ist die neueste LP jetzt auch fast genau das, was man von dieser Band inzwischen erwarten kann, nämlich einen sperrigen Bastard des No Wave-verseuchten Lärms, der jedoch aller chaotischen Kakophonie zum Trotz keineswegs nach reinem Zufallsprinzip klingt. Nein, mehr als je zuvor erscheint mir die Band auf dieser Platte jederzeit hundertprozentig in Kontrolle ihrer unkonventionellen Klangkonstrukte und positiv nervtötenden Jams, die niemals auch nur den geringsten Zweifel daran aufkommen lassen, dass diese Typen einen Masterplan haben. Sicher, einen sehr seltsamen, verschlungenen und verschlüsselten Plan, aber nichtsdestotrotz einen Plan. Hat man sich erstmal daran gewöhnt, kommt es einem vor wie das unerhörteste, schockierendste Ding wenn in Ribboning Boulder Hands Over Data doch tatsächlich mal ein erkennbarer 4/4-Takt vorherrscht, für 30 Sekunden oder so…