Ich machte mir ein paar Sorgen was die zweite Narkose-LP angeht denn so sehr ich das Debüt verschlungen habe, was doch irgendwie auch klar dass die exakt gleiche Art von Platte nicht ein zweites mal funktionieren würde und alles hing davon ab wie die Band der Herausforderung begegnen würde, ohne dabei die spezielle Essenz zu verlieren die sie zu einer der beeindruckendsten Stimmen in der deutschsprachigen Punklandschaft gemacht hat. Ich freu mich zu sagen, dass sie auch hier wieder ihren eigenen Weg gefunden haben! Unauffällig verbesserte Produktionswerte geben hier strukturelle Unterstützung für einen Sound, der jetzt ein bisschen die dunklen '80er Anarcho-Vibes zurücknimmt zugunsten eines etwas kontemporärer klingenden Post Punk und Postcore-Sounds, der in Songs wie Keine Ziele etwa eine Ahnung von britischer 2010er Post Punk- und Noise Rock-Schule transportiert, wie sie dort florierte in den Jahren bevor die aktuelle Hegemonie aus aalglatten Mumblecore-Punkfluencern mit Brokkolifrisur letztendlich den Hypekrieg gewann. Die gleichermaßen schweren und saumäßig eingängigen Hooks schlagen dabei präziser ein als je zuvor während eine geringfügig aufgeräumtere Klangästhetik einen zunehmenden Wipers-Feel in der Gitarrenarbeit offenbart. Der lyrische Gehalt hingegen gehört weiterhun zum trübsten was man mit kurz angebundenen, gezielt plazierten Worten tun kan um Salz in die Wunden eines rapide zersplitternden Europas zu streuen mit einer unverblümten Direktheit und Dringlichkeit, für die ich nicht jederzeit die passende psychische Resilienz aufbringen kann, aber am Ende ist es halt auch nur das konstante Hintergrundrauschen einer kollabierenden Gesellschaft mit dem jeder von uns irgendwie klarkommen oder dran zerbrechen muss und es ist und bleibt eine heilsame Katharsis wenn ein paar Typen mit einer lyrischen Kraft, die weit über dem traurigen Standard einer sprachlich notorisch gehandicapten Deutschpunk-Ödnis operiert, mit gezielten Worten die akuten Schmerzpunkte angeht.
Die letztjährige Greg LP dieser Band aus Minneapolis war schon ein echter Leckerbissen in der Lücke zwischen melodischem '80er Punk (starke Moving Target-Vibes waren da zu verspüren) '90er Indie Rock nah an der Grenze zum Emo und 2000er Crowdpleaser-Punk wie er üblicher von bärtigen Holzfällertypen gespielt wurde. Eine Platte die es trotz ihrer Qualitäten nicht in diese Blog geschafft hat aus Zeit- und Kapazitätsgründen... denn in einem Ein-Mann-Unterfangen wie diesem Blog muss halt einiger guter Scheiß manchmal den Kürzeren ziehen der klar einen Post bekommen würde, hätte ich unbegrenzte Zeit, Energie und Fokus zur Verfügung. Aber egal, das werde ich diesmal nicht zulassen anlässlich ihrer neuen 7" die da sogar nochmal deutlich einen drauflegt zu den Tugenden der LP mit einer verschärften Attacke und zunehmenden Elementen von '80er/'90er Postcore, insbesondere bei der A-Seite Liar, die doch tatsächlich ein bisschen klingt als würden Jawbox und Jawbreaker jeweils ihren respektiven Kiefern unaussprechliche Dinge zufügen. Stench Of Calm schwenkt dann etwas zurück zu ihrem so bewährten und ausgefuchsten '90er melodischen Punk-/Indie-Geschredder wie ich es kaum reizender finden könnte.
Bereits eine tolle Cassingle und eine nicht weniger exzellente EP auf dem Kerbholz, rüttelt die neueste EP der Band aus San Francisco die Klangparameter ein gutes Stück auf mit einem unerwartet melodischen Fundament im Eröffnungsschlag Billy 3, bevor A Million Knots ein paar Elemente '80er Sonic Youth zulässt in den Strophen. Zuletzt macht dann auch das Nerves-Cover Hanging On The Telephone eine ausgesprochen gute Figur. Zuvor offensichtlich mehr interessiert an komplexen, ineinander greifenden Art Punk-Arrangements die mich seinerzeit an Bands wie Patti, Reality Group und frühe Fugitive Bubble erinnerten, weisen die zwei neuen Songs einen selbstbewussteren und klareren Weg vorwärts für die Band. Ich bin gespannt wie ein kranker Enddarm, wo das in Zukunft hingeht.
Es ist jetzt auch schon wieder ein paar Jahre her seit der letzten EP dieser Band aus Los Angeles und ganz klar hat ihr Handwerk eine starke Evolution durchlaufen seitdem, wie es ihr neues Langspieldebüt auf Under The Gun Records unter Beweis stellt. Dessen leicht Metal-injizierte Hard- und Postcore-Vibes mögen auf den ersten Blick vielleicht etwas unerwartet brutal, kalt und klinisch klingen für jene, die sich in ihren früheren Sound aus KBD-lastigen, Synth-unterstützten Garage Punk-Tunes vernarrt haben, die sich zuvor nur vereinzelt ins Hardcore-Spektrum verirrt haben. Ich meine, verdammt, da ist fast schon ein Hauch von klassichem Speed Metal am Start im einminütigen Opener For Now. Aber glücklicherweise ist die verschärfte Attacke nicht das definierende Merkmal dieser Platte und die fester angedrehten Schrauben arbeiten hier Hand in Hand mit reichlich smarten, ineinander greifender Nuancen, die insbesondere die derbere erste Halbzeit davon abhalten, zu einer allzu ermüdenden, gleichförmigen Angelegenheit zu verkommen. Aber es ist dann doch die zweite Hälfte, in welcher sich hier breitere Horizonte auftun, wenn die Songs komplexere Emotionen und ein Level von Melancholie durchscheinen lassen, wie etwa im Midtempo Post Punk-Stampfer Gridlock/Flatline der obendrein mit einem unerwartet psychedelischen Unterton aufwartet. Die Postpunkigen Vibes ziehen sich weiter durch Come Down bevor dann auch das folgende Uptempo-Material eine durchweg eingängige Qualität bewahrt, fast wie ein willkürlicher Ausgleich für die grimmige Eröffnung. Unter'm Strich bleibt das hier dennoch ein deutlich weniger freundlicher oder unmittelbar zugänglicher Brocken Lärm, der alte Bewunderer etwas abschrecken könnte. Aber wer sich trotzdem drauf einlässt, wird nicht weniger reich entlohnt!
Eine der unkorrumpierbarsten Bands der letzten Jahre ist wieder am Start mit einem neuen Arschtritt von einer EP auf der sie erneut wie wenig anderes aus unserer Zeit klingen, weil sie schrottseidank immer noch keinen Drang verspüren, ihren Sound nennenswert aufzupolieren, was natürlich keineswegs heißt, dass da nicht auch durchaus beeindruckendes Wachstum und Verfeinerung über die Jahre feststellbar wären in ihrer Musik, die hier mehr als je zuvor rüberkommt wie eine umfassende Rundreise durch vieles was sich irgendwann mal so an den seltsameren Tellerrändern des früh-'80er Punk- und Hardcoreuntergrunds getummelt hat. Aber selbst für die Band aus Olympia, Washington gehört das hier mal klar zum am rohesten klingenden Material das sie in jüngerer Zeit abgelifert haben, gleichzeitig lässt ihr Klangchaos jedoch niemals eine sorgfältig und zielbewusst kreierte Qualität vermissen, wie sie nur eine so überlegene Band wie Fugitive Bubble derart konsistent und mühelos aus dem Ärmel schütteln kann.
Guiding Light aus Austin, Texas hatten bereits eine ziemlich aufregende, wenngleich noch etwas unaufgeräumte Debüt-EP via Stucco / Down South Tapes raus im vorletzten Jahr und jenes Label zeichnet jetzt auch wieder verantwortlich für den Kassetten-Release ihres ersten Langspielers (Vinyl gibt's auch, und zwar von Post Present Medium), auf welchem die Band in so ziemlich allen Aspekten ihres Sounds massives Wachstum beweist wie es bereits die folkig-schrammelige Melancholie des Openers Shackled By Lust unmittelbar klar macht und auch wenn der Song nicht so hundertprozentig repräsentativ für den Rest der Platte ist, klingt er doch als durchweg beeindruckender Eröffnungsschlag noch lange Zeit nach. Die gleiche Klasse zieht sich auch durch das restliche Material, in dem ihre Folk- und Cowpunk-verbundene Schrammelei irgendwo zwischen Angst und Volcano Suns auf '80er Post Punk zwischen den Stühlen von sagen wir mal Burma, Saccharine Trust, Man Sized Action und frühen Minutemen trifft, aber obendrein noch gewürzt mit einer Note von Flying Nun-mäßiger Post Punk-Psychedelia, catchy Jangle Pop-Gitarrenleads und -harmonien. Solltest du dich stattdessen aber an jüngere Folk-/Cowpunk/Post Punk-Hybride erinnert fühlen wie z.B. Leche, Cardi O., jüngere Rolex oder Optic Nerve, dann würde ich sagen trifft das auch genauso zu. Nicht verpassen den Scheiß, wenn dich irgendwas davon anfixt.
Nach einem bereits durchaus aufrengenden Demotape in 2023 löst die Band aus Oslo endlich die Erwartungen ein und beeindruckt mit einer voll ausgewachsenen Vision drei Jahre später auf ihrem ersten Langspieler, der ihren eklektischen Sound auf epische Maße auswalzt und dabei so Dinge aufgreift wie die ängstliche, zerbröckelnde Energie der frühen Iceage, einen Hauch von schlammversifftem Poison Ruïn Dungeon Punk-Drama, gekoppelt mit einem gewaltigen Vortrieb der irgendwie an Hank Woods & The Hammerheads der Stay Home-ära erinnert aber auch viel von einer weiteren Band unter seiner Beteiligung enthält, nämlich Murderer und ihren existenziell-psychedelischen Cowpunk-Albträumen. Weiter erinnert mit der Scheiß etwa an die unberechenbare Wucht der noch recht frischen Forcer-LP, die epischen Frankenstein-Songkonstrukte von Tom Lyngcoln's 2020er Soloalbum sowie dessen Quasi-Nachfolgeband Metho, deren Line-Up dann ja wiederum den großen Jackson Reid Briggs an Bord hat und mich auf diesem Weg realisieren lässt, dass hier manchmal auch einiges von einer Split System-Energie mitspielt. Also ja, was die Band hier abzieht deckt eine bemerkenswerte Bandbreite ab und was auch imme die hier anfassen verwandelt sich in pures Gold, wobei gleichzeitig die garagenmäßigere Mid-Fi-Produktion der vorherigen EP Platz machen muss für einen stärker Hard- und Postcore-fokussierten Vibe mit leicht metallischen Obertönen, dem perfekten Vehikel für eine angemessen giftige, unnachgiebige Performance die mal sowas von den Nagel auf den Kopf trifft. Das Album ist eine bodenlos kreative Wundertüte die aus allen Nähten platzt vor kleinen Wundern und atemloser Ekstase.
Verdammt, muss der Lärm dieser Band aus Chicago schon altertümlich geklungen haben zu der Zeit als ihre erste LP im Jahr 2013 erschien aber jetzt, über ein Jahrzehnt nach ihrer letzten Veröffentlichung, vollendet ihr Sound letztendlich den Kreis zu einem so angenehm altmodischen wie auch zeitlosen Strang des anachronistischen Krachs, einer Klangwelt die sicher einige Inspiration von Lync, frühen Jawbreaker, Superchunk bezieht und in geringerem Umfang wohl auch Dag Nasty, Rites Of Spring und vielleicht ein paar Anzeichen von frühen Unwound und Hoover? Wie dem auch sei, diese Songs operieren auf einem Level ein paar Etagen höher als das durchschnittliche '90er Punk-Throwback, nicht zuletzt dank einem nie versiegenden Reichtum aus felsenfestem Songhandwerk und einer unerschütterlichen Intuition für zeitlose und robust gebaute, strukturell tragfähige Hooks, die dennoch reichlich Rangierfläche haben für ein paar nette Überraschungen und Ablenkungsmanöver die sich nicht ohne weiteres in die etablierten '90er Postcore / Emo / Indie Rock-Schablonen fügen wollen wie zum Beispiel dieser gewisse Wipers- und Dead Moon-mäßige Garagenvibe in Songs wie Caustic Dreams. Es ist genau diese gekonnte Balance zwischen einer offensichtlich intimen, enzyklopädischen Kenntnis dieses speziellen Fleckchens der '90er Punkgeschichte und gleichzeitig einer klaren Abneigung, sich allzu sklavisch an dessen Tropes und Konventionen zu halten, was letztendlich einen ganz eigenen Flavor ausmacht auf dieser Platte, die sich nicht dafür schämt zeitweise durchaus nostalgisch und retro zu klingen, ohne dabei jemals wie ein ausgelutschter Neuaufguss rüberzukommen, jederzeit dazu fähig dort wo es drauf ankommt die Erwartungen zu erfüllen oder auch zu subvertieren. Altmodisch aber durchweg inspiriert.
Headcheese aus Kaloomps, British Columbia machen jetzt schon länger ihren Krawall als meine Intuition es mir sagt, fühlt es sich doch immer noch an als wären ihr erstes Demo und die (mini-)Debüt-LP erst ungefähr vorgestern erschienen. In Wirklichkeit ist ihre letzte Platte Expired bereits auch schon fast drei Jahre her. Whatever, die Band hat definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlassen in meiner fehlerhaften Erinnerung mit einem Arsch voll Platten die sich nach einem endlosen Tauziehen anfülen zwischen den Impulsen, ihren Sound konstant zu verfeinern und erweitern, und gleich anschließend auch wieder zu einem gesunden Minimum zu reduzieren und verdummen, auf eine Art die ich unglaublich spannend und anprechend finde. Die neueste Platte mag jetzt durchaus als ihr bisheriges Magnum Opus durchgehen, auf dem die Band als eine gleichermaßen tightere und räudigere Abrisscrew agiert, die ihren bislang kohärentesten, ausgefeiltesten Stapel chemisch instabiler Ausbrüche mit purer Dreistigkeit zum Gehorsam nötigt. Ein perverser Spaß, den sich kein Freund entgehen lassen sollte von so einfallsreichem wie auch zotteligen Lärm zwischen den Welten von KBD-beeinflusstem Garage Punk, treibendem oldschool Westküsten-Hardcore und vielleicht sogar ein paar Partikeln von No Trend-, Broken Talent- oder Flipper-mäßiger Proto Noise Rock-Verwüstung.
Der bisherige Output dieser Band aus Dublin war eine, wie soll ich sagen... etwas inkonsistente, unaufgeräumte Angelegenheit, aber andererseits auch ganz sicher niemals langweilig. Die neue digitale 2-Track Single markiert jetzt wohl den erfolgreichsten Versuch der Band, ihre kreative Vision zu entrümpeln und ich bin nicht weniger als beeindruckt von der Klasse der oldschooligen Indie Rock-Vibes die sich darauf entfalten und deren folkiges Geschrammel mich stark an die goldene Ära von Volcano Suns denken lässt oder deren immer noch aktive, spirituelle quasi-Nachfolgerband The Martha's Vineyard Ferries. Die A-Seite Secret Bench In The Bardo ist so ein durchschlagendes Beispiel davon, dass der zweite Song Abacus Rubicon hier zwangsläufig die zweite Geige spielen muss, aber das heißt keineswegs dass jener für sich selbst genommen nicht auch als ein saumäßig ansprechendes mitt-'90er Postcore Retro-Vehikel entzückt.