Heilige Scheiße ist das was diese Band aus Wakefield, England auf ihrer Debüt-EP abziehen mal genau meine Baustelle! Geerdet in zeitlosem Post Punk und einem durchdringenden Kreissägen-Gitarrensound mit mehr als nur einer kleinen Big Black-Kante, beinhaltet das Zeug aber auch eine unmittelbare Garage Punk-Catchyness, eine Noise Rock-mäßige Klanggewalt und einen unnachgiebigen Hardcore-Vorschub, aber auch immer ausbalanciert mit unerwarteten melodischen Blitzen und Fragmenten. So was von meine Tasse Tee ist das und erinnert mich zumindest oberflächlich an ein paar andere UK Post Punk Bands, die entweder ein bisschen älter sind als die ziemlich gentrifizierte britische Schule der Gegenwart oder dieser zumindest entschlossen entgegenwirken… die besten Vergleiche die mir spontan einfallen wären dabei so Acts wie Cool Jerks und Coded Marking aus Leeds, aber das ist eigentlich auch nur ein winziger Teil des auf dieser Platte gebündelten Klangspektrums.
Hier ist mal ein im absolut positiven Sinne seltsames Album für euch von einer Band aus Charlotte, North Carolina. Das Ding beginnt ziemlich eindeutig als ein derbes Hardcore-Brett, auch wenn sich vom ersten Moment an auch ein unübersehbarer, psychedelish-abgespaceter Unterton breit macht, eine zunehmend melodische Qualität und ein fundament aus unbestreitbar hochwertiger Songkonstruktion, das sich spätestens im vierten Song Misery komplett Bahn bricht bevor die LP dann mit jedem folgenden Song das Tempo ein Stück zurücknimmt und sich ein Acid Rock-beeinflusster Post Punk-, Postcore- und Art Punk-Vibe herausschält, der mich ein bisschen an jüngere Science Man oder Optic Nerve erinnert und sogar ein bisschen ältere Poison Ruïn schwingt etwa in Make A Case mit. Unvermeidlich bewegt sich die LP letztendlich auf vollwertiges Space Rock-Territorium zu ohne dabei aber jemals den subtil emofizierten, melancholischen Unterton und seine melodische Brillianz zu vernachlässigen und zu keinem Zeitpunkt klingt die Band dabei nach irgendwem außer sich selbst - die belastbarsten Vergleiche dir mir auf die Schnelle einfallen wären dabei so Bands wie Shrudd oder Electric Prawns 2, aber ganz ehrlich bewegt man sich damit schon auf sehr glattem Eis. Außerdem könnte man das emotionale Breitwand-Drama im Mittelteil ein bisschen mit Tom Lyngcoln's Raging Head vergleichen oder dem spirituellen Nachfolger davon, seiner jüngsten Band namens Metho. Aber keiner dieser Vergleiche hält wirklich stand. Forcer haben hier ein im aktuellen Genre-Umfeld komplett eigenständiges Werk erschaffen, würde ich mal sagen.
Hier ist mal wieder so ein eigenwilliges Artefakt aus gleichermaßen unhandlichem wie auch seltsam eingängigem Noise Rock- und Postcore-Delirium für Liebhaber des rohen und sperrigen Krachs. Agita kommen aus Philadelphia und haben jetzt ihre bereits dritte EP als Kassette auf dem lokalen Label Strange Mono veröffentlicht, auf welcher sie fünfzehn meist weniger als eine Minute kurze Attacken aus krudem Chaos' von der Leine lassen, was mich genau so an frühe Proto-Noise Rocker á la Flipper, No Trend oder ganz frühe Rudimentary Peni erinnert wie auch an jüngere Seltsamkeiten der Sorte Soupcans und Soft Shoulder. Zwölf ausgesprochen reizende Minuten von Gerümpel chaotischem Lärm, der gleichsam aber auch von einem stabilen, rigiden Grundgerüst beisammen gehalten wird, vorwärts getrieben von einer rohen, hyperfokussierten Darbietung.
Die ersten Teaser-Tracks vom Langspieldebüt dieser Band aus Melbourne, bestehend unter anderem aus Mitgliedern von Piss Wizard und Stray Dogs To Good Homes, hatten bereits eine drastische Abwendung signalisiert vom noch deutlich simpleren, Wipers-infizierten Garage Punk ihrer vorherigen EP und in der Tat ist diese Platte eine ganz andere Sorte von Biest geworden, das mehr von einem staubigen, Americana-durchtränkten Post Punk-Vibe versprüht mit Echos von frühen Scientists aber auch viel jüngerem Zeug wie etwa dem Noise-versifften Post Punk der kopenhagener Größen Lower und den frühen Iceage; Sklitakling und Pleaser aus Schweden, Americana- und Cowpunk-beeinflussten US-Bands wie Weak Signal und Bambara oder auch Australiern wie Optic Nerve und Refedex. Eine reiche Pallette von mutmaßlichen und durchaus etablierten Einflüssen also, aber diese Band kocht daraus ein durchaus eigenständiges Süppchen, nicht zuletzt dank tonnenweise belastbarer Songsubstanz als Fundament für die lärmigen Eruptionen und kantigen Performances, ein angemessenes Vehikel aus düsterer Energie für die unverblümt-eindringlichen Texte und Vocals von Frontfrau Freya Tanks.
Nightwatchers aus den französischen Toulouse, klar einer der auffälligeren Acts der vermutlich Youth Avoiders-induzierten 2010er Welle von variabel Oi!-beeinflusstem, melodischem Post Punk/-core in Frankreich, waren für meinen Geschmach zeitweise eine etwas inkonsistente Angelegenheit, insbesondere manchem Langspieler, aber auf ihrer neuesten EP operieren sie von Anfang bis Ende in der goldenen Zone, hauen mit routinierten Handwerkskunst vier zertifizierte Banger raus und wenngleich sie sich in der Vergangenheit selten über eine etablierte Genre-Formel hinausgelehnt haben und sich auch hier ganz bestimmt nicht neu erfinden, machen sie dass aber mal mit locker wett durch die schiere Güte des zugrundeliegenden Songmaterials und eine unnachgiebig tighte und energische Performance.
Diese Band erscheint mir irgendwie seltsam vertraut, auch wenn das eigentlich ihre erste EP sein soll... haben die vielleicht mal ihren Namen geändert oder eine Veröffentlichung draußen gehabt, die seitdem verschwunden ist? Vermutlich bilde ich mir nur was ein. Wie auch immer, das ist eine schnieke neue EP mit einem recht oldschooligen Post Punk-Sound, der gelegentlich die Energie á la frühe Nots und klassische Siouxsie mit einer leisen Ahnung von Revolution Summer-mäßiger, früher Postcore-Dringlichkeit verquickt, ganz besonders in dem herausstechenden Song H-21.
Physicalist sind eine neue Band aus (vermutlich) Vancouver, die sich um Dave P von der lokalen Power Pop-Sensation Night Court dreht. Deren Qualitäten schwingen auch auf dieser Platte mit, aber das zentrale Klangkostüm ist hier doch ein ganz anderes, eine infektiöse Verschmelzung von Hard-, Art- und Postcore mit einer unübersehbaren Garage Punk-Kante und melodischen Obertönen, was mich auf der Artcore-Seite der Gleichung etwa an Mystic Inane, Rolex oder Launcher erinnert und an Dumpies, Sauna Youth und Eyeball in seinen poppig-garagigen Tendenzen.
Nicht furchtbar schwer zu beschreiben was die Band aus Atlanta da auf ihrer Debüt-LP veranstaltet, deren Titel genau so gut A Crass Discharge of Rudimentary Peni lauten könnte, aber wenngleich das alles ausgesprochen spezifisch und geradeaus klingt, ziehen Cruciflys diesen Scheiß in durch und durch überzeugender Manier ab mit reichlich Intelligenz und Variation in ihren Songstrukturen, die die sich einerseits weitgehend in den üblichen Parametern ihres gewählten Rahmens aus frühem Hardcore, 1st gen Anarcho Punk und Death Rock bewegen, sich dabei aber niemals wiederholen und ein ungewöhnlich großes Maß an frischer Energie und unerwarteten Wendungen aus den jahrzehntealten Genre-Tropes herausholt. Alles an dieser Platte operiert auf einem Level meilenweit über'm Durschschnitt was oldschoolige Genre-Flashbacks angeht.
In einer schon recht guten Woche was weit über'm Durchschnitt spielenden Hardcore Punk angeht, ist die hier echt das Sahnehäubchen wenn ihr mich fragt. Nicht dass uns die digitale Single Plastic Disease im letzten Jahr nicht vorgewarnt hätte, was da auf uns zu kommt... Das ist derbe kreativer, freidrehender Scheiß, der mich an einige der abgehobeneren Acts der letzten zwei Jahrzehnte aus dem Artcore, Hard- und Weirdcore-Sektor erinnert wie unter anderem Big Bopper, Patti, Rolex, Brandy, Mystic Inane, Beast Fiend, Cutie, Fugitive Bubble, Septic Yanks oder Liquid Assets um nur ein paar davon zu nennen. Ich brauch bringend mehr von dem Scheiß!
Landowner aus Holyoke, Massachusetts, eine der unverwechselbarsten Stimmen im aktuellen Post Punk-Umfeld, haben jetzt ihren fünften Langspieler auf Exploding In Sound Records raus und auch nachdem die Band schon ein gutes Jahrzehnt zu Gange ist, zeigen sie noch keinerlei Abnutzungserscheinungen in ihrer abstrakten, minimalistischen Herangehensweise an Post Punk und Postcore - wenngleich auch in letzter Zeit ihr Einfluss auf jüngere Bands zunehmend offensichtlich wird, bleibt dieser Sound absolut ihr eigener. Wenn überhaupt, dann sind ihre Kompositionen und Texte über die Jahre nur noch schärfer, bissiger und düsterer geworden und die oberflächliche Aura von ironischer Distanz ist als ein psychischer Selbstverteidigungs-Reflex zu deuten, nötig um bei Verstand zu bleiben, wenn sie die existenzielle Substanz ihrer Songs konfrontieren während wir alle nur zu gut wissen, das uns - im Gegensatz zur Präsentation der Menschheitsgeschichte als eine Abfolge kontextloser und teils fragwürdiger Meilensteine wie aus einer bizarren Strategiesimulation in Linear Age - das Universum keinen zweiten Versuch für unsere Existenz einräumen wird und der aktuelle Stand der Dinge nach einem einzigen Selbstauslöschungs-Speedrun aussieht.