Hier ist mal ein im absolut positiven Sinne seltsames Album für euch von einer Band aus Charlotte, North Carolina. Das Ding beginnt ziemlich eindeutig als ein derbes Hardcore-Brett, auch wenn sich vom ersten Moment an auch ein unübersehbarer, psychedelish-abgespaceter Unterton breit macht, eine zunehmend melodische Qualität und ein fundament aus unbestreitbar hochwertiger Songkonstruktion, das sich spätestens im vierten Song Misery komplett Bahn bricht bevor die LP dann mit jedem folgenden Song das Tempo ein Stück zurücknimmt und sich ein Acid Rock-beeinflusster Post Punk-, Postcore- und Art Punk-Vibe herausschält, der mich ein bisschen an jüngere Science Man oder Optic Nerve erinnert und sogar ein bisschen ältere Poison Ruïn schwingt etwa in Make A Case mit. Unvermeidlich bewegt sich die LP letztendlich auf vollwertiges Space Rock-Territorium zu ohne dabei aber jemals den subtil emofizierten, melancholischen Unterton und seine melodische Brillianz zu vernachlässigen und zu keinem Zeitpunkt klingt die Band dabei nach irgendwem außer sich selbst - die belastbarsten Vergleiche dir mir auf die Schnelle einfallen wären dabei so Bands wie Shrudd oder Electric Prawns 2, aber ganz ehrlich bewegt man sich damit schon auf sehr glattem Eis. Außerdem könnte man das emotionale Breitwand-Drama im Mittelteil ein bisschen mit Tom Lyngcoln's Raging Head vergleichen oder dem spirituellen Nachfolger davon, seiner jüngsten Band namens Metho. Aber keiner dieser Vergleiche hält wirklich stand. Forcer haben hier ein im aktuellen Genre-Umfeld komplett eigenständiges Werk erschaffen, würde ich mal sagen.
Hier ist mal wieder so ein eigenwilliges Artefakt aus gleichermaßen unhandlichem wie auch seltsam eingängigem Noise Rock- und Postcore-Delirium für Liebhaber des rohen und sperrigen Krachs. Agita kommen aus Philadelphia und haben jetzt ihre bereits dritte EP als Kassette auf dem lokalen Label Strange Mono veröffentlicht, auf welcher sie fünfzehn meist weniger als eine Minute kurze Attacken aus krudem Chaos' von der Leine lassen, was mich genau so an frühe Proto-Noise Rocker á la Flipper, No Trend oder ganz frühe Rudimentary Peni erinnert wie auch an jüngere Seltsamkeiten der Sorte Soupcans und Soft Shoulder. Zwölf ausgesprochen reizende Minuten von Gerümpel chaotischem Lärm, der gleichsam aber auch von einem stabilen, rigiden Grundgerüst beisammen gehalten wird, vorwärts getrieben von einer rohen, hyperfokussierten Darbietung.
Die Musik dieser Typen gehört nach wie vor zu den unverwechselbarsten Dingen in der aktuellen Welle von variabel Black Metal- und Dungeon Punk-angehauchten Bands mit ihrer uncharakteristisch Death Rock- und Post Punk-lastigen Herangehensweise an den Genrekomplex, auch wenn einige ihrer jüngsten Artefakte mir etwas wechselhaft und richtungslos rüberkamen. Nun, ein Mangel an Richtung lässt sich auf ihrer neuesten LP beileibe nicht mehr feststellen, Nachdem die vorherige Cerebral EP eine Rückbesinnung auf ihre Stärken markierte, baut der Nachfolger deren zunehmend eingängige, melodische Qualitäten konsequent weiter aus, auch wenn der Mittelteil hier zeitweise den Bogen etwas überspannt. Das resultiert in einer Platte die stark ihrer bisherigen Laufbahn ähnelt - beginnend mit einem Knall, gefolgt von einem markanten Qualitätsabfall in der etwas bemühten Mittelphase bevor man sich zum Finale hin wieder stückweise hocharbeitet... zufälligerweise ist das auch in etwa das Profil von Twin Peaks, zweite Staffel, was einfach mal gar nichts zur Sache tut aber ich musste es einfach erwähnen. Was macht Annie eigentlich heute?
Shrudd aus Louisville, Kentucky kann man ja schon länger zu den substanzielleren jungen Vertreteren im Garage Punk-Umfeld zählen aber ein echter Quantensprung für die Band war ihr erster Langspieler No Man Is Good Three Times im letzen Winter, auf der sie ihre bescheidenen Eggpunk-Anfänge gegen einen eigenständigeren und komplexeren Sound an der Schnittstelle von einerseits Garage- und Post Punk und andererseits Psychedelic- und Space Rock eintauschten. Schwierige Aufgabe, mit einem Nachfolger zu so einem Hammeralbum zu überzeugen aber die zwei ersten neuen Songs seitdem (die alberne Weihnachtssingle dazwischen ignoriere ich mal) schlagen sich da mal ausgesprochen gut und halten problemlos das Niveau als hochklassige Kaliber in dem zuvor etablierten Genre-Spektrum von ausgefeiltem und durchweg elegantem Post-/Garage Punk grob in der Nachbarschaft von so Bands wie Mononegatives, Useless Eaters, Institute, Corker, Marbled Eye, Tube Alloys oder Electric Prawns 2, aber irgendwie auch schon wieder ihre ganz eigene Tasse Tee.
Die Wiederveröffentlichung der ursprünglich ende letzten Jahres erschienenen Hello, Mr. Operator EP der New Yorker Elektropunks Hand Helds auf dem australischen Label Grog Records lies mich mal echt aufhorchen. Ein kurzer Blick auf ihr Bandcamp-Profil offenbart dann nicht nur dass es bereits einen Nachfolger zu der EP gibt, sondern auch eine Band, die offenbar schon ein paar Jahre ihr Ding durchzieht und konstant EPs in einem variablen Spektrum zwischen Noise-versifftem Garage Punk, minimalistischem und überwiegend ziemlich rauhem Synth- und Elektropunk rausgehauen hat. Ich bin mir ziemlich sicher, früher schon über die Band gestolpert zu sein, kann im Nachhinein aber auch nachvollziehen warum ich mich damit nicht weiter befasst habe, klingt viel ihres früheren Werkes doch nach einer maximalistischen Herangehensweise, möglichst viel Dreck an die Wand zu werfen um zu sehen was dran kleben bleibt. Nu ja, ein paar Dinge sind aber offensichtlich kleben geblieben und auf ihren jüngsten zwei EPs fügen sich die Teile viel nahtloser zusammen dank eines vergleichsweise minimalistischen und wohlüberlegten weniger-ist-mehr-Ansatzes. Hello Mr. Operater ist dabei klar noch die etwas kruder klingende EP mit einer stark in der Schuld von Primitive Calculators und vereinzelt auch Suicide stehenden Machart des bis auf die Knochen reduzierten Synth Punk. Die Transatlantic Death Machine EP tauscht dann die Bassgitarre gegen einen Schlagzeuger aus Fleisch und Blut ein und das Ergebnis ist noch ein gutes Stück wilder und fast schon ein bisschen elegant, auch wenn die dissonanten Muster aus Synth-Kakophonie in so Songs wie Glue Tongue alles daran setzen, darüber hinwegzutäuschen. Eine seltsam krautig-motorische Qualität durchzieht das Ding. Entschlackt auf ein Minimum aber mit der notwendigen Liebe für die Details auf die es ankommt ist das klar ein paar Tacken höher angesiedelt als die Masse an Electro Kraut-Veröffentlichungen und No-Wave-mäßigen '80er Synth Punk-Rückblenden.
Es wäre jetzt ziemlich einfach, diese Schweizer als nur ein weiteres Artefakt der Kategorie "Pisse und die Folgen" abzuheften, aber dafür arbeitet der Scheiß hier eigentlich auf einem zu hohen Level und steht doch sehr komfortabel auf seinen eigenen Füßen mit genug eigener Identität und Ideen um sie aus der Masse herausstechen zu lassen mit einem Sound, der mir dann auch ein bisschen Internationaler vorkommt wenn mich etwa Rien Pour Moi an so Art Punk-Bands wie Ismatic Guru oder Landowner erinnert oder Animal Farm so einen alten Giorgio Murderer-Vibe aufweist. Wie dem auch sei, den Vergleich mit Pisse werden sie vorerst noch nicht vermeiden können, aber ohne Frage ist das hier für sich genommen eine beeindruckende Debüt-EP und ich bin mehr als gespannt, wohin sich das entwickelt.
Die letzten zwei Releases dieser Band waren für meinen Geschmack etwas wackelige Angelegenheiten was das Songmaterial angeht, aber auf ihrem neuesten Streich trifft die Band mal wieder durchweg den Nagel auf den Kopf mit einem Bündel neuer Songs, die den vertrauten Nervenkitzel diesmal wieder äußers Effektiv und deutlich treffsicherer abliefert. Nach wie vor würde ich dabei sagen, dass die Band sich eine ziemlich eigene Mikronische erschaffen hat in der Atmösphäre und Kompositionen mehr mit oldschooligem Death Rock und manchen Strängen des gegenwärtigen Post Punk gemeinsam haben als mit der Mehrzahl aktueller "Blackened"- und Dungeon Punk-verwandter Machenschaften.
La RAF aus Mexico City haben definitiv ein seltenes Händchen dafür, Jahrzehnte alte Post Punk-Tropes und -formeln aufzugreifen und der Sache dennoch jedes mal erfolgreich ihren eigenen Stempel zu verpassen, denn jeder Song auf dieser EP klingt als hätte er zu einem beliebigen Zeitpunkt seit den späten '70ern erscheinen können, aber dennoch niemals klar nach einem Song, den du glaubst schon mal gehört zu haben - es wohnt diesen Songs eine frische und lebhafte Energie inne, durchtränkt von eigener Persönlichkeit und vorangetrieben von ausgesprochen tighten und energischen Performances, auch wenn die Grundzutaten schon seit langem mehr als vertraut sind.
Die ersten Teaser-Tracks vom Langspieldebüt dieser Band aus Melbourne, bestehend unter anderem aus Mitgliedern von Piss Wizard und Stray Dogs To Good Homes, hatten bereits eine drastische Abwendung signalisiert vom noch deutlich simpleren, Wipers-infizierten Garage Punk ihrer vorherigen EP und in der Tat ist diese Platte eine ganz andere Sorte von Biest geworden, das mehr von einem staubigen, Americana-durchtränkten Post Punk-Vibe versprüht mit Echos von frühen Scientists aber auch viel jüngerem Zeug wie etwa dem Noise-versifften Post Punk der kopenhagener Größen Lower und den frühen Iceage; Sklitakling und Pleaser aus Schweden, Americana- und Cowpunk-beeinflussten US-Bands wie Weak Signal und Bambara oder auch Australiern wie Optic Nerve und Refedex. Eine reiche Pallette von mutmaßlichen und durchaus etablierten Einflüssen also, aber diese Band kocht daraus ein durchaus eigenständiges Süppchen, nicht zuletzt dank tonnenweise belastbarer Songsubstanz als Fundament für die lärmigen Eruptionen und kantigen Performances, ein angemessenes Vehikel aus düsterer Energie für die unverblümt-eindringlichen Texte und Vocals von Frontfrau Freya Tanks.
Ist das jetzt echt schon die vierte Dead Finks LP? Fuck, wie die Zeit vergeht! In Relation dazu ist der Output des Berliner Post Punk-Duos bestehend aus Erin Violet und Joseph Thomas (zuvor von den Neuseeländern Trust Punks bekannt) aber beruhigend konstant und immer von höchster Klasse, transportiert dabei auch klar etwas von der alten Trust Punks-DNA, verwebt jene aber mit jeder Menge von folkiger Schrammelei und Melancholie zu einem epischen, farbenfrohen Mosaik aus Breitwand-Drama, eine leicht vernebelte Atmösphäre aus ungelöstem Konflikt, die mich mehr als nur einmal an die ikonische, singuläre Vision der Indie-/Noise Rocker Kitchen's Floor aus Brisbane erinnert.