Erneut kommt ein ziemlich umwerfendes Tape zu uns von den verlässlichen New Yorker Lieferanten für Exzentrizitäten mit unterschiedlich starkem Punk-Bezug, Fuzzy Warbles Cassettes. Der Opener No Kill Means versprüht unmittelbar so einen Art Punk-Vibe á la Television-meets-Ruts oder, aus etwas jüngerer Zeit, Peace de Résistance und spätere Institute. Soft Change nimmt dann einen ungleich abstrakteren Kurs auf von minimalistischem Post Punk, relativ kühl und rigide und gleichzeitig auch ziemlich funky. Cave One ist ein relativ geradliniger aber keinesfalls dummer Krümel von Garage Punk und gleiches lässt sich auch über All Skill Levels sagen mit seinen gleichermaßen Proto- und Post Punk-igen Vibes und einer zusätzlichen Schicht von dissonantem Noise. Great Pastures verdichtet einige verwandte Eigenschaften zu einem unerwartet eingängigen und kompakten kleinen Paket von tangential Sonic Youth-mäßigem Lärm. Anticev überrascht dann hingegen mit einem offensichtlichen Surf Rock-Feel. Und so unvorhersehbar geht es weiter… das ist eine sehr gemischte Grabbeltüte von einer Platte, die hinter jeder Kurve eine neue Überraschung aus dem Hut zaubert und dabei wundersamerweise kein einziges mal daneben schießt, sondern seltsam kohärent und methodisch wirkt in seiner sich konstant im Flux befindlichen herangehensweise.
Unsere liebste Eggpunk-Anomalie aus der Ukraine Завірюга hat hier mal klar ihren Sound ein gutes Stück aufgewühlt, dabei die Gitarren komplett über Bord geworfen und den Bass in den Mittelpunkt gerückt auf ihrer neuesten EP, komplementiert von minimalistischen Synths und Samples, was ihren Sound diesmal zunehmend in eine ungewohnt Noise Rock- und Industrial-affine Richtung verschiebt. Das Ergebnis ist nicht weniger als ihre frischeste und stärkste Platte seit einiger Zeit. Haltet die im Auge, man weiß nie auf welche Ideen die als nächstes noch kommen.
Arschtretender neuer Scheiß von einem Duo aus Melbourne… oder einem Trio? Keine Ahnung, die Infos auf Bandcamp sind diesbezüglich etwas ambivalent. Außerdem war Billiam an diesen Aufnahmen beteiligt, was bisher ja auch schon immer ein gutes Omen war. Wie dem auch sei, die zwei Songs sind mal so richtig meine Baustelle mit diesem Noise-versifften und ordentlich angefackelten Fuzz- und Garage Punk-Sound, der ein bisschen so klingt wie eine Kombination von The Gobs mit einer Spur von Bands der ’80er Noise Rock- und Proto Grunge-Ära wie X (AUS), Scratch Acid, Fungus Brains, U-Men oder Feedtime.
Diese Band aus Baltimore hat Mitglieder von Nag und Quitter an Bord, was ja schon mal ordentlich die Erwartungshaltung hochschraubt, aber es scheint eher so als zögen sie auf ihrer ersten EP alle Register, um besagte Erwartungen zu subvertieren. Die Platte hat fraglos eine etwas zersplitterte Persönlichkeit – jeder Song hier könnte genauso gut von einer jeweils anderen Band kommen und ich sag mal der Scheiß knallt rein! Carte Blanche ist vier Minuten Math-angehauchter Noise Rock wie man ihn etwa von so Bands wie John (timestwo), Luggage, den frühen Werken von Tunic oder Help erwarten würde. Vertices ist dann vielleicht ein kleines bisschen näher an dem tristen, monotonen Post Punk-Sound, den ich zuerst von ihnen vermutet hätte, aber da ist außerdem noch so ein staubiger Americana-Vibe mit dabei wie man ihn zuletzt etwa auf dem jüngst erschienenen The III tape gehört hat. Cranberry ist ein dissonant lärmender Brocken Hardcore, gefolgt von drei Minuten des experimentellen Drone/Noise in The Gate. Zu guter Letzt mündet dann in Kept Bread ein Doom-/Drone-mäßiges Intro in einen Song, der hier vielleicht noch die größte Ähnlichkeit zu den erwähnten Nag aufweist, zumindest wenn man jene auf zwei Drittel der Geschwindigkeit verlangsamt. Eine rätselhafte Veröffentlichung ist das hier und ich bin durchaus gespannt wo das Ganze die Band noch hin führen wird.
Seltsames Geschöpf, die Debüt-EP dieser Band, deren Mitglieder über Australien und die Vereinigten Staaten verstreut leben (oder etwas spezifischer: Sydney, Portland und Melbourne). Alles darauf fühlt sich ein kleines bisschen falsch an… auf die beste Art! Gleich vom Start Weg fällt da ein unübersehbarer Mission Of Burma- und Moving Targets-Vibe ins Auge und Echos weiterer ’80er-Eigentümlichkeiten wie Really Red, Angst und Saccharine Trust. Desweiteren hat das auch eine leichte Unterströmung von Sonic Youth-mäßigen Gitarrenharmonien und ’90er Postcore-Elemente á la Unwound, Drive Like Jehu oder spätere Gray Matter greifen dabei ineinander mit deren melodischeren Gegenstücken wie Chavez und Polvo – zwei Bands, deren Werk auch besonders stark durch die noch stärkere zweite Hälfte dieser Platte wederhallt, wenn ihr ganzer Sound sich deutlich in Richtung von stark Seam- und Superchunk-infiziertem, melodischem Indie Rock verschiebt mit vielleicht noch ein paar leichten Spuren von No Age und Swervedriver? Auf jeden Fall ist das irre ansprechender Stoff.
Hier ist mal wieder so eine vage Hardcore-verwandte Seltsamkeit von einer Band aus Athens, Georgia, deren Musik einen Bogen spannt zwischen stockfinsterem mitt-’80er Hardcore und Sludge-verseuchtem ’90er AmRep-style Noise Rock sowie den diversen Proto-Phasen, die dem letzteren Genre vorausgingen. Insbesondere sehe ich mich stark an die ’80er LoFi-Noiserocker Drunks With Guns erinnert aber auch die obligatorischen Flipper- und No Trend-Referenzen passen hier wie Arsch auf Eimer, wohingegen sich in den flotteren Hardcoreparts ein gelegentlicher oldschool Death Rock-Vibe einschleicht. Das ist mal sowas von meine Baustelle!
Omniwhores aus Chicago haben jetzt schon viele Jahre im Dunstkreis der Noise Rock-, Post- und Art Punk-Nischen rumgehämmert, aber nie zuvor haben sie für mich so genau einen Nerv getroffen wie auf ihrer neuen EP Sucker Face, auf welcher sie ihre beweglichen Teile wie die monotonen, elektrischen Beats, Kreissägen-Gitarren, scharfen Basslines und eine Batterie von abgedrehten Samples – alles davon schon bekannt von vorherigen Releases – neu arrangieren zu einer bislang ungehört organischen und nahtlosen Gesamtästhetik, eine Mischung die mich jeweils an so ’80er bis ’90er Krawallmaschinen wie World Domination Enterprises, Brainiac, Royal Trux und Butthole Surfers erinnert, auf die eine oder andere Art.
Nu das ist ja mal ein Sperriger, versiffter Klumpen des rohen Lärms, der uns auf dem zweiten Tape (ihr erstes in voller Länge) dieser Wiener Band entgegen kommt. Auf den ersten Blick scheinen sie in erster Linie den Proto-Noise Rock von Flipper und No Trend zu channeln, außerdem auch frühe Swans und einen ordentlichen Brocken des no-wavigen Lärmexzesses. Aber wer etwas genauer hinhört mag auch leichte Echos von japanischen ’80er Psych-/Noise-Bands á la The Rabbits erkennen oder von US Art Punk-Klassikern wie Chrome und MX-80. Songs wie etwa Entropy haben dann wiederum aber auch etwas von einem Kopenhagen-Vibe der frühen 2010er á la Lower und Iceage und wo ich eh schon dabei bin Krempel aus jener Ära aufzuzählen, sag ich mal da steckt auch ein bisschen Soupcans drin. Wie dem auch sei, das sind vierzig exzellente Minuten von waffenfähiger Klangattacke, die deine Sinne überwältigt, alle mentalen Sicherungen durchbrennen lässt, Hemmungen überbrückt und wenn der Scheiß mit dir fertig ist fühlst du dich irgendwie Schmutzig und brauchst schnell ’ne Dusche. Mission accomplished sag ich dazu!
Die letztjährige Debüt-LP dieser Band aus Raleigh, North Carolina hatte bereits einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und ihre neueste EP, die uns über den lokalen Genre-Giganten Sorry State Records erreicht, schlägt weiterhin in eine ähnliche Kerbe, aber es lassen sich auch graduelle Anpassungen feststellen. So fühlt sich die gesamte Klangästhetik etwas weniger grimmig an als sie es auf der LP noch war, nicht zuletzt auch dank quietschender Spielzeugkeyboard-Vibes und einer Fülle reichlich verschrobener ideen, die hier ein ausgezeichnetes Gegengewicht zu ihrer klanglichen Abrissbirne zwischen den Welten von Noise Rock und Synth Punk abgeben, die mich erneut an so einige Bands der Sorte Isotope Soap, Broken Prayer, Powerplant, Kerozine oder Beef denken lässt.
Die letzten paar Wochen hatten eine Fülle von starken 7″s und digitalen 2-Song-Veröffentlichungen auf Lager und ich bin schon wieder weiter im Rückstand mit der Bloggerei als geplant, weil diese Woche – neben meiner ständig unter Kapazität laufenden Birne – auch noch mit einen Familiären Notfall meine Aufmerksamkeit forderte, deshalb nehme ich mir mal die Freiheit, hier einfach die vier Stärksten davon zusammen in einem Post zu verbraten.
Die größte Überraschung davon war sicher die Debütsingle von Assembly, auf der die Band aus Atlanta ein breites, eklektizistisches Spektrum im Postcore, Noise- und Math Rock-Umfeld umspannt das von ’90er und 2000er Dischord-mäßigen Sounds etwa von Faraquet, Bluetip und Q And Not U über weitere ’90er Zeiterscheinungen wie Polvo, Braniac oderChavez hin zu mehr oder weniger aktuellen Noise Rock und Art Punk-Bands der Sorte Wax Chattels, Solderer, Body House, Haunted Horses reicht aber auch ganz besonders Spray Paint und den damit assoziierten späteren Acts Rider/Horse und During.
Die Australier Tee Vee Repairman – ja genau, win weiteres Projekt von Gee Tee’s Ishka Edmeades – setzten ihrer noch recht kurzen aber brillianten Diskografie ein weiteres Sahnehäubchen drauf mit einer neuen 7″, deren Songs man ohne Not als zwei ihrer Besten erachten darf von einer Band, deren schaffen jetzt schon nicht gerade arm an infektiösen Power Pop-Melodien war.
In eine verwandte Kerbe schlägt dann auch die neue 7″ von Smirk (aka Nick Vicario von Public Eye, Crisis Man und Cemento), die auch ihn dabei dokumentiert wie er sein Songwriting-Handwerk verfeinert und erweitert, dabei an Orte geht, die wir bisher noch nicht von ihm gesehen haben. Domestic Dog verschweißt dabei Anarcho- und Post Punk-Elemente der alten Schule mit einer unerwarteten ’77er Melodiösität und einer fast schon Television-mäßigen Weiträumigkeit. Jene zieht sich dann auch durch Manhunt in Paradise, das insgesamt ein bisschen klingt als wäre die jüngste Institute LP noch einen Schritt weiter gegangen in ihrer Art Punk-Eleganz.
Zu guter Letzt und in einem ziemlichen Kontrast zu den vorherigen Bands hier, haben wir noch ein Beispiel einer Band die uns schlicht und ergreifend mehr von ihrer gleichen alten Masche serviert, aber was für eine brilliante gleiche alte Masche das ist auf der neuen 7″ der New Yorker Shop Talk, die mich bisher noch mit jeder Veröffentlichung weggeblasen haben und auch mit dem neuesten Kurzspieler kann man nichts falsch machen. Museum Of Sex ist ein weiteres Beispiel für makellosen ’77-beeinflussten Punk mit diesem gewissen Dickies-Geschmack wohingegen das etwas filigraner gebaute Gaslight das Tempo etwas zurücknimmt und in einen ungleich melancholischeren Vibe getränkt ist, sowie einer zu gleichen Teilen Buzzcocks- und Replacements-mäßigen Qualität. Hammersong, nuff said.