David Nance – Negative Boogie

David Nance - Negative Boogie

Lange ein Geheim­tip der loka­len Szene, hat David Nance aus Omaha in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine ganze Reihe selbst­ver­öf­fent­lich­ter CD-Rs mit kru­dem Garage Rock raus­ge­hauen und spülte erst­mals im letz­ten Jahr mit sei­nem char­mant LoFi-mäßi­gen Debüt für Ba Da Bing Records in an die Ober­flä­che. Aus glei­chem Hause kommt jetzt der Nach­fol­ger und wirkt durch einen ver­gleichs­weise kla­ren Sound etwas zugäng­li­cher, ohne dass die Musik an sich irgend­wel­che Kom­pro­misse ein­geht. Die Klang­pa­lette ist viel­fäl­ti­ger gewor­den, es machen sich dies­mal deut­li­che Ame­ri­cana-Ein­flüsse breit; sogar für eine – selbst­ver­ständ­lich ordent­lich ver­beulte – Coun­try-Num­mer ist sich der Mann nicht zu schade. Ansons­ten domi­niert nach wie vor eine sump­fige Mischung aus altem Proto- und Art­punk, Blues- und Garage Rock, einem Hauch von Glam. Oder auch mal Vel­vet Under­ground meets late The Gun Club meets early Nick Cave meets elec­tri­fied Neil Young meets The Modern Lovers. Oder ganz was ande­res, wha­te­ver… ich weiß ja nix von Musik.



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Humanities & Low Sun – Human Sun

Humanities & Low Sun - Human Sun

Eine tol­les Split-Tape zweier Bands aus Toronto, die hier zwei recht unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen von olschoo­li­gem Indie-​/​Alternative Rock prä­sen­tie­ren. Huma­nities fie­len mir schon mal vor einer Weile mit einer viel­ver­spre­chen­den ers­ten EP auf und ihr lang­sam aber kräf­tig daher­kom­men­der Sound bedient sich unter ande­rem bei Ein­flüs­sen aus Noise Rock, Sludge und dem Post­core der Jahr­tau­send­wende.
Low Sun hin­ge­gen lie­fern mit ihren zwei Songs ihr Debüt ab und zie­hen mich eben­falls sofort auf ihre Seite mit psy­che­de­lisch-folk­i­gen Har­mo­nien und einem Vibe, dem eine aus­ge­prägte Seat­tle-Geruchs­note anhaf­tet.


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Dasher – Soduim

Dasher - Soduim

Dasher aus Bloo­m­ing­ton, Indiana haben sich ganz schön Zeit gelas­sen mit ihrem ers­ten Lang­spie­ler, der jetzt, vier­ein­halb Jahre nach ihrem bereits sehr, sehr guten Demo auf Jag­ja­gu­war erschie­nen ist. Und nicht nur das, auch das Song­ma­te­rial ist über­wie­gend schon vom Demo und zwei 7″s bekannt, man­che Songs bekommt man hier gar zum drit­ten mal vor­ge­setzt. Und doch wird schon im ers­ten Moment klar, dass die Band in der Zwi­schen­zeit nicht untä­tig war, bis zur Per­fek­tion an Sound und Arran­ge­ment gear­bei­tet hat. Das Ergeb­nis kann sich sehen las­sen. Ihr ultrag­rad­li­ni­ger, in eine dre­ckige Pfütze aus Noise getränk­ter Post­punk ent­wi­ckelt hier eine maxi­male Wucht, ein kom­pak­tes, ent­schlos­sen vor­wärts wal­zen­des Stück Lärm.



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Sheer Mag – Need To Feel Your Love

Sheer Mag - Need To Feel Your Love

Bin ich froh, dass es diese durch und durch unge­wöhn­li­che Band gibt. Eine Band, die der DIY-Punk­szene ent­springt, aber sich nicht von des­sen selbst auf­er­leg­ten ästhe­ti­schen Kon­ven­tio­nen davon abhal­ten lässt, Stil­ele­mente aus altem Hard- und Sou­thern Rock auf­zu­grei­fen, sie dem Kon­text von hyper­mas­ku­li­nem Rock­star-Gehabe zu ent­le­di­gen und mit lyri­schen Inhal­ten von poli­ti­scher Agi­ta­tion und bren­nen­der Lei­den­schaft auf­zu­la­den. Und egal wie knapp sie dabei manch­mal die Kitsch-Falle um eine Haa­res­breite ver­feh­len, alle Worte aus dem Mund von Tina Hall­a­day (mei­nes Erach­tens eine der groß­ar­ti­gen Voka­lis­tin­nen unse­rer Zeit) kaufe ich ihr ohne Vor­be­halte ab.

Es fällt mir gerade schwer die Platte zu genie­ßen, ohne dabei den Kon­text der jün­ge­ren Ereig­nisse in Ham­burg im Hin­ter­kopf zu haben.
Und dazu sag ich mal herz­li­chen Dank auch, Leute. Ihr habt jetzt die per­fekte Anti-Wer­bung für euer Anlie­gen gemacht und der Bun­des­po­li­tik ein tol­les Argu­ment in die Hand gege­ben, lin­ken Pro­test zu ver­hin­dern, zu dämo­ni­sie­ren und gene­rell in ein schlech­tes Licht zu rücken. Ich hoffe, ihr habt euch dabei super-männ­lich gefühlt und habt ’nen guten Adre­na­lin-Kick beim Fan­gen­spie­len mit der Poli­zei bekom­men. Der Back­lash vom Staat wird nicht lange auf sich war­ten las­sen. Viele Men­schen, die eigent­lich auf eurer Seite ste­hen, wer­den sich jetzt dop­pelt über­le­gen ob sie zusam­men mit euch auf der nächs­ten Demo sein wol­len. Und viele Men­schen mit einem weni­ger gefes­tig­ten poli­ti­schen Welt­bild wer­den sehr zögern, bei der nächs­ten Wahl für eurem Anlie­gen mehr oder weni­ger nahe ste­hende Ver­tre­ter zu stim­men. Weil sie „links“ jetzt mit Bil­dern von Gewalt und sinn­lo­ser Zer­stö­rung asso­zi­ie­ren. Eine super Aktion war das.

Aber gerade in die­ser auf­ge­la­de­nen Stim­mung finde ich Sheer Mag und ihr exzel­len­tes Debüt­al­bum so erfri­schend und wich­tig. Denn auch wenn sie sich in ihrer Rhe­to­rik an Bil­dern von flie­gen­den Fla­schen und Stei­nen bedie­nen (und es hängt vom ein­zel­nen Hörer ab, ob er die­sen Auf­ruf wört­lich oder sym­bo­lisch ver­ste­hen will), ver­lie­ren sich die Songs im Gesamt­bild nicht in plat­ter Kampf­rhe­to­rik, son­dern setz­ten der Wut und der poli­ti­schen Mobi­li­sie­rung auch ein gro­ßes Maß an Mensch­lich­keit, Ver­letz­lich­keit und Empa­thie ent­ge­gen. Die Liebe ist schon Titel­ge­bend und die Platte besteht zu glei­chen Tei­len aus Pro­test- und Love­songs. Oft auch bei­des auf ein­mal. Zwi­schen den Zei­len rufen diese Songs dazu auf, den Mit­men­schen liebe- und ver­ständ­nis­voll zu begeg­nen. Men­schen zu ver­ei­nen, so unter­schied­lich ihr Lebens­stil, ihr Aus­se­hen und ihre Vor­lie­ben auch sein mögen. Und es dabei nicht zu ver­ges­sen, sym­bo­li­sche Fla­schen und Steine auf die men­schen­feind­li­chen Struk­tu­ren eines schei­tern­den Kapi­ta­lis­mus zu wer­fen. Oder um es mal in den Wor­ten eines alten Fritz Lang-Schin­kens aus­zu­drü­cken: „Mitt­ler zwi­schen Hirn und Hän­den muss das Herz sein.“ Rage against the machine. Love against the machine.
Wenn ich es der­zeit einer Band wün­sche durch die Decke zu gehen, dann die­ser. Dass ihre Musik viele Men­schen bewegt, ver­eint und zum Nach­den­ken bringt.



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Lumpy & The Dumpers – Music To Hump A Trashcan To (Tour Tape)

Lumpy & The Dumpers - Music To Hump A Trashcan To (Tour Tape)

Die schmut­zigste aller Noise- und Gara­ge­punk-Bands hat anläss­lich ihrer aktu­ell lau­fen­den US-Tour mal wie­der ein neues Stück Scheiße raus­ge­drückt und auf ein kotz­grü­nes Tape trans­fe­riert. Es gibt über­wie­gend unver­öf­fent­lich­tes Mate­rial zu hören und wie immer ist das nichts für Fein­geis­ter und HiFi-Snobs.

Mutual Jerk – Mutual Jerk 7″

Mutual Jerk - Mutual Jerk 7"

Zwei Jahre nach ihrem sehr ordent­li­chen Demo ist im Mai die erste 7″ der Band aus Atlanta auf State Laugh­ter erschie­nen und weiß durch­aus zu gefal­len mit einem irgendwo zwi­schen Postcore/​-​punk und Noi­se­rock ange­sie­del­ten Sound und einem kon­stant ange­pisst rumnölen­den Sän­ger.

Staer – Staer

Staer - Staer

Eine schon etwas ältere aber groß­ar­tige EP einer Band aus dem Nor­we­gi­schen Sta­van­ger. Um deren Musik zu beschrei­ben könnte man Begriffe wie Jazz­punk, Post­punk und expe­ri­men­tel­ler Noi­se­rock bemü­hen, den Kern der Sache trifft man damit aber nicht wirk­lich.

The Roamin‘ Catholics – The Roamin‘ Catholics

The Roamin' Catholics - The Roamin' Catholics

The Roa­min‘ Catho­lics aus Syd­ney sind (oder waren? Ich bin mir da nicht so sicher…) mal wie­der eine von die­sen Under­ground-Super­groups, wie sie in der aus­tra­li­schen Szene regel­recht aus dem Boden sprie­ßen; es sind unter ande­rem Mit­glie­der von Ghastly Spats, Hou­se­wi­ves, Dry Finish, Bitch Pre­fect und Peak Twins betei­ligt.
Das erste Mini­al­bum die­ser For­ma­tion klingt in etwa wie eine Ver­men­gung von klas­si­schen Ver­tre­tern des unkon­ven­tio­nel­len Pop á la The Fall, Flip­per oder Half Japa­nese mit aktu­el­len Gara­ge­punk-Bands wie etwa Aus­mu­te­ants und Ura­nium Club. Das Ergeb­nis ist wun­der­bar knar­zi­ger Rock’n’Roll irgendwo zwi­schen den Stüh­len von Garage- und Post­punk, der trotz vie­ler Ver­schro­ben­hei­ten nie aus­ein­an­der fällt.




Einen (kom­plet­ten) Album-Stream gibt’s lei­der nicht. 🙁

Tics – Tics

Tics - Tics

Auf dem ers­ten Album die­ser Köl­ner Band bekommt man schwer fest­zu­na­geln­den, zu gro­ßen Tei­len instru­men­ta­len Post­punk von stän­dig wech­seln­der Gestalt und mit star­kem Hang zum Expe­ri­ment zu hören, durch­zo­gen von selt­sam anmu­ten­den Sprach­sam­ples und mit gele­gent­li­chem, an alte No Wave-Schule erin­nern­derm Saxo­phon­ein­satz.

Aber in der chao­ti­schen Viel­falt der Platte meine ich doch ein paar rote Fäden zu erken­nen und fühle mich abwech­selnd mal an Minu­te­men, The Pop Group oder Mis­sion Of Burma-Geschram­mel erin­nert, in ande­ren Momen­ten hat’s einen Touch von Gang Of Four, manch­mal riecht es ver­däch­tig nach The Fall oder nach dem unkon­ven­tio­nel­len Postpunk/​Proto-​Postcore von Sac­cha­rine Trust und Slo­venly.



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Milked – Death On Mars

Milked - Death On Mars

Mil­ked ist neben den an die­ser Stelle schon mehr­fach erwähn­ten Hung Toys ein wei­te­res Solo­pro­jekt von Kelly John­son, sei­nes Zei­chens ehe­ma­li­ger Front­mann der Noi­sero­cker Geronimo!. Unter dem Alias hat er im Laufe der letz­ten bei­den Jahre bereits ein Album und eine EP mit schram­me­li­gem Psy­che­de­lic-Pop auf­ge­nom­men, aber mit sei­nem neu­es­ten Lang­spie­ler meint er es ganz offen­sicht­lich ernst.

Die char­mante Lo-Fi Home­re­cord­ing-Ästhe­tik ist einem wuch­ti­gen Klang­kos­tüm gewi­chen, das die neuen Songs eher an die bei­den Hung Toys-Plat­ten oder an seine alte Band erin­nern lässt; ein heut­zu­tage sel­ten gewor­de­ner Sound aus kräf­tig rocken­dem Indie-​/​Alternative Rock, ver­mischt mit der Melo­diö­si­tät kon­tem­po­rä­rer Krach­bands á la Wav­ves, Cali­for­nia X oder Happy Diving und ver­edelt durch gele­gent­li­che Anklänge an den psy­che­de­li­schen Power­pop der Soft Boys.

Aber die größte Stärke die­ser neun Songs liegt in den sou­ve­rä­nen, abso­lut tadel­lo­sen Song­wri­ting-Qua­li­tä­ten von Kelly John­son begrün­det und einem durch­weg exzel­len­ten Gespür für mit­rei­ßende Melo­dien. Eigent­lich ist hier jeder Song ein Voll­tref­fer. Eine wahn­sin­nig starke Platte und mög­li­cher­weise die beste Ver­öf­fent­li­chung aus die­sem spe­zi­el­len Genre-Spek­trum, die mir die­ses Jahr unter­ge­kom­men ist.



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