Eine Reihe von Veröffentlichungen weitgehend geprägt von Neuaufnahmen alter Songs wies zuletzt schon darauf hin, dass Lansing, Michigan's ausgesprochen produktive Schöpfer ausgefranster Noise Pop, Fuzz- und Garage Punk-Miniaturen stark an einem weichen Update ihres Sounds interessiert waren und entsprechend dieser Tendenz, beginnt auch ihre neueste EP mit einer Neuinterpretation - ihrer wohl drastischsten bisher - ihres alten Highlights ABV, die hier mal deutlich die Beine ausstreckt, das Tempo drosselt und damit die melodischen Qualitäten des Materials stärker in den Mittelpunkt rückt, ohne dabei etwas von ihrer alten Magie zu verlieren. Der Krempel hier klingt nach wie vor unverkennbar nach einer Snarewaves-Platte, wenn auch einer etwas aufgeräumteren, weniger hektischen Version davon, die mehr Luft zum Atmen lässt sowohl in den Performances als auch der etwas transparenteren Produktionsästhetik. Guter Scheiß wie immer, freu mich auf mehr davon!
Als The Carp ihr erstes Demo in 2021 veröffentlichten war das Liebe auf den ersten Blick, aber dennoch fühlte sich diese Gruppe ein bisschen an wie ein fünftes Rad was die Bands von Frontmann Nathan Ward angeht, ein vielleicht etwas zu offensichtlicher Mittelweg zwischen der zackigen Post Punk-Effizienz von Knowso, der wild entgleisten Energie von Cruelster und der roheren Garage-Kante von Perverts Again. Auf ihrer exzellenten Debüt-LP in 2024 zeigte die Band dann ein wenig mehr in Experimentierlaune aber immer noch etwas zögerlich, eine klare Richtung einzuschlagen die sie etwas von den genannten Bands differenziert. Jetzt auf ihrem zweiten Langspieler klingen sie für mich aber zum ersten mal nach einer Band, die langsam ihre eigene Identität entwickelt, geprägt von einem rustikaleren und bewusst vereinfachten Garage Punk-Fundament und einer weniger verkopft-distanzierten, ernsteren und ungefilteren Herangehensweise an ihre Tunes die ihr Herz unverblümt offenlegen. Aber wie auch immer, das ist, wie eigentlich alles was die genannten Bands bisher angefasst haben. erneut ein essenzieller Goldklumpen für alle Bewunderer dieses eigenwilligen Strangs aus hochstrukturiertem und robustem Post Punk-Kubismus mit dem speziellen Zusatz einer fuzzigen Garagenkante.
Zwei Bands aus dem weiteren Umfeld von Los Angeles haben hier ihre Ressourcen gebündelt für eine wahrhaft göttliche Harcore Split-LP, die sicher irgendwann als eine der großen Splitveröffentlichungen der Roaring Twenties gehandelt wird in einer Liga mit, sagen wir mal, der massiven Stunted Youth & Save Our Children LP aus dem letzten Jahr. Natürlich fallen mir dabei zuerst die Songs von Animated Violence ins Auge, die nicht nur schon länger mit zwei arschtretenden Tapes seit 2022 begeisterten sondern hier gleich noch mal ein neues Level aus purem Wahnsinn und schlauem Handwerk erklimmen mit einer Sound so eklektisch, verspielt und einfallsreich wie er auch unverschämt catchy und melodisch daherkommt und gleichzeitig noisy-as-fuck, ein wilde und unberechenbare Fahrt bei der die zahlreichen Schlaglöcher Teil des Spaßes sind. Aber so sehr das auch mal komplett meine Baustelle ist, soll das bitte nicht davon ablenken wie stark auch die Tracks von Total Vacation sind, die sich oberflächlich betrachtet an einer einfacher gestrickten früh-'80er-Schule orientieren aber keineswegs weniger aufregend sind, bis zum bersten gefüllt mit smarten Ideen und bunten Schnörkeln... nur das jene sich hier halt über doppelt so viele, kürzere Songs verteilen und solche Instant-Hits wie Chimera and Perspective / For Once lassen keinen Zweifel daran dass wir es hier mit etwas besonderem zu tun haben.
Diese Band aus Victoria, British Columbia, Kanada schöpft hier eine Fülle an exzentrischem Spaß ab, der teilweise, aber nicht gänzlich in die Nische von vage '70er und früh-'80er Siouxsie, Pylon, Delta 5 oder B-52s-inspirierten Bands passt… eine ähnliche quirlige Eingängigkeit ist da am Start aber es lässt sich dann auch keinesfalls diese gewisse garagige Proto Punk-Energie übersehen und ein roherer, anarchischer UK DIY-Vibe wie man ihn eher von so Bands wie Cravats, Membranes, Fatal Microbes oder Flowers In The Dustbin erwarten würde oder vergraben in den Tiefen irgendeiner Messthetics Complation. Genauso könnte man jetzt aber auch Vergleiche ziehen zu jüngeren Post Punk-Zeiterscheinungen der Sorte Spread Joy oder Marcel Wave und sogar zu so 2010er Weirdcore-Phänomenen wie Warm Bodies und Vexx. Saumäßig ansprechender Scheiß ist das.
Manno hat das Domo Demo Ammo. Die vermutlich aus Winnipeg agierende Band verzückt meine Synapsen auf eine Art, die man heuztutage kaum anders als in die Egg-Schublade einordnen kann, die gleichsam aber auch aus jenem Pool heraussticht mit einem deutlich oldschooligerem Vibe der sich wie ein Flashback in die Prä- und Proto Egg-Ära der 2010er anfühlt und die schnörkellosen Garage Punk-Explosionen von so Bands wie Kid Chrome, S.B.F. und, etwas später, Set-Top Box, Crown Moulding, Liquid Face oder das frühe Schaffen von Science Man.
Diese Band hat Mickey Marie an Bord bekannt von so Kultbands wie Nervosas, The Missed und jüngst auch Xanny Stars, gemeinsam mit einem ganzen Arsch voll weiterer üblicher Verdächtiger der Punkszene von Cleveland, Ohio und ihre Debüt-EP tritt eine selbstbewuste Krachattacke los die anfangs leichte Spuren von Wipers, Saints oder Dead Boys aufweist aber dann im weiteren Verlauf auch zunehmend an einer Strike Under- oder Really Red-mäßigen Qualität dazugewinnt. Ich muss zugeben, da ist ein leichter Durchhänger in der Mitte, insbesondere in Form des zweiten Songs Fortunate Few, für dessen generische Dadpunk-Versatzstücke ich mir nur schwer erwärmen kann, aber anderweitig ist das eine durchweg reizende Angelegenheit und wird von da an nur besser - der andere von Marie gesungene Song Sit and Stare ist ein unbestreitbarer Ohrwurm aber die absoluten Highlights hier sind dann letztendlich doch die letzten zwei Songs, gesungen vom früheren Bad Noids-Drummer Jake, die sich als unmittelbare Klassiker entpuppen mit einer Energie die mich an die Blutezeit von Piss Test erinnern und spätest wenn die NWOBHM-mäßigen Solos dem Abschlusstrack Vestigability die perfekte Schaumkrone aufsetzen, weißt du dass diese Band genau weiß was sie tut.
Es ist irgendwie immer das gleiche mit den französischen Garage Punks Bart And The Brats. Immer wenn mich das Gefühl beschleicht, dass ihrem vorsätzlich primitiven und minimalistischen oldschool-Ansatz der kreative Saft ausgeht, kommen sie dann doch immer wieder mit einem frischen Stapel neuer Songs um die Ecke, die irgendwie die Messlatte auf eine oft Subtile, schwer zu quantifizierende Art höher legen und so ist das auch wieder auf ihrer neuesten EP der Fall, die zweifellos ihr stärkstes Material seit einer Weile vereint und alle Tugenden ihrer brillianten 2025er Missed Hits LP noch etwas überbietet, nachdem micht ihre teils etwas blutarmen Songs auf der Jacket Burner nicht so voll davon überzeugen konnten, dass diese Band noch ein paar Schüsse im Revolver hat. Aber wie üblich: Bart and the Brats sind so was von back, baby.
Die Debüt-EP dieser Engländer ist eine willkommene kleine Ablenkung aus oberflächlich egg-verwandtem Geschrammel das sich hier auf ein solides Fundament aus eigentlich ziemlich erdigem und antriebsstarkem, fuzz-geladenem Garage Punk stützen kann und eine Fülle von belastbaren, wenngleich auch nicht gerade neuen oder originellen, aber immer funktionalen Hooks und Riffs. Ein bodenständiges bündel von Songs, die genau wissen was sie erreichen wollen und exakt das abliefern. Nicht mehr, nicht weniger.
Okay, da hätten wir jetzt also mal wieder eine neue Alien Nosejob-Platte die Jake Robertson und seine Komplizen im Hardcore-Modus präsentiert nicht unähnlich zu dem, was wir zuvor am deutlichsten schon auf ihren zwei HC45 7"s aus dem Hause Iron Lung Records gehört haben, aber dann wiederum wäre es auch keine richtige Alien Nosejob-Veröffentlichung, wenn da nicht auch eine Fülle von netten Überraschungen und flotten ideen am Start wäre. Keineswegs ist das hier ein schlichter Neuaufguss der besagten Siebenzöller, die sich obendrein stärker an derberen '80er-Einflüssen orientierten wie sie sich ja auch durch große Teile des weiteren Iron Lung Records-Kataloges ziehen. Hier ist liegt der Fokus dann doch stärker auf den früheren Inkarnationen der US-Westküstenszene, die üblichen Verdächtigen der Sorte Germs, Circle Jerks und Adoloscents werfen klar ihre Schatten über diese Songs und so sehr selbst jene Kurzspieler als die rohesten Artefakte in ihrer Diskografie - wie eigentlich alles von dieser Band - auch schon aus allen nähten platzten vor catchy melodischen Hooks, umso weniger lässt sich das Ohrwurmpotenzial dieser neuen Songs eindämmen und es wäre einfach falsch, die (oder irgendeine Alien Nosejob-Platte) Platte nur als eine weitere verschrobene Genre-Fingerübung zu verstehen, steckt die Band doch selbst am räudigeren Ende ihres eklektischen und verschrobenen Klangspektrums die gleiche rohe Menge an überlegener Handwerkskunst und Songwriting-Raffinesse in ihren Lärm wie wie eigentlich auf jeder Veröffentlichung bisher. Nein, diese Platten sind keine isolierten Quirks in ihrem Schaffen sondern tragende Säulen in ihrer beeindruckenden Diskografie, die im gleichen Maße die unverkennbare Handschrift der unverzichtbaren Garage Punk-Auteure aufweisen.
Smirk fielen schon immer positiv aus der Reihe in der zweiten Welle von Eggpunk-Bands insoweit, das sich schon in ihrem frühen Schaffen immer eine Spannung zeigte zwischen typischeren, quirligen Egg-Vibes und einem ungleich dunkleren Post Punk-Unterbau in vielen ihrer Songs, eine Tendenz die zum ersten mal ganz in den Mittelpunkt rückte auf der brillianten Domestic Dog 7" im letzten Jahr, wie gerufen in einem Moment in dem das bisherige Werk der Band - wie auch viel von ihrem weiteren Eggpunk-Umfeld im allgemeinen - sich zunehmend gegen die Konsequenzen eines kreativ überstrapazierten Bodens und eines drohenden Genre-Burnouts behaupten muss. Diese zwei Songs lokalisierten die Band dann mehr in der Nachbarschaft von so einschlägigen Post Punk-Hausnummern wie Institute, Marbled Eye oder The Estranged und der Scheiß beeindruckte dabei mit gereifter, schlauer Songkunst die sich hinter solchen Vergleichen nicht verstecken muss. Eine Qualität, die erneut bestätigt wird auf ihrer neuen LP, ihrem nüchternsten und nachdrücklichsten Bündel von Songs bislang, das alle Anzeichen trägt von einer weiteren Eierpunk-Band, die letztendlich aus der limitierenden Eierschale ausbricht und die Metamorphose zu durchaus prachtvollen Hühnerpunks vollzieht auf eine Art, die einen gewissen Ex-Lumpy sicher glücklich machen wird, auch wenn ich immer noch glaube dass er das Henne-Ei-Problem komplett falsch betrachtet, wo in dieser Nische doch so eindeutig das Ei zuerst kam und daher existieren und ausgebrütet werden darf und muss, damit so eine Pracht wie dieses Album überhaupt heranwachsen und sich entfalten kann. Verdammt, kling ich dumm und prätentiös mit diesem Satz, ich hör daher besser mal auf an dieser Stelle, zufällige Wörter ins Internet zu tippen.