Family Dog aus Nashville, Tennessee liefern mehr von ihrem aufregenden Irrsinn auf ihrer zweiten EP in Form von Garage- und Noise-versifftem Hardcore Punk, der eine tollwütige, entfesselte Performance mit einem unersättlichen kreativen Drang vereint und dieser gewissen Aura von Gefahr und Unvorhersehbarkeit, die eine Hardcoreplatte heutzutage einfach braucht um mich bei der Stange zu halten. Diese fünf Songs transportieren das zuhauf und jedes mal wenn du denkst du wüsstest wie diese EP sich abspielen wird, dauert es nicht länger als ein paar Takte bevor die Band eine scharfe Kurve zu einem ganz unerwarteten Ort nimmt.
Hier gibt’s exakt eine Minute von neuem Eye Ball-Material. Selbstredend ist das mal wieder verdammt gut womit das Label Knuckles On Stun da auf eine ultra-verschwenderische Kassette magnetisiert hat, wie alles von der Band bisher. Nur beim nächsten mal halt bitte so 30-60 davon auf ein Tape packen, damit das Unterfangen wenigstens ein gesundes Minimum an ökonomischem und ökologischem Sinn ergibt.
Neue Eggpunk-Ware erster Güte kommt zu uns von Ein-Mann-Band/Schlafzimmerprojekt Walter Ego aus Aschaffenburg. Wenngleich der Scheiß sich auch klar auch die eine oder andere Scheibe bei etablierten und vertrauten Klangterrorristen á la Prision Affair, Billiam, Beer, Set-Top Box oder Nuts abgeschnitten hat, trifft er dabei aber gleichsam mit jedem Versuch voll ins Schwarze mit einer fachmännisch eingepegelten Mid-Fi-Ästhetik, die geschickt Garagenknusper mit Eggpunk-Sonderlichkeiten balanciert und obendrein sind Race The Alps und insbesondere Forevermore (In The Dungeon) schon jetzt nicht weniger als zertifizierte Instant-Genreklassiker.
Die letztjährige Debüt-LP dieser Band aus Raleigh, North Carolina hatte bereits einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und ihre neueste EP, die uns über den lokalen Genre-Giganten Sorry State Records erreicht, schlägt weiterhin in eine ähnliche Kerbe, aber es lassen sich auch graduelle Anpassungen feststellen. So fühlt sich die gesamte Klangästhetik etwas weniger grimmig an als sie es auf der LP noch war, nicht zuletzt auch dank quietschender Spielzeugkeyboard-Vibes und einer Fülle reichlich verschrobener ideen, die hier ein ausgezeichnetes Gegengewicht zu ihrer klanglichen Abrissbirne zwischen den Welten von Noise Rock und Synth Punk abgeben, die mich erneut an so einige Bands der Sorte Isotope Soap, Broken Prayer, Powerplant, Kerozine oder Beef denken lässt.
Eine saftige Sprengladung von Synth-veredeltem in-your-face Hardcore- und Garage Punk, der in einem Akt von seliger Renitenz den Karren geradeaus in den Abgrund fährt. Das ist was uns auf dem Debüt-Tape von Havana Syndrome aus Buffalo, New York begegnet. Einerseits hat das etwas von dieser entgleisten Lumpy And The Dumpers-Energie und einer schnörkellosen Attacke nicht unähnlich zu jenem Feed/Zhoop/Brundle/Djinn/Nightman/etc-Typen, aber ebenfalls fühle ich mich an eine ganze Tüte von variabel Egg-mäßigen Bands erinnert wie etwa Quitter aus Baltimore, die Italiener The Bad Plug, die griechische Eggpunk-Seuche Μπριτζολιτσεσ und außerdem ist da unbestreitbar auch ein Hauch von frühen Skull Cult oder Research Reactor Corp. mit im Spiel.
Die neuesten drei Minuten von Snarewaves-Lärm sind vielleicht das erste mal, das wir eine vorsichtige aber deutliche Modifikation ihrer Gewinner-Punkformel feststellen können insofern, als dass die ersten drei Tracks hier nicht nur das Tempo etwas zurücknehmen sondern auch ihr Klangbild ein bisschen entrümpeln so dass ich diesmal zu 90% sicher bin hier z. B. echte Gitarren zu hören und nicht, wie ich ursprünglich vermutet hatte, Bit-gequetschte LoFi-Samples. Dabei kann ich positiv berichten, dass ihr Songmaterial fähiger als je zuvor ist, ihren exzentrischen Sound auch dann zu tragen, auch wenn er weniger wild durch den Fleischwolf gejagt wird und sich weniger auf die verschleiernden und beschönigenden Effekte einer extra-knusprigen Ästhetik verlassen kann.
Die letzten paar Wochen hatten eine Fülle von starken 7″s und digitalen 2-Song-Veröffentlichungen auf Lager und ich bin schon wieder weiter im Rückstand mit der Bloggerei als geplant, weil diese Woche – neben meiner ständig unter Kapazität laufenden Birne – auch noch mit einen Familiären Notfall meine Aufmerksamkeit forderte, deshalb nehme ich mir mal die Freiheit, hier einfach die vier Stärksten davon zusammen in einem Post zu verbraten.
Die größte Überraschung davon war sicher die Debütsingle von Assembly, auf der die Band aus Atlanta ein breites, eklektizistisches Spektrum im Postcore, Noise- und Math Rock-Umfeld umspannt das von ’90er und 2000er Dischord-mäßigen Sounds etwa von Faraquet, Bluetip und Q And Not U über weitere ’90er Zeiterscheinungen wie Polvo, Braniac oderChavez hin zu mehr oder weniger aktuellen Noise Rock und Art Punk-Bands der Sorte Wax Chattels, Solderer, Body House, Haunted Horses reicht aber auch ganz besonders Spray Paint und den damit assoziierten späteren Acts Rider/Horse und During.
Die Australier Tee Vee Repairman – ja genau, win weiteres Projekt von Gee Tee’s Ishka Edmeades – setzten ihrer noch recht kurzen aber brillianten Diskografie ein weiteres Sahnehäubchen drauf mit einer neuen 7″, deren Songs man ohne Not als zwei ihrer Besten erachten darf von einer Band, deren schaffen jetzt schon nicht gerade arm an infektiösen Power Pop-Melodien war.
In eine verwandte Kerbe schlägt dann auch die neue 7″ von Smirk (aka Nick Vicario von Public Eye, Crisis Man und Cemento), die auch ihn dabei dokumentiert wie er sein Songwriting-Handwerk verfeinert und erweitert, dabei an Orte geht, die wir bisher noch nicht von ihm gesehen haben. Domestic Dog verschweißt dabei Anarcho- und Post Punk-Elemente der alten Schule mit einer unerwarteten ’77er Melodiösität und einer fast schon Television-mäßigen Weiträumigkeit. Jene zieht sich dann auch durch Manhunt in Paradise, das insgesamt ein bisschen klingt als wäre die jüngste Institute LP noch einen Schritt weiter gegangen in ihrer Art Punk-Eleganz.
Zu guter Letzt und in einem ziemlichen Kontrast zu den vorherigen Bands hier, haben wir noch ein Beispiel einer Band die uns schlicht und ergreifend mehr von ihrer gleichen alten Masche serviert, aber was für eine brilliante gleiche alte Masche das ist auf der neuen 7″ der New Yorker Shop Talk, die mich bisher noch mit jeder Veröffentlichung weggeblasen haben und auch mit dem neuesten Kurzspieler kann man nichts falsch machen. Museum Of Sex ist ein weiteres Beispiel für makellosen ’77-beeinflussten Punk mit diesem gewissen Dickies-Geschmack wohingegen das etwas filigraner gebaute Gaslight das Tempo etwas zurücknimmt und in einen ungleich melancholischeren Vibe getränkt ist, sowie einer zu gleichen Teilen Buzzcocks- und Replacements-mäßigen Qualität. Hammersong, nuff said.
Ich bilde mir gerne ein dass ich eigentlich eher wenig anfällig für rasende Fanboy-ismen bin und versuche die wenn’s geht zu vermeiden hier, aber das dies ist eine der wenigen Angelegenheiten wo ich meine Euphorie nicht zurückhalten kann angesichts einer neuen LP von einer einmaligen Band, die bereits solch massive Schockwellen durch das Garage Punk-Umfeld verursacht hat und die Messlatte siginfikant erhöht hat was catchy Popmelodien mit einem tiefen und einzigartigen Sinn für Melancholie betrifft… und all das, nachdem Jeff Burke und Mark Ryan sich zuvor schon als unbezahlbare Garage Punk-Lichtgestalten mit dem Genre-Bollwerk The Marked Men etabliert hatten. Ohne Umschweife behauptet sich der eröffnende Titelsong als ein weiterer Instant-Klassiker der unverwechselbaren Radioactivity-Schule und Watch Me Bleed führt den vertrauten Vibe nahtlos fort, bevor This One Time zum ersten mal das Tempo empfindlich drosselt und damit darauf einstimmt, was in weiten Teilen dieser Platte folgen wird, auf der die Band mehr als je zuvor ihren Sound in entspanntere, geradezu klassich powerpoppige Bahnen lenkt, ein Vibe der in Teilen sicher jenen schon bekannt vorkommen wird, die mit Jeff Burke’s Material auf den beiden Lost Balloons-Alben vertraut sind, aber insbesondere in der ersten Hälfte sind auch reichlich energischer rockende Momente vertreten, um auch alle Fans der ersten beiden LPs erneut zu verzaubern. Nun, für die meisten geringeren Punkbands wäre es generell eine schlechte Idee und eine hochdosierte Schlaftablette, mehr als die Hälfte eines Albums im Midtempo-Bereich anzusiedeln. Damit sowas funktioniert braucht es wahrlich überlegene Fähigkeiten in Sachen Songwriting und Arrangement und was soll ich sagen… macht Bekanntschaft mit Jeff Burke, einem der brilliantesten Songwriter der gegenwärtigen Punkszene, dessen unfehlbares Handwerk noch nie versagt hat und es auch hier nicht tut auf der vielleicht stärksten Radioactivity-Platte bisher. Aber ganz ehrlich, in einer so perfekten Diskografie ist es eigentlich kompletter Unsinn, einen Favoriten zu wählen.
Das ist mal ein irsinnig beeindruckendes Debüt dieser von Tokyo aus agierenden Band, die darauf einen perfekten Sturm entfesselt aus melodischem und gleichermaßen antriebsstarkem Noise Pop und Garage Punk mit einer unberechenbar freidrehenden kreativen Energie in seinem Kern, wo keine zwei Songs sich allzu sehr ähneln und das Ganze dennoch wie aus einem Guss erscheint wenn sie sich durch neun Instanzen von eingängigem Lärm iterieren, der so ungefähr zwischen den straighteren Klängen etwa von Dark Thoughts, Sonic Avenues, Bad Sports oder frühen Terry Malts einerseits alterniert, und den deutlich abgefahrer agierenden melodischen Attacken wie wir sie zuletzt etwa von Eye Ball und The Dumpies gehört haben.
Aus einzelnen euphorischen Reaktionen zu den bisherigen Shows dieser Band aus Melbourne und dem etwas unterwältigenden Eindruck, den ihre 2024er Debüt-EP auf mich gemacht hat schließe ich mal, dass sich die Band bislang etwas schwer damit tat, ihren Live-Sound überueugend in eine Tonkonserve zu übersetzen. Nun, ich kann nicht behaupten, dass das noch ein nennenswertes Problem wäre auf auf ihrer neuen Mini-LP, die ihren glitzernden Sound in einem durchweg angemesseneren Licht präsentiert. Jener erinnert mich ein wenig an den psychedelischen, unterschiedlich Surf-infizierten Garagenrock von Crystal Stilts und Disappears, vermischt mit einer Note von frühen No Age und vielleicht auch alten White Fence ebenso wie den exzentrisch-monotonen Fuzz-Eskapaden von City Yelps und der sphärischen, abstrakten Post Punk-Melancholie von Kitchen’s Floor oder Mother’s Milk… Eine quirlige Mischung, das ist klar, aber das Zeug funktioniert hier ganz vortrefflich und selbst wenn sich die Band im langsamen Mittelteil der Platte in die akute Gefahrenzone begibt, den Bogen ihrer luftigsten Qualitäten zu überspannen, geht die Wette auf von einer Klangstruktur, die ich auf den ersten Blick doch als schwer Einsturzgefährdet einordnen würde.