Retired Boxer – Decay

Erneut ein hochwertiges Artefakt der Berliner Post Punk-Szene von vermutlich mal wieder einer durchaus etablierten Figur in jenem Feld, aber so geheimnisvoll wie man in diesen Kreisen zu agieren pflegt lässt sich auch hier nur mutmaßen wer jetzt schon wieder hinter diesem geradezu pervers düsteren, minimalistischen Brocken aus Dunkelheit steckt von dem eine seltsam gedämpfte, klaustrophobische Atmosphäre ausströmt, die mich nach Luft schnappen lässt. Die offensichtlichsten Vergleiche die mir da einfallen wären einige ältere Sachen von DBR / Dee Bee Rich oder vielleicht eine komplett sedierte Version von Bands wie Exit Group, Red Gaze, Imposition Man, Pigeon und späten Diät.

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Marbled Eye – Forever

Ich sag's mal ganz unverblümt: Der Opener der neuen Marbled Eye EP, wenngleich auch kein Totalausfall, gehört nicht zum hellsten was die Band aus Oakland bislang hervorgebracht hat und fühlt sich irgendwie dieser Band nicht ganz würdig an mit den üblichen Anzeichen von durchschnittlicher bis fauler Post Punk-Songkonstruktion wie etwa dieser willkürlichen Abfolge ziemlich abgestandener, durchgenormter Riffs und Genre-Tropes und die hier leider ebenfalls ziemlich uninspirierte Anwendung von polyrhythmischen Appregios - auch so ein typisches Klischee das man in dieser Form sonst eher von jungen, unerfahrenen Bands hört - drückt bei mir auf all die falschen Knöpfe in einem Song, dessen verstreute Einzelteile sich einfach nicht zu etwas kohärentem zusammenfügen wollen. Glücklicherweise ist dann aber alles was darauf folgt ungleich inspirierter, durchdachter und ausgefeilter - die restlichen fünf Songs zeigen genau die Eleganz und Detailverliebtheit in Sachen Songwriting und Arrangements die man von diesen Veteranen im aktuellen Post Punk-Umfeld erwartet, die es ja mit ihrer voherigen Read The Air EP tatsächlich noch mal fertiggebracht haben - fast ein Jahrzehnt in ihrem schon immer brillianten Schaffen - einen ganz neuen Qualitätslevel zu erklimmen. Diese EP klingt daraufhin ein bisschen wie ein goldener Mittelweg zwischen jener kunstvoll gehaltenen Balance und dem unmittelbaren Impact ihres früheren Schaffens. Ein würdiger Nachfolger eigentlich, wenn man den wackeligen Anfang ignoriert.

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The Broom – The Broom

Die rastlose Leipziger Szene ist mal wieder am Werk mit diesem schnieken neuen Tape voller moderat eieriger Garage Punk-Qualitätsware, die einerseits doch recht komfortabel in den Rahmen durchweg etablierter Genre-Parameter passt aber nichtsdestotrotz aus der Masse heraussticht dank der Stärke und Konsistenz des Songmaterials, aber nicht zuletzt auch einer subtilen, leicht schmierigen '70er Dad Rock-Kante und einer unaufhaltsamen Antriebskraft, die mich unter anderem an so älteren Scheiß wie Kid Chrome oder S.B.F. erinnert. Der Scheiß versucht hier nichts neues, aber trifft alle richtigen Nerven für mich und hat von Anfang bis Ende ausschließlich Hits an Bord.

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Eye Ball – Curls

Wow, eine neue Eye Ball-EP die über vier Minuten lang ist... absolut episch im Vergleich zur letzten EP Of The Northern Americas, die uns drei Songs in unter einer Minute unterbreitete. Wie auch immer, diese vier neuen Songs haben alles von der unvorhersehbaren, chaotischen Brillianz mit der sich die Band in unsere Herzen gespielt hat und nicht zuletzt diesem sicheren Händchen für eingängige, melodische Songminiaturen, präsentiert in einem fuzzigen LoFi-Sound der für ihre kurzen Fuzz Pop-Songexplosionen wie maßgeschneidert wirkt.

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Useless Eaters – Music For Clout // G2k – Concept

Ein stetiges Getröpfel neuer Songs auf ihrer Bandcamp-Seite hat schon länger angedeutet, dass da was neues auf uns zukommt von dieser unverzichtbaren Säule der 2010er Garage Punk-Szene aber dennoch fühlt man sich etwas überrumpelt von dieser neuen LP, die ohne explizite Ankündigung digital auf Bandcamp abgeladen wurde und irgendwan in diesem Jahr auch noch eine Vinyl-Veröffentlichung auf Total Punk Records bekommen soll. Ebenso schwebt auch die Frage über dieser Platte - nach ihrer glorreichen Rückkehr als Liveband im letzten Jahr - inwiefern Useless Eaters hier eigentlich als Band fungieren angesichts dieser elektrolastigen Heimstudio-Qualität, die diese Songs durchzieht und freimütig auf klassische Dub-Techniken, Synths und Drum-Samples zurückgreift, ansonsten aber doch seltsam Gitarrenzentriert erscheint. Klingt alles mal sehr danach, als ob sich Seth Sutton hier Solo im Studio austobt. Nicht dass es eine große Rolle spielen würde, resultiert es doch in einer durchaus faszinierenden Platte, die eine unerwartet surreale Spiegelversion von Useless Eaters präsentiert. Angenehm vertraut in manchen Aspekten aber auch ein bisschen eine Neuerfindung ihres Sounds, klingt das nur wenig nach irgendwas das sie zuvor schon mal unternommen hätten in seiner abstrakten, kalten Herangehensweise, einem unübersehbaren Industrial-Feel, der hier kompromissloser rüberkommt als selbst die exzentrischeren Ausläufer ihrer bisherigen Diskografie.

Ähnlich unverhofft kam übrigens ein paar Tage zuvor die Debüt-EP von G2K daher, einer Band die soweit ich das vermuten kann eine Kollaboration zwischen Sutton und Sal Go von der Washingtoner Band Sexfaces darstellt. Wie auch immer, die Songs klingen wie ein ausgezeichnetes Begleitmaterial zur Useless Eaters LP und teilen so einiges von dessen roher Produktionsästhetik, betätigen sich ansonsten aber in einer ungleich roheren und primitiven Schule von Garage-, Art- und Proto Punk-beeinflusstem Lärm, verhüllt in einen aus diesem Universum angenehm vertrauten, psychedelischen Nebel.

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Providers – Demo

In einer Woche geprägt von unerwarteten Bandcamp-Drops kommt hier ein weiterer seiner Art, welcher diesmal den Weg zu uns findet über die Bandcamp-Seite der folkigen Post-Punker Chronophage aus Austin, Texas. Soweit ich es erkennen kann handelt es sich bei Providers um eine New Yorker Band und die klanglichen Parameter ihrer auf spanisch gesungenen Songs sind eine etwas schräg anmutende Mischung aus klaren Oi!-Einflüssen einerseits, aber auch reichlich von einer alten Mitt-'80er Punk, Indie- und College Rock-Qualität mit Echos so unterschiedlicher Bands wie klassischen Hüsker Dü, späten Naked Raygun, Dinosaur Jr., Angst und The Replacements, ihre melodien und Arrangements aufgeladen mit einer Melancholie die ebenso typisch ist für jene Ära wie sie gleichsam auch an eine kurze Phase der frühen 2010er erinnert, in der so Bands wie Milk Music, Happy Diving und California X für ein kurzlebiges Revival dieses Sounds gesorgt hatten. Ebenfalls lassen sich aber auch einige Elemente des melodischen Fuzz Punk und Noise Pops in etwa der gleichen Ära erkennen von so Bands wie Male Bonding, Joanna Gruesome, No Age und Wavves.

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Jay Veil – Terrified

Eine nette neue EP von einem Typen aus Harrisburg, Pennsylvania, der bereits eine ordentliche Menge an Gerümpel angehäuft hat auf seiner Bandcamp-Seite aber ehrlich gesagt zündet nichts davon so unmittelbar wie sein neuester Kurzspieler, der mit vier so tadel- wie schnörkellosen Beispielen des geradlinigen (Garage) Punk-Songwritings brilliert. Der Selbstbeschreibung als "first wave punk revival" würde ich dabei aber etwas widersprechen, erinnert mich das trotz einer leichten '77er Unterströmung doch stärker an die 2000er und '10er Garage Punk-Ära mit klaren Echos von, sagen wir mal, solo Jay Reatard, Dark Thoughts und ganz besonders den frühen Liquids, neben vielen anderen.

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The UTI’s – Migraine Music

Die vorherige EP This Has To Be Hell hat's für mich noch nicht so ganz gebracht aber ihr konsistenterer, besser ausgearbeiteter Nachfolger ist jetzt doch sicher mal 'nen Blogpost wert, ein relativ weirder Bastard zwischen leicht eierpunkigem Synth-Gequietsche und fuzzigem Space Punk etwa der Corpus Earthling oder Zoids-Machart. Da passiert nichts schrecklich schlaues oder originelles, aber der Scheiß weiß dennoch zu überzeugen dank einer unbeirrt-entschlossenen Hingabe an ihre ausgesprochen simpel gestrickte Klangformel.

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Auditing – Pinged

Die 2025er Modern Tension EP dieser aus der Asche der psychedelischen Garage- und Post Punk-Sensation Mononegatives entstandenen Band aus London, Ontario war bereits eine vielversprechende, wenn auch noch etwas chaotische, inkonsistente Angelegenheit. Diese zwei neuen Songs signalisieren jetzt einigen Fortschritt für die Band mit einer ausgefeilteren Herangehensweise an ihr Songwriting und einem fokussierteren, gut ausbalancierten Sound, der sich deutlich stärker in die Post Punk-Richtung reinlehnt als in die Garage Punk-Attacken alter Tage für eine Ästhetik, die nicht viel weniger weniger nebelig und abgespaced klingt als die alten Mononegatives Platten, aber gleichzeitig einen ganz eigenen, neuen Pfad betritt der eher ein paar oberflächliche Gemeinsamkeiten mit aktuellen Post Punk-Acts der Sorte Corker, Marbled Eye oder Tube Alloys nahelegt.

Subtle Turnhips – Septentinoriel

In einem kulturellen Umfeld von sich rapide wandelnden musikalischen Trends und Hypes und einem sich unnachgiebig drehenden Promo-Hamsterrad in den Sozialen Medien, dessen Zielgruppe nicht Menschen sind sondern ein Algorithmus… da hat es immer etwas heilendes eine Band wie diese zu Verfolgen, die sich komplett unbeeindruckt zeigt von der modernen Aufmerksamkeitsökonomie, die selbst schon ein gutes Jahrzehnt älter ist als dieses Blog und nach zweieinhalb Dakaden immer noch ihre ganz eigene abgefuckte Muse verfolgt. Erwartungsgemäß teilt sich auch die neueste LP viele der Quirks und Qualitäten die wir an dieser Band zu schätzen gelernt haben und ihrem Art Punk, der jederzeit gleichermaßen krude und catchy rüberkommt, bei alldem aber auch immer reichlich Abwechslung besorgt und so einige schlaue Ideen unter der primitiven Oberfläche verbirgt. Mögliche Einflüsse könnten sich dabei von uralten Krawallerzeugern wie Half Japanese, The Membranes, Feedtime, The Fall erstrecken, über diverse mit altem No Wave verbundene Artefakte oder auch ein paar krautige Spielereien, bis zu jüngeren, essenziellen Garage-Klassikern der Sorte The UV Race oder Eddy Current Suppression Ring. Aber ehrlich gesagt wäre es inzwischen einfach unangebracht, Subtle Turnhips nicht als die ganz ureigene und kompromisslose kreative Gewalt zu betrachten, als die sie sich wiederholt unter Beweis gestellt haben und auch diese Platte ist nicht weniger als ein weiterer sofortiger Klassiker für Freunde des etwas schrulligeren Garagenlärms.

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