Tethered – Tethered

Diese Londoner sind ein irgendwie rar gewordenes Biest dieser Tage als eine Band, die sich kopfüber in eine Ästhetik des frühen Post- und Emocare, sehr grob zu verorten zwischen den mittleren der Achtziger- und Neunzigerjahren mit so Bands wie Rites Of Spring, Moss Icon, Drive Like Jehu, frühen Unwound, Squirrel Bait… you name it, aber gleichzeitig behauptet sich die Band als absolut eigenständige Kraft mit sorgsam ausbalancierten, durchdachten Songstrukturen und Arrangements, wo viele andere sich schon mit einem blutarmen Neuaufguss der grundlegenden Genreklischees zufrieden gäben. Nun kann ich mir zwei Arten vorstellen, wie ihr darauf reagieren werdet. Entweder habt ihr schon lange ein tiefe Abneigung entwickelt für alles was auch nur ansatzweise diverse *mo-Subgenres tangiert. Das ist durchaus wahrscheinlich wenn deine erste Bekanntschaft mit dem Genre in den späten 90ern oder später stattfand und ich kann es niemandem übelnehmen angesichts der oft sehr grausigen Dinge, die seither jenem Genre entsprangen. Oder aber du bist dir bewusst, dass da viel mehr Substanz drin steckte in den frühen Jahren, lange bevor Emocore in seine schon seit langem zu tode memifizierte Klischee-Phase überging. Wenn das jetzt alles lateinisch oder chinesisch für dich klingt, will ich dich ermutigen, mal vorsichtig in die frühen Post- und Emocore-Jahre einzutauchen und Zeuge der entfesselten kreativen wie auch physischen Energie zu werden, die viele der Genre-Pioniere gemeinsam hatten. Wie auch immer, lange Rede kurzer Sinn, das ist guter Scheiß hier!

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Orrendo Subotnik – Orrendo_3

Auf bisherigen Veröffentlichungen wurde die Musik dieser Band aus Pisa, Italien immer verschleiert von einer dicken Schicht aus Fett und Ruß, aber die dreckigen Klangparameter konnten niemals über die rohe Brillianz hinwegräuschen, die sich unter all dem Gerümpel verbarg. Auf ihrer neuesten EP haben sie zum ersten mal ihre Produktionswerte eben genug aufpoliert um ihre exzentrischen Post Punk Mikro-Epen aus den Schatten rauszuholen und bestätigen den Verdacht, dass jene keineswegs den offenbarenden Blick unter hellem Tageslicht zu fürchten brauchen. Beginnend mit Vibes nicht unähnlich zu Surf-infizierten Noise Pop und Fuzz Punk-Bands der frühen 2010er wie Male Bonding, frühen Wavves, No Age, Times Beach, Tiger! Shit! Tiger! Tiger! oder, erst kürzlich, Shooting Losers, dauert es aber auch nicht lange bevor ihre Songs dazu einen Schlag von Post Punk des vergangenen Jahrzehnts entwickeln à la Die! Die! Die! und Piles, aber auch ungleich rohere und schrägere Punk-Phänomenen wie Dumb Vision, Piss Wizard und Pink Guitars wären nicht zu weit hergeholt als Vergleiche. Abrundend ist dann noch ein unverwechselbarer Hauch von mitt-’90er bis früh-2000er Postcore mit dabei, jene Sorte die komplett schambefreite Menschen tendenziell als Screamo bezeichnen würden, aber lasst euch ein für alle mal sagen dass dieses Label für jede gute Band an Beleidigung grenzt. Also nein, das ist kein Screamo und fick dich wenn du auch nur daran dachtest, dieses Wort in den Raum zu werfen.

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Osis – Osis

Die Debüt-EP dieser Band aus Boston, Massachusetts suhlt sich regelrecht in einer unverfrohren altmodischen Pfütze aus oldschool Punk, Hard- und Postcore mit einer unterschwelligen Garage-Kante, einem Klangkostüm das so einige Akteure der frühen D.C. Postcore-Ära wie Gray Matter, Government Issue, Embrace, Rites Of Spring, Fire Party aber auch etwas abseitigere Westküsten-Bands á la Really Read, Tragic Mulatto und frühe Saccharine Trust heraufbeschwört, ausbalanciert mit ein paar leichtfüßigeren, straighter rockenden Momenten, die ein bisschen an klassische Germs- und Adoloscents-Schule denken lassen.

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Puddy Knife – Flowers

Das englische Label Noise Merchant Records hat jetzt die Debüt-EP dieser Band aus Spokane, Washington als Kassette wiederveröffentlicht, die ich im letzten Winter entweder übersehen oder ziemlich dumm ignoriert haben muss. Darauf injizieren sie eine Spur von frühen Superchunk oder Dinosaur Jr. in einen Sound, der anderweitig aber primär auf einer Linie ist mit den ersten und zweiten Emocore-Wellen, dabei alle Basics perfekt auf die Reihe bekommt und mit Schmackes die Tropes und Konventionen reproduziert, die das Genre ursprünglich mal zu einer spanneneden und mitreißenden Angelegenheit gemacht haben, dabei aber all die Fallstricke umgeht, die es später zu einem verdammten Witz und einer Sammlung armseliger Klischees mutieren ließen. Das Songhandwerk hier ist ebenfalls eher basic, aber selbstbewusst und trittsicher genug um mich als Hörer auf Zack zu halten, auch wenn Puddy Knife hier, wie ihr sicher schon geschlussfolgert habt, nichts neues zum Genre hinzufügen. Vielmehr ruft diese Platte erfolgreich in Erinnerung, wie viel Spaß und Energie der althergebrachte Emocore einmal zu transportieren vermochte und immer noch kann, wenn man ihn nur mal vom angehäuften Ballast aus Mall Punk Clown-Cosplay und performativem Selbstmitleid entledigt.

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Pleaser – Pleaser

Nach einem unerhört spannenden 2021er Demo legt die Band aus Kopenhagen ein nicht weniger aufregendes Debütalbum nach. Einerseits ist das ein seltsam vertrauter Sound, in dem die lokalen Legenden Lower und (frühe) Iceage sicher ihren Fingerabdruck hinterlassen haben – einen ähnlichen Vibe aus überlebensgroßem Drama hat das, welches sich in chaotisch-emotional-kompromisslosen Performances entlädt – zusätzlich zu weniger bekannten Kopenhagener Bands wie Melting Walkmen, Echo People und Spines. Andererseits steht das aber auch fest auf eigenen Füßen nicht zuletzt dank felsenfester Songfundamente und einer Fülle netter Überraschungen wie den Black Metal-Anleihen im Instrumental The World Says Its Name, einem deutlichen Morricone-Vibe und Murderer-artigem psychedelischem Cowpunk-Nebel in Drive of Distress, während Light and Fire und This Is How I Die einen gewissen Poison Ruïn-Vibe in sich tragen. Zu guter letzt kollidiert dann im Rausschmeißer-Track The Dream ordentlich viel Rites of Spring- und Dag Nasty-Energie mit etwas 90er Samiam, Leatherface sowie geringfügig jüngeren Noisepop-Acts á la Star Party, Times Beach, No Age, Male Bonding oder Joanna Gruesome.

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Wetnap – Gnarled

Das Langspieldebüt dieser Band aus Tokyo fühlt sich ungefähr an wie eine Rundreise durch die schrammeligsten, melodischsten Ecken des Indie Rock, Noise Pop, Post- und Emocore der späten 80er bis 90er – das beschwört klar den Geist von Bands wie Polvo, Superchunk, Unwound, Bitch Magnet, Lync, Dinosaur Jr. und noch vielen anderen herauf, mit der gelegentlichen Dosis Slint obendrein und ein paar Shoegaze-Momenten die besonders was von Swervedriver haben. Das alles, abgefüllt mit angemessen räudigen LoFi-Produktionswerten, ist in seiner unverdünnten Konsequenz eine in jüngerer Zeit ziemlich rare und deshalb auch besonders erfreuliche Angelegenheit geworden.

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Politics Of Jam – Heaven And Earth Magic

Diese EP von Politics Of Jam aus Miami ist ein astreiner Flashback zum Post-/Emocore der mittleren/späten 80er mit klassischem DC-Einschlag. Wer jetzt an Dag Nasty, Rites of Spring und Embrace denkt, liegt auch genau richtig. In der zweiten Hälfte wird außerdem noch etwas Boston in den Mix geworfen, in Form eines gewissen Moving Targets-Vibes.

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Fluid To Gas – …On Air

Fluid To Gas aus Bonn haben ihren Postcore schon gespielt zu einer Zeit, da wusste meine dumme, kleine Teenagerseele noch gar nicht was Postcore ist. Oder Hardcore überhaupt. Punk? War ein Begriff, aber ich noch nicht auf den Geschmack gekommen.

Das letzte Album der Band war von 2006. Hätte ich eigentlich mitkriegen können. Dummerweise war ich da mit ganz anderen Problemen beschäftigt, hatte gerade meine Plattensammlung verkauft, erholte mich langsam von einem sowohl Psychischen als auch materiellen Zusammenbruch, übernachtete auf ’ner Isomatte in einem Büro und fragte mich, wie zum Henker ich jetzt wieder ein festes Dach über’m Kopf organisiert bekomme. Keine Kapazitäten frei um eine wenig bekannte Band aus der ehemaligen Hauptstadt für mich zu entdecken.

Schlechtes Timing zum dritten: Zehn Jahre später veröffentlichen Fluid To Gas eine neue EP, zu einer Zeit, in der sich das Zielpublikum für klassischen Postcore praktisch in Luft aufgelöst hat. Oder auch gutes Timing: Ich bin noch da und höre jetzt zum ersten mal zu. Und mit dem, was ich da höre kann ich mich durchaus anfreunden. Postcore, der alten Männern Spaß macht und auch ein bisschen so klingt als wäre die Zeit irgendwann in den Neunzigern stehen geblieben. Zum Beispiel hat das so einiges von Shudder To Think, von Jawbox, Smart Went Crazy oder Q And Not U, plus vereinzelte Einsprengsel vom Emocore der ersten und zweiten Welle. Geht klar, das. Und in zehn Jahren gerne wieder!


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Subliminal Control – Times Like This

Melodischer, oldschooliger Hardcore/Ur-Emocore aus Broward County, Florida. Das wär im Washington der mittleren bis späten Achtziger auch nicht weiter aufgefallen. Man darf sich durchaus an Embrace oder Dag Nasty, vereinzelt auch mal sin Swiz erinnert fühlen.

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Kaiju Bombers – Is This F##king Edgy Enough

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Erfrischend, das Debütalbum von Kaiju Bombers aus Vancouver. Und zwar deshalb, weil es ein vom Aussterben bedrohtes Gewächs repräsentiert: Emocore von der ungeschliffenen Sorte mit folkigem Unterton und überwiegend ohne den ganzen Bullshit, der das Genre in späteren Jahren so zur Lachnummer gemacht hat. Die rohe Energie von Rites Of Spring trifft auf den melodischeren Mittneunziger-Style und etwas alte Saddle Creek-Schule.



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