Cheap Whine – Cheap Whine

Melancholisch-melodischer Punkrock mit Garagenvibe auf dem Debüt einer Band aus Ottawa, bestehend aus Mitgliedern von Feral Trash, Crusades und Steve Adamyk Band (the man himself!). Nach letzterer klingt die Platte dann auch etwas, außerdem auch sehr an Marked Men/Radioactivity, Red Dons und an alte Klassiker á la Undertones und Buzzcocks. Garantiert nichts neues unter des Sonne, aber die Songs überzeugen und das alte Arschloch Punk kann durchaus noch eine Platte davon verkraften.



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Sheer Mag – Need To Feel Your Love

Bin ich froh, dass es diese durch und durch ungewöhnliche Band gibt. Eine Band, die der DIY-Punkszene entspringt, aber sich nicht von dessen selbst auferlegten ästhetischen Konventionen davon abhalten lässt, Stilelemente aus altem Hard- und Southern Rock aufzugreifen, sie dem Kontext von hypermaskulinem Rockstar-Gehabe zu entledigen und mit lyrischen Inhalten von politischer Agitation und brennender Leidenschaft aufzuladen. Und egal wie knapp sie dabei manchmal die Kitsch-Falle um eine Haaresbreite verfehlen, alle Worte aus dem Mund von Tina Halladay (meines Erachtens eine der großartigen Vokalistinnen unserer Zeit) kaufe ich ihr ohne Vorbehalte ab.

Es fällt mir gerade schwer die Platte zu genießen, ohne dabei den Kontext der jüngeren Ereignisse in Hamburg im Hinterkopf zu haben.
Und dazu sag ich mal herzlichen Dank auch, Leute. Ihr habt jetzt die perfekte Anti-Werbung für euer Anliegen gemacht und der Bundespolitik ein tolles Argument in die Hand gegeben, linken Protest zu verhindern, zu dämonisieren und generell in ein schlechtes Licht zu rücken. Ich hoffe, ihr habt euch dabei super-männlich gefühlt und habt ’nen guten Adrenalin-Kick beim Fangenspielen mit der Polizei bekommen. Der Backlash vom Staat wird nicht lange auf sich warten lassen. Viele Menschen, die eigentlich auf eurer Seite stehen, werden sich jetzt doppelt überlegen ob sie zusammen mit euch auf der nächsten Demo sein wollen. Und viele Menschen mit einem weniger gefestigten politischen Weltbild werden sehr zögern, bei der nächsten Wahl für eurem Anliegen mehr oder weniger nahe stehende Vertreter zu stimmen. Weil sie „links“ jetzt mit Bildern von Gewalt und sinnloser Zerstörung assoziieren. Eine super Aktion war das.

Aber gerade in dieser aufgeladenen Stimmung finde ich Sheer Mag und ihr exzellentes Debütalbum so erfrischend und wichtig. Denn auch wenn sie sich in ihrer Rhetorik an Bildern von fliegenden Flaschen und Steinen bedienen (und es hängt vom einzelnen Hörer ab, ob er diesen Aufruf wörtlich oder symbolisch verstehen will), verlieren sich die Songs im Gesamtbild nicht in platter Kampfrhetorik, sondern setzten der Wut und der politischen Mobilisierung auch ein großes Maß an Menschlichkeit, Verletzlichkeit und Empathie entgegen. Die Liebe ist schon Titelgebend und die Platte besteht zu gleichen Teilen aus Protest- und Lovesongs. Oft auch beides auf einmal. Zwischen den Zeilen rufen diese Songs dazu auf, den Mitmenschen liebe- und verständnisvoll zu begegnen. Menschen zu vereinen, so unterschiedlich ihr Lebensstil, ihr Aussehen und ihre Vorlieben auch sein mögen. Und es dabei nicht zu vergessen, symbolische Flaschen und Steine auf die menschenfeindlichen Strukturen eines scheiternden Kapitalismus zu werfen. Oder um es mal in den Worten eines alten Fritz Lang-Schinkens auszudrücken: „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein.“ Rage against the machine. Love against the machine.
Wenn ich es derzeit einer Band wünsche durch die Decke zu gehen, dann dieser. Dass ihre Musik viele Menschen bewegt, vereint und zum Nachdenken bringt.



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Flowers Of Evil – City Of Fear

Das zweite Album der Band um Crocodiles-Sänger Brandon Welchez gefällt mir mal wieder um Längen besser als das, was seine andere Band in vergangenen Jahren so fabriziert hat und knüpft nahtlos da an, wo das Debütalbum vor zwei Jahren aufgehört hat: Oldschooliger Hardcorepunk trifft hier auf staubtrockene Garagepunk-Riffs, einen gelegentlichen Hauch von postpunkiger Dissonanz und es weht kein Wind von 1976 1977. Auch der Vergleich zu frühen Teenanger und Video trifft immer noch zu.



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Pinkbatts – Marrickville Bowling Club

Das erste Lebenszeichen dieser Band aus Sydney kommt in der Form eines Lo-Fi-mäßigen Mitschnitts aus der titelgebenden Location. Der macht mit seiner wunderbar ungewaschenen Mischung aus Noise, Sludge und (Post-)Punk schon ganz schön neugierig und lässt hoffen, dass wir das Material in naher Zukunft auch mal in etwas höherwertigen Recordings zu hören bekommen.


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Needles//Pins – Good Night, Tomorrow

Mit ihrem dritten Langspieler treffen Needles//Pins aus Vancouver für meinen Geschmack zum ersten mal so richtig den Nagel auf den Kopf. Klassische Jawbreaker-Schule trifft hier auf die stadionkompatiblen Hymnen und Americana-Einflüsse von Beach Slang und ähnlichem Zeug; außerdem auf die rohe Emotionalität von alten Leatherface, Samiam oder Hot Water Music. Die geballte Songpower der Replacements. Das ist natürlich alles andere als neu und unzählige Bands versuchen sich daran. Aber Needles//Pins zeigen hier in zwölf tadellosen Songs ganz eindrucksvoll, wie man sowas richtig macht.



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Radioactivity – Infected / Sleep 7″

Das neue Lost Balloons Album ist noch kaum verarbeitet, da gibt es auch schon wieder neues Material von Jeff Burke mit seinem derzeitigen Hauptprojekt Radioactivity zu zu vermelden. „Neu“ ist dabei aber relativ zu verstehen, denn die zwei Songs der 7″ hat Burke bereits im Jahr 2011 geschrieben, als er gerade in Japan wohnte und unter dem unmittelbaren Eindruck des Tōhoku-Erdbebens stand. (Die Zeit in Japan hat er übrigens auch nicht tatenlos verbracht…) Beide Songs gehören mühelos zum stärksten Material im eh schon grandiosen Katalog dieser Band.

Telecult – Waiting

Schöne Debüt-7″ einer Band aus Paris. Der bittersüße Punkrock darauf vermag an Bands wie Short Days, Red Dons oder Radioactivity zu erinnern.

The Bug – Humbug; or, So Many Awful Things

Die dritte EP der Punks aus Chicago ist mal wieder der zu erwartende Tritt in die Weichteile, ihre derbe angepisste Feelbad-Musik aus den Grundzutaten Hardcore, Noise und ein ganz klein wenig Postpunk ist nach wie vor nix für Sonntagskinder.


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Sick Thoughts – Songs About People You Hate

Sick Thoughts, die Band um Frontmann DD Owen, ist wohl mitunter eine der produktivsten Songschleudern der aktuellen Garagepunk-Szene; die Formation hat in den vergangenen vier Jahren neben ihrem Debütalbum gleich eine zweistellige Nummer an EPs und 7″s rausgehauen. Der gute Mann hat im vergangenen Herbst das sinkende Schiff verlassen und seinen Wohnsitz von New Orleans nach Helsinki verlegt. Viel wird sich dadurch vermutlich nicht ändern, hat sich das Lineup der Band in der Vergangenheit doch eh öfter erneuert als Herr Owen seine Socken. Das aktuelle zweite Album hat er aber noch in den Staaten mit alten Mitstreitern aufgenommen. Und gar nicht überraschend gibt es darauf konsequent primitiven, bis zum Anschlag angepissten Garagepunk mit starker 77er Kante zu hören, der von einer rauen und explosiven Performance zusammengehalten wird. Viele versuchen das, aber nur wenige können sowas wirklich überzeugend rüberbringen.



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