Fauler Herbstloch-Aufholpost

Diese Woche war eine Woche der kleineren (aber wohlbemerkt ausgezeichneten) Releases und ich bin sowieso mal wieder im Verzug mit dem Bloggen, daher mach ich es mir mal einfach hier und verpacke den Krempel in einem einzigen Post, okay?

Fangen wir an mit leckerem neuem Hardcorezeug von den Silo Kids aus Hattiesburg, Mississippi, die auf ihrem neuesten Tape erneut den Ruf ihrer unscheinbaren kleinen Stadt untermauern als eine derzeitige Hochburg des einfallsreichen und verschrobenen Hardcore Punk, der sich weigert allzu sehr nach den etablierten Regeln und Mustern zu spielen.

Bei Power Pants aus Winchester, Virginia weiß man hingegen schon recht genau was man von einer neuen Veröffentlichung zu erwarten hat und außerdem, dass die nächste davon auch nicht lange auf sich warten lassen wird (auch ihre letzte Cassingle CS5 ist noch keinen Monat alt). Die neue PP11 EP erklimmt aber doch tatsächlich noch mal ein neues Level für die Band in einer Discografie, die hier und da schon mal etwas redundant klingen mag. Nicht dass sich hier fundamental etwas geändert hätte in ihrem melodischen Garage Punk-Sound, aber das hier sind ohne Frage einige der kräftigsten und rundesten Tunes ihres bisherigen Schaffens.

Scrawlers aus Tacoma, Washington schlagen dann in eine durchaus verwandte – wenngleich auch viel rohere und Fuzz-getränkte – Kerbe von einfach gestrickten und super-effektivem Garage Punk, zu dem etwa Freunde von S.B.F., Kid Chrome, Gobs oder Robbie Thunder mit Sicherheit zustimmend abnicken werden.

Thyroids aus Dallas, Texas sind jetzt auch schon eine ganze Weile unterwegs aber haben erst im laufenden Jahrzehnt mal so richtig Fahrt aufgenommen mit einem Sound, der immer unberechenbarer zu werden scheint und sich einer klaren Einordnung verweigert. Mehr als je zuvor trifft das auch auf ihre neueste 2-Track-Single zu, auf welcher Elemente von Garage- und Synth Punk, Noise Rock und -Pop sowie einer Prise Eggpunk aufeinander treffen und äußerst belebende chemische Reaktionen auslösen.

Zu guter Letzt wäre dann auch noch eine neue Snarewaves EP zu erwähnen. Die hat etwas über anderthalb frische Minuten von ihrer patentierten Elektropunk-Formel an Bord, die so verblüffend einfach wie auch abgefahren und ziemlich eigenständig in der aktuellen Landschaft daher kommt und obwohl man jetzt eigentlich denken sollte, dass der Krempel irgendwann mit dem Gesetz der sinkenden Erträge kollidieren muss, macht mich bisher jede neue Veröffentlichung nur hungrig aud noch mehr von dem guten Scheiß.

Album-Streams →

Electric Prawns 2 – Back Off Track

Ich war noch nicht so ganz überzeugt von der Vorabsingle Hariry Man mit ihren bluesigen Hard-/Dad Rock-Vibes aber verdammt, wird diese neue LP der Band aus Moffat Beach, Australien mal nicht nur mit jedem Song stärker (obendrein funktioniert Hairy Man auch viel besser im Album-Kontext als auf sich alleine gestellt), sondern hat auch mitunter einiges von ihrem stärksten Material an Bord. Die folgenden Songs Beef und Fire haben ordentlich was von einem oldschool Useless Eaters oder Pow!-Feel, während Out Of Touch dann graduell den psychedelischen Nebelfaktor erhöht wie wir es so am ähnlichsten bisher auf ihrer vorangegangenen Perspex LP gehört haben, bevor sich im ersten Teil von Hell letztendlich die Schleusentore der überfließenden, catchy-as-fuck Garage Punk-/Fuzz Pop-Glückseligkeit öffnen wie sie es früher oder später ganz unfehlbar auf jeder Electric Prawns 2-Platte tun. Der zweite Zirkel der Hölle (oder handelt es sich eigentlich um zwei Songs, beide Hell betitelt?) schleppt all das genannte mit und verbindet es mit einem leicht campy angehauchten Goth-Unterton nicht unähnlich zu jüngeren Power Plant-Veröffentlichungen. Weitere nennenswerte Highlights sind der Knall aus ultraklassischem Aussie-Rock’n’Roll namens Piece Of Me und der gleichermaßen melodische wie auch Blues-getränkte Bubbelgum-Vibe von Waste. Alles zusammen mag ganz plausibel mal als ihre beste Platte bisher durchgehen. Wer hätte es gedacht, es ist stellt sich selbst für diese Band als gar nicht die schlechteste Idee heraus, eine LP von gewöhnlicher Laufzeit aufzunehmen.

Album-Stream →

Orrendo Subotnik – Orrendo_3

Auf bisherigen Veröffentlichungen wurde die Musik dieser Band aus Pisa, Italien immer verschleiert von einer dicken Schicht aus Fett und Ruß, aber die dreckigen Klangparameter konnten niemals über die rohe Brillianz hinwegräuschen, die sich unter all dem Gerümpel verbarg. Auf ihrer neuesten EP haben sie zum ersten mal ihre Produktionswerte eben genug aufpoliert um ihre exzentrischen Post Punk Mikro-Epen aus den Schatten rauszuholen und bestätigen den Verdacht, dass jene keineswegs den offenbarenden Blick unter hellem Tageslicht zu fürchten brauchen. Beginnend mit Vibes nicht unähnlich zu Surf-infizierten Noise Pop und Fuzz Punk-Bands der frühen 2010er wie Male Bonding, frühen Wavves, No Age, Times Beach, Tiger! Shit! Tiger! Tiger! oder, erst kürzlich, Shooting Losers, dauert es aber auch nicht lange bevor ihre Songs dazu einen Schlag von Post Punk des vergangenen Jahrzehnts entwickeln à la Die! Die! Die! und Piles, aber auch ungleich rohere und schrägere Punk-Phänomenen wie Dumb Vision, Piss Wizard und Pink Guitars wären nicht zu weit hergeholt als Vergleiche. Abrundend ist dann noch ein unverwechselbarer Hauch von mitt-’90er bis früh-2000er Postcore mit dabei, jene Sorte die komplett schambefreite Menschen tendenziell als Screamo bezeichnen würden, aber lasst euch ein für alle mal sagen dass dieses Label für jede gute Band an Beleidigung grenzt. Also nein, das ist kein Screamo und fick dich wenn du auch nur daran dachtest, dieses Wort in den Raum zu werfen.

Album-Stream →

Haraball – Fear Of The Plow

Ebenso wuchtig nach vorn gehender wie auch ausgefeilter Post Punk auf dem wie es scheint bereits vierten Album dieser Band aus Oslo, die jetzt offenbar auch schon weit über ein Jahrzehnt existiert aber die letzten acht Jahre nichts mehr von sich hören ließ. Wie dem auch sei, das ist saumäßig kompetentes Zeug hier, wie die ihren düsteren Sound zwischen Post Punk und Postcore – wenngleich auf den ersten Blick durchaus auf einer Linie mit dem aktuellen Genre-Umfeld – mit einer Fülle an aufregenden Texturen, melodischen Lichtblitzen und einiger kompositorischer Rafinesse zu einem kohärenten Ganzen verschweißen, das mich an einen doch recht bunten Strauß von Bands erinnert wie Criminal Code, Wymyns Prysyn, Pretty Hurts, Corker, The Nation Blue, Girls In Synthesis, Bloody Gears oder auch die jüngste Shepparton Airplane LP.

Album-Stream →

LÀZ – Lassan Átjáró Zavar

Wie ihr vielleicht schon mal festgestellt habt, habe ich eine ungesunde Gewohnheit ziemlich viele Bands mit Saccharine Trust zu vergleichen, von denen einige vermutlich noch nie Saccharine Trust gehört haben. Nun, hier ist zur Abwechslung mal eine Band, die jenen Einfluss von sich aus in der Bandcamp-Bio in den Raum wirft, erfrischend! Die Musik der Ungarn hält dann auch alles, was sie verspricht auf ihrer Debüt-LP, der auch ein bisschen von einem Anarcho-Geist innewohnt und reichlich Drive Like Jehu-Energie obendrein, ein Hauch von Big Black in Általános Életkrízis Magyarországon und auch glitzernde ’80er Sonic Youth Gitarrentexturen ziehen sich hier durch alles. Desweiteren mag man Vergleiche ziehen zu jüngeren Post Punk-Phänomenen wie Straw Man Army, Marbled Eye, Institute oder Corker und das beste dabei ist, dass ihr Sound sich dabei auf reichlich musikalische Substanz stützen kann, ihre Kompositionen rüttelfest verschweißt sind mit den Mitteln von smartem und belastbarem Songhandwerk.

Album-Stream →

Winston Hytwrs Perfect Harmony – Perfect Harmony

Was für eine mühelos arschtretende Angelegenheit, das neue Tape von Winston Hightower und seiner halbwegs neuen Crew, das vier neue Songs mit den Tunes von der 2023er Debüt-EP kombiniert. Im gleichen Maße abgedreht und antriebsstark, decken diese Songs ein ordentliches Spektrum von Fuzz-verseuchtem Lärm ab, das sich zwischen den Eckpunkten von exzentrischem Garage Punk á la UV Race, Tyvek oder Shark Toys, 2010er (Proto-)Eggpunk-Acts wie Hobocop, frühen Skull Cult und nicht zuletzt jüngeren Risiken der Sorte Print Head, Erik Nervous oder auch der neuesten Billiam 7″ erstreckt. Oder anders ausgedrückt, der Scheiß fluppt!

Album-Stream →

No Peeling – No Peeling

Ausgezeichneter neuer Scheiß, die Debüt-EP dieser Band aus Nottingham, deren Style sich hier im ständigen Fluss befindet und sich schwer auf eine Kategorie festnageln lässt, auch wenn die einzelnen Bestandteile reichlich etabliert sind. Die offensichtlichsten davon sind so Eggpunk-relevante Exzentriker wie Snooper, frühe Skull Cult, Busted Head Racket, Clarko einerseits, aber auch die ungleich roheren Schrägheiten von Warp, Beef oder Scud und nicht zuletzt nähert sich das ganze mehr als nur einmal dem total entgleisten Eklektizismus von Pressure Pin, Checkpoint oder TY an.

Album-Stream →

Fog – Spring

Hier sind wir offenbar schon zweieinhalb Veröffentlichungen tief in der Discographe von den Neuseeländern Fog, aber ein flüchtiger Blick über ihre vorherige LP/EP offenbart sofort ein substantielles Wachstum auf ihrer neuesten EP. Auch wenn ihre Grundzutaten aus gegenwärtigem Post Punk und einer Spur von Anarcho nichts nennenswert neues einbringen und mit recht zu so Bands wie frühen Institute, Pyrex, Corker, Nag oder Criminal Code verglichen werden dürfen, lässt es sich ebenfalls nicht abstreiten dass diese Songs ausnahmslos Meisterhaft gefertigte Explosionen des unterbelichteten, körnigen Lärms sind, durchweg ausbalanciert mit melodischen Lichtblitzen – alle beweglichen Teile fühlen sich hier gezielter und souveräner arrangiert an als alles, was zuvor von der Band kam.

Album-Stream →

Dragnet – Dragnet Reigns!

Ist das tatsächlich schon die dritte Dragnet LP? Mann wie die Zeit vergeht! Aus irgendwelchen Gründen (Zeit und Energie vermutlich) hab ich der Band bisher nicht das volle Blog-Spotlight gegeben, das sie eigentlich verdient hätten und jetzt ist ein guter Zeitpunkt das nachzuholen, klingt die Band aus Melbourne mit Mitgliedern unter anderem von Vintage Crop, Gonzo und Teen Line doch tighter, runder, wacher und mehr auf-den-Punkt als je zuvor auf ihrer neuen LP. Die hat einerseits diesen leichten Hauch von Uranium Club der sich ja auch schon seit jeher durch das schaffen der erwähnten Vintage Crop zieht, aber hier ist auch genau so viel von einer markant verschrobenen, Synth-verschwurbelten, Eggpunk-mäßigen Energie an Bord die sich irgendwo zwischen den Stühlen von Bands wie alten Ausmuteants, US-Bands wie Smirk und Cherry Cheeks, Australiern wie Ghoulies, Aborted Tortoise und Electric Prawns 2 ausbreitet.

Album-Stream →

Dog Lips – Danger Forward

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die neue LP dieser Band aus Portsmouth, New Hampshire dermaßen wuchtig bei mir einschlägt, was für eine massive Steigerung von so ziemlich allem, was sie bisher so gemacht haben! Gleich von Start weg etabliert der Opener Brain Feeder eine beachtlichen Vorschub mit einem Sound, in dem wuchtige Grooves und glitzernde, melodische Texturen kollidieren in einer Mischung aus Post-, Garage Punk und einer kleinen Dosis Postcore. Im weiteren Verlauf wird die Formel hier weiter erforscht und expandiert, ihre treibende Energie verstärkt und untermauert von teils erstaunlich simpler, oft aber auch ausgesprochen filigraner, immer perfekt ausbalancierter Songarchitektur.

Album-Stream →