Assembly / Tee Vee Repairman / Smirk / Shop Talk

Die letzten paar Wochen hatten eine Fülle von starken 7″s und digitalen 2-Song-Veröffentlichungen auf Lager und ich bin schon wieder weiter im Rückstand mit der Bloggerei als geplant, weil diese Woche – neben meiner ständig unter Kapazität laufenden Birne – auch noch mit einen Familiären Notfall meine Aufmerksamkeit forderte, deshalb nehme ich mir mal die Freiheit, hier einfach die vier Stärksten davon zusammen in einem Post zu verbraten.

Die größte Überraschung davon war sicher die Debütsingle von Assembly, auf der die Band aus Atlanta ein breites, eklektizistisches Spektrum im Postcore, Noise- und Math Rock-Umfeld umspannt das von ’90er und 2000er Dischord-mäßigen Sounds etwa von Faraquet, Bluetip und Q And Not U über weitere ’90er Zeiterscheinungen wie Polvo, Braniac oderChavez hin zu mehr oder weniger aktuellen Noise Rock und Art Punk-Bands der Sorte Wax Chattels, Solderer, Body House, Haunted Horses reicht aber auch ganz besonders Spray Paint und den damit assoziierten späteren Acts Rider/Horse und During.

Die Australier Tee Vee Repairman – ja genau, win weiteres Projekt von Gee Tee’s Ishka Edmeades – setzten ihrer noch recht kurzen aber brillianten Diskografie ein weiteres Sahnehäubchen drauf mit einer neuen 7″, deren Songs man ohne Not als zwei ihrer Besten erachten darf von einer Band, deren schaffen jetzt schon nicht gerade arm an infektiösen Power Pop-Melodien war.

In eine verwandte Kerbe schlägt dann auch die neue 7″ von Smirk (aka Nick Vicario von Public Eye, Crisis Man und Cemento), die auch ihn dabei dokumentiert wie er sein Songwriting-Handwerk verfeinert und erweitert, dabei an Orte geht, die wir bisher noch nicht von ihm gesehen haben. Domestic Dog verschweißt dabei Anarcho- und Post Punk-Elemente der alten Schule mit einer unerwarteten ’77er Melodiösität und einer fast schon Television-mäßigen Weiträumigkeit. Jene zieht sich dann auch durch Manhunt in Paradise, das insgesamt ein bisschen klingt als wäre die jüngste Institute LP noch einen Schritt weiter gegangen in ihrer Art Punk-Eleganz.

Zu guter Letzt und in einem ziemlichen Kontrast zu den vorherigen Bands hier, haben wir noch ein Beispiel einer Band die uns schlicht und ergreifend mehr von ihrer gleichen alten Masche serviert, aber was für eine brilliante gleiche alte Masche das ist auf der neuen 7″ der New Yorker Shop Talk, die mich bisher noch mit jeder Veröffentlichung weggeblasen haben und auch mit dem neuesten Kurzspieler kann man nichts falsch machen. Museum Of Sex ist ein weiteres Beispiel für makellosen ’77-beeinflussten Punk mit diesem gewissen Dickies-Geschmack wohingegen das etwas filigraner gebaute Gaslight das Tempo etwas zurücknimmt und in einen ungleich melancholischeren Vibe getränkt ist, sowie einer zu gleichen Teilen Buzzcocks- und Replacements-mäßigen Qualität. Hammersong, nuff said.

Speccy – Speccy 2

Aus einzelnen euphorischen Reaktionen zu den bisherigen Shows dieser Band aus Melbourne und dem etwas unterwältigenden Eindruck, den ihre 2024er Debüt-EP auf mich gemacht hat schließe ich mal, dass sich die Band bislang etwas schwer damit tat, ihren Live-Sound überueugend in eine Tonkonserve zu übersetzen. Nun, ich kann nicht behaupten, dass das noch ein nennenswertes Problem wäre auf auf ihrer neuen Mini-LP, die ihren glitzernden Sound in einem durchweg angemesseneren Licht präsentiert. Jener erinnert mich ein wenig an den psychedelischen, unterschiedlich Surf-infizierten Garagenrock von Crystal Stilts und Disappears, vermischt mit einer Note von frühen No Age und vielleicht auch alten White Fence ebenso wie den exzentrisch-monotonen Fuzz-Eskapaden von City Yelps und der sphärischen, abstrakten Post Punk-Melancholie von Kitchen’s Floor oder Mother’s Milk… Eine quirlige Mischung, das ist klar, aber das Zeug funktioniert hier ganz vortrefflich und selbst wenn sich die Band im langsamen Mittelteil der Platte in die akute Gefahrenzone begibt, den Bogen ihrer luftigsten Qualitäten zu überspannen, geht die Wette auf von einer Klangstruktur, die ich auf den ersten Blick doch als schwer Einsturzgefährdet einordnen würde.

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Sonic Youth Of Today – SYT 2

Nur wenige Wochen nach ihrem Debüt nimmt die zweite EP vom neuen Synth Punk-Projekt des Beta Máximo-Typen die Fäden genau da wieder da auf, wo der Vorgänger aufhörte und dennoch sind da ein paar nette Überraschungen und Experimente an Bord, die wir bisher so noch nicht von ihm gehört haben wie etwa die luftigen Synth-Polyrhytmen in den Strophen von El Fin De Los Dias, die SYT von ihrer nebulösesten, ungreifbarsten Seite zeigen, nur um dann im Chorus nahtlos in einen ihrer unmittelbar eingängigsten Momente überzugehen.

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Blue Zero – Confusion

Ich konnte mich nicht so ganz erwärmen für die letztjährige Debüt-LP dieser Band, die zu ihren Mitgliedern unter anderem auch Chris Natividad von Marbled Eye und Public Interest zählt, denn jene kam mir in weiten Teilen doch einfach noch etwas zu nebelig, überstrapaziert und unterentwickelt rüber in einer Ära in welcher diese Attribute doch fast schon das bestimmende Symptom für den etwas traurigen, weitgehend ideenlosen Zustand der jüngsten Welle von Shoegaze-Bands geworden sind. Nun, auf ihrer neuesten EP trifft das glücklicherweise so gar nicht mehr zu, auf welcher sie die Kanten ihres Sounds ordentlich geschärft und die strukturelle Integrität ihres Sounds empfindlich verstärkt haben. Hab ich vorhin Shoegaze gesagt? Jau, in der Tat. Mit dem verträumten bis kantigen Post Punk von Marbled Eye hat das hier bestenfalls sekundär etwas gemeinsam. Vielmehr channeln Blue Zero hier eine gewissen Strömung vom ausgesprochen geradlinig und direkt agierenden Ende des alten Shoegaze-Spektrums, bezüglich dessen mir in erster Linie so Bands wie Swervedriver, Bailterspace, Pale Saints and frühe Ride in den Sinn kommen.

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Liiek – Living In A Fiction

Nachdem ihre vorherige LP, wenngleich auch schon verdammt gut, zweitweise noch ein bisschen klang wie stereotypischer Berliner Post Punk auf Autopilot, erweitert ihr zweites (oder auch ihr drittes, je nachdem welche Spielzeit man persönlich als eine LP definiert) Album ganz beachtlich ihre stilistische Bandbreite und fühlt sich im direkten Vergleich durchweg sorgfältiger konstruiert und durchdacht an, eine Klangarchitektur die Funktion und Ausdruck balanciert und ihren Teil dazu beiträgt, die reptetitiven Grooves mit einer fieberhaften Dringlichkeit aufzuladen. Dennoch erinnert das bei alldem nach wie vor an einen bunten Strauß anderer Berliner Bands wie etwa Pigeon, Pretty Hurts, Glaas, Diät, Clock of Time oder Exit Group.

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Liquid Cross – Don’t Think

Vom ersten Moment an versprüht die Debüt-EP dieser Band aus Eugene, Oregon einen gewissen Vibe, der mich an eine Reihe von kurzlebigen Bands in Spektrum von so melodischem wie auch lärmigem Punkrock in den frühen 2010ern wie Milk Music, Fins und Darma Dogs erinnert aber auch ein paar ungleich jüngere Erscheinungen wie Jolana Star und Psychic Dogs, die neues Leben in einen zeitlosen Sound aus unterschwellig Post Punk-angehauchten eingängigen Punksongs, die der klassischen Homestead-, SST- und Touch & Go-Ära tribut zollen. Jetzt darf man also auch Liquid Cross dazu zählen, aber obendrein schwingt hier auch noch ein beachtenswerter Hauch von frühen Protomartyr, insbesondere ihrer zweiten und dritten LP mit, nicht zuletzt auch aufgrund der Stimme des Sängers, die eine ähnlich überdrüssige und melancholische Qualität channelt wie der Protomartyr-Frontmann Joe Casey.

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Turbogoblin RX – Turbogoblin RX & The Letters From The Underworld

Die 2023er Mini-LP dieser Australier war ja schon ein randvolles Fass des ziemlich abgedrehten Dungeon- und Fantasy-vernarrten Spaßes und ihr neuester Langspieler ist sogar ein noch mal stärkeres Paket von Schädelspalter-Tunes aus Elementen von Garage-, Synth- und Post Punk, der gleich vom Start weg mit einem deutlichen Flavor von älterer Useless Eaters- und Ausmuteants-Action verzückt im Opener Pillager, dann erweitert um einen Hauch von Psych-/Acid Punk á la Pow! in Moneyman, während Big Hat – eins von zwei hier vertretenen Überbleibseln der 2021er Mammon Machine EP – einen starken Strange Attractor-Vibe versprüht und Dopaminer glaubhaft als ein ausgesprochen starker Why Bother?-Song durchgehen könnte. Desweiteren denke ich mal dass auch Freunde von solchen Dungeon-lastigen Chaoten wie Curta’n Wall oder den Osloer Eggpunks Molbo sich mit dieser Platte einen ordentlichen neuen Kick verpassen können.

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Snooper – Worldwide

Die Eggpunk-Überformation aus Nashville, Tennessee ist zurück mit einer zweiten LP. Die entpuppt sich dann als eine gar nicht so radikale Abweichung von ihrem bisherigen Schaffen, wie es die stampfenden Elektro-Beats des Preview-Tracks Worldwide zuerst suggerieren mochten. Nach dem Kulturschock der ersten LP, auf der sie sich in unnachgibiger Hardcore-Intensität durch das Material der frühen EPs schmetterten, ist ihr neustes Baby in Teilen sogar eine unerwartete Rückbesinnung auf die verspielten und abwechslungsreichen Experimente ihres frühen Schaffens. Wie schon auf dem Vorgänger hat man einige Songs zuvor schon mal in der einen oder anderen Form gehört wie etwa in Subdivision, das uns erstmals vor gut drei Jahren auf der Town Topic 7″ begegnete und die Beatles-Coverversion Come Together, die sogar noch weiter zurückgeht und ursprünglich 2021 auf der G.T.R.R.C. III-Compilation erschien – beide davon haben hier aber eine gründliche Generalüberholung erfahren und das gilt auch für die meisten anderen zuvor gehörten Songs hier. Was soll ich sagen, die Platte ist erneut ein absolut glorreicher Freakout aus quirlig-eingängigem Lärm von den Tellerrändern des Garage- und Post Punk, dem scheinbar niemals die Ideen ausgehen.

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Sweepers – Sweepers

Zwei Jahre nach ihrer superspaßigen Debüt-EP hat Philadelphia’s reinlichste Band endlich ihren ersten Langspieler fertig geputzt und der legt noch mal ordentlich einen drauf in Sachen chaotischer Energie ihres abgehackten Art Punks, der komfortabel zwischen den Wischmops sitzt von dissonantem, oldschooligem No Wave-Lärm, dem schrägen Artcore der frühen Minutemen aber auch reichlich jüngeren Phänmenen, wie etwa dem klugscheißerischen Art Punk von Patti, Reality Group und Brandy oder auch etwas stärker Richtung Postcore gehenden Acts á la Cutie, Mystic Inane und Rolex. Ich muss schon sagen, ihr mathematisch verwinkelter Sound macht einen sehr ordentlichen Job darin, die Herausforderung zu vertonen die sich meinem ADHS-gefickten und vermutlich auch leicht autistischen Gehirn beim Ordnung halten in der eigenen Wohnhöhle stellt… und dabei lassen sie es klingen als wäre das die spannendste Aktivität der Welt.

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Favoured State – Real Enough

Die dritte LP dieser Band aus Melbourne hat fünf neue Ausbrüche von Post Punk für uns auf Lager, die ich jetzt nicht unbedingt als sonderlich überraschend oder innovativ beschreiben würde, aber die durchweg die Basics überdurchschnittlich gut auf der Reihe haben, kompetent und schlau konzipiert und ausgeführt sind und eine filigrane Balance halten zwischen kaltem und klinischem, dissonentem Konflikt und ungleich wärmeren, melodischen Auflösungen in ihrem selbstbewussten und unerwartet variablen Songwriting. In verschiedenen Aspekten und Momenten erinnert mich das unter anderem an so Bands wie Girls In Synthesis, Corker, Criminal Code, Rank/Xerox, Negative Space, Shepparton Airplane, Batpiss oder Bench Press.

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