Das Debüt-Tape der Band aus Philadelphia ist eine gewisse Rarität in dieser Zeit als eine Post Punk-verwandte Veröffentlichung, die sich stur jeder Klassifizierung in spezifischen Sub-Nischen verweigert, aber ich denke es ist euch klar dass ich es trotzdem versuchen werde, nicht wahr? Die folkige Americana-Atmosphäre der Openers Full Speed Ahead (paradoxerweise einer der langsamsten Songs hier...) provozieret Vergleiche zu dem Breitwand-Drama einer Dead Finks-Platte, eine Qualität, die auch die folgenden Tunes aufrecht erhalten, aber auch ganz andere Vibes tummeln sich da, die hier und da nicht ganz unähnlich sind etwa zum Schaffen von solchen Post Punk-Hausnummern wie Tube Alloys, Corker, frühe Pyrex, Marbled Eye und, ganz besonders, VR Sex, deren desillusioniert-düstere Energie vielleicht der am besten zutreffende Vergleich unter den genannten Bands ist. Aber wo bei VR Sex immer eine gewisse Künstlichkeit eine klinische Distanz erzeugte, fühlen sich diese Songs ungleich rustikaler, geerdet und eingelebt an.
Smashed Glass aus Vancouver erzeugen eine entzückende Mischung aus ausgefuzztem, Garage-infiziertem oldschool Indie Rock, Post- und Art Punk auf ihrer Debüt-EP. Deren Opener Running and Running hat einiges von einem frühen Woolen Men- oder Shark Toys-Vibe, woraufhin mich Dud stark an Volcano Suns erinnert. In Roundabout kollidiert ein Hauch von '80er Nomeansno mit ein paar klassischen Cowpunk-Versatzstücken. Dem Rauswerfer-Track Anyone Anywhere wohnt dann noch eine Qualität á la Scratch Acid-meets-Jawbox inne und es lässt sich auch nicht verleugnen, dass über die gesamte Laufzeit auch ein leises Hintergrundrauschen aus Mission Of Burma mitschwingt.
Das brilliante Demo von 2023 und eine ebenbürtig Arschtretende 2-Track-Single in '24 hatten mir schon ordentlich Hunger gemacht auf mehr von dieser Band, die sich um zwei Brasilianer in New York dreht mit weiterer Beteiligung unter anderem von Margaret Chardiet von Dollhouse und Pharmakon. Hier ist zu guter Letzt also ihr erster Langspieler auf dem britischen Bollwerk Drunken Sailor Records und ihr hättet es sicher kaum erraten... Es handelt sich erneut um eine phänomenal starke Platte! Zuvor habe ich an dieser Stelle ihren Sound mit Straw Man Army verglichen und teilweise trifft das hier immer noch durchaus zu, aber da ist auch reichlich Evidenz am Start, dass die Band ihren musikalischen Horizont massiv erweitert und besonders erwähnenswert ist dabei, wie sehr sie sich ihren melodischeren Tendenzen widmen und einer ätherischen, meditativen und geradezu psychedelischen Unterströmung besonders in Songs wie Lugares Mais Altos. Der Bandcamp-Waschzettel erwähnt außerdem auch alten UK Anarcho-Krempel sowie Wire als Einflüsse und ich sage dazu dass passt auch wie Arsch auch Eimer und insbesondere im Bezug auf Wire wisst ihr, dass ich sowas generell immer befürworte!
Nu das ist ja mal ein Sperriger, versiffter Klumpen des rohen Lärms, der uns auf dem zweiten Tape (ihr erstes in voller Länge) dieser Wiener Band entgegen kommt. Auf den ersten Blick scheinen sie in erster Linie den Proto-Noise Rock von Flipper und No Trend zu channeln, außerdem auch frühe Swans und einen ordentlichen Brocken des no-wavigen Lärmexzesses. Aber wer etwas genauer hinhört mag auch leichte Echos von japanischen '80er Psych-/Noise-Bands á la The Rabbits erkennen oder von US Art Punk-Klassikern wie Chrome und MX-80. Songs wie etwa Entropy haben dann wiederum aber auch etwas von einem Kopenhagen-Vibe der frühen 2010er á la Lower und Iceage und wo ich eh schon dabei bin Krempel aus jener Ära aufzuzählen, sag ich mal da steckt auch ein bisschen Soupcans drin. Wie dem auch sei, das sind vierzig exzellente Minuten von waffenfähiger Klangattacke, die deine Sinne überwältigt, alle mentalen Sicherungen durchbrennen lässt, Hemmungen überbrückt und wenn der Scheiß mit dir fertig ist fühlst du dich irgendwie Schmutzig und brauchst schnell 'ne Dusche. Mission accomplished sag ich dazu!
Die letztjährige Debüt-LP dieser Band aus Raleigh, North Carolina hatte bereits einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und ihre neueste EP, die uns über den lokalen Genre-Giganten Sorry State Records erreicht, schlägt weiterhin in eine ähnliche Kerbe, aber es lassen sich auch graduelle Anpassungen feststellen. So fühlt sich die gesamte Klangästhetik etwas weniger grimmig an als sie es auf der LP noch war, nicht zuletzt auch dank quietschender Spielzeugkeyboard-Vibes und einer Fülle reichlich verschrobener ideen, die hier ein ausgezeichnetes Gegengewicht zu ihrer klanglichen Abrissbirne zwischen den Welten von Noise Rock und Synth Punk abgeben, die mich erneut an so einige Bands der Sorte Isotope Soap, Broken Prayer, Powerplant, Kerozine oder Beef denken lässt.
Die letzten paar Wochen hatten eine Fülle von starken 7"s und digitalen 2-Song-Veröffentlichungen auf Lager und ich bin schon wieder weiter im Rückstand mit der Bloggerei als geplant, weil diese Woche - neben meiner ständig unter Kapazität laufenden Birne - auch noch mit einen Familiären Notfall meine Aufmerksamkeit forderte, deshalb nehme ich mir mal die Freiheit, hier einfach die vier Stärksten davon zusammen in einem Post zu verbraten.
Die größte Überraschung davon war sicher die Debütsingle von Assembly, auf der die Band aus Atlanta ein breites, eklektizistisches Spektrum im Postcore, Noise- und Math Rock-Umfeld umspannt das von '90er und 2000er Dischord-mäßigen Sounds etwa von Faraquet, Bluetip und Q And Not U über weitere '90er Zeiterscheinungen wie Polvo, Braniac oderChavez hin zu mehr oder weniger aktuellen Noise Rock und Art Punk-Bands der Sorte Wax Chattels, Solderer, Body House, Haunted Horses reicht aber auch ganz besonders Spray Paint und den damit assoziierten späteren Acts Rider/Horse und During.
Die Australier Tee Vee Repairman - ja genau, win weiteres Projekt von Gee Tee's Ishka Edmeades - setzten ihrer noch recht kurzen aber brillianten Diskografie ein weiteres Sahnehäubchen drauf mit einer neuen 7", deren Songs man ohne Not als zwei ihrer Besten erachten darf von einer Band, deren schaffen jetzt schon nicht gerade arm an infektiösen Power Pop-Melodien war.
In eine verwandte Kerbe schlägt dann auch die neue 7" von Smirk (aka Nick Vicario von Public Eye, Crisis Man und Cemento), die auch ihn dabei dokumentiert wie er sein Songwriting-Handwerk verfeinert und erweitert, dabei an Orte geht, die wir bisher noch nicht von ihm gesehen haben. Domestic Dog verschweißt dabei Anarcho- und Post Punk-Elemente der alten Schule mit einer unerwarteten '77er Melodiösität und einer fast schon Television-mäßigen Weiträumigkeit. Jene zieht sich dann auch durch Manhunt in Paradise, das insgesamt ein bisschen klingt als wäre die jüngste Institute LP noch einen Schritt weiter gegangen in ihrer Art Punk-Eleganz.
Zu guter Letzt und in einem ziemlichen Kontrast zu den vorherigen Bands hier, haben wir noch ein Beispiel einer Band die uns schlicht und ergreifend mehr von ihrer gleichen alten Masche serviert, aber was für eine brilliante gleiche alte Masche das ist auf der neuen 7" der New Yorker Shop Talk, die mich bisher noch mit jeder Veröffentlichung weggeblasen haben und auch mit dem neuesten Kurzspieler kann man nichts falsch machen. Museum Of Sex ist ein weiteres Beispiel für makellosen '77-beeinflussten Punk mit diesem gewissen Dickies-Geschmack wohingegen das etwas filigraner gebaute Gaslight das Tempo etwas zurücknimmt und in einen ungleich melancholischeren Vibe getränkt ist, sowie einer zu gleichen Teilen Buzzcocks- und Replacements-mäßigen Qualität. Hammersong, nuff said.
Aus einzelnen euphorischen Reaktionen zu den bisherigen Shows dieser Band aus Melbourne und dem etwas unterwältigenden Eindruck, den ihre 2024er Debüt-EP auf mich gemacht hat schließe ich mal, dass sich die Band bislang etwas schwer damit tat, ihren Live-Sound überueugend in eine Tonkonserve zu übersetzen. Nun, ich kann nicht behaupten, dass das noch ein nennenswertes Problem wäre auf auf ihrer neuen Mini-LP, die ihren glitzernden Sound in einem durchweg angemesseneren Licht präsentiert. Jener erinnert mich ein wenig an den psychedelischen, unterschiedlich Surf-infizierten Garagenrock von Crystal Stilts und Disappears, vermischt mit einer Note von frühen No Age und vielleicht auch alten White Fence ebenso wie den exzentrisch-monotonen Fuzz-Eskapaden von City Yelps und der sphärischen, abstrakten Post Punk-Melancholie von Kitchen's Floor oder Mother's Milk... Eine quirlige Mischung, das ist klar, aber das Zeug funktioniert hier ganz vortrefflich und selbst wenn sich die Band im langsamen Mittelteil der Platte in die akute Gefahrenzone begibt, den Bogen ihrer luftigsten Qualitäten zu überspannen, geht die Wette auf von einer Klangstruktur, die ich auf den ersten Blick doch als schwer Einsturzgefährdet einordnen würde.
Die Eggpunk-Überformation aus Nashville, Tennessee ist zurück mit einer zweiten LP. Die entpuppt sich dann als eine gar nicht so radikale Abweichung von ihrem bisherigen Schaffen, wie es die stampfenden Elektro-Beats des Preview-Tracks Worldwide zuerst suggerieren mochten. Nach dem Kulturschock der ersten LP, auf der sie sich in unnachgibiger Hardcore-Intensität durch das Material der frühen EPs schmetterten, ist ihr neustes Baby in Teilen sogar eine unerwartete Rückbesinnung auf die verspielten und abwechslungsreichen Experimente ihres frühen Schaffens. Wie schon auf dem Vorgänger hat man einige Songs zuvor schon mal in der einen oder anderen Form gehört wie etwa in Subdivision, das uns erstmals vor gut drei Jahren auf der Town Topic 7" begegnete und die Beatles-Coverversion Come Together, die sogar noch weiter zurückgeht und ursprünglich 2021 auf der G.T.R.R.C. III-Compilation erschien - beide davon haben hier aber eine gründliche Generalüberholung erfahren und das gilt auch für die meisten anderen zuvor gehörten Songs hier. Was soll ich sagen, die Platte ist erneut ein absolut glorreicher Freakout aus quirlig-eingängigem Lärm von den Tellerrändern des Garage- und Post Punk, dem scheinbar niemals die Ideen ausgehen.
Zwei Jahre nach ihrer superspaßigen Debüt-EP hat Philadelphia's reinlichste Band endlich ihren ersten Langspieler fertig geputzt und der legt noch mal ordentlich einen drauf in Sachen chaotischer Energie ihres abgehackten Art Punks, der komfortabel zwischen den Wischmops sitzt von dissonantem, oldschooligem No Wave-Lärm, dem schrägen Artcore der frühen Minutemen aber auch reichlich jüngeren Phänmenen, wie etwa dem klugscheißerischen Art Punk von Patti, Reality Group und Brandy oder auch etwas stärker Richtung Postcore gehenden Acts á la Cutie, Mystic Inane und Rolex. Ich muss schon sagen, ihr mathematisch verwinkelter Sound macht einen sehr ordentlichen Job darin, die Herausforderung zu vertonen die sich meinem ADHS-gefickten und vermutlich auch leicht autistischen Gehirn beim Ordnung halten in der eigenen Wohnhöhle stellt... und dabei lassen sie es klingen als wäre das die spannendste Aktivität der Welt.
Wie ihr vielleicht schon mal festgestellt habt, habe ich eine ungesunde Gewohnheit ziemlich viele Bands mit Saccharine Trust zu vergleichen, von denen einige vermutlich noch nie Saccharine Trust gehört haben. Nun, hier ist zur Abwechslung mal eine Band, die jenen Einfluss von sich aus in der Bandcamp-Bio in den Raum wirft, erfrischend! Die Musik der Ungarn hält dann auch alles, was sie verspricht auf ihrer Debüt-LP, der auch ein bisschen von einem Anarcho-Geist innewohnt und reichlich Drive Like Jehu-Energie obendrein, ein Hauch von Big Black in Általános Életkrízis Magyarországon und auch glitzernde '80er Sonic Youth Gitarrentexturen ziehen sich hier durch alles. Desweiteren mag man Vergleiche ziehen zu jüngeren Post Punk-Phänomenen wie Straw Man Army, Marbled Eye, Institute oder Corker und das beste dabei ist, dass ihr Sound sich dabei auf reichlich musikalische Substanz stützen kann, ihre Kompositionen rüttelfest verschweißt sind mit den Mitteln von smartem und belastbarem Songhandwerk.