Hot Face – Automated Response

Diese Londoner haben ihre Debüt-LP an einem einzigen Tag in den Abbey Road Studios augfenommen. Spielt das jetzt eine große Rolle? Ich glaube nicht wirklich, aber wie auch immer, das Ding klingt ziemlich schick – unerwartet roh und ungeschliffen. Gleich vom Start weg begrüßt uns Defenestration mit einem melodischen, leicht folkigen Vibe irgendwo zwischen den Welten von Mission Of Burma, Sebadoh, Volcano Suns, Angst, Polvo oder Medications, gefolgt von einer geringfüfigg Wire-mäßigen Post Punk-Stilübung mit Echos von mitt-2000er Indie Rock in Sinnes – letzteres gehört für mich ehrlich gesagt aber zu den am wenigsten ansprechenden Dingen hier, zusammen mit dem etwas schäfrigen und unterentwickelten Cruel Tutelage. Liar nimmt dann zum Glück wieder Fahrt auf in einer Mischung aus oldschool Garage Punk und einem an Mudhoney erinnernden Fuzz Punk / Neo Grunge-Vibe, der teilweise auch weiter durch den geradlinigen Punksmasher Bumble Been resoniert, bevor Red Fuzz die insgesamt doch viel stärkere zweite Hälfte des Albums einläutet mit einem ausgesprochen eingängigen Pop-Tune. Pink Liquor ist dann ein kompakter, schnörkelloser Ausbruch Noise-lastiger Garage Punk-Exzellenz und Automated Response klingt wie eine weitere – und diesmal viel besser ausbalancierte – Wire-Huldigung direkt aus dem Pink Flag-Playbook. Cavern Killer mischt der Sache einen recht aktuell wirkenden Post Punk- und Noise Rock-Vibe bei bevor I Love You die Platte mir einer makellosen, stark ’77 und KBD-beeinflussten Eigentümlichkeit der alten Schule ausklingen lässt.

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Top Secret Nicho – Lands

Hier ist ein neuer Nicho für euch der so top fucking secret ist, dass man ihn bei Bandcamp finden kann. Auf dem Nachfolger zur letztjährigen (digitalen) Single Dining Nothing / Sin Agenda Para La Muerte versorgt uns die Band aus Rosario, Argentinien mit mehr vom gleichen Qualitätslärm, eingeweicht in den trüben Gewässern von ’80er Post-, Garage- und Art Punk mit einer zusätzlichen Ebene von fuzzy Psychedelia obendrein, was diese Platte zu einem ziemlich guten Gegenstück zu der letzten Zulo Mini-LP macht, die vor kurzem ebenfalls auf der lokalen Szene-Boutique Fake Sex Tape erschienen ist.

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DBR – Unbearable

Neuer Lärm von einem Typen, der nicht nur über die Jahre in einem ganzen ganzen Arsch voll hoch geschätzter Berliner Bands spielt oder gespielt hat wie etwa Benzin, Pigeon, Liiek, Molde und Deltoids, sondern auch schon seit langem seine ganz eigenen Leckerbissen unter dem Dee Bee Rich oder DBR-Alias zaubert. Etwa anderthalb Jahre nachdem sein letztes, selbstbetiteltes Tape schon einen massiven Sprung vorwärts markierte von einer als noch etwas skizzenhafter und verspielt zu bezeichnender DIY Lo-Fi-Ästhetik hin zu einer deutlich kohärenteren und ausformulierteren musikalischen Vision aus einem Guss, zeigt auch seine neueste LP erneut jede Menge Feintuning und eine erweiterte Palette von Einflüssen und Stilmitteln. Während der Opener Smirched noch durchaus als ein (exzellenter) Outtake der jüngsten Liiek LP durchgehen könnte, weiß Unacceptable durchaus schon zu überraschen wenn es die vertraute Post Punk-Formel mit ’77-Style Gitarrenleads aufmischt. Pool zeigt dann erste Anzeichen einer melodischen Unterströmung wie man sie etwa von aktuellen Institute erwarten würde, gefolgt von Hold Me Tight, mit dem diese Platte endgültig ihr Pop-Gleichgewicht findet, zweifellos die beeindruckendste Demonstration bislang von einem gereiften Songwriting-Handwerk, das hier alles durchdringt und jede Sekunde dieses Killeralbums aufwertet.

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Post Community – Post Community

Diese Band aus Baltimore hat Mitglieder von Nag und Quitter an Bord, was ja schon mal ordentlich die Erwartungshaltung hochschraubt, aber es scheint eher so als zögen sie auf ihrer ersten EP alle Register, um besagte Erwartungen zu subvertieren. Die Platte hat fraglos eine etwas zersplitterte Persönlichkeit – jeder Song hier könnte genauso gut von einer jeweils anderen Band kommen und ich sag mal der Scheiß knallt rein! Carte Blanche ist vier Minuten Math-angehauchter Noise Rock wie man ihn etwa von so Bands wie John (timestwo), Luggage, den frühen Werken von Tunic oder Help erwarten würde. Vertices ist dann vielleicht ein kleines bisschen näher an dem tristen, monotonen Post Punk-Sound, den ich zuerst von ihnen vermutet hätte, aber da ist außerdem noch so ein staubiger Americana-Vibe mit dabei wie man ihn zuletzt etwa auf dem jüngst erschienenen The III tape gehört hat. Cranberry ist ein dissonant lärmender Brocken Hardcore, gefolgt von drei Minuten des experimentellen Drone/Noise in The Gate. Zu guter Letzt mündet dann in Kept Bread ein Doom-/Drone-mäßiges Intro in einen Song, der hier vielleicht noch die größte Ähnlichkeit zu den erwähnten Nag aufweist, zumindest wenn man jene auf zwei Drittel der Geschwindigkeit verlangsamt. Eine rätselhafte Veröffentlichung ist das hier und ich bin durchaus gespannt wo das Ganze die Band noch hin führen wird.

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Cartoon – Theatre Of The Absoid

Die 2024er LP Nyuck Nyuck Boing gehörte zu den unwahrscheinlichsten Highlights des letzten Jahres, ein sich seltsam anachronistisch anfühlender, unhandlicher Koloss von einer Platte, die im gleichen maße von US Post Punk/-core-Bands wie Saccharine Trust und Minutemen inspiriert scheint wie von britischem Art Punk der Swell Maps- und The Pop Group-Bauart, mit weiteren Echos von motorisch-krautigen Grooves, No Wave-Atonalität und reichlich ’60er Acid Rock-Exzess. Hier ist jetzt also der Nachfolger davon am Start und auch auf den trifft immer noch das meiste davon zu, wobei die Band zugleich aber auch ihre eklektizistischen Einflüsse zu einem etwas kohärenteren und greifbareren Päckchen verschnürt, nicht zuletzt weil sie sich hier stärker auf die psychedelische Seite der Gleichung konzentrieren und weniger auf die funky Post Punk-Grooves des Vorgängers, obwohl auch jene nochmal eine kleine Rückkehr feiern etwa in The Big Hit, das eine vergleichsweise versöhnlich gelaunte, relaxtere zweite Hälfte einläutet – das Yin und Yang einer Band die sich immer noch keinen halben Dreck schert um sauber geordnete Genre-Kategorien und unsere jeweiligen Vorstellungen davon.

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Save My Skin – Different Bubble

Eine Band aus Biel hat mit dieser LP auf dem lokalen Label Chrüsimüsi Records mal einen echten Schwelbrand von einer Platte kreiert, der sich gerne mal ordentlich Zeit nimmt um auf den Punkt zu kommen, aber es zahlt sich dann doch jedes mal aus, wenn man ihr mit etwas Geduld begegnet. Der langsam vorwärts kriechende Opener Different Times erinnert mich dabei unmittelbar an den rustikalen Wüstenstaub und Americana-Rock von Weak Signal, welcher daraufhin in einen stärkeren Post Punk-Kontext transformiert wird im nachfolgenden Bubbles, wohingegen durch so Songs wie Peace Of Mind eine offensichtliche Velvet Underground-Energie fließt und ein Strom aus Art- und Glam Rock uralter Schule, der unter anderem auch in The Candidate ziemlich unübersehbar ist. An anderen Stellen fühle ich mich stark an den folkigen Post Punk von Dead Finks erinnert, das frühe Werk der Londoner Witching Waves, eine entschleunigte Variante von The Cowboy oder Flat Worms, den erdigen Garage Rock von Honey Radar oder den stacheligen Art Punk von Far Corners und Germ House… sogar ein bisschen von der ersten Peace De Résistance mag da noch mitschwingen.

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Vague Rituals – Vague Rituals

Seltsames Geschöpf, die Debüt-EP dieser Band, deren Mitglieder über Australien und die Vereinigten Staaten verstreut leben (oder etwas spezifischer: Sydney, Portland und Melbourne). Alles darauf fühlt sich ein kleines bisschen falsch an… auf die beste Art! Gleich vom Start Weg fällt da ein unübersehbarer Mission Of Burma- und Moving Targets-Vibe ins Auge und Echos weiterer ’80er-Eigentümlichkeiten wie Really Red, Angst und Saccharine Trust. Desweiteren hat das auch eine leichte Unterströmung von Sonic Youth-mäßigen Gitarrenharmonien und ’90er Postcore-Elemente á la Unwound, Drive Like Jehu oder spätere Gray Matter greifen dabei ineinander mit deren melodischeren Gegenstücken wie Chavez und Polvo – zwei Bands, deren Werk auch besonders stark durch die noch stärkere zweite Hälfte dieser Platte wederhallt, wenn ihr ganzer Sound sich deutlich in Richtung von stark Seam- und Superchunk-infiziertem, melodischem Indie Rock verschiebt mit vielleicht noch ein paar leichten Spuren von No Age und Swervedriver? Auf jeden Fall ist das irre ansprechender Stoff.

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The III – Dig Your Own Grave

Das Debüt-Tape der Band aus Philadelphia ist eine gewisse Rarität in dieser Zeit als eine Post Punk-verwandte Veröffentlichung, die sich stur jeder Klassifizierung in spezifischen Sub-Nischen verweigert, aber ich denke es ist euch klar dass ich es trotzdem versuchen werde, nicht wahr? Die folkige Americana-Atmosphäre der Openers Full Speed Ahead (paradoxerweise einer der langsamsten Songs hier…) provozieret Vergleiche zu dem Breitwand-Drama einer Dead Finks-Platte, eine Qualität, die auch die folgenden Tunes aufrecht erhalten, aber auch ganz andere Vibes tummeln sich da, die hier und da nicht ganz unähnlich sind etwa zum Schaffen von solchen Post Punk-Hausnummern wie Tube Alloys, Corker, frühe Pyrex, Marbled Eye und, ganz besonders, VR Sex, deren desillusioniert-düstere Energie vielleicht der am besten zutreffende Vergleich unter den genannten Bands ist. Aber wo bei VR Sex immer eine gewisse Künstlichkeit eine klinische Distanz erzeugte, fühlen sich diese Songs ungleich rustikaler, geerdet und eingelebt an.

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Smashed Glass – Wet Cement

Smashed Glass aus Vancouver erzeugen eine entzückende Mischung aus ausgefuzztem, Garage-infiziertem oldschool Indie Rock, Post- und Art Punk auf ihrer Debüt-EP. Deren Opener Running and Running hat einiges von einem frühen Woolen Men- oder Shark Toys-Vibe, woraufhin mich Dud stark an Volcano Suns erinnert. In Roundabout kollidiert ein Hauch von ’80er Nomeansno mit ein paar klassischen Cowpunk-Versatzstücken. Dem Rauswerfer-Track Anyone Anywhere wohnt dann noch eine Qualität á la Scratch Acid-meets-Jawbox inne und es lässt sich auch nicht verleugnen, dass über die gesamte Laufzeit auch ein leises Hintergrundrauschen aus Mission Of Burma mitschwingt.

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Fantasma – Quase

Das brilliante Demo von 2023 und eine ebenbürtig Arschtretende 2-Track-Single in ’24 hatten mir schon ordentlich Hunger gemacht auf mehr von dieser Band, die sich um zwei Brasilianer in New York dreht mit weiterer Beteiligung unter anderem von Margaret Chardiet von Dollhouse und Pharmakon. Hier ist zu guter Letzt also ihr erster Langspieler auf dem britischen Bollwerk Drunken Sailor Records und ihr hättet es sicher kaum erraten… Es handelt sich erneut um eine phänomenal starke Platte! Zuvor habe ich an dieser Stelle ihren Sound mit Straw Man Army verglichen und teilweise trifft das hier immer noch durchaus zu, aber da ist auch reichlich Evidenz am Start, dass die Band ihren musikalischen Horizont massiv erweitert und besonders erwähnenswert ist dabei, wie sehr sie sich ihren melodischeren Tendenzen widmen und einer ätherischen, meditativen und geradezu psychedelischen Unterströmung besonders in Songs wie Lugares Mais Altos. Der Bandcamp-Waschzettel erwähnt außerdem auch alten UK Anarcho-Krempel sowie Wire als Einflüsse und ich sage dazu dass passt auch wie Arsch auch Eimer und insbesondere im Bezug auf Wire wisst ihr, dass ich sowas generell immer befürworte!

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