Bront – #9

Nach sechsjähriger Stille kommt jetzt wie aus dem Nichts die zweite 7″ dieser Belgier über die lokale Garage Punk-Institution Belly Button Records angerollt und mein lieber Hund, ist das mal ein Knall des zeitgenössischen Lärms, der gleichermaßen von so Garage Punk-Klugscheißern wie Uranium Club und Vintage Crop inspiriert scheint wie auch dem Sprechgesang und den durchdachten Arrangements des US Post Punk/Postcore-Phänomems Straw Man Army, auch wenn es hier lyrisch, passend zur Musik, ungleich leichtfüßiger zugeht. Abrundend ist noch ein leichter Touch von Tyvek oder UV Race am Start, der sich im laufe der EP zunehmend einschleicht. Ich finde das ist eine perfekte kleine 7″. Ich bin so bereit für die nächste, die nach meinen Berechnungen so etwa um 2031 landen sollte.

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Top Secret Nicho – Dining Nothing / Sin Agenda Para La Muerte

Streng geheime Nichos sind meine Lieblingssorte von Nichos, ich nehm Pommes dazu, danke! Oh, Dining Nothing, ist das so? Na gut dann halt nicht. Wie auch immer, Sin und Muerte sind auch klar auf meiner Agenda, zusammen mit Bier, Schmutz und Satan. Ist mir sofort sympathisch, diese Band aus Rosario, Argentinien und die Musik tritt auch Arsch! Das ist ganz exquisiter, noise-versiffter oldschool Post Punk, der abwechselnd mal an so Bands wie Nag, Impotentie, Labor und das frühere schaffen etwa von Institute, Low Life und Constant Mongrel erinnern mag, vielleich zusätzlich mit einer Note von hochentflammbarem Garage Punk á la Jean Mignon, besonders im erwähnten Dining Nothing.

Winky Frown – A Tale Of Two Frowns

Winky Frown waren von Anfang an eine gewisse Anomalie im per Definition ja schon sehr eigentümlichen Eggpunk-Umfeld, passen ihre Songs einerseits doch oft ziemlich passgenau in eine Reihe reichlich etablierter Eierpunk-Schemata aber sind dennoch immer voller Überraschungen und transzendieren mit links die Limitierungen des Genres indem sie jederzeit mehr Einsatz, Ideen und Songwriting-Rafinesse reinstecken als einem üblicherweise begegnet in dieser Nische. Die neue digitale 2-Track-Single kommt dann auch direkt mal mit einem von ihnen bislang ungehörten Trick daher in der Form von Frown Town, einer Art Slow-Jam, der auf gewisse Art ein verschollenes Artefakt von Wire der Chairs Missing-Ära zu channeln scheint, die im Gegenzug ja auch wieder viel von frühen Pink Floyd der Syd Barret-Ära heraufbeschwören und irgendwie funktioniert der Scheiß! Der zweite Song Upside Down Frown ist dann wieder näher dran an dem was wir von der Band gewohnt sind als ein weiteres fabelhaft konzipiertes High-Speed Garage Punk-Projektil, das unaufhaltsam einem explosivem Finale entgegenbrettert.

Knowso – Hypnotic Smack

Die noch recht frisch aus dem Ofen gezogene neueste Cruelster-LP ist noch nicht ganz abgekühlt, da steht auch schon das nächste Artefakt einer weiteren Band von Nathan Ward vor der Tür, nämlich den ungleich verwinkelteren und mathematisch-methodischer agierenden, aber doch unverkennbar verwandten Knowso, deren kürzliche Optimism / Foot Of Pride-Cassingle auch erst ein paar Wochen her ist. Wie gewohnt ist das ausgesprochen hochwertiger Scheiß, der sich an vorderster Front von zeitgenössischen, repetitiven Post- und Art Punk-Sonderlichkeiten abarbeitet, performt von einem Haufen tadellos rotierender und ordentlich gefetteter Menschmaschinen. Mir kommen derzeit wenig andere Bands in den Sinn, die solch rigide und potenziell abgehackte Arrangements mit so einem reibungslosen Drive und ungebrochener Wucht zu reproduzieren verstehen. Was jetzt nicht heißen soll, dass ihre Musik nicht auch saumäßig catchy wäre – das kommt hier mehr als je zuvor in der zweiten Halbzeit zur Geltung, wenn die Band in so Songs wie Consumer Talk und Panopticon ganz speziell die melodischen Unterströmungen ihres Sounds expandieren und herausarbeiten – das Ergebnis sind einige ihrer unmittelbar zugänglichsten Ohrwürmer bisher.

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Class Act – Malaise

Nach einer schon durchweg vergnüglichen Debüt-EP von 2023 trifft die neue LP dieser Band aus Kansas City aber mal ganz eiskalt meinen Nerv mit ihren überraschend flexiblen, wandlungsfähigen Lärmattacken, in denen ein Hauch von oldschooligem US Westküsten-Style auf Echos von frühen Minutemen und solchen (Proto-) Postcore- und (Proto-) Noise Rock-Acts wie etwa Flipper, Really Red oder Saccharine Trust trifft. Deren unkonventioneller Style mutiert dabei aber zu einem ausgesprochen KBD-getränkten Garagenvibe, der sich genau so gut auch mit aktuellen Referenzen á la Launcher, Mystic Inane, Cutup, Fugitive Bubble, Rolex, Cucuy oder Flea Collar umschreiben ließe.

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Jug & The Bugs – Ground You

Jug & The Bugs aus Vernon Township, New Jersey haben jetzt schon eine ganze Weile rumgewurstelt und währenddessen einen ordentlichen Stapel von Releases auf Bandcamp abgeladen in diversen Geschmacksrichtungen von Garage punk und sogar gelegentlichen Ausbrüchen von abstrakt No Wave-igem Lärm, entlang einem Spektrum von ziemlich simpel und oldschoolig bis ganz schön artsy und ausgefuchst. Ihre neueste LP fühlt sich aber so an, als habe sie jetzt exakt den Moment getroffen, an dem die Band letztendlich ihre eigene Stimme gefunden hat und ihre rumpeligen Garage Punk-Wurzeln transzendiert. Und in der Tat kleckern die Jungs hier nicht herum, die Platte zeugt von ultra-fokussierter, zielgerichteter Teamarbeit, endlosem Feinschliff und die vergeichsweise polierten Produktionswerte rücken diese elegant gefertigten kleinen Art Punk-Dramen in genau das richtige Licht. Gleich zu Beginn strahlt der Opener Your World bereits einen unwahrscheinlichen Wire-meets-Dead Boys-Vibe ab, wobei es davon aber eher Wire sind, die sich im weiteren Verlauf wiederholt als Vergleich aufdrängen, neben diversen Dreh- und Angelpunkten der jüngeren Garage-/Art-/Post Punk-Achse wie Marbled Eye, Ex Cult, jüngere Institute, Tyvek, Shark Toys, Andy Human & The Reptoods, R.M.F.C. oder Motorbike. Als Sahnehäubchen entwickelt das Zeug besonders in der zweiten Hälfte auch noch einen unübersehbaren Power Pop-Einschlag in so Songs wie Delivery und Away Today. Quality shit, zweifellos.

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Cruelster – Make Them Wonder Why

Neuer Scheiß von der Cleveland, Ohio-Achse des klugscheißerischen Post- und Garage Punk, deren Kern in etwa aus Cruelster, Perverts Again, Knowso und The Carp besteht und deren verbindendes Element der markante Sprechgesang von Nathan Ward ist. Nun waren Cruelster ja schon immer die spaßigste und unmittelbar geradeaus gehende Inkarnation des chaotischen Haufens und ihre neueste LP ist da auch keine Ausnahme, was jetzt aber keinesfalls bedeuten soll dass Cruelster und ihre kompakten kleinen Art Punk-Ausbrüche signifikant weniger ambitioniert, erfinderisch und ausgefeilt wären, sondern lediglich dass Cruelster von den genannten Bands am meisten darauf bedacht sind, ihre verworren zick-zackigen Hooks in ein relativ reibungslos rotierendes Framework aus Garage- und Hardcore Punk einzubetten und zu quantisieren – ja, Quantisierung ist in der Tat das Schlagwort das mir für jede dieser Bands in den Sinn kommt. Ein eigentlich ziemlich schlauer Sound, der nur oberflächlich etws dumm klingt. Das beste aus zwei gegensätzlichen Welten!

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Leche – Miracle Whip-It

Digital Hotdogs bringt uns das neueste Verbrechen der Cowpunk-Abrisscrew Leche aus Austin, Texas und darauf erinnern sie mich noch viel, viel mehr als auf ihren bisherigen Veröffentlichungen an eine weitere Digital Hotdogs-assoziierte Band, Trashdog, nicht unbedingt was ihren Sound angeht sondern eher in ihrer hyperaktiv-zerfahrenen „anything goes“-Herangehensweise die scheinbar alle Regeln und Konventionen in Sachen Genre, Struktur, Kontinuität, Bezug zur Realität ignoriert und untergräbt… also klar ist das wieder mal ein glorreicher, Genre-sprengender, fragmentierter Brocken von Chaos, der sich beim ersten Durchgang schon mal nach zu viel von allem anhühlen kann. Hat man das Gerümpel aber erstmal durchgefiltert, lässt sich aus dieser scheinbar willkürlichen Verklappung von Exzess mit der Laufzeit einer Doppel-LP aber eine saumäßig gute Einzel-LP herausschälen. Das ist weniger (Trashdog’s) Weezer’s Blue Album und mehr (Leche’s) The Beatles‘ White Album – etwas zu lang, ziemlich chaotisch, scheinbar komplett zufällig sequenziert und man täte Unrecht daran, es nach seinen schwächsten Momenten beurteilen.

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Self Improvement – Syndrome

Ich muss zugeben dass ich doch arg gemäßigte Erwartungen hatte an den Nachfolger zum ausgesprochen starken 2022er Debüt dieser Band aus Long Beach, Kalifornien – nicht dass die Band irgendwas dafür könnte… es war nur so, dass sie mir soundmäßig als die Sorte von Band rüberkamen, die als nächstes mit hoher Wahrscheinlichkeit sich entweder komplett übernehmen und mit schmackes ein größeres Stück vom Speck abbeißen als sie zu kauen vermogen, oder alternativ etwa sich spontan entscheden, dass es jetzt aber mal an der Zeit wäre, mit einem verwässerten und aufpolierten Sound das breitere Indiepublikum mit den Brokkoli-Köpfen zu erschließen. Glücklicherweise lag ich da mal sowas von falsch und nichts dergleichen ereignet sich auf der neuen LP. Wenngleich man den Krempel ganz oberflächlich auch dieses mal als eine derzeit ausgesprochen modische Machart des mehr oder weniger kantig-verwinkelten Post Punk klassifizieren mag mit Echos einerseits von Art Punk-Bands der ersten bis zweiten Welle á la frühe Siouxsie, Delta Five, Transmitters, Pylon und auch einer Spur von Wire, aber auch jüngeren Phänomenen wie Marcel Wave, Spread Joy, Sweeping Promises and Marbled Eye, wirkt alles auf dieser Platte ein beachtliches Stück überlegter und ausgefeilter. Während der gewisse Unterton von No Wave-funkiger Dissonanz beibehalten wurde, entfalten alle dieser Songs eine ganz eingenständige, perfekt ausbalancierte Dramaturgie und Dynamik in nuancierten Songverläufen, die oft ganz bewusst das Tempo und den Lärm streng im Zaum halten und sich voll und ganz auf unverschämt ausgefuchste Songarchitektur verlassen um den maximalen Wumms aus einem vergleichsweise unaufdringlichen Klangbild zu erzielen, nicht durch rohe Gewalt sondern durch wohlüberlegte, hochkonzentrierte und geradezu pingelige Zusammenarbeit, bei der alles perfekt ineinander greift.

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Gerinc – Reklamáció

Da passiert mehr unter der Haube als es auf den ersten Blick erscheint auf der Debütkassette dieser Band aus Budapest. Deren acht Songs channeln einerseits – insbesondere in der ersten Hälfte – ein paar vage KBD-mäßige Garage Punk-Vibes mit abwechselnden Geschmäckern von Gun Club und Wipers, gekontert von aktueller klingenden Sounds, auf welche so Bands der gegenwärtigen Anarcho-/Postcore-Achse á la Straw Man Army und Fantasma sicher einen nicht vernachlässigbaren Einfluss hatten, während in anderen Momenten auch etwas von einer gewissen Brut der Art Punk-Melancholie durchscheint nicht ganz unähnlich zu so Zeug wie Kitchen’s Floor und Uniform (Atlanta, nicht New York).

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