Diese Platte kam für mich wie aus dem Nichts als sie im Januar angekündigt wurde, wenngleich diese Songs und die Band dahinter - bestehend aus Mitgliedern unter anderem von Total Control, Den und R.M.F.C. - offenbar schon eine gute Weile im Hintergrund geköchelt hat. Vieles davon soll seinen Ursprung sogar in einer früheren Band namens KX Aminal haben, die nach meinem besten Wissen aber nie Australien verlassen und auch keine Musik veröffentlicht hat, weshalb es sicher auch entschuldbar ist, davon zuvor nichts gewusst zu haben. Wie auch immer, die Erwartungen waren hoch für diese Platte und ich freue mich zu sagen, dass jene hier mit Links erfüllt und übertroffen werden in einem Sound, der Elemente von allen drei erwähnten, bekannteren Bands beinhaltet aber diese gleichsam auch an unerwartete Orte transportiert in einer luftigen Klangästhetik, die vertraut wirkende Post Punk-Vibes mit einer Menge von sphärischer New Age-Entrücktheit verwebt, krautig-motorischer Repetition, weiteren Flavors von '70er Art Rock und nicht zuletzt auch eine leicht folkige Kante die mich an die neuseeländischen Postpunker Trust Punks und deren nach Berlin verzogene Nachfolgerband Dead Finks erinnert, zu einem epischen und zutiefst atmosphörischen, ausufernden und halluzinogenen Trip, der seine Wirkung am besten an einem Stück genossen entfaltet. Eine Rarität in dieser Zeit als ein noch mit großem A geschriebenes und konzipiertes Album, zusammen mehr als bloß die Summe zehn einzelner Songs, die zusammen auf eine LP gepresst wurden.
Landowner aus Holyoke, Massachusetts, eine der unverwechselbarsten Stimmen im aktuellen Post Punk-Umfeld, haben jetzt ihren fünften Langspieler auf Exploding In Sound Records raus und auch nachdem die Band schon ein gutes Jahrzehnt zu Gange ist, zeigen sie noch keinerlei Abnutzungserscheinungen in ihrer abstrakten, minimalistischen Herangehensweise an Post Punk und Postcore - wenngleich auch in letzter Zeit ihr Einfluss auf jüngere Bands zunehmend offensichtlich wird, bleibt dieser Sound absolut ihr eigener. Wenn überhaupt, dann sind ihre Kompositionen und Texte über die Jahre nur noch schärfer, bissiger und düsterer geworden und die oberflächliche Aura von ironischer Distanz ist als ein psychischer Selbstverteidigungs-Reflex zu deuten, nötig um bei Verstand zu bleiben, wenn sie die existenzielle Substanz ihrer Songs konfrontieren während wir alle nur zu gut wissen, das uns - im Gegensatz zur Präsentation der Menschheitsgeschichte als eine Abfolge kontextloser und teils fragwürdiger Meilensteine wie aus einer bizarren Strategiesimulation in Linear Age - das Universum keinen zweiten Versuch für unsere Existenz einräumen wird und der aktuelle Stand der Dinge nach einem einzigen Selbstauslöschungs-Speedrun aussieht.
Auf ihrer neuesten 7" bewegt sich eines der meistgeschätzten Bollwerke der gegenwärtigen Post Punk-Szene ein Stück weit wieder Weg von den luftigen Art Punk/-rock-Vibes, die sich noch durch ihre brilliant letzte LP Ragdoll Dance aus dem Jahr 2023 zogen und klingt eher wieder etwas stärker nach den noch etwas roheren Klangparametern ihres 2019er Albums Readjusting The Locks, ohne dabei jedoch das gereifte Songwriting und die ausgefeilten Arrangements der letzten Platte über Bord zu werfen. Das beste aus beiden Welten, würde ich mal sagen!
Exzellent schrulliger Scheiß auf der dritten EP dieses Typen aus Watford, England, der irgendwo zwischen den Welten britischem DIY Punk, Post Punk, Hard- und Postcore zuhause ist. Die ersten paar Songs erinnern mich dabei insbesondere an eine Variante von Landowner-mäßigem Hardcore mit mehr oder weniger cleanen Gitarren, angereichert um einige markant Mission Of Burma-mäßige Gitarrenarbeit und einer Ahnung von Television Personalities und Mekons, die sich auch durch den weiteren Verlauf der Platte zieht. Aber auch ein bisschen frühe Minutemen steckt da irgendwie mit drin und ein Bündel jüngerer Bands wie Zhoop (oder die gefühlt hundert Aliasse des selben Typen), Post Punker wie Big Bopper, Lamictal, Patti und auch die gegenwärtige Brut von so Teilzeitpunks á la Silicone Values, Famous Logs In History und das frühe Schaffen der Neutrals.
Erneut kommt ein ziemlich umwerfendes Tape zu uns von den verlässlichen New Yorker Lieferanten für Exzentrizitäten mit unterschiedlich starkem Punk-Bezug, Fuzzy Warbles Cassettes. Der Opener No Kill Means versprüht unmittelbar so einen Art Punk-Vibe á la Television-meets-Ruts oder, aus etwas jüngerer Zeit, Peace de Résistance und spätere Institute. Soft Change nimmt dann einen ungleich abstrakteren Kurs auf von minimalistischem Post Punk, relativ kühl und rigide und gleichzeitig auch ziemlich funky. Cave One ist ein relativ geradliniger aber keinesfalls dummer Krümel von Garage Punk und gleiches lässt sich auch über All Skill Levels sagen mit seinen gleichermaßen Proto- und Post Punk-igen Vibes und einer zusätzlichen Schicht von dissonantem Noise. Great Pastures verdichtet einige verwandte Eigenschaften zu einem unerwartet eingängigen und kompakten kleinen Paket von tangential Sonic Youth-mäßigem Lärm. Anticev überrascht dann hingegen mit einem offensichtlichen Surf Rock-Feel. Und so unvorhersehbar geht es weiter... das ist eine sehr gemischte Grabbeltüte von einer Platte, die hinter jeder Kurve eine neue Überraschung aus dem Hut zaubert und dabei wundersamerweise kein einziges mal daneben schießt, sondern seltsam kohärent und methodisch wirkt in seiner sich konstant im Flux befindlichen herangehensweise.
Diese Londoner haben ihre Debüt-LP an einem einzigen Tag in den Abbey Road Studios augfenommen. Spielt das jetzt eine große Rolle? Ich glaube nicht wirklich, aber wie auch immer, das Ding klingt ziemlich schick - unerwartet roh und ungeschliffen. Gleich vom Start weg begrüßt uns Defenestration mit einem melodischen, leicht folkigen Vibe irgendwo zwischen den Welten von Mission Of Burma, Sebadoh, Volcano Suns, Angst, Polvo oder Medications, gefolgt von einer geringfüfigg Wire-mäßigen Post Punk-Stilübung mit Echos von mitt-2000er Indie Rock in Sinnes - letzteres gehört für mich ehrlich gesagt aber zu den am wenigsten ansprechenden Dingen hier, zusammen mit dem etwas schäfrigen und unterentwickelten Cruel Tutelage. Liar nimmt dann zum Glück wieder Fahrt auf in einer Mischung aus oldschool Garage Punk und einem an Mudhoney erinnernden Fuzz Punk / Neo Grunge-Vibe, der teilweise auch weiter durch den geradlinigen Punksmasher Bumble Been resoniert, bevor Red Fuzz die insgesamt doch viel stärkere zweite Hälfte des Albums einläutet mit einem ausgesprochen eingängigen Pop-Tune. Pink Liquor ist dann ein kompakter, schnörkelloser Ausbruch Noise-lastiger Garage Punk-Exzellenz und Automated Response klingt wie eine weitere - und diesmal viel besser ausbalancierte - Wire-Huldigung direkt aus dem Pink Flag-Playbook. Cavern Killer mischt der Sache einen recht aktuell wirkenden Post Punk- und Noise Rock-Vibe bei bevor I Love You die Platte mir einer makellosen, stark '77 und KBD-beeinflussten Eigentümlichkeit der alten Schule ausklingen lässt.
Hier ist ein neuer Nicho für euch der so top fucking secret ist, dass man ihn bei Bandcamp finden kann. Auf dem Nachfolger zur letztjährigen (digitalen) Single Dining Nothing / Sin Agenda Para La Muerte versorgt uns die Band aus Rosario, Argentinien mit mehr vom gleichen Qualitätslärm, eingeweicht in den trüben Gewässern von '80er Post-, Garage- und Art Punk mit einer zusätzlichen Ebene von fuzzy Psychedelia obendrein, was diese Platte zu einem ziemlich guten Gegenstück zu der letzten Zulo Mini-LP macht, die vor kurzem ebenfalls auf der lokalen Szene-Boutique Fake Sex Tape erschienen ist.
Neuer Lärm von einem Typen, der nicht nur über die Jahre in einem ganzen ganzen Arsch voll hoch geschätzter Berliner Bands spielt oder gespielt hat wie etwa Benzin, Pigeon, Liiek, Molde und Deltoids, sondern auch schon seit langem seine ganz eigenen Leckerbissen unter dem Dee Bee Rich oder DBR-Alias zaubert. Etwa anderthalb Jahre nachdem sein letztes, selbstbetiteltes Tape schon einen massiven Sprung vorwärts markierte von einer als noch etwas skizzenhafter und verspielt zu bezeichnender DIY Lo-Fi-Ästhetik hin zu einer deutlich kohärenteren und ausformulierteren musikalischen Vision aus einem Guss, zeigt auch seine neueste LP erneut jede Menge Feintuning und eine erweiterte Palette von Einflüssen und Stilmitteln. Während der Opener Smirched noch durchaus als ein (exzellenter) Outtake der jüngsten Liiek LP durchgehen könnte, weiß Unacceptable durchaus schon zu überraschen wenn es die vertraute Post Punk-Formel mit '77-Style Gitarrenleads aufmischt. Pool zeigt dann erste Anzeichen einer melodischen Unterströmung wie man sie etwa von aktuellen Institute erwarten würde, gefolgt von Hold Me Tight, mit dem diese Platte endgültig ihr Pop-Gleichgewicht findet, zweifellos die beeindruckendste Demonstration bislang von einem gereiften Songwriting-Handwerk, das hier alles durchdringt und jede Sekunde dieses Killeralbums aufwertet.
Diese Band aus Baltimore hat Mitglieder von Nag und Quitter an Bord, was ja schon mal ordentlich die Erwartungshaltung hochschraubt, aber es scheint eher so als zögen sie auf ihrer ersten EP alle Register, um besagte Erwartungen zu subvertieren. Die Platte hat fraglos eine etwas zersplitterte Persönlichkeit - jeder Song hier könnte genauso gut von einer jeweils anderen Band kommen und ich sag mal der Scheiß knallt rein! Carte Blanche ist vier Minuten Math-angehauchter Noise Rock wie man ihn etwa von so Bands wie John (timestwo), Luggage, den frühen Werken von Tunic oder Help erwarten würde. Vertices ist dann vielleicht ein kleines bisschen näher an dem tristen, monotonen Post Punk-Sound, den ich zuerst von ihnen vermutet hätte, aber da ist außerdem noch so ein staubiger Americana-Vibe mit dabei wie man ihn zuletzt etwa auf dem jüngst erschienenen The III tape gehört hat. Cranberry ist ein dissonant lärmender Brocken Hardcore, gefolgt von drei Minuten des experimentellen Drone/Noise in The Gate. Zu guter Letzt mündet dann in Kept Bread ein Doom-/Drone-mäßiges Intro in einen Song, der hier vielleicht noch die größte Ähnlichkeit zu den erwähnten Nag aufweist, zumindest wenn man jene auf zwei Drittel der Geschwindigkeit verlangsamt. Eine rätselhafte Veröffentlichung ist das hier und ich bin durchaus gespannt wo das Ganze die Band noch hin führen wird.
Die 2024er LP Nyuck Nyuck Boing gehörte zu den unwahrscheinlichsten Highlights des letzten Jahres, ein sich seltsam anachronistisch anfühlender, unhandlicher Koloss von einer Platte, die im gleichen maße von US Post Punk/-core-Bands wie Saccharine Trust und Minutemen inspiriert scheint wie von britischem Art Punk der Swell Maps- und The Pop Group-Bauart, mit weiteren Echos von motorisch-krautigen Grooves, No Wave-Atonalität und reichlich '60er Acid Rock-Exzess. Hier ist jetzt also der Nachfolger davon am Start und auch auf den trifft immer noch das meiste davon zu, wobei die Band zugleich aber auch ihre eklektizistischen Einflüsse zu einem etwas kohärenteren und greifbareren Päckchen verschnürt, nicht zuletzt weil sie sich hier stärker auf die psychedelische Seite der Gleichung konzentrieren und weniger auf die funky Post Punk-Grooves des Vorgängers, obwohl auch jene nochmal eine kleine Rückkehr feiern etwa in The Big Hit, das eine vergleichsweise versöhnlich gelaunte, relaxtere zweite Hälfte einläutet - das Yin und Yang einer Band die sich immer noch keinen halben Dreck schert um sauber geordnete Genre-Kategorien und unsere jeweiligen Vorstellungen davon.