Digital Hotdogs bringt uns das neueste Verbrechen der Cowpunk-Abrisscrew Leche aus Austin, Texas und darauf erinnern sie mich noch viel, viel mehr als auf ihren bisherigen Veröffentlichungen an eine weitere Digital Hotdogs-assoziierte Band, Trashdog, nicht unbedingt was ihren Sound angeht sondern eher in ihrer hyperaktiv-zerfahrenen "anything goes"-Herangehensweise die scheinbar alle Regeln und Konventionen in Sachen Genre, Struktur, Kontinuität, Bezug zur Realität ignoriert und untergräbt... also klar ist das wieder mal ein glorreicher, Genre-sprengender, fragmentierter Brocken von Chaos, der sich beim ersten Durchgang schon mal nach zu viel von allem anhühlen kann. Hat man das Gerümpel aber erstmal durchgefiltert, lässt sich aus dieser scheinbar willkürlichen Verklappung von Exzess mit der Laufzeit einer Doppel-LP aber eine saumäßig gute Einzel-LP herausschälen. Das ist weniger (Trashdog's) Weezer's Blue Album und mehr (Leche's) The Beatles' White Album - etwas zu lang, ziemlich chaotisch, scheinbar komplett zufällig sequenziert und man täte Unrecht daran, es nach seinen schwächsten Momenten beurteilen.
Ich muss zugeben dass ich doch arg gemäßigte Erwartungen hatte an den Nachfolger zum ausgesprochen starken 2022er Debüt dieser Band aus Long Beach, Kalifornien - nicht dass die Band irgendwas dafür könnte... es war nur so, dass sie mir soundmäßig als die Sorte von Band rüberkamen, die als nächstes mit hoher Wahrscheinlichkeit sich entweder komplett übernehmen und mit schmackes ein größeres Stück vom Speck abbeißen als sie zu kauen vermogen, oder alternativ etwa sich spontan entscheden, dass es jetzt aber mal an der Zeit wäre, mit einem verwässerten und aufpolierten Sound das breitere Indiepublikum mit den Brokkoli-Köpfen zu erschließen. Glücklicherweise lag ich da mal sowas von falsch und nichts dergleichen ereignet sich auf der neuen LP. Wenngleich man den Krempel ganz oberflächlich auch dieses mal als eine derzeit ausgesprochen modische Machart des mehr oder weniger kantig-verwinkelten Post Punk klassifizieren mag mit Echos einerseits von Art Punk-Bands der ersten bis zweiten Welle á la frühe Siouxsie, Delta Five, Transmitters, Pylon und auch einer Spur von Wire, aber auch jüngeren Phänomenen wie Marcel Wave, Spread Joy, Sweeping Promises and Marbled Eye, wirkt alles auf dieser Platte ein beachtliches Stück überlegter und ausgefeilter. Während der gewisse Unterton von No Wave-funkiger Dissonanz beibehalten wurde, entfalten alle dieser Songs eine ganz eingenständige, perfekt ausbalancierte Dramaturgie und Dynamik in nuancierten Songverläufen, die oft ganz bewusst das Tempo und den Lärm streng im Zaum halten und sich voll und ganz auf unverschämt ausgefuchste Songarchitektur verlassen um den maximalen Wumms aus einem vergleichsweise unaufdringlichen Klangbild zu erzielen, nicht durch rohe Gewalt sondern durch wohlüberlegte, hochkonzentrierte und geradezu pingelige Zusammenarbeit, bei der alles perfekt ineinander greift.
Da passiert mehr unter der Haube als es auf den ersten Blick erscheint auf der Debütkassette dieser Band aus Budapest. Deren acht Songs channeln einerseits - insbesondere in der ersten Hälfte - ein paar vage KBD-mäßige Garage Punk-Vibes mit abwechselnden Geschmäckern von Gun Club und Wipers, gekontert von aktueller klingenden Sounds, auf welche so Bands der gegenwärtigen Anarcho-/Postcore-Achse á la Straw Man Army und Fantasma sicher einen nicht vernachlässigbaren Einfluss hatten, während in anderen Momenten auch etwas von einer gewissen Brut der Art Punk-Melancholie durchscheint nicht ganz unähnlich zu so Zeug wie Kitchen's Floor und Uniform (Atlanta, nicht New York).
Gewohnt exzellentes neues Futter von einigen meiner liebsten Post Punk-Weirdos. Der erste Track Optimism auf der neuen Cassingle der Band aus Cleveland, Ohio trägt dabei fast schon exemplarisch alle Erkennungsmerkmale ihrer verwinkelt-kantigen Machart des Genres und verschnürt sie zu einem ultraeingängigen kleinen Kraftpaket, woraufhin dann die B-Seite Foot Of Pride eine im Vergleich ambitioniertere, ausufernde Angelegenheit darstellt, die - trotz ihres relaxten Tempos und einer für die Band ungewöhnlichen Länge von über fünf Minuten - niemals müßig wird dank ihrer subtilen aber effektiven Schwelbrand-Dramaturgie und einer Performance so scharf und präzise wie eigentlich alles von dieser außergewöhnlichen Band.
Acht pfundige Sprengladungen von im gleichen Maße rohem und schlauem, erfinderischem und vielfältigem Hardcore Punk erwarten uns auf der ersten EP dieser Kalifornier, deren Sound einerseits einiges gemeinsam hat mit solchen oldschool Hardcore-meets-Garage Punk-Bands á la Strutter, Headcheese, frühen Electric Chair, Insane Urge und Necron 9, diese Ästhetik aber mit dem unvorhersehbaren, strukturierten Chaos von etwas quirligeren, irgendwie anders verdrahteten Bands wie Mystic Inane, Cucuy, Acrylics, Big Bopper und Rolex verschweißt.
Thyroids aus Dallas, Texas hatten schon einige Jahre in variierenden Styles und Vibes herumgeschaufelt, aber sind erstmals so richtig auf Gold gestoßen mit der ausgezeichneten EP Toppings and Droppings aus dem letzten Jahr. Und jetzt, anlässlich ihres ersten Langspielers, haben die ihren Sound erneut mal ziemlich durchgeschüttelt und diversifiziert, mit nur noch leichten Rückständen des Synth Punk-Sounds, welcher den Vorgänger noch dominiert hatte. Der Opener ABCs of Assimilation entzückt mit einer Variante von verwinkeltem Post-meets-Garage Punk-Scheiß á la Reality Group, Uranium Club oder Exit Group und obendrein ein bisschen Skull Cult. Letzteres trifft sogar noch mehr auf Tracks wie Static/Dynamic und The New Poor zu, die gleichzeitig aber auch einen unbestreitbaren Knowso-Vibe ausstrahlen. The Loot und Don't Ask, Dumbass sind schnörkellos präzise Hardcore-Schläge in die Magengrube. Daily Habits hüllt die Band in eine fast schon Egg-mäßige Tarnkleidung wohingegen Enterview und Suited & Tied etwas von einer Math Rock-Kante haben, die vage an so Bands der Sorte Big Bopper, Rolex, Brandy und Mystic Inane erinnert. Check Engine Light beschwört eine oldschoolige Useless Eaters oder Ex-Cult-Energie herauf. Cop Out ist ein ultrafokussierter Garage Punk-Smasher, der den maximalen Effekt aus einem althergebrachten Riff ausbeutet und der letzte Song !!! Click Now To Claim Your Reward !!! springt dann wieder kopfüber in die bereits erwähnten Skull Cult- und Uranium Club-Versatzstücke zu einem absolut hypnotischen Ergebnis.
Ich muss eingestehen dass ich nach einer ausgesprochen starken 2019er Debüt-EP meine Schwierigkeiten hatte, mich für die nachfolgenden EPs und insbesondere die 2023er Big Mess LP dieser Band aus Brighton zu erwärmen, die mir einfach etwas zu rigide auf die populäre Standardformel des hippen britischen Post Punk-Chic abzuzielen schien mit den üblichen verräterischen Anzeichen wie einem etwas zu glatten Produktionsstil, einem Übermaß an polyrhythmischen Gitarrenleads und Appregios, fadem Gen Z zähle-jede-silbe Sprechgesang (der Scheiß wird nicht gut altern, sag ich euch) - also schlicht gesagt, nicht den originellsten Grundzutaten dieser Tage. Der neue Langspieler ist dagegen mal ein ganz anderes Kaliber, auf dem sich die Band ihre ursprüngliche Kante zurückerobert und eine stellenweise fast schon Postcore- und Noise Rock-mäßige Energie zu Songs zusammenfließen lässt, die organisch und rund wirken anstatt erzwungen zusammengetüftelt und zu Tode quantisiert in einer Pro Tools-Postproduktionshölle. Nein, das hier ist klar der Sound einer fähigen Band, die von irgendwas (Anlässe gibt's ja reichlich) aus ihrer Komfortzone herausgesprengt wurde, ein lebender, pulsierender Organismus, wuchtig vorangetrieben von gerechter Wut während das Songmaterial fraglos das am sorgfältigsten aufgebaute und ausbalancierte ist, was die Band bisher von sich gelassen hat - besonders hervorzuheben ist, wie nahtlos sich die Synths in den Sound integrieren und verankern auf dieser Platte, die mich neben vielen anderen an so vielfältige Bands wie Beef, Dr. Sure's Unusual Practice, Broken Prayer, Wristwatch and Patti erinnert.
Die reaktivierten australischen Punk-Oldtimer haben eine neue 7" auf Iron Lung Records am Start und in mehrfacher Hinsicht ist das eine besondere Platte - nicht zuletzt handelt es sich bei den Songs hier um verschollene, niemals aufgenommene Klassiker, geschrieben um '78-'79 herum und jetzt seit langen wieder hervorgeholt und neu aufgenommen. Die aktuelle Inkarnation der Band hat den Ausmuteants- und Alien Nosejob-Frontmagier Jake Robertson an der Gitarre und jener zeichnet wohl auch gemeinsam mit dem unersetzlichen Szene-Hansdampf in allen Gassen, Mikey Young, für die Produktion verantwortlich und oh boy, wird das hier alles offensichtlich auf einer Platte, deren Sound das beste aus beiden Welten repräsentiert - die quirlige Energie der kontemporären Szene genau so wie die catchy-verspielten Vibes der ersten DIY-Punkwelle.
Nicht allzu lange nach ihrer brillianten Debüt-EP bekommen wir jetzt auch schon die erste LP von dieser Band aus Minneapolis zu hören, die wie gehabt mit einem charmant aldmodischen Genre-Mix entzückt, der offenbar überwiegend Inspiration von einigen eher unkonventionellen und melancholisch angehauchten Ausläufern der '80er bis '90er Punk-, Hard- und Postcore-Historie bezieht, wenngleich die Einflüsse hier noch etwas vielfältiger und differenzierter rüberkommen. Während der Opener Hello World mit einem starken '90er Dischord-Vibe mit Echos etwa von Jawbox, Crownhate Ruin, Bluetip, Smart Went Crazy oder Kerosene 454 aufwartet, hat der darauf folgende Track Tectonic Plates mehr so etwas von einer seltsamen Mischung aus Rapeman, Brainiac und Mule. Kick Geneva und Steve erinnern mich hingegen stark an Angst oder Moving Targets und BDFI hat so eine Butthole Surfers-mäßige Doom-Ästhetik. Diesmal dauert es darüber hinaus doch tatsächlich bis zum vorletzten Track What Happens Next und nachfolgend Mantle, dass letztendlich doch noch mal der Mission Of Burma-Vibe zum vollen Vorschein kommt, der die vorherige EP noch stärker dominierte. Nicht zuletzt ist über weite Strecken auch eine stark folkige Unterströmung zu verzeichnen, die mich unter anderem an so geringfügig exzentrische Bands der '80er erinnert wie The Proletariat, Volcano Suns, M.I.A. und My Dad Is Dead.
Vom neuesten Bündel an Releases auf Inscrutable Records hat ja mal klar die Evinspragg-Platte die meiste Aufmerksamkeit abbekommen - teils aus durchaus gerechtfertigten Gründen, teils aus eher ärgerlichem Drama-induziertem Anlass. Aber wenn ich ehrlich sein soll beißt jene Platte dann doch etwas mehr ab als sie zu schlucken vermag und versandet nach ihrem spektakulären Start mehr oder weniger auf halber Strecke. Nein, mich zieht es dann doch eher zu den anderen beiden Veröffentlichungen des Labels, zu denen auch das Langspieldebüt von Johnny Skin gehört. Der kreiert darauf eine verträumte und supereingängige Melange, welche die überlebensgroße Melancholie und Sehnsucht von '50er-'60er Bubblegum Pop-Balladen in eine minimalistische Ästhetik aus vintage elektronischen LoFi-Drumbeats und Synths transportiert, die fraglos unvermeidliche Vergleiche zu Suicide und Métal Urbain hervorrufen wird, im stetigen Wechsel mit ungleich lärmigeren und dissonant No Wave-igen Nummern, die mehr mit so alten Synth Punk-Pionieren á la Primitive Calculators und Nervous Gender gemein haben und mit dem experimentell-psychedelischen Krach etwa von Theoretical Girls, Chrome oder MX-80.