Ein stetiges Getröpfel neuer Songs auf ihrer Bandcamp-Seite hat schon länger angedeutet, dass da was neues auf uns zukommt von dieser unverzichtbaren Säule der 2010er Garage Punk-Szene aber dennoch fühlt man sich etwas überrumpelt von dieser neuen LP, die ohne explizite Ankündigung digital auf Bandcamp abgeladen wurde und irgendwan in diesem Jahr auch noch eine Vinyl-Veröffentlichung auf Total Punk Records bekommen soll. Ebenso schwebt auch die Frage über dieser Platte - nach ihrer glorreichen Rückkehr als Liveband im letzten Jahr - inwiefern Useless Eaters hier eigentlich als Band fungieren angesichts dieser elektrolastigen Heimstudio-Qualität, die diese Songs durchzieht und freimütig auf klassische Dub-Techniken, Synths und Drum-Samples zurückgreift, ansonsten aber doch seltsam Gitarrenzentriert erscheint. Klingt alles mal sehr danach, als ob sich Seth Sutton hier Solo im Studio austobt. Nicht dass es eine große Rolle spielen würde, resultiert es doch in einer durchaus faszinierenden Platte, die eine unerwartet surreale Spiegelversion von Useless Eaters präsentiert. Angenehm vertraut in manchen Aspekten aber auch ein bisschen eine Neuerfindung ihres Sounds, klingt das nur wenig nach irgendwas das sie zuvor schon mal unternommen hätten in seiner abstrakten, kalten Herangehensweise, einem unübersehbaren Industrial-Feel, der hier kompromissloser rüberkommt als selbst die exzentrischeren Ausläufer ihrer bisherigen Diskografie.
Ähnlich unverhofft kam übrigens ein paar Tage zuvor die Debüt-EP von G2K daher, einer Band die soweit ich das vermuten kann eine Kollaboration zwischen Sutton und Sal Go von der Washingtoner Band Sexfaces darstellt. Wie auch immer, die Songs klingen wie ein ausgezeichnetes Begleitmaterial zur Useless Eaters LP und teilen so einiges von dessen roher Produktionsästhetik, betätigen sich ansonsten aber in einer ungleich roheren und primitiven Schule von Garage-, Art- und Proto Punk-beeinflusstem Lärm, verhüllt in einen aus diesem Universum angenehm vertrauten, psychedelischen Nebel.
In einem kulturellen Umfeld von sich rapide wandelnden musikalischen Trends und Hypes und einem sich unnachgiebig drehenden Promo-Hamsterrad in den Sozialen Medien, dessen Zielgruppe nicht Menschen sind sondern ein Algorithmus… da hat es immer etwas heilendes eine Band wie diese zu Verfolgen, die sich komplett unbeeindruckt zeigt von der modernen Aufmerksamkeitsökonomie, die selbst schon ein gutes Jahrzehnt älter ist als dieses Blog und nach zweieinhalb Dakaden immer noch ihre ganz eigene abgefuckte Muse verfolgt. Erwartungsgemäß teilt sich auch die neueste LP viele der Quirks und Qualitäten die wir an dieser Band zu schätzen gelernt haben und ihrem Art Punk, der jederzeit gleichermaßen krude und catchy rüberkommt, bei alldem aber auch immer reichlich Abwechslung besorgt und so einige schlaue Ideen unter der primitiven Oberfläche verbirgt. Mögliche Einflüsse könnten sich dabei von uralten Krawallerzeugern wie Half Japanese, The Membranes, Feedtime, The Fall erstrecken, über diverse mit altem No Wave verbundene Artefakte oder auch ein paar krautige Spielereien, bis zu jüngeren, essenziellen Garage-Klassikern der Sorte The UV Race oder Eddy Current Suppression Ring. Aber ehrlich gesagt wäre es inzwischen einfach unangebracht, Subtle Turnhips nicht als die ganz ureigene und kompromisslose kreative Gewalt zu betrachten, als die sie sich wiederholt unter Beweis gestellt haben und auch diese Platte ist nicht weniger als ein weiterer sofortiger Klassiker für Freunde des etwas schrulligeren Garagenlärms.
Hier ist mal ein im absolut positiven Sinne seltsames Album für euch von einer Band aus Charlotte, North Carolina. Das Ding beginnt ziemlich eindeutig als ein derbes Hardcore-Brett, auch wenn sich vom ersten Moment an auch ein unübersehbarer, psychedelish-abgespaceter Unterton breit macht, eine zunehmend melodische Qualität und ein fundament aus unbestreitbar hochwertiger Songkonstruktion, das sich spätestens im vierten Song Misery komplett Bahn bricht bevor die LP dann mit jedem folgenden Song das Tempo ein Stück zurücknimmt und sich ein Acid Rock-beeinflusster Post Punk-, Postcore- und Art Punk-Vibe herausschält, der mich ein bisschen an jüngere Science Man oder Optic Nerve erinnert und sogar ein bisschen ältere Poison Ruïn schwingt etwa in Make A Case mit. Unvermeidlich bewegt sich die LP letztendlich auf vollwertiges Space Rock-Territorium zu ohne dabei aber jemals den subtil emofizierten, melancholischen Unterton und seine melodische Brillianz zu vernachlässigen und zu keinem Zeitpunkt klingt die Band dabei nach irgendwem außer sich selbst - die belastbarsten Vergleiche dir mir auf die Schnelle einfallen wären dabei so Bands wie Shrudd oder Electric Prawns 2, aber ganz ehrlich bewegt man sich damit schon auf sehr glattem Eis. Außerdem könnte man das emotionale Breitwand-Drama im Mittelteil ein bisschen mit Tom Lyngcoln's Raging Head vergleichen oder dem spirituellen Nachfolger davon, seiner jüngsten Band namens Metho. Aber keiner dieser Vergleiche hält wirklich stand. Forcer haben hier ein im aktuellen Genre-Umfeld komplett eigenständiges Werk erschaffen, würde ich mal sagen.
Hier ist mal wieder so ein eigenwilliges Artefakt aus gleichermaßen unhandlichem wie auch seltsam eingängigem Noise Rock- und Postcore-Delirium für Liebhaber des rohen und sperrigen Krachs. Agita kommen aus Philadelphia und haben jetzt ihre bereits dritte EP als Kassette auf dem lokalen Label Strange Mono veröffentlicht, auf welcher sie fünfzehn meist weniger als eine Minute kurze Attacken aus krudem Chaos' von der Leine lassen, was mich genau so an frühe Proto-Noise Rocker á la Flipper, No Trend oder ganz frühe Rudimentary Peni erinnert wie auch an jüngere Seltsamkeiten der Sorte Soupcans und Soft Shoulder. Zwölf ausgesprochen reizende Minuten von Gerümpel chaotischem Lärm, der gleichsam aber auch von einem stabilen, rigiden Grundgerüst beisammen gehalten wird, vorwärts getrieben von einer rohen, hyperfokussierten Darbietung.
Shrudd aus Louisville, Kentucky kann man ja schon länger zu den substanzielleren jungen Vertreteren im Garage Punk-Umfeld zählen aber ein echter Quantensprung für die Band war ihr erster Langspieler No Man Is Good Three Times im letzen Winter, auf der sie ihre bescheidenen Eggpunk-Anfänge gegen einen eigenständigeren und komplexeren Sound an der Schnittstelle von einerseits Garage- und Post Punk und andererseits Psychedelic- und Space Rock eintauschten. Schwierige Aufgabe, mit einem Nachfolger zu so einem Hammeralbum zu überzeugen aber die zwei ersten neuen Songs seitdem (die alberne Weihnachtssingle dazwischen ignoriere ich mal) schlagen sich da mal ausgesprochen gut und halten problemlos das Niveau als hochklassige Kaliber in dem zuvor etablierten Genre-Spektrum von ausgefeiltem und durchweg elegantem Post-/Garage Punk grob in der Nachbarschaft von so Bands wie Mononegatives, Useless Eaters, Institute, Corker, Marbled Eye, Tube Alloys oder Electric Prawns 2, aber irgendwie auch schon wieder ihre ganz eigene Tasse Tee.
Die Wiederveröffentlichung der ursprünglich ende letzten Jahres erschienenen Hello, Mr. Operator EP der New Yorker Elektropunks Hand Helds auf dem australischen Label Grog Records lies mich mal echt aufhorchen. Ein kurzer Blick auf ihr Bandcamp-Profil offenbart dann nicht nur dass es bereits einen Nachfolger zu der EP gibt, sondern auch eine Band, die offenbar schon ein paar Jahre ihr Ding durchzieht und konstant EPs in einem variablen Spektrum zwischen Noise-versifftem Garage Punk, minimalistischem und überwiegend ziemlich rauhem Synth- und Elektropunk rausgehauen hat. Ich bin mir ziemlich sicher, früher schon über die Band gestolpert zu sein, kann im Nachhinein aber auch nachvollziehen warum ich mich damit nicht weiter befasst habe, klingt viel ihres früheren Werkes doch nach einer maximalistischen Herangehensweise, möglichst viel Dreck an die Wand zu werfen um zu sehen was dran kleben bleibt. Nu ja, ein paar Dinge sind aber offensichtlich kleben geblieben und auf ihren jüngsten zwei EPs fügen sich die Teile viel nahtloser zusammen dank eines vergleichsweise minimalistischen und wohlüberlegten weniger-ist-mehr-Ansatzes. Hello Mr. Operater ist dabei klar noch die etwas kruder klingende EP mit einer stark in der Schuld von Primitive Calculators und vereinzelt auch Suicide stehenden Machart des bis auf die Knochen reduzierten Synth Punk. Die Transatlantic Death Machine EP tauscht dann die Bassgitarre gegen einen Schlagzeuger aus Fleisch und Blut ein und das Ergebnis ist noch ein gutes Stück wilder und fast schon ein bisschen elegant, auch wenn die dissonanten Muster aus Synth-Kakophonie in so Songs wie Glue Tongue alles daran setzen, darüber hinwegzutäuschen. Eine seltsam krautig-motorische Qualität durchzieht das Ding. Entschlackt auf ein Minimum aber mit der notwendigen Liebe für die Details auf die es ankommt ist das klar ein paar Tacken höher angesiedelt als die Masse an Electro Kraut-Veröffentlichungen und No-Wave-mäßigen '80er Synth Punk-Rückblenden.
Es wäre jetzt ziemlich einfach, diese Schweizer als nur ein weiteres Artefakt der Kategorie "Pisse und die Folgen" abzuheften, aber dafür arbeitet der Scheiß hier eigentlich auf einem zu hohen Level und steht doch sehr komfortabel auf seinen eigenen Füßen mit genug eigener Identität und Ideen um sie aus der Masse herausstechen zu lassen mit einem Sound, der mir dann auch ein bisschen Internationaler vorkommt wenn mich etwa Rien Pour Moi an so Art Punk-Bands wie Ismatic Guru oder Landowner erinnert oder Animal Farm so einen alten Giorgio Murderer-Vibe aufweist. Wie dem auch sei, den Vergleich mit Pisse werden sie vorerst noch nicht vermeiden können, aber ohne Frage ist das hier für sich genommen eine beeindruckende Debüt-EP und ich bin mehr als gespannt, wohin sich das entwickelt.
Die ersten Teaser-Tracks vom Langspieldebüt dieser Band aus Melbourne, bestehend unter anderem aus Mitgliedern von Piss Wizard und Stray Dogs To Good Homes, hatten bereits eine drastische Abwendung signalisiert vom noch deutlich simpleren, Wipers-infizierten Garage Punk ihrer vorherigen EP und in der Tat ist diese Platte eine ganz andere Sorte von Biest geworden, das mehr von einem staubigen, Americana-durchtränkten Post Punk-Vibe versprüht mit Echos von frühen Scientists aber auch viel jüngerem Zeug wie etwa dem Noise-versifften Post Punk der kopenhagener Größen Lower und den frühen Iceage; Sklitakling und Pleaser aus Schweden, Americana- und Cowpunk-beeinflussten US-Bands wie Weak Signal und Bambara oder auch Australiern wie Optic Nerve und Refedex. Eine reiche Pallette von mutmaßlichen und durchaus etablierten Einflüssen also, aber diese Band kocht daraus ein durchaus eigenständiges Süppchen, nicht zuletzt dank tonnenweise belastbarer Songsubstanz als Fundament für die lärmigen Eruptionen und kantigen Performances, ein angemessenes Vehikel aus düsterer Energie für die unverblümt-eindringlichen Texte und Vocals von Frontfrau Freya Tanks.
Ist das jetzt echt schon die vierte Dead Finks LP? Fuck, wie die Zeit vergeht! In Relation dazu ist der Output des Berliner Post Punk-Duos bestehend aus Erin Violet und Joseph Thomas (zuvor von den Neuseeländern Trust Punks bekannt) aber beruhigend konstant und immer von höchster Klasse, transportiert dabei auch klar etwas von der alten Trust Punks-DNA, verwebt jene aber mit jeder Menge von folkiger Schrammelei und Melancholie zu einem epischen, farbenfrohen Mosaik aus Breitwand-Drama, eine leicht vernebelte Atmösphäre aus ungelöstem Konflikt, die mich mehr als nur einmal an die ikonische, singuläre Vision der Indie-/Noise Rocker Kitchen's Floor aus Brisbane erinnert.
Einer der klar esoterischeren Ausläufer der aktuellen Art Punk-Landschaft schlägt hier mal wieder zu mit sechs neuen, durchweg arschtretenden Minuten von Math-lastigen, Dub-durchtränkten, Polyrhythmus-fixerten und such hemmungslos gehen lassenden Post Punk-Nuggets, die einfach nur nach Kopf im eigenen Arsch klingen würde von jeder anderen Band. Aber diese Leute aus Buffalo, New York, die ihre filigrane Formel im Laufe von fünf Jahren und sechs Veröffentlichungen unglaublich verfeinert und perfektioniert haben, gehören zu den seltenen Ausnahmenm die diese luftigen Ambitionen mit einer überfließenden Fülle an musikalischer Substanz und bombenfester Klangarchitektur zu untermauern verstehen.