Hier ist mal ein im absolut positiven Sinne seltsames Album für euch von einer Band aus Charlotte, North Carolina. Das Ding beginnt ziemlich eindeutig als ein derbes Hardcore-Brett, auch wenn sich vom ersten Moment an auch ein unübersehbarer, psychedelish-abgespaceter Unterton breit macht, eine zunehmend melodische Qualität und ein fundament aus unbestreitbar hochwertiger Songkonstruktion, das sich spätestens im vierten Song Misery komplett Bahn bricht bevor die LP dann mit jedem folgenden Song das Tempo ein Stück zurücknimmt und sich ein Acid Rock-beeinflusster Post Punk-, Postcore- und Art Punk-Vibe herausschält, der mich ein bisschen an jüngere Science Man oder Optic Nerve erinnert und sogar ein bisschen ältere Poison Ruïn schwingt etwa in Make A Case mit. Unvermeidlich bewegt sich die LP letztendlich auf vollwertiges Space Rock-Territorium zu ohne dabei aber jemals den subtil emofizierten, melancholischen Unterton und seine melodische Brillianz zu vernachlässigen und zu keinem Zeitpunkt klingt die Band dabei nach irgendwem außer sich selbst – die belastbarsten Vergleiche dir mir auf die Schnelle einfallen wären dabei so Bands wie Shrudd oder Electric Prawns 2, aber ganz ehrlich bewegt man sich damit schon auf sehr glattem Eis. Außerdem könnte man das emotionale Breitwand-Drama im Mittelteil ein bisschen mit Tom Lyngcoln’s Raging Head vergleichen oder dem spirituellen Nachfolger davon, seiner jüngsten Band namens Metho. Aber keiner dieser Vergleiche hält wirklich stand. Forcer haben hier ein im aktuellen Genre-Umfeld komplett eigenständiges Werk erschaffen, würde ich mal sagen.
Diese mehr-oder-weniger Supergroup aus Los Angeles (Mitglieder hatten unter anderem bei Ex-Cult, Bad Sports, Shark Toys, OBN IIIs und Richard Rose mitgespielt) ist jetzt schon seit ein paar Jahren unterwegs aber ich tat mich bisher schwer, über die ausgeprägten Dad Rock-Vibes (oder zumindest eine ganz schön Dadpunk-mäßige Art von Garage Punk-Vibes) hinwegzusehen auf ihren ersten zwei Kurz- und Langspielern. Ihr zweites Album ist jetzt aber mal ein komplett anderes Biest und was zuvor noch etwas halbherzig und halbgar rüberkam fügt sich auf dieser via In The Red Records erschienenen LP nahtlos zusammen zu einem saumäßig catchy Killersong nach dem anderen, welche hier allesamt in ein ausgesprochen schmeichelhaftes Licht gerückt werden von einer unnachgiebig tighten, explosiven Performance, festgehalten in einer hochwertigen Produktionsästhetik mit reichlich Punch, ohne dabei irgendwas zu verwässern oder die scharfen Kanten ihres Sounds abzuschleifen (Ja ganau, du bist gemeint, Hymns From The Hills). Das ist nicht weniger als eine erstklassige Zeitkapsel von Garage Punk wie aus der 2010er-Ära, dem inzwischen auch schon wieder etwas sehr angenehm oldschooliges anhaftet, durchgezogen mit unglaublicher Wucht, routinierter Leichtigkeit und treffsicherer Konsistenz, absolut dem Ruf gerecht von so einem Haufen mit allen Wassern gewaschener Genre-Veteranen.
Diese Band aus Kansas City hat hier eine durchweg beeindruckende Debütkassette eingehämmert. Die erschien auf dem lokalen Szene-Bollwerk Dirtbag Distro und hat elf kräfftige Schläge aus winderbar lumpigem und angepisstem, oldschooligem Hardcore auf Lager… Ich finde dabei allerdings, dass der Bandcamp-Blurb mit seinen Referenzen zu Minor Threat und Black Flag die Platte ganz schön kleinredet und unter Wert verkauft, ist hier doch weitaus mehr unter der Haube am Werk als nur ein weiterer durchschnittlicher ’80er Retro-Neuaufguss. Nein, hier bleibt alles spannend und unvorhersehbar von Anfang bis Ende dank Tonnenweise netter Sonderlichkeiten und flotter Einfälle und eine konstante garagig- KBD-mäßige Unterströmung macht das spaßige Gesamtpaket komplett, das eigentlich kaum weniger im Dialog zu stehen scheint mit dem aktuellen Geschehen am schrägeren Ende des Hardcore-Spektrums als mit den offensichtlichen Klassikern und was jene angeht, fühle ich mich dann doch deutlich mehr an so Genre-Ausreißer wie die frühen Gray Matter, Flipper oder Really Red erinnert als an die üblichen Verdächtigen aus alten Zeiten… zumindest den Germs-Vergleich kann ich aber nachvollziehen.
Billiam ist wie immer ein vielbeschäftigter Mann und hat nicht nur zuletzt schon seine jüngste Lathe Cut-5″ via Low Ambition Records rausgehauen sondern es ist auch schon eine neue LP angekündigt, die irgendwann bald auf Erste Theke Tonträger erscheinen soll. Bevor das soweit ist, bekommen wir jedoch diese nette Compilation von Krümeln und Überresten, Compilation-Tracks, Outtakes, alternativen Versionen… ihr kennt die Masche. Manches habt ihr sicher in der einen oder anderen Form schon mal gehört, anderes vermutlich noch nicht, aber eins macht auch diese Platte absolut klar: Was Billiam hier als sein vermeintliches B-Material versammelt ist immer noch von derart hoher Klasse, dass viele andere Bands kaltblütig töten oder ihre Seele verkaufen würden für eine Handvoll solcher Songs.
Hier ist mal wieder so ein eigenwilliges Artefakt aus gleichermaßen unhandlichem wie auch seltsam eingängigem Noise Rock- und Postcore-Delirium für Liebhaber des rohen und sperrigen Krachs. Agita kommen aus Philadelphia und haben jetzt ihre bereits dritte EP als Kassette auf dem lokalen Label Strange Mono veröffentlicht, auf welcher sie fünfzehn meist weniger als eine Minute kurze Attacken aus krudem Chaos’ von der Leine lassen, was mich genau so an frühe Proto-Noise Rocker á la Flipper, No Trend oder ganz frühe Rudimentary Peni erinnert wie auch an jüngere Seltsamkeiten der Sorte Soupcans und Soft Shoulder. Zwölf ausgesprochen reizende Minuten von Gerümpel chaotischem Lärm, der gleichsam aber auch von einem stabilen, rigiden Grundgerüst beisammen gehalten wird, vorwärts getrieben von einer rohen, hyperfokussierten Darbietung.
Die Musik dieser Typen gehört nach wie vor zu den unverwechselbarsten Dingen in der aktuellen Welle von variabel Black Metal- und Dungeon Punk-angehauchten Bands mit ihrer uncharakteristisch Death Rock- und Post Punk-lastigen Herangehensweise an den Genrekomplex, auch wenn einige ihrer jüngsten Artefakte mir etwas wechselhaft und richtungslos rüberkamen. Nun, ein Mangel an Richtung lässt sich auf ihrer neuesten LP beileibe nicht mehr feststellen, Nachdem die vorherige Cerebral EP eine Rückbesinnung auf ihre Stärken markierte, baut der Nachfolger deren zunehmend eingängige, melodische Qualitäten konsequent weiter aus, auch wenn der Mittelteil hier zeitweise den Bogen etwas überspannt. Das resultiert in einer Platte die stark ihrer bisherigen Laufbahn ähnelt – beginnend mit einem Knall, gefolgt von einem markanten Qualitätsabfall in der etwas bemühten Mittelphase bevor man sich zum Finale hin wieder stückweise hocharbeitet… zufälligerweise ist das auch in etwa das Profil von Twin Peaks, zweite Staffel, was einfach mal gar nichts zur Sache tut aber ich musste es einfach erwähnen. Was macht Annie eigentlich heute?
Was Evil Eye aus Charlotte, North Carolina hier auf ihrer Debütkassette abziehen lässt sich oberflächlich recht einfach beschreiben als eine geradeaus gehende Machart von Garage Punk, die ’77er Energie und Eingängigkeit mit einer KBD-mäßigen Ungeschliffenheit kombiniert und tonnenweise von Dead Boys- und Wipers-mäßigen Hooks. Aber so alt und abgestanden wie das in der Theorie klingen mag, so frisch kommt das in der Praxis hier dennoch rüber und das ist nicht zuletzt einigem unbeirrbaren Händchen für starkes Songmaterial zu verdanken und einer angemessen rohen, treibenden Performance um die einfach gestrickten Hooks wackelfest zu verankern.
Shrudd aus Louisville, Kentucky kann man ja schon länger zu den substanzielleren jungen Vertreteren im Garage Punk-Umfeld zählen aber ein echter Quantensprung für die Band war ihr erster Langspieler No Man Is Good Three Times im letzen Winter, auf der sie ihre bescheidenen Eggpunk-Anfänge gegen einen eigenständigeren und komplexeren Sound an der Schnittstelle von einerseits Garage- und Post Punk und andererseits Psychedelic- und Space Rock eintauschten. Schwierige Aufgabe, mit einem Nachfolger zu so einem Hammeralbum zu überzeugen aber die zwei ersten neuen Songs seitdem (die alberne Weihnachtssingle dazwischen ignoriere ich mal) schlagen sich da mal ausgesprochen gut und halten problemlos das Niveau als hochklassige Kaliber in dem zuvor etablierten Genre-Spektrum von ausgefeiltem und durchweg elegantem Post-/Garage Punk grob in der Nachbarschaft von so Bands wie Mononegatives, Useless Eaters, Institute, Corker, Marbled Eye, Tube Alloys oder Electric Prawns 2, aber irgendwie auch schon wieder ihre ganz eigene Tasse Tee.
Die einstmalig als Ein-Mann-Kapelle agierende Synth-/Electro Punk-Hausnummer Klint aus Schleswig ist wohl schon vor geraumer Zeit zu einem Duo gewachsen mit, wie es mir ein Vögelchen geflüstert hat, konkreten Plänen in dieser Form bald auch als Live-Act die Clubs und Keller zu beehren. Und wenn du dir jetzt dachtest “Der Gesang hier klingt aber ungewohnt”, dann liegt das in der Tat daran, dass jetzt nicht mehr Sven singt sondern Roman. Abgesehen von dieser kleinen Technikalität halten sich Klint aber auch hier weitgehend an ihre durchschlagende, ureigene Formel aus Synth- und Sample-basiertem, strukturiertem Chaos und wer sich einmal in das alte Zeug vernarrt hat, wird auch diese neuen Songs widerstandslos absorbieren.
Supernettes Ding, die neueste EP von Götri aus Jakarta, Indonesien, auf welcher die Band eine explosive Mischung aus Hardcore Punk zusammenbraut, die auf etwa gleiche Teile von Garage Punk-Energie und Hardcore der klassischen früh-’80er-Ära zurückgreift in seiner schnörkellosen Simplizität und ungebrochenem Moment. Jeder dieser Songs ist um ein minimales aber effektives Hook gebaut und ansonsten bis auf die Knochen reduziert und was soll ich sagen… der Scheiß knallt ganz wunderbar!
Smarm aus Cincinnati, Ohio machen hier einen absolut vielversprechenden Eindruck auf ihrer Debüt-EP mit einem ausgesprochen unprätentiösen Garage Punk-Sound und einer netten ’77er und Proto Punk-Kante, die insbesondere ein bisschen lokaler Punk-Vergangenheit Tribut zollt mit einer ausgeprägten Dead Boys-Energie, wobei der Krempel obendrein mit ordentlich ausbalanciertem Songhandwerk brilliert und einfach den Nagel perfekt auf den Kopf trifft mit infektiösen Hooks, einer schnörkellos und entschlossen geradeaus gehenden no-bullshit Darbietung.
Ebenfalls ein ausgezeichneter Schwung von ziemlich ’77-aromatisiertem Krawall ist dann das neue Demo von 700 Club aus Athens, Georgia, dessen drei Songs hier in einer ungleich roheren Produktionsästhetik festgehalten wurden und mich dabei etwas stärker an Saints und Wipers erinnern, vereinzelt aber auch auch mal etwas ins Hardcore-Spektrum übertreten wie im Rausschmeißer No Cash, aber durchgehend ist da auch eine leise Ahnung aktuelleren Einflüssen an Bord an deren Spitze das Chaos von Bands wie Lumpy & The Dumpers und Fried E/m steht.