Hier ist mal ein verdammt arschtretendes Überbleibsel von letzter Woche, zu dem ich aber nicht vor dieser Woche kam und ehrlich gesagt hätte ich es von Anfang an besser wissen müssen, haben finnische Noise Rock-Bands doch eine ausgesprochen gute Bilanz gezeigt in der Vergangenheit und auch diese Platte hält was sie verspricht. Neben den obligatorischen Vergleichen zu frühen Shellac und Rapeman fallen mir als die nächstbeste Referenz mal die ebenfalls in Helsinki beheimateten Bands Fun und Baxter Stockman ein, weshalb es mich dann auch kein bisschen Überrascht hat zu erfahren, dass auch in diesem Trio mal wieder Mitglieder von beiden Bands versammelt sind. Im geringeren Ausmaß lässt sich darüber hinaus auch noch ein bisschen Jawbox oder Jesus Lizard darin wiederfinden und man liegt sicher auch nicht ganz daneben, wenn man Parallelen zieht zu jüngeren US-Bands wie Multicult, Help, Hoaries oder auch unserem heimischen Genre-Wunder Trigger Cut.
Es waren schon wieder zwei ausgesprochen produktive Wochen für mehr oder weniger Hardcore-mäßigen Lärm und deshalb sind in diesem Post gleich noch mal vier besonders erwähnenswerte Exponate versammelt, die einen Bogen spannen vom oldschoolig-garagigen Ende des Spektrums hin zu ganz unverblümt Metal-verseuchten Randgebieten. Als erstes hätten wir da mal das neue Tape von Flower Power aus Dublin, Irland, die darauf fünf kraftvolle Einschläge aus schön rohem LoFi-Krawall verursachen, der scheinbar mit einem Bein in der Tradition von so unkonventionellen Hardcore-Acts wie z. B den frühen Flipper, Broken Talent, Noxious Fumes stehen oder – in etwas jüngerer Zeit – Soupcans, Stinkhole oder Vulture Shit, und mit dem anderen Bein in alten KBD-Artefakten der Marke Mentally Ill, Endtables und Executives in einer stimmigen Verschmelzung von Hardcore-Energie und Garage Punk-Drive. Eine ungleich grimmigere Stimmung strahlen dann die Songs von Mother Nature aus Leeds, England ab, deren Punkgeschosse so einiges von einem Post Punk-, Death Rock- und Noise Rock-Vibe beinhalten, was mich unter anderem ein wenig an Acrylics, frühe Bad Breeding und die Australier Arse erinnert. Cheap Heat aus Schenectady, New York schlugen hier bereits ordentlich ein mit ihrem ausgezeichneten 2022er Demo und auf ihrer neuesten EP nehmen sie die Stränge an der gleichen Stelle wieder auf einem Sound, der von einer Hardcore-Basis aus sich großzügig durch Jahrzehnte von Motörpunk, Sleaze Rock und Speed Metal plündert. Die resultierende Gesamtästhetik ist nicht ganz unähnlich zu so Bands wie Cülo, Cement Shoes, Tarantüla und Polute. Zu guter Letzt wäre dann noch die Metal-lastigste Band im Pack zu nennen, nämlich Dart aus Oulu, Finnland, die hier einen weiteren Eintrag in den relativ jungen Kanon von Bands ausmacht, die erfolgreich die Kombination von Punk und Metal zu rehabilitieren verstehen indem sie im Metal den Punk erkennen und herausarbeiten, anstatt unsubtil dem Punk einen generischen Metal-Anstrich zu verleihen, wie es sonst leider meistens der Fall ist. Das Resultat ist wie ihr euch denken könnt durchzogen von einem starken NWOBHM-Vibe und sollte oldschool Metalheads gleichermaßen ansprechen wie auch Freunde aktueller Punk-Acts wie etwa Poison Ruïn, Punter, Ninth Circle, Polute, Hög und Steröid.
Die Band aus Olympia, Washington war schon immer eine aufregende Achterbahnfahrt mit ihren zwei vergangenen EPs und einem Langspieler, allesamt erschienen auf der immer exzellenten Kassettenschmiede Impotent Fetus. Nach einer Wiederveröffentlichung des ersten Albums auf Vinyl via Sorry State Records, ist nun auch dessen Nachfolger wieder bei dem Punkbollwerk aus Raleigh, North Carolina erschienen und wie es zu erwarten war bleibt ihre hyperaktive Mischung aus Art- und Garage Punk, Hard- und Postcore eine spannende und überwältigende Attacke auf die Sinne. Gleichermaßen unvorhersehbar, schlau konzipiert und abwechslungsreich, erinnert mich das vereinzelt mal an etwas unkonventionellere alte Punk- und Hardcore-Hausnummern wie Tragic Mulatto (ganz besonders in Failed Experiment), Really Red und Saccharine Trust einerseits, aber nicht weniger auch an jüngere Phänomene wie Mystic Inane, Warm Bodies, Launcher, Vexx, Rolex, Cucuy oder Big Bopper.
Man kann es nicht anders sagen: Smarter oldschool Noise Rock durchläuft gerade nicht seine stärkste Phase und herausragende Veröffentlichungen in dem Genre sind doch etwas rar gesät in den letzten Jahren. Aber auch in diesen Zeiten bleiben die hiesigen Genre-Overlords Trigger Cut ein verlässlicher Lieferant erstklassigen Lärms, der einerseits an bessere Zeiten erinnert aber dabei hoffentlich auch einen neuen Weg ebnet für eine hellere Zukunft. Wie üblich deckt der Krempel eine breites Spektrum an Signaturen von Bands der goldenen Ära ab wie etwa Bastro, Cows, Rapeman, Distorted Pony, Drunks With Guns und Dazzling Killmen, ja sogar einen Hauch von Tragic Mulatto hat das z. B. in Crash Crew. Auch zu jüngeren Bands in der Nachbarschaft von Multicult, STNNG, Leaves, Body House, Elephant Rifle, Help und Overtime mag man passende Parallelen finden. Gleichsam führt sich hier aber auch die schon auf den Vorgängern wachsende Tendenz fort, die offensichtlichen Einflüsse zu transzendieren zu einer unverwechselbaren, absolut eigenen Stimme und einer unbändigen Kreativität die den Hörer immer auf Zack hält – denn jeder dieser Songs beinhaltet mehr goldene Ideen und unverhoffte Wendungen als sie ein durchschnittlicher Genre-Beitrag für eine ganze LP übrig hätte. Man kann niemals ahnen, wo das als nächstes hingeht.
Diese Band aus Thunder Bay, Ontario liefert hier eine durch und durch überzeugende Debüt-EP ab, auf der sie einen substanziellen Garage-Vibe mit Postcore der alten Drive Like Jehu/Hot Snakes-Schule vermischen zu einem explosiven Resultat, das mich etwa an die großartigen Wymyns Prysyn erinnert neben einer Reihe weiterer, unterschiedlich stark verwandter Phänomene á la Rifle, Dollhouse, The Hammer Party, Mutual Jerk, Postman, Nag und Kids Of Zoo.
Punter aus Melbourne zeichneten bereits für ein starkes Demo und eine brilliante 2023er EP verantwortlich, aber wenn du glaubst viel besser könnte es nicht werden, dann halt dich jetzt gut fest! Aufbauend auf der schon vertrauten Mischung aus gelegentlich Metal-infiziertem, wunderbar schmierigem Hardcore- und Garage Punk á la Polute, Cheap Heat, Cement Shoes oder Cülo, nicht vor epischen Gitarrensolos zurückschreckend und mit weiteren Ähnlichkeiten etwa zu Postcore-Acts wie Dollhouse, Flea Collar und der Melancholie, dem überlebensgroßen Drama von Pist Idiots und Split System, sind das dreizehn perfekt kalkulierte Präzisionsschläge, jeder davon leitet gekonnt ein solides Drama in seinen Lauf, um im dritten Akt unfehlbar in Flammen aufzugehen. Jau, diese Ausbrüche des Jet-getriebenem Rock’n’Roll sind bombenfest verankert in einem Fundament von ultrasolider Songkonstruktion, viel smarter und aufwändiger als man es auf den ersten Blick vermuten würde und gewürzt mit einer Fülle von unerwarteten Schnörkeln und Stilblüten die dennoch niemals den Bogen zu überspannen drohen. Selbst die extravaganteren Akzenze wie der Einsatz von Orgel, Dudelsack, ja sogar einem epischen Saxophon-Solo im abschließenden Track It Aint Pretty, verfehlen nie ihre Wirkung.
Auf ihrer neuesten und – soweit ich weiß – einzigen 7″ bisher, geht die sporadisch aktive Post Punk/-core Supergroup ein bisschen lärmiger und roher zur Sache als wir es im Schnitt von ihnen gewohnt sind und ich sag mal das passt mir ganz wunderbar in den Tee. Die A-Seite kommt dabei etwa so rüber wie ein verschollener Wipers-Outtake, performt von einer Fusion aus Scratch Acid und Feedtime, während die B-Seite eine überaus kompetente Coverversion eines ausgesprochen ikonischen Songs von Strike Under ist. Da gibt’s einfach nichts zu kritisieren an dieser perfekten kleinen Punksingle!
Der Scheiß ist aber mal so richtig meine Baustelle! Die Debüt-EP dieser Band aus Providence, Rhode Island hat einfach so viel Klasse, verpackt in eine voll ausgeformte Postcore-Ästhetik die man irgendwo verorten könnte zwischen oldschooligem Zeug á la Drive Like Jehu, Rites Of Spring, Dag Nasty und jüngeren Genre-Phänomenen wie Waste Man, Bloody Gears, Glittering Insects (f.k.a. Uniform) und Dollhouse, verfeinert mit einer leisen Ahnung von ’90er Emocore und basierend auf unerwartet melodischen Songfundamenten als bombenfeste Verankerung für die ihre ausgefuchste Klangarchitektur.
Eine ausgezeichnete zweite EP von dieser Band aus San Leandro, Kalifornien, die darauf eine unerwartet eingängige Mischung aus Post Punk und Postcore rausbläst, was einerseits auf so lärmige, unkonventionelle Punkbands der 80er zurück zu blicken scheint wie etwa Flipper, Really Red und frühe Saccharine Trust, aber ebenso gut in eine Reihe passt mit gegenwärtigen Acts wie The Unfit, Hood Rats und Lackey, wobei dann der Vokalist in gewisser Weise auch noch ein bisschen den inneren Jello Biafra zu channeln scheint, insbesondere in Sachen Sarkasmus und subversivem Storytelling. Oh und nicht zuletzt finden beide Männer Vermieter ganz super!