Tics – Unmirrored Gaze

Köln’s inzwischen schon ziemlich alteingesessene Art Punk-Institution Tics lässt mal wieder von sich hören und ihre neueste 7″ auf dem lokalen Label Mörtelsounds präsentiert die Band in ihrer fokussiertesten und griffigsten Inkarnation seit einer guten Weile. Alle beweglichen Teile greifen hier nahtloser ineinander als je zuvor, wobei der Opener Clad Faun stiilistisch wohl noch am nähesten am Minutemen- und Gang Of Four-informierten Post Punk ihres frühen Schaffens gelagert ist. Gleichzeitig öffnen sie hier sich aber zunehmend auch einer Reihe von Einflüssen, von denen ich nicht wenige im Dischord-Universum der ’90er verorten würde, und zwar einerseits dessen melodischere Auswüchse á la Fire Party und Autoclave, aber im weiteren Verlauf haben da sicherlich auch viele der „typischeren“ Acts á la Jawbox, Hoover, Smart Went Crazy, Bluetip and Kerosene 454 Spuren hinterlassen, gemeinsam mit weiteren Kolossen der ’90er wie Polvo, Unwound und Chavez. Gleichermaßen meine ich jedoch auch Echos jüngerer Ereignisse wahrzunehmen, etwa von australischen und neuseeländischen Bands wie Die! Die! Die!, Batpiss und Bench Press sowie auch von US-Bands der Marke Stuck oder Rip Room.

Cucuy – People Talking

Das aus Hattiesburg, Mississippi operierende Label Earth Girl Tapes hat hier erneut ein köstliches Häppchen für uns parat mit den Debüt-Tape von Cucuy aus Chicago. Das sorgt für sechs ordentliche Erschütterungen aus Noise-lastigem und wunderschön schrägem Hard- und Postcore, der Chaos und Dissonanz perfekt ausbalanciert gegenüber einer überduchschnittlichen Musikalität. Das erinnert mich ein bisschen an das unkonventionelle frühe Schaffen von Minutemen, Really Red und Saccharine Trust, hat aber auch einiges gemeinsam mit jüngeren Phänomenen wie Rolex, Launcher oder Mystic Inane.

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Six Short Ones

Die Zeit zwischen den Jahren ist ja was Punk Rock angeht üblicherweise eher von den unscheinbaren, obskuren Perlen, Fetzen und Krümeln geprägt und das ist auch diesen Winter nicht viel anders. Hier ist deshalb ein kleiner Roundup von einigen dieser kurzspielenden Leckerbissen, die sich in den letzten Wochen angesammelt haben.

Die Londoner Rifle haben ja schon mit zwei exzellenten EPs bezaubert und ihre neueste ist auch wieder eine Wucht zwischen den Welten von Garage Punk, Postcore und altem KBD-Lärm, der an dabei an so unterschiedliche Bands erinnert wie Ascot Stabber, frühe Golden Pelicans, Mystic Inane, Launcher und Rolex.
Raya aus Madrid, deren Debüt-EP mich vor ein paar Monaten schon durchaus zu beeindrucken wusste, haben jetzt eine weitere 2-Track Single raus und ratet mal was: Jau, das ist erneut eine respektabler Knall aus verschrobenem Garage-/Eggpunk, der am meisten an andere spanische Bands wie Pringue, Finale und Prison Affair erinnert, aber auch an internationale Bands wie Beer, Set-Top Box und Gremlin.
Vacation aus Cincinnati haben sich ja schon lange als eine wahre Schatztruhe der geballten Songkraft in einem Gewand von Power Pop, oldschooligem Indie Rock, Garage Punk und Fuzz Pop bewiesen und ihr Song auf einer neuen Splitsingle ist erneut ein hochkalibriges Geschoss in ihrem Arsenal. Der andere Song kommt von den Post Punkern Whippets aus Madison, Wisconsin und ist aber auch verdammt gut, erinnert mich dabei stark an die Kanadier Dead Cells oder die kürzlich erschienene Psychbike LP.
Noch ein hochklassiges Glitzerstück ist die neue 7″ der Pleasants aus Perth, Australien, auf der sie zwei Explosionen aus einfach gestricktem, aber trittsicherem Power Pop abliefern, die Freunde etwa von Teen Line, Bad Sports, Tommy and the Commies, Mr. Teenage oder Corner Boys sich keinesfalle entgehen lassen sollten.
Und wo wir schon von eingängigem Songmaterial sprechen, davon git es auch zwei mal Nachschub auf der Debüt-7″ der Engländer Cream Soda, raus auf Spinout Nuggets. Darauf gibt es ein etwa gleiches Maß von sowohl an Buzzcocks- als auch Television Personalities erinnernden Vibes zu spüren, oder alternativ bieten sich als hinkende Vergleiche noch alte US Underground-Acts á la Broken Talent an oder auch aktuellere Schrammelbands wie The Suburban Homes aus UK, Australiens Nasty Party und das frühe Zeug der Kanadier Neutrals.
Zu guter Letzt ist auch noch etwas aus dem Metal-infizierten Camp zu vermelden von Ninth Circle aus Austin. Es waren zuletzt ein paar interessante Jahre für so einen alten Pimmel wie mich, der noch die unsägliche Metalcore-Ära der späten ’90er bis ’00er mit ihrer peinlichen Inszenierung des hypermaskulinen Kasperletheaters mitansehen musste und eigentlich dachte, dass die Kombination aus Punk und Metal jetzt für immer verb(r)annt wäre. Aber allem zum Trotz sitz ich jetzt hier in den wilden Zwanzigern und finde regelmäßig Gefallen an mehr oder weniger Metal-mäßigen Platten, auf denen keineswegs immer nur Poison Ruïn draufstehen muss! So lange wie ich den Metal-Industriekomplex jetzt ignoriert habe, fällt es mir aber schwer da spezifischeres zu nennen, also belasse ich es dabei dass diese zwei Songs ganz wunderschön auf die Scheiße hauen und das ist eh alles, was man darüber wissen muss.

So, das war dann vermutlich mal alles für dieses Jahr und ich nehme mir wie üblich so zwei oder drei Wochen Urlaub vom Blog. Wir hören uns dann wieder in jener deprimierenden, brennenden Mülltonne, die das Jahr 2025 zu werden verspricht..

Solderer – Normal Style

Wie ein perfektes Pendant zur zeitgleich erschienenen Demo Rally-LP über die ich heute auch noch etwas posten werde, liefert das Langspieldebüt dieser Band aus Leeds aus dem späten Sommer – jetzt als Tape wiederveröffentlicht vom französischen Label Discos Peroquébien – mehr vom exzellent lärmigen, No Wave-igen Post Punk, dessen mögliche Einflüsse irgendwo pendeln zwischen so Akteuren des dissonanten Chaos‘ wie Spray Paint, Brandy, Rolex, Lumpy and the Dumpers, Cutie und Soupcans, wobei vergleichsweise langsamere und disziplinierte Tracks wie etwa Bog witch sogar ein bisschen von einer klassischen ’90er Chicago-Style Math-/Postcore-Energie ausstrahlen.

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Straw Man Army – Earthworks

Nach ihrem phänomenalen Debütalbum in 2020 und einer ungleich grimmigeren zweiten LP in 2022 liefert das New Yorker Duo jetzt etwas ab, für das mir das Wort Meisterwerk nicht zu weit gegriffen erscheint. Hier ist erneut eine absolut singuläre Vision am Werk, die sich einerseits im Rahmen von kontemporärem Post Punk und Postcore bewegt und sich gleichermaßen aber anschickt, dessen Grenzen und Limitierungen zu sprengen. Die Lyrics sind so unverblümt politisch wie auch emotional und introspektiv – desillusioniert aber dennoch immer mit einem Funken der Hoffnung… also kurz gesagt: Sie reflektieren die mentale Last die es mit sich bringt, mit offenen Augen durch eine Ära zu gehen in der die Menschheit mit einer Unzahl globaler und lokaler Krisen konfrontiert ist und gleichzeitig systemisch unfähig oder unwillig erscheint, einen nachhaltigen und praktikablen Weg für die Zukunft einzuschlagen; in der westliche Gesellschaften kollektiv den Kopf in den Sand stecken und globale Eliten allzu willig sind, jeglicher Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft zugunsten kurzsichtiger Anhäufung von Reichtümern eine Absage zu erteilen. Yo, der ganz alltägliche Zustand also. Aber nun gibt es großspurige politische Statements heute ja wie Sand am Meer und nichts hiervon wäre einer besonderen Erwähnung wert, wenn nicht die Musik so verdammt brilliant wäre, die hier erneut die Vielschichtigkeit der beiden Vorgänger aufweist mit filigranen Arrangements und dichter Atmosphäre, was sie hier letztendlich zur absoluten Perfektion verfeinern. Für mich fuhlt sich das an als hätte man den Geist der ersten Emocore-Welle – noch unbelastet von den Tropes, Klischees und Konventionen späterer Jahre – in die Gegenwart transportiert, mit einer einzigartig eigenen Stimme und ausgesprochen unvoreingenommen in seiner Vorstellung davon, was Punk Rock in 2024 sein und tun kann.

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Scud – Brain

Der Nachfolger zur exzellenten, auf Automobile hyperfixierten EP aus dem letzten Dezember strafft und optimiert mal ganz deutlich das strukturelle Fundament der Songs dieser Punks aus Melbourne und diversifiziert gleichzeitig ihr musikalisches Spektrum, was in einem stärkeren Post Punk-Vibe resultiert und gleichsam auch klar ihrer lärmigsten und wuchtigsten Attacke bisher, selbst dann wenn sie wie in TV Screen zu einem midtempo Post Punk-Jam ansetzen, wohingegen der Rausschmeißer Tough Cunt noch einmal viel von der Hardcore-Energie mitbringt, die das frühere Schaffen der Band prägte. Wie auch immer, mich erinnert das an so viel großartiges aus dem letzten Jahrzehnt und mitunter an so Bands wie Romance, Vexx, Cel Ray, Gen Pop, Warp, Downtown Boys, Fugitive Bubble und Warm Bodies, um nur ein paar zu nennen… und vielleicht auch eine leise Ahnung von den alten australischen Noise Rock-/Post Punk-Haudegen Fungus Brains? Explosiver Scheiß ist das auf jeden Fall!

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Fantasma – Single 2024

Die New Yorker Band wartet nach ihrem brillianten ’23er Demo mit einer nicht weniger berauschenden neuen digitalen Single auf, deren zwei Songs definitiv zu wenig sind, um meinen Durst zu stillen nach mehr von ihrem in tiefste Melancholie getränkten Post Punk, den sie zu weit offenen Klanglandschaften auszuweiten verstehen mit filigran und komplex strukturierten Songfundamenten unter einer dichten Oberfläche reich an farbenfroh glitzernden Texturen und Details. Wie schon anlässlich ihres Demos kommen mir als naheliegendster Vergleich die Stadtnachbarn Straw Man Army in den Sinn, aber da verbergen sich auch noch ganz andere Elemente drin, insbesondere im zweiten Track Onde Eu Estou?, das einen sehr folkigen Unterton beinhaltet welcher mich gleichermaßen etwa an Angst erinnert wie auch an jüngere Bands wie die Neuseeländer Trust Punks oder deren in Berlin bestehende quasi-Nachfolgeband Dead Finks.

Orchid Club – Orchid Club

Die Debüt-EP der Band aus Minneapolis betritt die Bühne mit einer bereits voll ausgeformten und realisierten Vision, die liebevoll gewisse Stränge des unkonventionellen ’80er bis ’90er US Postcore und -punk aufgreift und wiederaufleben lässt. Lap It Up tritt die Sache los mit so einer Art von ’90er AmRep-meets-Touch&Go-Flickenteppich, der aber dann plötzlich eine Wendung nimmt zu stärker Dischord-mäßigen Soundscapes, die insbesondere Rites Of Spring und frühe Nation Of Ulysses ins Gedächtnis rufen. Über Untitled / Back Inside schwebt klar der Geist etwa von Mission Of Burma, Wipers, Moving Targets und Volcano Suns mit einem subtilen Unterton von Bitch Magnet, bevor das ganze wiederum nahtlos in einer Orgie des Angst- und Dinosaur Jr.-mäßigen, leicht folkigen Geschrammels aufgeht. Freak Disease sitzt dann irgendwo zwischen den Stühlen von grunge-lastigem ’90er Alternative Rock (oder fast schon: Cock Rock) und gewissen Postcore-Stilblüten, die man sonst irgendwo am langsameren Ende der Output-Skala von so Bands wie Drive Like Jehu, Jawbox oder 90er Gray Matter erwarten würde. Life Takes Time hat wieder diesen starken Burma-Vibe aber ich kann gleichzeitig auch nicht anders, als mich an so Zeug wie Really Red und frühe Saccharine Trust erinnert zu fühlen.

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Cammy Cautious and the Wrestlers – CCATW

Die arschtretende neue EP dieser Band aus Sydney liefert Qualitätsware in Sachen kratzbürstigen Punkrocks, der Elemente aus Wipers-artigem Post Punk, ausgefuzztem Garage Punk, etwas Raketengetriebenem, Hot Snakes-infiziertem Postcore und einer leichten Spur von klassischem australischen First-Wave-Punk zu einem Gesamtwerk verwebt, dessen spezifische Qualitäten mich an ein absolut hochkarätiges Bündel aus Female-Fronted Punk-Angelegenheiten dieses und des vergangenen Jahrzehnts erinnert, das unter anderem die unbändigen kreativen Energien von so Bands wie Vexx, Fugitive Bubble, Warp, Dots, Gen Pop, Warm Bodies und Skin Tags beinhaltet.


Grimly Forming & Rolex – Split

Eine sensationelle neue Split-LP liefert uns endlich neues Material von zwei Bands aus Los Angeles, die sich von Anfang an jeweils den gängigen Regeln und Konventionen des Hardcore Punk verweigert haben. Von beiden hat man, abgesehen von jeweils einem halbgebackenen Promo-Tape in 2022, auch schon länger nichts „offizielles“ mehr gehört, was diese Platte natürlich umso erfreulicher macht.

Rolex agieren hier mit der gewohnten Wucht in ihren unvorhersehbaren und unglaublich erfinderischen Postcore-Attacken, die einerseits Echos jüngerer Bands beinhalten wie z.B. Mystic Inane, Big Bopper, Brandy, Launcher und frühe Patti, andererseits aber auch klar in der Schuld stehen von alten Größen wie etwa Minutemen, Dicks and frühe Saccharine Trust (deren erstes Album Surviving You, Always verdammt noch mal endlich wiederveröffentlicht gehört… ein kriminell vernachlässigter Klassiker des frühen Postcore, seiner Zeit um Jahre voraus wenn ihr mich fragt). Dazu kommen noch vereinzelte Spuren von Cowpunk und ein konstanter Lumpy and the Dumpers-mäßiger Chaos-Faktor, der hier in einer total entgleisten Vocal-Performance gechannelt wird. Das Resultat ist pure Glückseligkeit und lässt keinen Zweifel daran, dass Rolex nach wie vor eine unverzichtbare Institution ihres speziellen Subgenres sind.

Die Seite von Grimly Forming bläst dann zu einer ungleich roheren, aber keineswegs weniger schlauen und unkonventionellen Attacke auf die Sinne, die unnachgiebige Wucht mit reichlich ausgeklügelten Konstruktionen ausbalanciert und einer großzügigen Dosis von garagigen Untertönen, die jederzeit für ordentlich Spaß und Antrieb sorgen.

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