Save Our Children / Stunted Youth – Split

Nicht weniger als ein plausibler Anwärter für die Hardcore-Platte des Jahres 2025 kommt zu uns vom in Milwaukee ansässigen Label Unlawful Assembly in Form einer neuen Split-LP von zwei Bands aus Austin, Texas, die beide bereits einige Wellen geschlagen haben mit jeweils ausgezeichneten Debüt-Tapes auf dem lokalen Label Sound Grotesca zwischen 2021 und ’22. Beide Bands operieren dabei klar auf der roheren Seite des Hardcore Punk-Spektrums und erfinden hier das Rad zwar nicht neu, aber laden dafür lang bewährte Zutaten der Noise-lastigen alten Hardcore-Schule mit einer selten gewordenen Aura von Gefahr und Unvorhersehbarkeit auf. Gleich vom Start weg stechen die Tunes von Save Our Children hervor als unendlich ausgefeilter, erfinderischer und überhaupt in einer ganz anderen Liga als die Masse von milde Thrash-infizierten Hardcorebands und auch die grimmige Gesamtästhetik kann dabei nicht über die musikalische Abenteuerlust und Verspieltheit dieser Songs hinwegtäuschen. Wenn du jetzt dachtest, das ginge ja schon ganz schön über den Aufwand einer durchschnittlichen Hardcore-Veröffentlichung hinaus, dann warte mal bis du die Stunted Youth-Seite hörst, die hier den leicht metallischen Beigeschmack der S.O.C.-Tracks gegen einen stärker garagigen Flair austauschen und eine Fülle von subtil melodischen Schnörkeln in ihren Songs, gekoppelt mit einem Weltklasse-Einsatz an hyperaktivem Geschredder und tonnenweise unerwarteter Catchyness in einem halsbrecherischen Geschwindigkeitsrausch. Das ist der perfekte Sturm von sowohl kreativer als auch primitiv-roher Energien wie ich sie doch gerne öfter hören würde in einem Genre-Umfeld, der sich viel zu oft leider mit der möglichst normgerechten Reproduktion etablierter Muster und Konventionen zufrieden gibt.

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Favoured State – Real Enough

Die dritte LP dieser Band aus Melbourne hat fünf neue Ausbrüche von Post Punk für uns auf Lager, die ich jetzt nicht unbedingt als sonderlich überraschend oder innovativ beschreiben würde, aber die durchweg die Basics überdurchschnittlich gut auf der Reihe haben, kompetent und schlau konzipiert und ausgeführt sind und eine filigrane Balance halten zwischen kaltem und klinischem, dissonentem Konflikt und ungleich wärmeren, melodischen Auflösungen in ihrem selbstbewussten und unerwartet variablen Songwriting. In verschiedenen Aspekten und Momenten erinnert mich das unter anderem an so Bands wie Girls In Synthesis, Corker, Criminal Code, Rank/Xerox, Negative Space, Shepparton Airplane, Batpiss oder Bench Press.

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Orrendo Subotnik – Orrendo_3

Auf bisherigen Veröffentlichungen wurde die Musik dieser Band aus Pisa, Italien immer verschleiert von einer dicken Schicht aus Fett und Ruß, aber die dreckigen Klangparameter konnten niemals über die rohe Brillianz hinwegräuschen, die sich unter all dem Gerümpel verbarg. Auf ihrer neuesten EP haben sie zum ersten mal ihre Produktionswerte eben genug aufpoliert um ihre exzentrischen Post Punk Mikro-Epen aus den Schatten rauszuholen und bestätigen den Verdacht, dass jene keineswegs den offenbarenden Blick unter hellem Tageslicht zu fürchten brauchen. Beginnend mit Vibes nicht unähnlich zu Surf-infizierten Noise Pop und Fuzz Punk-Bands der frühen 2010er wie Male Bonding, frühen Wavves, No Age, Times Beach, Tiger! Shit! Tiger! Tiger! oder, erst kürzlich, Shooting Losers, dauert es aber auch nicht lange bevor ihre Songs dazu einen Schlag von Post Punk des vergangenen Jahrzehnts entwickeln à la Die! Die! Die! und Piles, aber auch ungleich rohere und schrägere Punk-Phänomenen wie Dumb Vision, Piss Wizard und Pink Guitars wären nicht zu weit hergeholt als Vergleiche. Abrundend ist dann noch ein unverwechselbarer Hauch von mitt-’90er bis früh-2000er Postcore mit dabei, jene Sorte die komplett schambefreite Menschen tendenziell als Screamo bezeichnen würden, aber lasst euch ein für alle mal sagen dass dieses Label für jede gute Band an Beleidigung grenzt. Also nein, das ist kein Screamo und fick dich wenn du auch nur daran dachtest, dieses Wort in den Raum zu werfen.

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Haraball – Fear Of The Plow

Ebenso wuchtig nach vorn gehender wie auch ausgefeilter Post Punk auf dem wie es scheint bereits vierten Album dieser Band aus Oslo, die jetzt offenbar auch schon weit über ein Jahrzehnt existiert aber die letzten acht Jahre nichts mehr von sich hören ließ. Wie dem auch sei, das ist saumäßig kompetentes Zeug hier, wie die ihren düsteren Sound zwischen Post Punk und Postcore – wenngleich auf den ersten Blick durchaus auf einer Linie mit dem aktuellen Genre-Umfeld – mit einer Fülle an aufregenden Texturen, melodischen Lichtblitzen und einiger kompositorischer Rafinesse zu einem kohärenten Ganzen verschweißen, das mich an einen doch recht bunten Strauß von Bands erinnert wie Criminal Code, Wymyns Prysyn, Pretty Hurts, Corker, The Nation Blue, Girls In Synthesis, Bloody Gears oder auch die jüngste Shepparton Airplane LP.

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LÀZ – Lassan Átjáró Zavar

Wie ihr vielleicht schon mal festgestellt habt, habe ich eine ungesunde Gewohnheit ziemlich viele Bands mit Saccharine Trust zu vergleichen, von denen einige vermutlich noch nie Saccharine Trust gehört haben. Nun, hier ist zur Abwechslung mal eine Band, die jenen Einfluss von sich aus in der Bandcamp-Bio in den Raum wirft, erfrischend! Die Musik der Ungarn hält dann auch alles, was sie verspricht auf ihrer Debüt-LP, der auch ein bisschen von einem Anarcho-Geist innewohnt und reichlich Drive Like Jehu-Energie obendrein, ein Hauch von Big Black in Általános Életkrízis Magyarországon und auch glitzernde ’80er Sonic Youth Gitarrentexturen ziehen sich hier durch alles. Desweiteren mag man Vergleiche ziehen zu jüngeren Post Punk-Phänomenen wie Straw Man Army, Marbled Eye, Institute oder Corker und das beste dabei ist, dass ihr Sound sich dabei auf reichlich musikalische Substanz stützen kann, ihre Kompositionen rüttelfest verschweißt sind mit den Mitteln von smartem und belastbarem Songhandwerk.

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Osis – Osis

Die Debüt-EP dieser Band aus Boston, Massachusetts suhlt sich regelrecht in einer unverfrohren altmodischen Pfütze aus oldschool Punk, Hard- und Postcore mit einer unterschwelligen Garage-Kante, einem Klangkostüm das so einige Akteure der frühen D.C. Postcore-Ära wie Gray Matter, Government Issue, Embrace, Rites Of Spring, Fire Party aber auch etwas abseitigere Westküsten-Bands á la Really Read, Tragic Mulatto und frühe Saccharine Trust heraufbeschwört, ausbalanciert mit ein paar leichtfüßigeren, straighter rockenden Momenten, die ein bisschen an klassische Germs- und Adoloscents-Schule denken lassen.

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Shepparton Airplane – Forecast

Shepparton Airplane aus Melbourne kamen mir zum ersten mal auf den Schirm als sie mir im Jahr 2018 mit ihrer zweiten LP Almurta ohne Vorwarnung in die Fresse explodierten. Darauf folgte ein 2020er Album, das mich dann nicht mehr so ganz überzeugen konnte – ambitioniert, ja, aber auch ein bisschen zu bemüht wirkend. Nach fünfjähriger Funkstille und eine gute Weile nachdem die Band eigentlich weitgehend von meinem Radar verschwunden ist, bekommen wir unerwartet einen neuen Langspieler vorgesetzt, den ich ohne Not mal als ihr reifstes und cleverstes Werk bislang bezeichnen würde. Nun hat sich ihr Sound zwischen den Parametern von Post Punk, Noise Rock und Postcore schon immer ein bisschen altmodisch angefühlt, eigntlich besser aufgehoben in den späten Nullerjahren bis 2010ern, aber das ist auch ein Teil ihres Charmes. Sympathisch oldschool würde ich dazu sagen und durchaus in der gleichen Gewichtsklasse mit so alten Haudegen wie Sleepies, Bench Press, Diät, Batpiss oder Rank/Xerox, dem frühen Schaffen USA Nails, Protomartyr und Gotobeds, um nur ein paar davon zu nennen… ja sogar ein leichter Vibe von The Men der Open Your Heart-Ära hält sich versteckt in so Songs wie Stereo Youth. Wie auch immer, jeder dieser Songs ist ein aufwändiges, in sich geschlossenes Post Punk-Drama, des sich zwar langsam entfaltet, letztendlich aber immer beherzt in einem spektakülären Finale entlädt.

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Metho – Metholated Spirit

Tom Lyngcoln, ursprünglich vermutlich am bekanntesten für seine alten Bands Pale Heads und The Nation Blue, hat irgendwie ja mal so richtig einen Nerv getroffen mit seiner 2020er Solo-LP Raging Head und dessen überlebensgroßem Drama, das oldschooligen Postcore auf rustikale Americana-Elemente treffen ließ und dann auf eine minimale Grundfläche heruntertrimmte. Hier ist nun also seine neueste Band und ich würde mal sagen auch der spirituelle Nachfolger jenes singulären Projekts, bestehend aus einigen durchaus vertrauten Gesichtern wie etwa dem Garage Punk-Übermenschen Jackson Reid Briggs (aktuell als Frontmann von Split System bekannt), Callum Foley von The Blinds und The Stevens (sein Bass war auch schon auf Raging Head zu hören), sowie Jay Jones, um dessen alte Schlagzeugaufnahmen Raging Head herum konstruiert wurde, und der offensichtlich auch schon seit Mitte der ’90er in einem ganzen Arsch voll Bands mitgespielt hat, die alle etwas vor meiner Zeit waren. In erster Linie ist es aber auch hier Herr Lyngcoln’s unverkennbare Handschrifft, die wieder am stärksten durschscheint. Die Platte geht sich in etwa so aus wie eine etwas räudigere Variante der Solo-LP, spontaner und direkter, vergleichsweise unaufgeräumt im besten Sinne. An eine Sache erinnert mich das ganze darüber hinaus aber besonders, nämlich an die Bands von Josh Feigert und insbesondere dessen jüngere Projekte wie Uniform, Glittering Insects und Mother’s Milk.

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Class Act – Malaise

Nach einer schon durchweg vergnüglichen Debüt-EP von 2023 trifft die neue LP dieser Band aus Kansas City aber mal ganz eiskalt meinen Nerv mit ihren überraschend flexiblen, wandlungsfähigen Lärmattacken, in denen ein Hauch von oldschooligem US Westküsten-Style auf Echos von frühen Minutemen und solchen (Proto-) Postcore- und (Proto-) Noise Rock-Acts wie etwa Flipper, Really Red oder Saccharine Trust trifft. Deren unkonventioneller Style mutiert dabei aber zu einem ausgesprochen KBD-getränkten Garagenvibe, der sich genau so gut auch mit aktuellen Referenzen á la Launcher, Mystic Inane, Cutup, Fugitive Bubble, Rolex, Cucuy oder Flea Collar umschreiben ließe.

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Cruelster – Make Them Wonder Why

Neuer Scheiß von der Cleveland, Ohio-Achse des klugscheißerischen Post- und Garage Punk, deren Kern in etwa aus Cruelster, Perverts Again, Knowso und The Carp besteht und deren verbindendes Element der markante Sprechgesang von Nathan Ward ist. Nun waren Cruelster ja schon immer die spaßigste und unmittelbar geradeaus gehende Inkarnation des chaotischen Haufens und ihre neueste LP ist da auch keine Ausnahme, was jetzt aber keinesfalls bedeuten soll dass Cruelster und ihre kompakten kleinen Art Punk-Ausbrüche signifikant weniger ambitioniert, erfinderisch und ausgefeilt wären, sondern lediglich dass Cruelster von den genannten Bands am meisten darauf bedacht sind, ihre verworren zick-zackigen Hooks in ein relativ reibungslos rotierendes Framework aus Garage- und Hardcore Punk einzubetten und zu quantisieren – ja, Quantisierung ist in der Tat das Schlagwort das mir für jede dieser Bands in den Sinn kommt. Ein eigentlich ziemlich schlauer Sound, der nur oberflächlich etws dumm klingt. Das beste aus zwei gegensätzlichen Welten!

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