Das brilliante Demo von 2023 und eine ebenbürtig Arschtretende 2-Track-Single in '24 hatten mir schon ordentlich Hunger gemacht auf mehr von dieser Band, die sich um zwei Brasilianer in New York dreht mit weiterer Beteiligung unter anderem von Margaret Chardiet von Dollhouse und Pharmakon. Hier ist zu guter Letzt also ihr erster Langspieler auf dem britischen Bollwerk Drunken Sailor Records und ihr hättet es sicher kaum erraten... Es handelt sich erneut um eine phänomenal starke Platte! Zuvor habe ich an dieser Stelle ihren Sound mit Straw Man Army verglichen und teilweise trifft das hier immer noch durchaus zu, aber da ist auch reichlich Evidenz am Start, dass die Band ihren musikalischen Horizont massiv erweitert und besonders erwähnenswert ist dabei, wie sehr sie sich ihren melodischeren Tendenzen widmen und einer ätherischen, meditativen und geradezu psychedelischen Unterströmung besonders in Songs wie Lugares Mais Altos. Der Bandcamp-Waschzettel erwähnt außerdem auch alten UK Anarcho-Krempel sowie Wire als Einflüsse und ich sage dazu dass passt auch wie Arsch auch Eimer und insbesondere im Bezug auf Wire wisst ihr, dass ich sowas generell immer befürworte!
Die letzten paar Wochen hatten eine Fülle von starken 7"s und digitalen 2-Song-Veröffentlichungen auf Lager und ich bin schon wieder weiter im Rückstand mit der Bloggerei als geplant, weil diese Woche - neben meiner ständig unter Kapazität laufenden Birne - auch noch mit einen Familiären Notfall meine Aufmerksamkeit forderte, deshalb nehme ich mir mal die Freiheit, hier einfach die vier Stärksten davon zusammen in einem Post zu verbraten.
Die größte Überraschung davon war sicher die Debütsingle von Assembly, auf der die Band aus Atlanta ein breites, eklektizistisches Spektrum im Postcore, Noise- und Math Rock-Umfeld umspannt das von '90er und 2000er Dischord-mäßigen Sounds etwa von Faraquet, Bluetip und Q And Not U über weitere '90er Zeiterscheinungen wie Polvo, Braniac oderChavez hin zu mehr oder weniger aktuellen Noise Rock und Art Punk-Bands der Sorte Wax Chattels, Solderer, Body House, Haunted Horses reicht aber auch ganz besonders Spray Paint und den damit assoziierten späteren Acts Rider/Horse und During.
Die Australier Tee Vee Repairman - ja genau, win weiteres Projekt von Gee Tee's Ishka Edmeades - setzten ihrer noch recht kurzen aber brillianten Diskografie ein weiteres Sahnehäubchen drauf mit einer neuen 7", deren Songs man ohne Not als zwei ihrer Besten erachten darf von einer Band, deren schaffen jetzt schon nicht gerade arm an infektiösen Power Pop-Melodien war.
In eine verwandte Kerbe schlägt dann auch die neue 7" von Smirk (aka Nick Vicario von Public Eye, Crisis Man und Cemento), die auch ihn dabei dokumentiert wie er sein Songwriting-Handwerk verfeinert und erweitert, dabei an Orte geht, die wir bisher noch nicht von ihm gesehen haben. Domestic Dog verschweißt dabei Anarcho- und Post Punk-Elemente der alten Schule mit einer unerwarteten '77er Melodiösität und einer fast schon Television-mäßigen Weiträumigkeit. Jene zieht sich dann auch durch Manhunt in Paradise, das insgesamt ein bisschen klingt als wäre die jüngste Institute LP noch einen Schritt weiter gegangen in ihrer Art Punk-Eleganz.
Zu guter Letzt und in einem ziemlichen Kontrast zu den vorherigen Bands hier, haben wir noch ein Beispiel einer Band die uns schlicht und ergreifend mehr von ihrer gleichen alten Masche serviert, aber was für eine brilliante gleiche alte Masche das ist auf der neuen 7" der New Yorker Shop Talk, die mich bisher noch mit jeder Veröffentlichung weggeblasen haben und auch mit dem neuesten Kurzspieler kann man nichts falsch machen. Museum Of Sex ist ein weiteres Beispiel für makellosen '77-beeinflussten Punk mit diesem gewissen Dickies-Geschmack wohingegen das etwas filigraner gebaute Gaslight das Tempo etwas zurücknimmt und in einen ungleich melancholischeren Vibe getränkt ist, sowie einer zu gleichen Teilen Buzzcocks- und Replacements-mäßigen Qualität. Hammersong, nuff said.
Diese Londoner sind ein irgendwie rar gewordenes Biest dieser Tage als eine Band, die sich kopfüber in eine Ästhetik des frühen Post- und Emocare, sehr grob zu verorten zwischen den mittleren der Achtziger- und Neunzigerjahren mit so Bands wie Rites Of Spring, Moss Icon, Drive Like Jehu, frühen Unwound, Squirrel Bait... you name it, aber gleichzeitig behauptet sich die Band als absolut eigenständige Kraft mit sorgsam ausbalancierten, durchdachten Songstrukturen und Arrangements, wo viele andere sich schon mit einem blutarmen Neuaufguss der grundlegenden Genreklischees zufrieden gäben. Nun kann ich mir zwei Arten vorstellen, wie ihr darauf reagieren werdet. Entweder habt ihr schon lange ein tiefe Abneigung entwickelt für alles was auch nur ansatzweise diverse *mo-Subgenres tangiert. Das ist durchaus wahrscheinlich wenn deine erste Bekanntschaft mit dem Genre in den späten 90ern oder später stattfand und ich kann es niemandem übelnehmen angesichts der oft sehr grausigen Dinge, die seither jenem Genre entsprangen. Oder aber du bist dir bewusst, dass da viel mehr Substanz drin steckte in den frühen Jahren, lange bevor Emocore in seine schon seit langem zu tode memifizierte Klischee-Phase überging. Wenn das jetzt alles lateinisch oder chinesisch für dich klingt, will ich dich ermutigen, mal vorsichtig in die frühen Post- und Emocore-Jahre einzutauchen und Zeuge der entfesselten kreativen wie auch physischen Energie zu werden, die viele der Genre-Pioniere gemeinsam hatten. Wie auch immer, lange Rede kurzer Sinn, das ist guter Scheiß hier!
Nicht weniger als ein plausibler Anwärter für die Hardcore-Platte des Jahres 2025 kommt zu uns vom in Milwaukee ansässigen Label Unlawful Assembly in Form einer neuen Split-LP von zwei Bands aus Austin, Texas, die beide bereits einige Wellen geschlagen haben mit jeweils ausgezeichneten Debüt-Tapes auf dem lokalen Label Sound Grotesca zwischen 2021 und '22. Beide Bands operieren dabei klar auf der roheren Seite des Hardcore Punk-Spektrums und erfinden hier das Rad zwar nicht neu, aber laden dafür lang bewährte Zutaten der Noise-lastigen alten Hardcore-Schule mit einer selten gewordenen Aura von Gefahr und Unvorhersehbarkeit auf. Gleich vom Start weg stechen die Tunes von Save Our Children hervor als unendlich ausgefeilter, erfinderischer und überhaupt in einer ganz anderen Liga als die Masse von milde Thrash-infizierten Hardcorebands und auch die grimmige Gesamtästhetik kann dabei nicht über die musikalische Abenteuerlust und Verspieltheit dieser Songs hinwegtäuschen. Wenn du jetzt dachtest, das ginge ja schon ganz schön über den Aufwand einer durchschnittlichen Hardcore-Veröffentlichung hinaus, dann warte mal bis du die Stunted Youth-Seite hörst, die hier den leicht metallischen Beigeschmack der S.O.C.-Tracks gegen einen stärker garagigen Flair austauschen und eine Fülle von subtil melodischen Schnörkeln in ihren Songs, gekoppelt mit einem Weltklasse-Einsatz an hyperaktivem Geschredder und tonnenweise unerwarteter Catchyness in einem halsbrecherischen Geschwindigkeitsrausch. Das ist der perfekte Sturm von sowohl kreativer als auch primitiv-roher Energien wie ich sie doch gerne öfter hören würde in einem Genre-Umfeld, der sich viel zu oft leider mit der möglichst normgerechten Reproduktion etablierter Muster und Konventionen zufrieden gibt.
Die dritte LP dieser Band aus Melbourne hat fünf neue Ausbrüche von Post Punk für uns auf Lager, die ich jetzt nicht unbedingt als sonderlich überraschend oder innovativ beschreiben würde, aber die durchweg die Basics überdurchschnittlich gut auf der Reihe haben, kompetent und schlau konzipiert und ausgeführt sind und eine filigrane Balance halten zwischen kaltem und klinischem, dissonentem Konflikt und ungleich wärmeren, melodischen Auflösungen in ihrem selbstbewussten und unerwartet variablen Songwriting. In verschiedenen Aspekten und Momenten erinnert mich das unter anderem an so Bands wie Girls In Synthesis, Corker, Criminal Code, Rank/Xerox, Negative Space, Shepparton Airplane, Batpiss oder Bench Press.
Auf bisherigen Veröffentlichungen wurde die Musik dieser Band aus Pisa, Italien immer verschleiert von einer dicken Schicht aus Fett und Ruß, aber die dreckigen Klangparameter konnten niemals über die rohe Brillianz hinwegräuschen, die sich unter all dem Gerümpel verbarg. Auf ihrer neuesten EP haben sie zum ersten mal ihre Produktionswerte eben genug aufpoliert um ihre exzentrischen Post Punk Mikro-Epen aus den Schatten rauszuholen und bestätigen den Verdacht, dass jene keineswegs den offenbarenden Blick unter hellem Tageslicht zu fürchten brauchen. Beginnend mit Vibes nicht unähnlich zu Surf-infizierten Noise Pop und Fuzz Punk-Bands der frühen 2010er wie Male Bonding, frühen Wavves, No Age, Times Beach, Tiger! Shit! Tiger! Tiger! oder, erst kürzlich, Shooting Losers, dauert es aber auch nicht lange bevor ihre Songs dazu einen Schlag von Post Punk des vergangenen Jahrzehnts entwickeln à la Die! Die! Die! und Piles, aber auch ungleich rohere und schrägere Punk-Phänomenen wie Dumb Vision, Piss Wizard und Pink Guitars wären nicht zu weit hergeholt als Vergleiche. Abrundend ist dann noch ein unverwechselbarer Hauch von mitt-'90er bis früh-2000er Postcore mit dabei, jene Sorte die komplett schambefreite Menschen tendenziell als Screamo bezeichnen würden, aber lasst euch ein für alle mal sagen dass dieses Label für jede gute Band an Beleidigung grenzt. Also nein, das ist kein Screamo und fick dich wenn du auch nur daran dachtest, dieses Wort in den Raum zu werfen.
Ebenso wuchtig nach vorn gehender wie auch ausgefeilter Post Punk auf dem wie es scheint bereits vierten Album dieser Band aus Oslo, die jetzt offenbar auch schon weit über ein Jahrzehnt existiert aber die letzten acht Jahre nichts mehr von sich hören ließ. Wie dem auch sei, das ist saumäßig kompetentes Zeug hier, wie die ihren düsteren Sound zwischen Post Punk und Postcore - wenngleich auf den ersten Blick durchaus auf einer Linie mit dem aktuellen Genre-Umfeld - mit einer Fülle an aufregenden Texturen, melodischen Lichtblitzen und einiger kompositorischer Rafinesse zu einem kohärenten Ganzen verschweißen, das mich an einen doch recht bunten Strauß von Bands erinnert wie Criminal Code, Wymyns Prysyn, Pretty Hurts, Corker, The Nation Blue, Girls In Synthesis, Bloody Gears oder auch die jüngste Shepparton Airplane LP.
Wie ihr vielleicht schon mal festgestellt habt, habe ich eine ungesunde Gewohnheit ziemlich viele Bands mit Saccharine Trust zu vergleichen, von denen einige vermutlich noch nie Saccharine Trust gehört haben. Nun, hier ist zur Abwechslung mal eine Band, die jenen Einfluss von sich aus in der Bandcamp-Bio in den Raum wirft, erfrischend! Die Musik der Ungarn hält dann auch alles, was sie verspricht auf ihrer Debüt-LP, der auch ein bisschen von einem Anarcho-Geist innewohnt und reichlich Drive Like Jehu-Energie obendrein, ein Hauch von Big Black in Általános Életkrízis Magyarországon und auch glitzernde '80er Sonic Youth Gitarrentexturen ziehen sich hier durch alles. Desweiteren mag man Vergleiche ziehen zu jüngeren Post Punk-Phänomenen wie Straw Man Army, Marbled Eye, Institute oder Corker und das beste dabei ist, dass ihr Sound sich dabei auf reichlich musikalische Substanz stützen kann, ihre Kompositionen rüttelfest verschweißt sind mit den Mitteln von smartem und belastbarem Songhandwerk.
Die Debüt-EP dieser Band aus Boston, Massachusetts suhlt sich regelrecht in einer unverfrohren altmodischen Pfütze aus oldschool Punk, Hard- und Postcore mit einer unterschwelligen Garage-Kante, einem Klangkostüm das so einige Akteure der frühen D.C. Postcore-Ära wie Gray Matter, Government Issue, Embrace, Rites Of Spring, Fire Party aber auch etwas abseitigere Westküsten-Bands á la Really Read, Tragic Mulatto und frühe Saccharine Trust heraufbeschwört, ausbalanciert mit ein paar leichtfüßigeren, straighter rockenden Momenten, die ein bisschen an klassische Germs- und Adoloscents-Schule denken lassen.
Shepparton Airplane aus Melbourne kamen mir zum ersten mal auf den Schirm als sie mir im Jahr 2018 mit ihrer zweiten LP Almurta ohne Vorwarnung in die Fresse explodierten. Darauf folgte ein 2020er Album, das mich dann nicht mehr so ganz überzeugen konnte - ambitioniert, ja, aber auch ein bisschen zu bemüht wirkend. Nach fünfjähriger Funkstille und eine gute Weile nachdem die Band eigentlich weitgehend von meinem Radar verschwunden ist, bekommen wir unerwartet einen neuen Langspieler vorgesetzt, den ich ohne Not mal als ihr reifstes und cleverstes Werk bislang bezeichnen würde. Nun hat sich ihr Sound zwischen den Parametern von Post Punk, Noise Rock und Postcore schon immer ein bisschen altmodisch angefühlt, eigntlich besser aufgehoben in den späten Nullerjahren bis 2010ern, aber das ist auch ein Teil ihres Charmes. Sympathisch oldschool würde ich dazu sagen und durchaus in der gleichen Gewichtsklasse mit so alten Haudegen wie Sleepies, Bench Press, Diät, Batpiss oder Rank/Xerox, dem frühen Schaffen USA Nails, Protomartyr und Gotobeds, um nur ein paar davon zu nennen... ja sogar ein leichter Vibe von The Men der Open Your Heart-Ära hält sich versteckt in so Songs wie Stereo Youth. Wie auch immer, jeder dieser Songs ist ein aufwändiges, in sich geschlossenes Post Punk-Drama, des sich zwar langsam entfaltet, letztendlich aber immer beherzt in einem spektakülären Finale entlädt.