Kann eigentlich nie viel schiefgehen wenn Sorry State und Drunken Sailor Records gemeinsame Sache machen! The Hell aus Cleveland erzeugen auf dieser EP ein feines Konzentrat aus Hardcore, der auf den ersten Blick etwas generisch oldschool erscheint und in etwa die Merkmale von früh-80er Ost- und Westküste vereint. Bei genauerer Betrachtung gehen diese Songs aber weit über den Aufwand des durchschnittlichen Retro-Neuaufgusses hinaus, sind dicht beladen mit infektiösen Hooks und unerwarteten Schnörkeln und Wendungen. Jene kulminieren dann in dem fünfminütigen Rausschmeißer Dirt Nap, der zuerst den Drang und die Energie alles zuvor gehörten über Bord zu werfen scheint zugunsten eines schleppenden, leicht Flipper-mäßigen Proto-Noise Rock und Sludge-Sounds, bevor er um die zwei-Minuten-Marke dann doch abrupt in den Gänge kommt und für einen intensiven Spannungsausgleich sorgt.
Diese Band aus Bordeaux, Frankreich fällt auf den ersten Blick nicht allzu sehr aus der Reihe gegenüber dem omnipräsenten Grundrauschen an französischen Bands, die jene einfach gestrickte Formel aus leicht Oi!- und Post Punk-geprägten, eingängigen Punkhymnen durchziehen. Aber meine Fresse, treffen die Herrschaften hier mal jeden Nagel auf den Kopf auf ihrem Debüt-Kurzspieler und holen so ziemlich den optimalen Wumms aus einem relativ restriktiven und vorstrapazierten Subgenre. Ich würd mal sagen Freude von so Bands wie Telecult, Litovsk, Bleakness or Nightwatchers sollten sich das keinesfalls entgehen lassen!
Wo wir schon von Pyrex reden… diese Platte ist relativ nah an dem Sound, ich ursprünglich bezüglich ihrer neuen LP vermutet hätte. Relativ verwinkelter Post Punk, der ziemlich tief in Genre-Traditionen der vergangenen zwei Jahrzehnte verwurzelt scheint und nicht unähnlich klingt zu so Bands wie den frühen Marbled Eye, Rank Xerox, Institute, Bruised, Negative Gears, Tube Alloys, Public Interest, Corker, Sarcasm oder neulich auch NRG. Also klar, das hier schlägt keine allzu neuen Wege ein aber trifft dafür 100% ins Schwarze als ein sebstsicherer, überduchschnittlicher Genrebeitrag mit ultra-robuster, solide gebauter Songarchitektur und durchaus einiger stilistischer Vielfalt, was sich etwa im Elektro-lastigen Mittelteil und dem deutlich roheren, energischen dritten Akt äußert. Fraglos eines der mühelos funktionalsten Alben, die mir in letzter Zeit begegnet sind.
In jenen gewissen Post Punk-Spären, in denen es zum gewohnten Vorgehen gehört, dass Bands mit jeder Veröffentlichung etwas aufwändiger und polierter klingen, fallen Pyrex etwas aus dem Rahmen indem sie genau den umgekehrten Weg beschreiten mit ihrer zweiten LP, auf welcher – wenn man die soliden Produktionswerte mal außen vor lässt – sich ihre bislang rohesten und primitivsten Lärmattacken entladen. Der beste Vergleich der mir dazu gerade einfällt ist der dreckige Krach der frühen Nag, ein Rezept der schieren Überwältigung und verzweifelten Energie, das mit einem Minimum an musikalischer Substanz auskommt und was soll ich sagen… Die simple Formel macht maximal Bumm!
Cult Crime aus Toronto fielen bereits ausgesprochen positiv auf mit einem Demo und einer 7″ in ’23 und ’24. Ihr Langspieldebüt hält sich jetzt erneut weitgehend an die bewährte Formel und liefert neun schnörkellos geradeaus gehende Garage Punk-Geschosse ab die gleichermaßen in den Klangparametern der ’77er Ära wie auch im frühen Hardcore Punk verankert scheinen und ich bin mir ziemlich sicher dass hier unter anderem auch ihr Stiefellecker von so Bands wie Sick Thoughts, Bart And The Brats, Jean Mignon und Hood Rats Gefallen dran finden werdet.
Silicon Heartbeat sind schon seit einigen Jahren eine konstante Präsenz an der Peripherie des 12XU-relevanten Klangspektrums und dennoch, so scheint es, habe ich sie bisher noch mit keinem Blogpost gewürdigt (sie sind euch jedoch mit Sicherheit schon auf der einen oder anderen Verspannungskassette begegnet). Das gehört natürlich sofort korrigiert und ihre neueste EP ist der perfekte Anlass dazu, hält jene doch nicht nur einige ihrer stärksten Songs bisher parat, sonden profitiert zusätzlich von dem Produktions-Zauber des Garage-Alleskönners Erik Nervous, die hier für reichlich Druck und Kontur sorgt in ihrem geringfügig Spits-beeinflussten, eingängigen und psychedelischen Sound aus Synth- und Garage Punk. Ich hoffe mal es ist – dem Titel zum Trotz – nicht das letzte, was wir von Silicon Heartbeat zu hören bekommen.
Was für eine schicke kleine Anomalie, die zweite EP von Forklift Rodeo aus Chicago. Darauf verquirlen sie einige Ladungen von wunderbar kaputtem Cowpunk mit leichten Spuren von klassischen, AmRep/Touch&Go-mäßigem Noise Rock und Postcore und zeitweilig auch einer gewissen Eggpunk-Qualität, wobei ich aber eher an frühe Skull Cult denke als an die inzwischen geringfügig kodifiziertere, aktuelle Welle des gepflegten Lo-Fi-Wahnsinns. Apropos Lo-Fi… das ist diese Platte definitiv nicht und die polierten Produktionswerte bewirken einen ungewohnten Glanz und eine klangliche Tranzparenz für ihre unvorhersehbaren, verworrenen Songkonstrukte, die es tatsächlich auch gar nicht nötig hätten, sich hinter einem schützenden Schleier aus Lärm und Dreck zu verstecken.
Hochwertiges neues Dungeon Punk-Material kommt da von einer mysteriösen Band, die aus irgendeinem unspezifizierten dunklen Wald in den vereinigten Staaten operiert. Ihre Herangehensweise an den ganzen „blackened“ Punk-Komplex attackiert das Genre von einem stark Richtung Post Punk und Goth-/Death Rock tendierenden Winkel aus und verkleidet dabei ihre voll ausgeformten und durchdachten Songstrukturen in einer wunderbar abgefuckten LoFi-Ästhetik, die mich an einen kleinen Strauß halbwegs aktueller Genre-Vertreter wie etwa Conifère, Unsheather und Bloody Keep erinnert.
Die jüngste EP dieser Band aus Philadelphia entzückt mit fünf schön zurückgelehnten Perlen des geringfügig neben der Spur agierenden, schrammeligen Indie Rock und Slacker Punk, zu verorten irgendwo zwischen so Indierockern wie Treehouse, Kitchens Floor, Thigh Master oder aktuell auch den Ungarn Dehidratált Fejek auf der einen Seite der Gleichung – und den etwas exzentrischeren Sounds etwa von Damak, Honey Bucket, Germ House und Far Corners auf der anderen, wobei der Übersong Artifact ein bisschen so klingt wie die staubigen Acid-/Roots-/Garage Rock-Fusionen von Weak Signal vermischt mit dem eingängig-fuzzigen Garage Pop von The Wind Ups.
Diese zweite EP von Esmé Newman aka Glitter On The Mattress aus Gateshead, England besticht mit vier perfekt überzuckerten Häppchen aus oldschooligem Noise-/Indie-/Fuzz Pop, die eigentlich nur ein bisschen Bandrauschen bräuchten um mich davon zu überzeigen, es handele sich um ein vergessenes Artefakt der ’80er Kassettenkultur. Gleichsam hat das aber auch einiges gemeinsam mit Bands der vergangenen zwei Jahrzehnte wie Feature, UV-TV, Private Lives, Slowcoaches, Star Party, frühe Vivian Girls oder neulich auch das indonesische Wunder Crayon Cats. Keine Frage, unprätentiöser, fuzziger DIY Pop ist auch in dieser Ära bei bester Gesundheit.