Machiavellian Art – Population Control

Die Band aus Walsall, UK konfrontiert uns hier mit einem absichtlich überwältigenden, kompromisslosen und maximal versifften Klumpen aus dissonantem und zeitweise monotonem Lärm, angesiedelt irgendwo an den streitlustigeren Tellerrändern von Post Punk, Noise Rock und Postcore. Interessanterweise sind die meisten Vergleiche, die mir dazu einfallen, schon etwas angestaubt und erinnern mich daran, was für eine unerwartet produktive Dekade die 2010er Jahre für rauen Noise Rock waren, ein Genre in dem ich aktuell eher wenig aufregendes finden kann nach dieser zweiten goldenen Ära mit Bands wie den frühen Metz, USA Nails, Keepers, Overtime, Death Panels, Greys oder – zum Ende der Dekade hin – Vangas, Tunic und John (timestwo). Einige davon haben sich bis heute gehalten. Andererseits erinnert mich der konstante, dichte Nebel aus dissonanten Noise-Texturen stark an die kurzlebige US Post Punk-Sensation Dasher und der Saxophoneinsatz wiederum hat etwas von Nearly Dead, der relativ obskuren australischen Post Punk-Gruppe Fungus Brains oder, wenn ein paar untypisch melodische Obertöne dazu kommen wie in Crime, fühle ich mich an das ebenfalls australische Post Punk / Proto-Noise Rock-Bollwerk X erinnert.

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DBR – DBR

Das Berliner Post Punk-Soloprojekt DBR ist jetzt schon eine ganze Weile unterwegs und hat bislang eine Langspielkassette und ein ganzes Bündel an EPs veröffentlicht, zuerst unter dem Namen Dee Bee Rich, auf späteren Releases dann zu DBR abgekürzt. Die neueste, auf Turbo Discos erschienene Kassette ist dabei mal ganz locker Dee Bees ansprechendstes und vielfältigstes Werk seit einer ganzen Weile, auf dem er die minimalistisch-kleinlaute Ästhetik, in die sich sein Sound graduell hineinentwickelt hat, mit einem ausgeprägten Sinn für Melodie und Eleganz ausstattet, dabei aber weiterhin durchweg verspielt bis verspult rüberkommt.

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Whiphouse – Demo

Atlantas Postpunk-Szene schlägt mal wieder zu. Unter anderem ist bei dieser Band wohl mindestens ein (ex-?) Mitglied von Predator mit an Bord. Tatsächlich hat ihr Sound eine gewisse Ähnlichkeit zu jenen, sowie auch zu der anderen einschlägigen lokalen Hausnummer, Nag. Whiphouse bezeichnen sich selbst als Death Rock-Band und in der Tat differenziert sich ihr Sound vor allem durch einen geringfügig prominenteren klassischen Goth Rock-Vibe und eine deutlich simplere herangehensweise an Arrangements und Songwriting. Da gibt’s nicht viel dran zu meckern, der Scheiß funktioniert!

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Dead Finks – Eve Of Ascension

Auf der gerade bei den Australiern Urge Records erschienenen dritten LP rückt das Berliner Duo bestehend aus Erin Violet und dem ehemaligen Trust Punks-Frontmann Joseph Thomas ein Stück weit ab von den folkigen Einflüssen zugunsten eines etwas dunkleren, schwermütigeren Sounds, behält dabei aber die alles überspannende Melancholie und die Song-orientierten Qualitäten bei, die schon die zwei Vorgänger weit über die meisten Genrevertreter herausragen ließen und nach wie vor ausschießlich schmeichelhafte Vergleiche mit so Bands wie Public Interest, Marbled Eye, Waste Man, Tube Alloys, Corker, Glittering insects, Public Eye, Kitchen’s Floor, VR Sex and Mothers Milk provozieren.

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Nag – Fear

Atlanta’s Post Punk-Sensation Nag bleibt eine kompromisslos kantige Urgewalt, auch auf ihrem neuesten Tape, wenngleich jenes im direkten Vergleich zur ultra-rohen letzten LP Human Coward Coyote fast schon ein bisschen freundlich und zutraulich rüberkommt. Im Kern von jedem Song hier steckt ein eingängiges Hook und ihre Songkonstrukte halten eine perfekte Balance zwischen ihrem berüchtigt stacheligen, rigiden oldschool-Minimalismus und so gerade eben der minimal notigen Menge an leidlich konsensfähiger Ohrenmassage.

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Fen Fen – National Threat

Fen Fen aus Detroit haben schon mit einer ausgezeichneten EP in 2022 einige Wellen geschlagen und schieben jetzt eine nochmal deutlich stärkere LP hinterher, die erneut ein bischen lokalen (Proto-) Punk-Flair mit Geschmacksnoten aus Garage Punk, Hard- und Postcore verbindet. Das erinnert doch tatsächlich mal ein bisschen an Nervosas in American Lies und an Dollhouse in Kill Your Parents und desweiteren spult sich das ab wie eine gute Schnittmenge aus diversen Garage/Hardcore-Hybriden wie etwa Launcher, Freakees, Liquid Assets und Mystic Inane auf der stärker Garage- und KBD-infizierten Seite, sowie Bands á la Imploders, Headcheese, Hood Rats, Alf and Cement Shoes von der stärker Hardcore-lastigen Fraktion.

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Girls In Synthesis – Sublimation

Ich ging ja schon fast davon aus, dass ich mir diesen Veteranen der gegenwärtigen UK Post Punk-Szene abgeschlossen hätte nach einem etwas synthetisch (ha!) und überproduziert klingenden letzen Album und den diversen seitdem erschienenen Krümeln, die in meinen Augen alle typischen Anzeichen einer Band transportierten, die bei der nächsten Gelegenheit von der eigenen Ambition verschluckt wird wie so viele andere britische Bands ihres Genres, die sich irgendwann ein größeres Stück abgebissen haben als sie verdauen konnten. Es stellt sich aber heraus: Girls In Synthesis haben einen starken Magen und ihre neueste LP ist ein herausragendes Stück des düster-atmosphärischen, klugen und epischen Post Punk-Gleichgewichts. Von der ersten Note des stark nach Wire duftenden Openers Lights Out bis zum monotonen Rausschmeißer A Damning Lesson schaffen es diese Songs, die speziellen Qualitäten der Band zur rohen Essenz zu verdichten wie noch nie zuvor, gleichzeitig mangelt es aber auch nie an stilistischer Abwechslung und reichlich Ideen, um die Reise durchweg spannend zu halten.

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Solvent – Mockery Of Life

Eine affengeile Debüt-EP hat diese New Yorker Band da abgeliefert. Der Opener No Recourse beschwört einen starken Mittachtziger bis früh-’90er Dischord vibe herauf á la Rites Of Spring, Nation Of Ulysses, Gray Matter… plus eine Spur von Drive Like Jehu oder von jüngeren Bands wie Wymyns Prysyn, Beast Fiend und Launcher. Mit Fixate ändert sich die allgemeine Marschrichtung dann doch stark und erinnert vor allem an alte australische Punk- und Garage-Legenden wie X, Saints oder God. Scraping Away wendet sich dann wieder der klassischen Postcore-Ästhetik zu und klingt dabei etwas wie eine Fusion aus dem Proto-Postcore der frühen Saccharine Trust mit dem Proto-Noise Rock von Flipper.

Paulo Vicious – Duas M​ú​sicas Para Dan​ç​ar

Selbst in einer vollen Woche wie dieser (ihr wisst schon, Bandcamp Friday und so…) komme ich nicht daran vorbei, diese digitale Single der Synth-/Eggpunk-Band aus Tel Aviv zu erwähnen, denn wenn diese zwei Songs nicht unverschämt Ärsche treten, wüsste ich nicht mehr was sonst. Hier meistern die den schwierigen Trick, das Tempo empfindlich zu drosseln ohne dabei zu langweilen, denn jegliche potenzielle Stille zwischen den Bumps und Beeps weiß man hier mit einer ganz neuen Fülle an durchweg spannendem Gequietsche, Gekeife und Kawummblahs zu füllen, was selbst so eine tote Kartoffel wie mich aus der Leichenstarre aufweckt und zu rhythmischen Zuckungen animiert.

Hevrat Ha’Hashmal – Banu La’avod

Nach einer ziemlich umwerfenden EP im letzten Jahr hält diese israelische Band das hohe Niveau und den Energielevel in ihrer ganz eigenen, exquisiten Spielart des strukturierten Chaos‘. Das ist erneut ein lärmiger Tritt in die Weichteile, der seinen Ursprung irgendwo zwischen den groben Spezifikationen von Noise Rock, Post Punk, Hard- und Postcore hat und zumindest oberflächliche Ähnlichkeiten etwa zu Cutie, Big Bopper, Brandy, und frühen Patti aufweist… und als besondere Krönung eine großzügige Dosis Big Black obendrein!

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