Aus der Rubrik "Poison Ruïn und die Nachwirkungen": Unsheather aus Bellingham, Washington gehen die Ästhetik von endlosem Kampf, schwerer Rüstung und stumpfen Waffen aus einem stärkeren Hardcore-Blickwinkel an - weniger episch, stattdessen schön primitiv und unpoliert, was vermutlich auch eine weise Strategie ist in dieser immer noch ganz frühen Phase der sich langsam entfaltenden Dungeon Punk-Saga, die sicher noch ein Weilchen brauchen wird bevor die derzeitig unangefochtenen Overlords des Genres einen würdigen Herausforderer finden. Bis dahin freue ich mich über jedes bisschen an grimmig-mittelalterlichem, leidenschaftlich die Axt schwingendem Spaß und dafür sind Unsheather eine ganz vorzügliche Wahl!
Diese Band aus Los Angeles tritt selbstbewust einen ordentlichen Sturm los unter Verwendung von relativ ökonomischen Mitteln. Die fünf Geschosse dieser EP klingen ein bisschen so wie ich es mir vorstellen würde, wenn man eine primitivere Variante der erdigen, noise-lastigen Post-/Garage Punk-Hybriden von The Cowboy und Flat Worms mit einer ordentlichen Ladung von Gun Club- und Feedtime-inspiriertem Blues- und Cowpunk fusioniert. Das Resultat, wie ihr es euch wohl schon gedacht habt, fügt den genannten Genres absolut nichts neues hinzu aber nutzt die vorhandenen Ressourcen effizient um kein einziges mal sein Ziel zu verfehlen.
Negative Gears aus Sydney haben sich gute fünf Jahre Zeit gelassen mit dem Nachfolger zu ihrer ausgezeichneten 2019er EP, auf dem sie sich jetzt in einer noch mal deutlich dunkleren, eiskalten Vision präsentieren, eingehüllt in bemerkenswert gereifte und ausgefeilte Kompositionen und Arrangements. Vergleiche zu so US-Bands wie den frühen Institute, Rank/Xerox, Criminal Code and Nag sind immer noch halbwegs richtig, aber ganz besonders meine ich diesmal eine starke Seelenverwandtschaft zu dem in Berlin lebenden Duo Dead Finks und dessen Vorläufer, der neuseeländischen Band Trust Punks zu erkennen. Songs wie Pills und der Opener Negative Gear beinhalten wiederum einige der Kennzeichen von einschlägigen britischen Hausnummern wie Girls In Synthesis und Sievehead, während in ruhigeren Momenten wie Ants und Zoned durchaus einiges von der Melancholie und Eleganz der letzten Marbled Eye- oder Tube Alloys LPs mitschwingt.
Was vor ein paar Jahren zuerst seinen Lauf nahm als ein Duo angeführt von Spray Paint's Corey Plump, ist jetzt zu einem vollen Band-Lineup angewachsen und markiert einen weiteren Schritt der New Yorker zu einer etwas luftigeren und organischen Klangästhetik, die auch mehr noch als die zwei bisherigen Platten an Plump's alte Band erinnern, besonders an die elektro-lastige späte Phase. Dabei bleibt es aber keineswegs bei einem faulen Aufguss vergangener Zeiten, sondern sein patentiert dissonantes Gitarrenspiel vermengt sich hier auf eine einzigartig natürliche Art mit einer Fülle an sowohl organischen als auch elektronischen Sounds zu einer Ästhetik, die einerseits starke Industrial-Vibes versprüht, dabei aber paradoxerweise auch immer eine erstaunlich warme und verspielte Qualität aufweist.
Starker Anarcho Punk-Scheiß aus London, der sich weitgehend einer genaueren Kategorisierung verweigert und das ist ja sowieso immer der aufregendste Punkscheiß. Aufgenommen bei D4MT Labs in New York, hat das auch tatsächlich eine flüchtige Ähnlichkeit zu dessen bekanntestem Export Kaleidoscope und ferner vielleicht auch ein bisschen was von Straw Man Army. Gleichermaßen gehören aber auch so so Bands wie frühe Bad Breeding, Acrylics und Daydream zu den ersten Referenzen, die mir spontan in den Sinn kommen.
Nach der durchweg berauschenden Debüt-LP vom letzten Sommer liefert der französische Psychedelic-Zauberer Remy Pablo auf dieser neuen Single mehr von der gleichen überwältigenden Klangware, die ganz stur ihr eigenes Ding durchzieht aus pulsierenden Loops und abgehangenen Drones in den entrückten Sphären, an denen sich Psych- und Space Rock, Post-, Art-. Proto- und Garage Punk überschneiden mit mehr als nur leichen Anklängen etwa an MX-80, Chrome und Métal Urbain.
Selbst im Angesicht von so ziemlich allem was jenes lose Musiker-Kollektiv rund um das New Yorker Label Decoherence Records bislang so verbrochen hat, stachen Gay Cum Daddies immer noch deutlich heraus als besonders sprachlos machende Botschafter des Chaos und Unheils. In gewisser Art und Weise ist die neueste LP jetzt auch fast genau das, was man von dieser Band inzwischen erwarten kann, nämlich einen sperrigen Bastard des No Wave-verseuchten Lärms, der jedoch aller chaotischen Kakophonie zum Trotz keineswegs nach reinem Zufallsprinzip klingt. Nein, mehr als je zuvor erscheint mir die Band auf dieser Platte jederzeit hundertprozentig in Kontrolle ihrer unkonventionellen Klangkonstrukte und positiv nervtötenden Jams, die niemals auch nur den geringsten Zweifel daran aufkommen lassen, dass diese Typen einen Masterplan haben. Sicher, einen sehr seltsamen, verschlungenen und verschlüsselten Plan, aber nichtsdestotrotz einen Plan. Hat man sich erstmal daran gewöhnt, kommt es einem vor wie das unerhörteste, schockierendste Ding wenn in Ribboning Boulder Hands Over Data doch tatsächlich mal ein erkennbarer 4/4-Takt vorherrscht, für 30 Sekunden oder so...
Eine ausgezeichnete Debüt-EP von dieser Band aus San Antonio, Texas löst sieben satte Sprengladungen aus tiefschwarzem aber gleichermaßen raffiniertem Post Punk aus. Während der Opener Progress Trap für mich ein bisschen so klingt als würden die Garage-/Noise Rock-/Post Punk-Hybriden von The Cowboy und Flat Worms auf ganz unwahrscheinliche Art verquirlt mit The Spits oder Lost Sounds, werde ich im weiteren Verlauf vor allem an diverse Größen des gegenwärtigen bis noch-nicht-ganz-so-alten Post Punk erinnert wie z.B. Nag, Predator, VR Sex, Tube Alloys, Rank/Xerox, Public Interest oder das frühe Werk von Institute, Diät und Marbled Eye. Auch wenn so etwas inzwischen sicher nicht mehr den Gipfel der Originalität darstellt, halten Mock-Up die Sache hier immer interessant und in Bewegung und keiner dieser Songs braucht sich auch nur ansatzweise verstecken vor jenen offensichtlichen Referenzen.
Die Band aus Sydney ließ kürzlich schon gespannt aufhorchen mit zwei starken EPs und dieser neue Kurzspieler zeigt sie in ihrer besten Form bislang. Dabei operiert die Band in einer goldenen Zone zwischen Garage-, Synth-, Post- und Psych Punk und spannt damit einen Bogen von schrägen Tellerrand-Acs wie Die TV und DBR, über den Garage-Primitivismus etwa von Buck Biloxi, Giorgio Murderer bis hin zu den abgespaced psychedelischen Trips von Zoids, Mononegatives, Mateo Manic, Silicon Heartbeat, Pow!, Cthtr und sogar einer leisen Ahnung von Electric Prawns 2 und ihrem monumentalen '23er Album Prawn Static For Porn Addicts.
Nach zwei schon sehr erfreulichen LPs in '22/'23 trifft der dritte Langspieler dieser Band aus Hamilton, Ontario mal so richtig den Nagel auf den Kopf. Nach einem ironisch-metallischen Intro verströmt der Titelsong direkt mal spezielle Vibes á la MX-80, Chrome und Metal Urbain plus eine winzige Dosis Cramps. Im weiteren Verlauf bekommen wir durchweg Fuzz-/Garage-/Space Punk-Scheiß der ersten Wahl vorgesetzt, schräg genug um uns auf Trab zu halten aber gleichermaßen auch solide gebaut und ausgefuchst, mit dem nötigen Maß an zuckerhaltigem Ohrenschmaus obendrein, wie etwa in Corpus Earthling Meets The Counter Culture, in welchem einem bewährten und gut eingelatschten Punk-Standardriff die exzessive Fuzzpunk-Behandlung widerfährt. In anderen Momenten, besonders in den ersten paar Tracks, geht da so eine Art Hawkwind-machen-einen-auf-Hair-/Glam Metal-Schiene ab. Genauso gut kann man da drin aber auch die Fingerabdrücke eines diffusen Clusters aktueller Bands wiederfinden wie z.B. Zoids, Thee Hearses, Monoburro, Mononegatives, Mateo Manic oder Silicon Heartbeat.