Narkose – Überleben Koexistenz

Ein kleines Paradox, diese berliner Band, die hier einerseits eins der am meisten "Berlin" klingenden Alben seit langem abgeliefert hat, für die ich dann aber doch keine so wirklich passende Entsprechung in jüngerer Zeit finde. Der beste Vergleich, der mir da einfällt wären wohl Hyäne und ihre zwei saustarken EPs plus eine ebenbürtige LP, die sie zwischen 2016-2018 von der Leine gelassen haben, wenngleich das Zeug hier sich hier aber noch ein ganzes Stück roher, oldschooliger, primitiver anfühlt, stärker verankert in einem '80er Punk- und Hardcore-Hintergrund. Trotz all dem würde ich mal sagen dass Freunde von so Bands wie Die Verlierer, Kalte Hand, Maske, Pigeon and Gesture auch dieser Platte bestimmt nicht abgeneigt sind, denn irgendein roter Faden, so vage und undefiniert er auch sein mag, zieht sich durch alle davon.

*edit*
In der langjährigen Tradition dass ich manchmal einfach schlecht informiertes, dummes Gewäsch schreibe, stellt sich heraus, dass die Band mal so gar nicht aus Berlin kommt (nur das Label) sondern nicht weit von meiner eigenen Haustür irgendwo im Ruhrpott. Na kein Wunder dass die so angepisst sind. Es bleibt spannend: Was wird mein nächster Griff ins Klo? Stay tuned!

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Exwhite – Balkan Tour Tape

Wer die (nichtsdestotrotz ausgezeichnete) letzte LP von Exwhite aus Leipzig und Berlin ein bisschen zu aufgeräumt, konventionell und sauber produziert fand, den wird diese neue Kassette sicher wieder versöhnen, denn das ist eine wunderbar hyperaktiv lärmende, göttliche Schweinerei angerichtet von einer Band, die ihren kreativen Launen freien Lauf lässt in dreißig chaotischen Minuten aus "found-sound"-Interludes, krudem Humor und reichlich amtlichen Bangern inmitten dieses Durcheinanders, das wieder in etwa den verspulten Level erreicht auf einer Höhe mit ihrer schwer zu toppenden 2022er Estray LP.

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The War Goes On – Death Wish

Über diese Kopenhagener Band bin ich bisher noch nicht gestolpert, obwohl es die jetzt offenbar schon seit so anderthalb Jahrzehnten gibt. Vom ersten Moment an versprüht ihre dritte LP einen seltsam vertrauten Vibe aber bei genauerem Hinschauen passiert da auch mehr unter der Haube als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die leichten Folk- und Cowpunk-Anleihen des Openers rufen etwa den folkigen Post Punk von Dead Finks und Optic Nerve oder die nervösen Garage Punk-Zuckungen von Hank Wood and the Hammerheads ins Gedächtnis. Insgesamt würde ich aber sagen, konsolidiert ihr Sound daraufhin mehr zu einer Ästhetik auf dem Grat zwischen geradlinigem, melodischem Punk Rock und ungleich düsteren Post Punk-Tendenten, auf die eine oder andere Art nicht unähnlich zu Bands wie Xetas, Red Dons, späteren Naked Raygun, Warp Lines, Dead Years und Telecult wirkt. Darüber hinaus passiert hier auch einiges an sehr netter, Leatherface-mäßiger Gitarrenarbeit und eine Melancholie, die ein wenig an The Misanthropes und frühe The Estranged erinnert.

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Solderer – Normal Style

Wie ein perfektes Pendant zur zeitgleich erschienenen Demo Rally-LP über die ich heute auch noch etwas posten werde, liefert das Langspieldebüt dieser Band aus Leeds aus dem späten Sommer - jetzt als Tape wiederveröffentlicht vom französischen Label Discos Peroquébien - mehr vom exzellent lärmigen, No Wave-igen Post Punk, dessen mögliche Einflüsse irgendwo pendeln zwischen so Akteuren des dissonanten Chaos' wie Spray Paint, Brandy, Rolex, Lumpy and the Dumpers, Cutie und Soupcans, wobei vergleichsweise langsamere und disziplinierte Tracks wie etwa Bog witch sogar ein bisschen von einer klassischen '90er Chicago-Style Math-/Postcore-Energie ausstrahlen.

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X2000 – Gótico Tropical

Passte die 2020er Debüt-EP dieser Spanisch singenden, schwedischen Band noch etwas zu perfekt in die Hardcore- und Death Rock-getränkte "Dark Punk"-Schiene des vergangenen Jahrzehnts, zeugte das Split Tape mit Islands essentiellen Genre-Stüztpfeilern Dauðyflin schon von einem stetigen Wachstum. Mit ihrer neuesten EP würde ich jetzt mal sagen, dass sie hier erstmals ihr volles Potenzial entfalten und gleichzeitig anfangen, die Limitierungen ihres doch ziemlich restriktiven Genres zu Transzendieren mit einerm Bündel neuer Songs, die nicht unbedingt etwas neues erfinden, aber die grundlegenden Parameter des Genres zu absoluter Perfektion arrangieren und feintunen, zu einer Reihe von so makel- wie auch atemlosen Abgründen aus Tod und Verderben, die dennoch von Anfang bis Ende die Spannung und mein Interesse zu halten vermögen - eine Qualität, die in dieser spezifischen Nische doch etwas selten geworden ist.

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Benzin – Treibjagt

Es hat ein paar Jahre gedauert nach dem starken 2019er Demo aber zu guter Letzt ist doch tatsächlich mal die Debüt-LP von den Berlinern Benzin am Start und wird den hohen Erwartungen mehr als gerecht, wobei sich ihr zuvor stärker Garage-orientierter Sound sich jetzt mehr von einem Post Punk-Vibe zulegt während das Tempo sich zunehmend Richtung Hardcore bewegt. Der Scheiß hier umfasst so einige Tendenzen anderer Berliner Bands wie Rogue, DBR, Tanning Bats, Ponys auf Pump, Cold Leather, eine Synth-lose Variante von Gym Tonic oder auch die erste Puff! 7" lässt grüßen. Gleichsam lasse ich aber auch Vergleiche zu der Leipziger Szene gelten und Bands wie Ambulanz, Lassie, Onyon und Laugh Box... oder, wo wir eh schon von den Sachsen reden, würde ich sagen ein bisschen Pisse ist da auch drin. Aber die Einflüsse gehen über den Tellerrand der deutschen Szene hinaus - nicht zuletzt ist da auch ein starker Vibe von Surfbrett-schwingenden, frühen Westküsten-Punks á la Agent Orange, Germs und Adoloscents zu erkennen in Kombination mit jüngeren Erscheinungen der Sorte Warm Bodies, Warp, Judy and the Jerks, Vexx oder Itchy and the Nits.

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Impotentie – Zonder Titel Deze Keer

Hier gibt's Nachschub von diesem "echte belgische Punk" an dem absolut nicht ein Typ aus Montreal oder ein New Yorker beteiligt sind, isch schwör ey. Musikalisch ihr ausgereiftester Output bisher, verschmilzt das die freimütig propagierten '80er Europunk-Einflüsse mit gleichen Teilen von Oi! und Post Punk, leichten Spuren von Death Rock aus der selben Ära. Aus jüngerer Zeit könnte man sie auch als einen extra primitiven und melodischeren Abkömmling des US Post Punk-Bollwerks Institute beschreiben, von denen - so habe ich gehört - auch jemand definitiv nicht in dieser Band mitspielt, versprochen!

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Time Room – Like A Dream?

Diese Band aus Minneapolis deckt ein interessantes Klangspektrum ab auf ihrer neuesten EP, von der kräftigen Fuzz Punk-Attacke in Like A Dream? über den Math- und Noise Rock-angehauchten Post Punk von Yeehaw! zum vergleichsweise geradeaus gehenden Garage Punk in Saved, woraufhin dann der abschließende Track 5678 unerwartet zu einer Art vernebelten Space Rock-Jam abdriftet. In unterschiedlichen Momenten erinnert mich das an einen recht vielseitigen Haufen von Bands wie etwa frühe Rolex, Cutie, Shark Toys, Reality Group, The Cowboy und Big Bopper.

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Straw Man Army – Earthworks

Nach ihrem phänomenalen Debütalbum in 2020 und einer ungleich grimmigeren zweiten LP in 2022 liefert das New Yorker Duo jetzt etwas ab, für das mir das Wort Meisterwerk nicht zu weit gegriffen erscheint. Hier ist erneut eine absolut singuläre Vision am Werk, die sich einerseits im Rahmen von kontemporärem Post Punk und Postcore bewegt und sich gleichermaßen aber anschickt, dessen Grenzen und Limitierungen zu sprengen. Die Lyrics sind so unverblümt politisch wie auch emotional und introspektiv - desillusioniert aber dennoch immer mit einem Funken der Hoffnung... also kurz gesagt: Sie reflektieren die mentale Last die es mit sich bringt, mit offenen Augen durch eine Ära zu gehen in der die Menschheit mit einer Unzahl globaler und lokaler Krisen konfrontiert ist und gleichzeitig systemisch unfähig oder unwillig erscheint, einen nachhaltigen und praktikablen Weg für die Zukunft einzuschlagen; in der westliche Gesellschaften kollektiv den Kopf in den Sand stecken und globale Eliten allzu willig sind, jeglicher Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft zugunsten kurzsichtiger Anhäufung von Reichtümern eine Absage zu erteilen. Yo, der ganz alltägliche Zustand also. Aber nun gibt es großspurige politische Statements heute ja wie Sand am Meer und nichts hiervon wäre einer besonderen Erwähnung wert, wenn nicht die Musik so verdammt brilliant wäre, die hier erneut die Vielschichtigkeit der beiden Vorgänger aufweist mit filigranen Arrangements und dichter Atmosphäre, was sie hier letztendlich zur absoluten Perfektion verfeinern. Für mich fuhlt sich das an als hätte man den Geist der ersten Emocore-Welle - noch unbelastet von den Tropes, Klischees und Konventionen späterer Jahre - in die Gegenwart transportiert, mit einer einzigartig eigenen Stimme und ausgesprochen unvoreingenommen in seiner Vorstellung davon, was Punk Rock in 2024 sein und tun kann.

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Psychbike – Psychbike

Die Debüt-Langspielkassette dieser Band aus Greater Sudbury, Ontario liefert auf den ersten Blick relativ konventionelle aber ebenso auch durchweg solide konstruierte, effektive Post Punk-Smasher mit leichten Anarcho- und Death Rock-Anleihen, wobei als offensichtlichste Vergleiche mal wieder so bekannte Größen herhalten müssen wie Criminal Code, Sievehead, Schedule 1, die lokalen Stadtnachbarn Kommissars und etwas aktueller auch Negative Gears. Aber dann ist da wiederum auch eine besonders verblüffende Änlichkeit festzustellen zu Dead Cells aus Vancouver, die 2018 eine saugute LP auf Erste Theke raus hatten und deren Lead Singer hier zum verwechseln ähnlich klingt... oder es ist sogar der gleiche Typ, ich hab echt keinen blassen Schimmer.

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