Orchid Club – Three Alarm Fire

Nicht allzu lange nach ihrer brillianten Debüt-EP bekommen wir jetzt auch schon die erste LP von dieser Band aus Minneapolis zu hören, die wie gehabt mit einem charmant aldmodischen Genre-Mix entzückt, der offenbar überwiegend Inspiration von einigen eher unkonventionellen und melancholisch angehauchten Ausläufern der ’80er bis ’90er Punk-, Hard- und Postcore-Historie bezieht, wenngleich die Einflüsse hier noch etwas vielfältiger und differenzierter rüberkommen. Während der Opener Hello World mit einem starken ’90er Dischord-Vibe mit Echos etwa von Jawbox, Crownhate Ruin, Bluetip, Smart Went Crazy oder Kerosene 454 aufwartet, hat der darauf folgende Track Tectonic Plates mehr so etwas von einer seltsamen Mischung aus Rapeman, Brainiac und Mule. Kick Geneva und Steve erinnern mich hingegen stark an Angst oder Moving Targets und BDFI hat so eine Butthole Surfers-mäßige Doom-Ästhetik. Diesmal dauert es darüber hinaus doch tatsächlich bis zum vorletzten Track What Happens Next und nachfolgend Mantle, dass letztendlich doch noch mal der Mission Of Burma-Vibe zum vollen Vorschein kommt, der die vorherige EP noch stärker dominierte. Nicht zuletzt ist über weite Strecken auch eine stark folkige Unterströmung zu verzeichnen, die mich unter anderem an so geringfügig exzentrische Bands der ’80er erinnert wie The Proletariat, Volcano Suns, M.I.A. und My Dad Is Dead.

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Loins – Afterglow

Hier ist mal ein verdammt arschtretendes Überbleibsel von letzter Woche, zu dem ich aber nicht vor dieser Woche kam und ehrlich gesagt hätte ich es von Anfang an besser wissen müssen, haben finnische Noise Rock-Bands doch eine ausgesprochen gute Bilanz gezeigt in der Vergangenheit und auch diese Platte hält was sie verspricht. Neben den obligatorischen Vergleichen zu frühen Shellac und Rapeman fallen mir als die nächstbeste Referenz mal die ebenfalls in Helsinki beheimateten Bands Fun und Baxter Stockman ein, weshalb es mich dann auch kein bisschen Überrascht hat zu erfahren, dass auch in diesem Trio mal wieder Mitglieder von beiden Bands versammelt sind. Im geringeren Ausmaß lässt sich darüber hinaus auch noch ein bisschen Jawbox oder Jesus Lizard darin wiederfinden und man liegt sicher auch nicht ganz daneben, wenn man Parallelen zieht zu jüngeren US-Bands wie Multicult, Help, Hoaries oder auch unserem heimischen Genre-Wunder Trigger Cut.

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Mr. Piss – Mr. Piss

Ein würdiger neuer Eintrag in die Piss Bands-Tabelle aus dem See/Saw Discord kommt zu uns von einem Typen oder einer Band aus Raleigh, North Carolina, der hier eine durchweg spßige Mixtur aus Noise Rock und Garage Punk generiert mit hämmernd Big Black-mäßigen Drum Machine-Beats, wobei ich aber sagen würde dass – obwohl auch hier einiger halbwegs nach Albini klingender Gitarrenlärm vertreten ist – mich der allgemeine Vibe am meisten an die alten Londoner Haudegen von World Domination Enterprises erinnert und, im geringeren Maße, deren britische Kollegen The Membranes, die im Laufe der ’80er Jahre auch mal eine klanglich stark verwandte Phase durchlaufen haben, wohingegen die am stärksten Richtung Garage Punk tendierenden Tracks wie Meat Tenderizer an die ungleich minimalistischeren Prototypen von Métal Urbain / Dr. Mix and the Remix erinnern und darüber hat das Ganze häüfig auch ein bisschen was von Scratch Acid oder Brainiac. Also ja, guter Scheiß ist das!

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Trigger Cut – A History Of Junk

Man kann es nicht anders sagen: Smarter oldschool Noise Rock durchläuft gerade nicht seine stärkste Phase und herausragende Veröffentlichungen in dem Genre sind doch etwas rar gesät in den letzten Jahren. Aber auch in diesen Zeiten bleiben die hiesigen Genre-Overlords Trigger Cut ein verlässlicher Lieferant erstklassigen Lärms, der einerseits an bessere Zeiten erinnert aber dabei hoffentlich auch einen neuen Weg ebnet für eine hellere Zukunft. Wie üblich deckt der Krempel eine breites Spektrum an Signaturen von Bands der goldenen Ära ab wie etwa Bastro, Cows, Rapeman, Distorted Pony, Drunks With Guns und Dazzling Killmen, ja sogar einen Hauch von Tragic Mulatto hat das z. B. in Crash Crew. Auch zu jüngeren Bands in der Nachbarschaft von Multicult, STNNG, Leaves, Body House, Elephant Rifle, Help und Overtime mag man passende Parallelen finden. Gleichsam führt sich hier aber auch die schon auf den Vorgängern wachsende Tendenz fort, die offensichtlichen Einflüsse zu transzendieren zu einer unverwechselbaren, absolut eigenen Stimme und einer unbändigen Kreativität die den Hörer immer auf Zack hält – denn jeder dieser Songs beinhaltet mehr goldene Ideen und unverhoffte Wendungen als sie ein durchschnittlicher Genre-Beitrag für eine ganze LP übrig hätte. Man kann niemals ahnen, wo das als nächstes hingeht.

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96 Cougar – Forklift Rodeo

Was für eine schicke kleine Anomalie, die zweite EP von Forklift Rodeo aus Chicago. Darauf verquirlen sie einige Ladungen von wunderbar kaputtem Cowpunk mit leichten Spuren von klassischen, AmRep/Touch&Go-mäßigem Noise Rock und Postcore und zeitweilig auch einer gewissen Eggpunk-Qualität, wobei ich aber eher an frühe Skull Cult denke als an die inzwischen geringfügig kodifiziertere, aktuelle Welle des gepflegten Lo-Fi-Wahnsinns. Apropos Lo-Fi… das ist diese Platte definitiv nicht und die polierten Produktionswerte bewirken einen ungewohnten Glanz und eine klangliche Tranzparenz für ihre unvorhersehbaren, verworrenen Songkonstrukte, die es tatsächlich auch gar nicht nötig hätten, sich hinter einem schützenden Schleier aus Lärm und Dreck zu verstecken.

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Stdees – Steroid Dojo

Eine sensationelle Debüt-EP von einer Band oder einem Projekt aus Lethbridge, Alberta, welche sechs perfekte Schläge aus einer Machart des Post Punk beherbergt, deren ohrenbetäubenden Wände aus Lärm und pulsierende elektrische Beats zeitweise so klingen als kollidiere eine seltsame Art Eggpunk-Big Black mit den mehr oder weniger psychedelischen Qualitäten von so Garage-Größen wie den frühen Useless Eaters, Pow! und Mononegatives – oder aber auch mit den vernebelten Punk-Experimenten von Métal Urbain / Dr. Mix and the Remix – in einer atemlosen Abfolge hochendzündlicher Banger. Darüber hinaus habe ich auch noch so ’ne leise Ahnung, dass auch Freunde von so abgespaceten Krawallmachern á la Corpus Earthling oder dem französischen Magier Pablo X dieser Band aus der Hand fressen werden.

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Macrophonics – Monophonics

Eine ordentliche Tüte voller netter Tricks und Überraschungen, diese Debüt-EP einer Band aus Memphis, Tennessee. Der Opener tut sein Bestes daran, die Sounds des Mittachtziger bis Frühneunziger AmRep- und Touch&Go-Multiversums wiederauferstehen zu lassen und obendrein erinnert es mich ganz besonders an die LoFi-Noiserocker Drunks With Guns, auch wenn die jetzt so direkt keinen Bezug zu den genannten Labels hatten. Diesel Disco hat daraufhin so einen leichten Geruch von frühem britischem DIY-Gedöns wie frühe Mekons, Swell Maps und Desperate Bycicles, transformiert in einen durchaus kontemporär wirkenden Fuzz Punk-Kontext. The Junt ist ein geradliniger Midtempo-Wipper im Gewand eines ’80er Garage Rock und Proto Grunge-Zeitsprungs. Newspeak hat bizarren Spaß mit einer widerspenstigen stop-and-go-Dynamik und -Struktur. Zuletzt gibt sich dann Control noch als ein relativ standardmäßiger Garagenrocker vom Stooges-Wühltisch und ist ehrlich gesagt das unspannendste auf dieser ansonsten doch sehr ansprechenden EP.

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Demo Rally – Volumen 1

Hochwertiger Stoff mal wieder vom zuverlässigen spanischen Spezialisten für eigenwilligen Post Punk, Flexidiscos. Auf ihrer Debüt-LP beschwört die Band aus Valencia, Spanien einen mehr als beachtlichen Sturm herauf aus schlauem, verwinkeltem, jedoch niemals ermüdend wirkendem Lärm, die ein bisschen so rüberkommt wie eine Verschmelzung der No Wave-igen Noise Rock / Post Punk-Abstraktionen von Spray Paint mit einer ganzen Reihe verwandter Genre-Grenzgänger wie etwa die gewundenen, ineinander greifenden Garage Punk-Grooves von Uranium Club, Reality Group und Vintage Crop einerseits, aber auch den exzentrischen Post Punk-Konstrukten von so Bands wie Rolex, Knowso, Meal, Exit Group, frühen Marbled Eye und Patti. Das alles fühlt sich dabe viel weniger bemüht und eingängiger an als man so erwarten würde, vorangetrieben mit unaufhaltsamem Drive, ökonomisch und punktgenau konzentriert angewandter Energie.

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Solderer – Normal Style

Wie ein perfektes Pendant zur zeitgleich erschienenen Demo Rally-LP über die ich heute auch noch etwas posten werde, liefert das Langspieldebüt dieser Band aus Leeds aus dem späten Sommer – jetzt als Tape wiederveröffentlicht vom französischen Label Discos Peroquébien – mehr vom exzellent lärmigen, No Wave-igen Post Punk, dessen mögliche Einflüsse irgendwo pendeln zwischen so Akteuren des dissonanten Chaos‘ wie Spray Paint, Brandy, Rolex, Lumpy and the Dumpers, Cutie und Soupcans, wobei vergleichsweise langsamere und disziplinierte Tracks wie etwa Bog witch sogar ein bisschen von einer klassischen ’90er Chicago-Style Math-/Postcore-Energie ausstrahlen.

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