Omniwhores aus Chicago haben jetzt schon viele Jahre im Dunstkreis der Noise Rock-, Post- und Art Punk-Nischen rumgehämmert, aber nie zuvor haben sie für mich so genau einen Nerv getroffen wie auf ihrer neuen EP Sucker Face, auf welcher sie ihre beweglichen Teile wie die monotonen, elektrischen Beats, Kreissägen-Gitarren, scharfen Basslines und eine Batterie von abgedrehten Samples - alles davon schon bekannt von vorherigen Releases - neu arrangieren zu einer bislang ungehört organischen und nahtlosen Gesamtästhetik, eine Mischung die mich jeweils an so '80er bis '90er Krawallmaschinen wie World Domination Enterprises, Brainiac, Royal Trux und Butthole Surfers erinnert, auf die eine oder andere Art.
Nu das ist ja mal ein Sperriger, versiffter Klumpen des rohen Lärms, der uns auf dem zweiten Tape (ihr erstes in voller Länge) dieser Wiener Band entgegen kommt. Auf den ersten Blick scheinen sie in erster Linie den Proto-Noise Rock von Flipper und No Trend zu channeln, außerdem auch frühe Swans und einen ordentlichen Brocken des no-wavigen Lärmexzesses. Aber wer etwas genauer hinhört mag auch leichte Echos von japanischen '80er Psych-/Noise-Bands á la The Rabbits erkennen oder von US Art Punk-Klassikern wie Chrome und MX-80. Songs wie etwa Entropy haben dann wiederum aber auch etwas von einem Kopenhagen-Vibe der frühen 2010er á la Lower und Iceage und wo ich eh schon dabei bin Krempel aus jener Ära aufzuzählen, sag ich mal da steckt auch ein bisschen Soupcans drin. Wie dem auch sei, das sind vierzig exzellente Minuten von waffenfähiger Klangattacke, die deine Sinne überwältigt, alle mentalen Sicherungen durchbrennen lässt, Hemmungen überbrückt und wenn der Scheiß mit dir fertig ist fühlst du dich irgendwie Schmutzig und brauchst schnell 'ne Dusche. Mission accomplished sag ich dazu!
Die letztjährige Debüt-LP dieser Band aus Raleigh, North Carolina hatte bereits einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und ihre neueste EP, die uns über den lokalen Genre-Giganten Sorry State Records erreicht, schlägt weiterhin in eine ähnliche Kerbe, aber es lassen sich auch graduelle Anpassungen feststellen. So fühlt sich die gesamte Klangästhetik etwas weniger grimmig an als sie es auf der LP noch war, nicht zuletzt auch dank quietschender Spielzeugkeyboard-Vibes und einer Fülle reichlich verschrobener ideen, die hier ein ausgezeichnetes Gegengewicht zu ihrer klanglichen Abrissbirne zwischen den Welten von Noise Rock und Synth Punk abgeben, die mich erneut an so einige Bands der Sorte Isotope Soap, Broken Prayer, Powerplant, Kerozine oder Beef denken lässt.
Die letzten paar Wochen hatten eine Fülle von starken 7"s und digitalen 2-Song-Veröffentlichungen auf Lager und ich bin schon wieder weiter im Rückstand mit der Bloggerei als geplant, weil diese Woche - neben meiner ständig unter Kapazität laufenden Birne - auch noch mit einen Familiären Notfall meine Aufmerksamkeit forderte, deshalb nehme ich mir mal die Freiheit, hier einfach die vier Stärksten davon zusammen in einem Post zu verbraten.
Die größte Überraschung davon war sicher die Debütsingle von Assembly, auf der die Band aus Atlanta ein breites, eklektizistisches Spektrum im Postcore, Noise- und Math Rock-Umfeld umspannt das von '90er und 2000er Dischord-mäßigen Sounds etwa von Faraquet, Bluetip und Q And Not U über weitere '90er Zeiterscheinungen wie Polvo, Braniac oderChavez hin zu mehr oder weniger aktuellen Noise Rock und Art Punk-Bands der Sorte Wax Chattels, Solderer, Body House, Haunted Horses reicht aber auch ganz besonders Spray Paint und den damit assoziierten späteren Acts Rider/Horse und During.
Die Australier Tee Vee Repairman - ja genau, win weiteres Projekt von Gee Tee's Ishka Edmeades - setzten ihrer noch recht kurzen aber brillianten Diskografie ein weiteres Sahnehäubchen drauf mit einer neuen 7", deren Songs man ohne Not als zwei ihrer Besten erachten darf von einer Band, deren schaffen jetzt schon nicht gerade arm an infektiösen Power Pop-Melodien war.
In eine verwandte Kerbe schlägt dann auch die neue 7" von Smirk (aka Nick Vicario von Public Eye, Crisis Man und Cemento), die auch ihn dabei dokumentiert wie er sein Songwriting-Handwerk verfeinert und erweitert, dabei an Orte geht, die wir bisher noch nicht von ihm gesehen haben. Domestic Dog verschweißt dabei Anarcho- und Post Punk-Elemente der alten Schule mit einer unerwarteten '77er Melodiösität und einer fast schon Television-mäßigen Weiträumigkeit. Jene zieht sich dann auch durch Manhunt in Paradise, das insgesamt ein bisschen klingt als wäre die jüngste Institute LP noch einen Schritt weiter gegangen in ihrer Art Punk-Eleganz.
Zu guter Letzt und in einem ziemlichen Kontrast zu den vorherigen Bands hier, haben wir noch ein Beispiel einer Band die uns schlicht und ergreifend mehr von ihrer gleichen alten Masche serviert, aber was für eine brilliante gleiche alte Masche das ist auf der neuen 7" der New Yorker Shop Talk, die mich bisher noch mit jeder Veröffentlichung weggeblasen haben und auch mit dem neuesten Kurzspieler kann man nichts falsch machen. Museum Of Sex ist ein weiteres Beispiel für makellosen '77-beeinflussten Punk mit diesem gewissen Dickies-Geschmack wohingegen das etwas filigraner gebaute Gaslight das Tempo etwas zurücknimmt und in einen ungleich melancholischeren Vibe getränkt ist, sowie einer zu gleichen Teilen Buzzcocks- und Replacements-mäßigen Qualität. Hammersong, nuff said.
Gold Cup aus Manchester haben schon eine Handvoll nennenswerter EPs akkumuliert in den letzten paar Jahren aber wenn ihr mich fragt sind sie jetzt erst mal so richtig auf etwas gestoßen mit diesem ungebrochenen gelben Strahl aus Hits, die ihre zweite EP ausmachen. Darauf wälzen sie sich in einem moderat schmierigen, hard-rockenden Garage Punk-Sound, der mehr als einmal eine gewisse Golden Pelicans-Energie heraufbeschwört, wobei sie die Formel etwa im Opener Zero Percent und dem Rausschmeißer King Krab mit Echos von oldschooligem AmRep-Style Noise Rock und einer subtilen Spur von '90er Postcore verfeinern, wohingegen dann Stuck On Repeat einen unerwartet melodischen, fast schon powerpoppigen Schlenker macht und The Piss Has Been Taken mich an eine andere durchaus mittelstrahlige Band erinnert, nämlich die Australier Pist Idiots.
Zwei Jahre nach ihrer superspaßigen Debüt-EP hat Philadelphia's reinlichste Band endlich ihren ersten Langspieler fertig geputzt und der legt noch mal ordentlich einen drauf in Sachen chaotischer Energie ihres abgehackten Art Punks, der komfortabel zwischen den Wischmops sitzt von dissonantem, oldschooligem No Wave-Lärm, dem schrägen Artcore der frühen Minutemen aber auch reichlich jüngeren Phänmenen, wie etwa dem klugscheißerischen Art Punk von Patti, Reality Group und Brandy oder auch etwas stärker Richtung Postcore gehenden Acts á la Cutie, Mystic Inane und Rolex. Ich muss schon sagen, ihr mathematisch verwinkelter Sound macht einen sehr ordentlichen Job darin, die Herausforderung zu vertonen die sich meinem ADHS-gefickten und vermutlich auch leicht autistischen Gehirn beim Ordnung halten in der eigenen Wohnhöhle stellt... und dabei lassen sie es klingen als wäre das die spannendste Aktivität der Welt.
Die dritte LP dieser Band aus Melbourne hat fünf neue Ausbrüche von Post Punk für uns auf Lager, die ich jetzt nicht unbedingt als sonderlich überraschend oder innovativ beschreiben würde, aber die durchweg die Basics überdurchschnittlich gut auf der Reihe haben, kompetent und schlau konzipiert und ausgeführt sind und eine filigrane Balance halten zwischen kaltem und klinischem, dissonentem Konflikt und ungleich wärmeren, melodischen Auflösungen in ihrem selbstbewussten und unerwartet variablen Songwriting. In verschiedenen Aspekten und Momenten erinnert mich das unter anderem an so Bands wie Girls In Synthesis, Corker, Criminal Code, Rank/Xerox, Negative Space, Shepparton Airplane, Batpiss oder Bench Press.
Auf bisherigen Veröffentlichungen wurde die Musik dieser Band aus Pisa, Italien immer verschleiert von einer dicken Schicht aus Fett und Ruß, aber die dreckigen Klangparameter konnten niemals über die rohe Brillianz hinwegräuschen, die sich unter all dem Gerümpel verbarg. Auf ihrer neuesten EP haben sie zum ersten mal ihre Produktionswerte eben genug aufpoliert um ihre exzentrischen Post Punk Mikro-Epen aus den Schatten rauszuholen und bestätigen den Verdacht, dass jene keineswegs den offenbarenden Blick unter hellem Tageslicht zu fürchten brauchen. Beginnend mit Vibes nicht unähnlich zu Surf-infizierten Noise Pop und Fuzz Punk-Bands der frühen 2010er wie Male Bonding, frühen Wavves, No Age, Times Beach, Tiger! Shit! Tiger! Tiger! oder, erst kürzlich, Shooting Losers, dauert es aber auch nicht lange bevor ihre Songs dazu einen Schlag von Post Punk des vergangenen Jahrzehnts entwickeln à la Die! Die! Die! und Piles, aber auch ungleich rohere und schrägere Punk-Phänomenen wie Dumb Vision, Piss Wizard und Pink Guitars wären nicht zu weit hergeholt als Vergleiche. Abrundend ist dann noch ein unverwechselbarer Hauch von mitt-'90er bis früh-2000er Postcore mit dabei, jene Sorte die komplett schambefreite Menschen tendenziell als Screamo bezeichnen würden, aber lasst euch ein für alle mal sagen dass dieses Label für jede gute Band an Beleidigung grenzt. Also nein, das ist kein Screamo und fick dich wenn du auch nur daran dachtest, dieses Wort in den Raum zu werfen.
Wie ihr vielleicht schon mal festgestellt habt, habe ich eine ungesunde Gewohnheit ziemlich viele Bands mit Saccharine Trust zu vergleichen, von denen einige vermutlich noch nie Saccharine Trust gehört haben. Nun, hier ist zur Abwechslung mal eine Band, die jenen Einfluss von sich aus in der Bandcamp-Bio in den Raum wirft, erfrischend! Die Musik der Ungarn hält dann auch alles, was sie verspricht auf ihrer Debüt-LP, der auch ein bisschen von einem Anarcho-Geist innewohnt und reichlich Drive Like Jehu-Energie obendrein, ein Hauch von Big Black in Általános Életkrízis Magyarországon und auch glitzernde '80er Sonic Youth Gitarrentexturen ziehen sich hier durch alles. Desweiteren mag man Vergleiche ziehen zu jüngeren Post Punk-Phänomenen wie Straw Man Army, Marbled Eye, Institute oder Corker und das beste dabei ist, dass ihr Sound sich dabei auf reichlich musikalische Substanz stützen kann, ihre Kompositionen rüttelfest verschweißt sind mit den Mitteln von smartem und belastbarem Songhandwerk.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die neue LP dieser Band aus Portsmouth, New Hampshire dermaßen wuchtig bei mir einschlägt, was für eine massive Steigerung von so ziemlich allem, was sie bisher so gemacht haben! Gleich von Start weg etabliert der Opener Brain Feeder eine beachtlichen Vorschub mit einem Sound, in dem wuchtige Grooves und glitzernde, melodische Texturen kollidieren in einer Mischung aus Post-, Garage Punk und einer kleinen Dosis Postcore. Im weiteren Verlauf wird die Formel hier weiter erforscht und expandiert, ihre treibende Energie verstärkt und untermauert von teils erstaunlich simpler, oft aber auch ausgesprochen filigraner, immer perfekt ausbalancierter Songarchitektur.