Eine Sache die ich ja absolut zum verlieben finde an der aktuellen Eggpunk-Explosion ist, zu was für einer verdammt internationalen Angelegenheit das alles mit der Zeit herangewachsen ist. Neuester Datenpunkt dafür wäre zum Beispiel diese Band aus Chengdu, China, die einen sehr verspielten, Synth-lastigen Beitrag zum Genre kreiert auf ihren zwei Demos, was durchaus mal gewisse Ähnlichkeiten haben kann etwa zu den Italienern Prison Affair, Beer aus den Vereinigten Staaten, den Ukrainern Завірюга, Goblin Daycare aus der Türkei, Paulo Vicious aus Israel, den australischen Überfliegern The Gobs, den hiesigen Egg Idiot und Cool Sorcery aus Brasilien, um nur eine Handvoll zu nennen.
Vom neuesten Bündel an Releases auf Inscrutable Records hat ja mal klar die Evinspragg-Platte die meiste Aufmerksamkeit abbekommen - teils aus durchaus gerechtfertigten Gründen, teils aus eher ärgerlichem Drama-induziertem Anlass. Aber wenn ich ehrlich sein soll beißt jene Platte dann doch etwas mehr ab als sie zu schlucken vermag und versandet nach ihrem spektakulären Start mehr oder weniger auf halber Strecke. Nein, mich zieht es dann doch eher zu den anderen beiden Veröffentlichungen des Labels, zu denen auch das Langspieldebüt von Johnny Skin gehört. Der kreiert darauf eine verträumte und supereingängige Melange, welche die überlebensgroße Melancholie und Sehnsucht von '50er-'60er Bubblegum Pop-Balladen in eine minimalistische Ästhetik aus vintage elektronischen LoFi-Drumbeats und Synths transportiert, die fraglos unvermeidliche Vergleiche zu Suicide und Métal Urbain hervorrufen wird, im stetigen Wechsel mit ungleich lärmigeren und dissonant No Wave-igen Nummern, die mehr mit so alten Synth Punk-Pionieren á la Primitive Calculators und Nervous Gender gemein haben und mit dem experimentell-psychedelischen Krach etwa von Theoretical Girls, Chrome oder MX-80.
Erneut eine absolut arschtretende Kassette auf Painters Tapes von noch so einer Detroiter Garagenband, die hier mit einer ausgesprochen feinen Variante des kontemporären Garage- und Synth Punk brilliert, welche - hat man erstmal durch das ultra-käsige Intro überlebt - gar nicht mal so niedlich klingt und viel düsterer als erwartet mit einer ausgeprägten Post Punk-Kante in so Songs wie Paranoia und dabei aber dennoch einem ordentlichen Maß an stilistischer Flexibilität, was an verschiedenen Stellen mal nach so unterschiedlichen Bands klingen mag wie etwa S.B.F., Ghoulies, Spits, Stalins Of Sound, Kid Chrome, Lost Sounds, Mind Spiders, Sex Mex, Exit Mould, The Gobs, Broken Prayer und Kerozine.
Die Band aus Mailand, Italien hat bereits ein paar Wellen in der Garage Punk-Szene verursacht mit einem konstanten Getröpfel von Singles und EPs seit 2022, aber mit ihrer neuesten EP rotieren sie erstmals mit optimaler Kraftübertragung und straffen die relativ stumpfe Gewalt der vergangenen Veröffentlichungen zu einer weitaus kompakteren, windschnittigen Vision. Ihre durchschlagende Legierung aus Garage- und Synth Punk hält dabei eine superstabile Balance zwischen Catchyness, unnachgiebigem Vorschub und lässt dabei noch reichlich Raum für Experimente und Seltsamkeiten, insbesondere wäre dabei der Titelsong hervorzuheben, eine vollkommen entgleiste Coverversion jener alten Village People-Socke, deren klang-gewordener Wahnsinn mich ein kleines bisschen an das frühere Schaffen von Skull Cult erinnert.
Eine neue kurzspielende Dosis des klanggewordenen Wahnsins kommt hier mal wieder von dieser Ein-Mann-Band aus Lansing, Michigan und wer hätte es gedacht: Es ist erneut eine ganz entzückende Attacke aus chaotischem Synth-/Elektro-/Sample Punk der so stark durch den LoFi-Fleischwolf gedreht wurde, dass ich etwa im Opening Track nicht so genau weiß ob ich da jetzt eine Gitarre höre oder einen ramponierten Synth. Hochwertiges Futter also für Freunde von ähnlich verstörenden Geräuschen im Fahrwasser von Beef, ISS, Heavy Metal, Klint, Spyroids, R. Clown oder Kerozine.
Das Artwork scheint subtil auf etwas Dungeon-mäßiges hinzuweisen und zumindest im rifflastigen ersten Song erscheint das fast schon plausibel. Im weiteren Verlauf spielt sich die neueste EP der Spanier aber auf ihren vertrauten Sound aus verträumt-eierigem Noise Pop und Synth Punk ein, wie wir es von ihnen kennen und lieben, wenngleich auch mit ein paar unerwarteten Nuancen wie dem bereits erwähnten Opener, vereinzelt Emo-mäßigen Sprengseln, Spuren von geradlinigem, klassischem Indie Rock und Momenten, die eine Ästhetik zwischen der C86-Ära und frühem Shoegaze channeln wie etwa in El Valle De La Muerte und dem abschließenden Sesos En Bandeja.
Die neueste Langspielkassette dieser New Yorker übertrifft mal jede Erwartung meinerseits und markiert einen riesigen Sprung vorwärts von ihrem schon saumäßig guten Vorgänger, der Fancy! EP aus dem Jahr 2022. Transportierte jene noch eine etwas schnuckelig anmutende powerpoppige und New Wave-ige Qualität, kommen die neuen Songs in gleichem Maße abstrakter und reifer daher. Weniger Television Personalities und mehr '80er The Fall in ihrem repititiven Minimalismus, aber dennoch erscheint hier alles raffiniert und sorgfältig konstruiert und channelt dabei die Ästhetischen Eggpunkte von altem britischem DIY á la Desperate Bicycles, Membranes, Swell Maps oder den frühen Mekons. Gleichsam verbindet aber auch eine dichte tragende Schicht aus Melancholie einige zentrale Punkte dieser Platte und erinnert dabei an so einen gewissen Strang von australischen Bands wie Wireheads, Kitchen's Floor und den getrageneren Momenten von Eddy Current Suppression Ring. Auch ein brauchbarer Referenzpunkt wäre dann noch eine weitere nicht so bekannte "famous" Band - Famous Mammals aus Philadelphia - zusammen mit einem bunten Strauß weiterer schepperiger US-Post- und Art Punk-Acts wie etwa Society, Germ House, Spiral Rash und Toe Ring.
Auf dieser Debüt-Kassette mit dem Qualitätssiegel der verlässlichen Detroiter Kassettenklitsche Painters Tapes zieht eine Band irgendwo aus Ohio nicht weniger ab als höchstwertige, waffenfähige Synth Punk-Exzellenz und Gitarren-freie Zone, die einen Bogen schlägt von oldschool-Acts der '70er und '80er wie Nervous Gender, Units, Visitors and Screamers einerseits, zu einer Reihe von jüngeren, variabel eiermäßigen Bands in einem Spektrum zwischen dem hyperaktivem Ansatz etwa von Checkpoint, Titanium Exposé, Pressure Pin und dem minimalistischeren Schaffen von Beef, Busted Head Racket - und nicht zuletzt auch einigen Bands zwischen diesen Welten wie Quitter, Slimex, Isotope Soap, frühen Freak Genes oder auch Billiam's Synth Punk-Project NTSC>PAL.
Ein irrsinniger Spaß, die Debüt-EP dieser Band aus St. Louis, Missouri, die ziemlich exakt so klingt wie... eigentlich keine andere Band, was in unseren stark genre-kodifizierten Zeiten eigentlich zu den besten Komplimenten gehört, die man machen kann. Vielmehr werden hier auf relativ freidrehende Art vertraute Bausteine des Synth-versifftem Gararage Punk von variabler Eierigkeit zu einem saumäßig catchy klingendem, kohärenten Ganzen verschweißt, das an diversen Stellen mal an so Bands wie Skull Cult, Print Head, Warm Bodies, Rearranged Face, Snooper oder Wax Minds erinnern mag.
Silicon Heartbeat sind schon seit einigen Jahren eine konstante Präsenz an der Peripherie des 12XU-relevanten Klangspektrums und dennoch, so scheint es, habe ich sie bisher noch mit keinem Blogpost gewürdigt (sie sind euch jedoch mit Sicherheit schon auf der einen oder anderen Verspannungskassette begegnet). Das gehört natürlich sofort korrigiert und ihre neueste EP ist der perfekte Anlass dazu, hält jene doch nicht nur einige ihrer stärksten Songs bisher parat, sonden profitiert zusätzlich von dem Produktions-Zauber des Garage-Alleskönners Erik Nervous, die hier für reichlich Druck und Kontur sorgt in ihrem geringfügig Spits-beeinflussten, eingängigen und psychedelischen Sound aus Synth- und Garage Punk. Ich hoffe mal es ist - dem Titel zum Trotz - nicht das letzte, was wir von Silicon Heartbeat zu hören bekommen.