Work Stress – Sever

Unerwartet geiles Debütalbum von dieser Band aus St. Petersburg, Florida. Das spult sich in etwa so ab wie ein umfassendes Kompendium von so ziemlich allem was sich den gängigen Konventionen und Kategorien des Postcore der 80er bis frühen 90er widersetze. So viel guter Scheiß spiegelt sich da drin, angefangen von den eigenwilligeren Tellerrändern der früh-'80er Szene... man denke z.B. an Minutemen, Saccharine Trust, Crucifucks, Really Red, Dicks und Flipper, ebenso wie die klassische Dischord-Ära sowohl der 80er (Gray Matter, Embrace, Rites Of Spring, One Last Wish) als auch der 90er (Crownhate Ruin ganz besonders). Auch die Touch & Go-Schiene hat da was zu melden (sagen wir mal: Rapeman, Scratch Acid, frühe Shellac) und nicht zuletzt schwingt hier auch das Erbe von Drive Like Jehu mit... und all das ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. In der aktuellen Landschaft würde ich außerdem noch eine gewisse Geistesverwandtschaft zu Bands wie Deodorant, Optic Nerve, Big Bopper und Straw Man Army vermuten. Gleichsam drehen Work Stress hier aber auch das scheinbare Chaos, die unberechenbare Energie selbst im vergleich mit den meisten der genannten Bands noch mal deutlich auf, lassen dabei aber keinen Zweifel dass sie all dem zum Trotz durchaus durchdacht und gezielt agieren. Das bricht sich dann Bahn in so Songs wie Building From Abject Failure, in welchem dissonant vorwärts kriechende Stakkato-Rhythmen sich nahtlos mit unverhofft melodischen Punkhooks abwechseln.

Album-Stream →

Hammer and the Tools – Hamma

Das exzellente Debüt dieser Band aus Jackson, Mississippi liefert einen bunten Strauß an genüsslich entgleisten kleinen Bangern aus Raketengrtriebenem, Garage-injiziertem, Fuzz-verseuchtem Hard- und Postcore-Scheiß, der fraglos auf Zustimmung treffen wird bei geschmackssicheren Advokaten von so kaputten Hardcore-Phänomenen wie etwa Fried E/m, Mystic Inane, Crisis Man, Rolex, Headcheese, ALF und noch vielen mehr!

Album-Stream →

Machiavellian Art – Population Control

Die Band aus Walsall, UK konfrontiert uns hier mit einem absichtlich überwältigenden, kompromisslosen und maximal versifften Klumpen aus dissonantem und zeitweise monotonem Lärm, angesiedelt irgendwo an den streitlustigeren Tellerrändern von Post Punk, Noise Rock und Postcore. Interessanterweise sind die meisten Vergleiche, die mir dazu einfallen, schon etwas angestaubt und erinnern mich daran, was für eine unerwartet produktive Dekade die 2010er Jahre für rauen Noise Rock waren, ein Genre in dem ich aktuell eher wenig aufregendes finden kann nach dieser zweiten goldenen Ära mit Bands wie den frühen Metz, USA Nails, Keepers, Overtime, Death Panels, Greys oder - zum Ende der Dekade hin - Vangas, Tunic und John (timestwo). Einige davon haben sich bis heute gehalten. Andererseits erinnert mich der konstante, dichte Nebel aus dissonanten Noise-Texturen stark an die kurzlebige US Post Punk-Sensation Dasher und der Saxophoneinsatz wiederum hat etwas von Nearly Dead, der relativ obskuren australischen Post Punk-Gruppe Fungus Brains oder, wenn ein paar untypisch melodische Obertöne dazu kommen wie in Crime, fühle ich mich an das ebenfalls australische Post Punk / Proto-Noise Rock-Bollwerk X erinnert.

Album-Stream →

Fen Fen – National Threat

Fen Fen aus Detroit haben schon mit einer ausgezeichneten EP in 2022 einige Wellen geschlagen und schieben jetzt eine nochmal deutlich stärkere LP hinterher, die erneut ein bischen lokalen (Proto-) Punk-Flair mit Geschmacksnoten aus Garage Punk, Hard- und Postcore verbindet. Das erinnert doch tatsächlich mal ein bisschen an Nervosas in American Lies und an Dollhouse in Kill Your Parents und desweiteren spult sich das ab wie eine gute Schnittmenge aus diversen Garage/Hardcore-Hybriden wie etwa Launcher, Freakees, Liquid Assets und Mystic Inane auf der stärker Garage- und KBD-infizierten Seite, sowie Bands á la Imploders, Headcheese, Hood Rats, Alf and Cement Shoes von der stärker Hardcore-lastigen Fraktion.

Album-Stream →

Solvent – Mockery Of Life

Eine affengeile Debüt-EP hat diese New Yorker Band da abgeliefert. Der Opener No Recourse beschwört einen starken Mittachtziger bis früh-'90er Dischord vibe herauf á la Rites Of Spring, Nation Of Ulysses, Gray Matter... plus eine Spur von Drive Like Jehu oder von jüngeren Bands wie Wymyns Prysyn, Beast Fiend und Launcher. Mit Fixate ändert sich die allgemeine Marschrichtung dann doch stark und erinnert vor allem an alte australische Punk- und Garage-Legenden wie X, Saints oder God. Scraping Away wendet sich dann wieder der klassischen Postcore-Ästhetik zu und klingt dabei etwas wie eine Fusion aus dem Proto-Postcore der frühen Saccharine Trust mit dem Proto-Noise Rock von Flipper.

Hevrat Ha’Hashmal – Banu La’avod

Nach einer ziemlich umwerfenden EP im letzten Jahr hält diese israelische Band das hohe Niveau und den Energielevel in ihrer ganz eigenen, exquisiten Spielart des strukturierten Chaos'. Das ist erneut ein lärmiger Tritt in die Weichteile, der seinen Ursprung irgendwo zwischen den groben Spezifikationen von Noise Rock, Post Punk, Hard- und Postcore hat und zumindest oberflächliche Ähnlichkeiten etwa zu Cutie, Big Bopper, Brandy, und frühen Patti aufweist... und als besondere Krönung eine großzügige Dosis Big Black obendrein!

Album-Stream →

Woodstock ’99 – ’99 Ta Life

Diese nach dem sehr unrühmlichen Summer Of Love einer Allianz aus Nu Metal-Bros und misogynen Drecksäcken benannte Band aus Cleveland, Ohio war schon immer ein, sagen wir mal... etwas gewöhnungsbedürftiges Geschmäckle, aber auch ein unerhörter Spaß - vorausgesetzt sie übertreiben es nicht zu sehr mit dem Weed, dem Fred Durst und den vereinzelten Stoner-Anleihen. Und neuerdings auch: Das zuende spielen ihrer EP einer beschissenen KI überlassen, ein ganz neues Laster in ihrem Arsenal! Ansonsten präsentiert sich das hier aber problemlos als ihre stärkste Veröffentlichung bislang und absolutes Pflichtprogram für Freunde des einfallsreichen, unvorhersehbaren Hardcorelärms mit Garagenkante in einem ähnlichen Fahrwasser wie etwa Cement Shoes, Cülo, Chain Whip, Headcheese, Flea Collar... um nur einige der offensichtlichen und durchweg schmeichelhaften Referenzen abzuhaken.

Album-Stream →

Dog Date – Zinger

Diese New Yorker Band ist irgendwie ein seltsames, dem Zeitgeist trotzendes Biest, das seiner Neigung zum Punk, Grunge und Indie Rock der späten '80er bis frühen '90er ungezügelten Lauf lässt. Auch wenn der erste Song hier ganz unsubtil Nirvana betitelt ist, würde ich sie eher mit frühen Mudhoney und der lärmigen, frühen Inkarnation der Pixies vergleichen, mit weiteren Anleihen von, sagen wir mal, U-Men, Scratch Acid und Drive Like Jehu. Im Grunde also genau die Art von Band, die vor so ca. 15 Jahren, auf dem vorübergehenden Gipfel der ersten 90er-Nostalgiewelle, diverse Pitchfork-Schreiberlinge feucht im Schritt werden ließ. Heute hingegen ist diese Platte eine obskure, schrullige Kuriosität und das macht sie für mich umso liebenswerter.

Album-Stream →

Continuals – Continuals

Eine neue (Co-)Veröffentlichung auf Dischord und wie das ja dort üblich ist, haben wir es erneut mit einer Band zu tun, deren Mitglieder schon ihre Finger in einem ganzen Arsch voll bedeutsamer Bands über mehrere Jahrzehnte der lokalen Punkszene drin hatte. Zu den geläufigsten davon dürften Kerosene 454, Channels, Beauty Pill, Soccer Team, Office of Future Plans, Alarms And Controls gehören und um das Namedropping-Kreisgewichse zu vollenden, ist das ganze auch noch von J. Robbins (Jawbox) produziert. Aber hier ist die Sache mit so vielen jüngerer Dischord-Veröffentlichungen: Die klingen selten nach einem müden Neuaufguss oder einer rentablen Nostalgie-Veranstaltung. Das ist eine ungleubliche Qualität dieser speziellen Szene: die Fähigkeit, einerseits die eigene Tradition nicht zu verleugnen und gleichzeitig immer noch so dringlich und leidenschaftlich zu klingen wie am ersten Tag. Bereit, im kreativen Prozess die nötigen Extrameilen zu gehen, macht man hier keine halben Sachen und "gut genug" ist niemals gut genug.

Album-Stream →

Leaves – Leaves

Das englische Trio Leaves schert sich ganz offensichtlich einen Scheiß um aktuelle Trends der britischen Szene und ich finde das sehr erfrischend. Stattdessen betätigen die sich in einer klassischen Melange aus Postcore, Noise- und Math Rock, die mehr nach Chicago, dem erweiterten Touch and Go-Universum und verwandtem Krempel klingt. Kompetent und beherzt wird hier eine Ästhetik revitalisiert, die in letzter Zeit doch etwas rar geworden ist. Die offensichtlichsten Referenzen wären hier Slint, aber auch mit Bands der Sorte Tar, Unwound, frühen Shellac and späten Bitch Magnet läge man hier nicht falsch, sowie einer Spur von Chavez oder Polvo und sogar etwas kraftvollen '90er Dischord-Vorschub kann man besonders in Do Something erkennen. Was jüngere Bands angeht, böten sich auch frühere Pile und - noch viel treffender - Luggage als stilistisch eng verwandte Beispiele an.

Album-Stream →