Ein bezaubernd seltsames kleines Biest, die zweite EP dieser Band aus Florida, die sich in etwa so ausläuft wie eine Verquirlung früher Siouxie, B-52s und Delta Five, transformiert in so eine Art schepperiger Urinals-Ästhetik, garniert mit einer ordentlichen Menge an verspieltem Eggpunk-Hirnfick. Als weiterer Vergleich fällt mir da spontan außerdem noch der grandiose LoFi-Art Punk von den New Yorkern Exo ein.
Eine unverschämt starke dreifach-Splitkassette bringt hier ein paar Bands zusammen, die man zukünftig definitiv im Blick behalten sollte. Answering Machines aus Chicago machen den Anfang mit einem beachtlichen Knall in der Form von eingängigen Pop-Tunes, welche die besten Qualitäten vereinen von den Fuzz Punk-Exzessen der frühen 2010er und Bands wie Wavves und No Age, mit dem kräftigen Power Pop etwa von Bad Sports, Warm Soda, Sonic Avenues oder Scupper, wobei die durchweg ausgebombte Ästhetik und Produktionswerte auch etwas rohere Vertreter des letztgenannten Spektrums wie Violent Change, The Wind-Ups, Famous Mammals, Honey Bucket, Germ House, Far Corners und vielleicht auch frühe Chronophage ins Gedächtnis rufen. Good Flying Birds aus Inadianapolis (die wohlbemerkt genau einen Tag zuvor bereits ein sehr beeindruckendes Debütalbum vorgelegt haben) präsentieren daraufhin drei neue Ohrwürmer, die irgendwo im Weißraum zwischen ’80er Jangle Pop, C86-Popqualitäten und auch reichlich spätachtziger Sarah Records Indiepop-Vibes herumverkehrt. Abgerundet wird das Ding durch neue Songs von den Artrockern Soup Activists aus St. Louis, für die ich mich anfangs ja noch nicht so richtig erwärmen konnte und die ich auch jetzt noch am besten in kleinen Dosen genießen kann. Eine angemessen kleine Dosis ist das hier aber fraglos und ich muss dann auch zugeben, dass mir kaum ein besserer, entspannter Ausklang für dieses bemerkenswerte Album eingefallen wäre.
Wie schon auf ihren drei Demos veranstaltet die Band aus New Jersey auch auf dieser neuesten EP eine unsittliche Orgie der puren Klangperversion in einer köstlich verschrobenen Mischung aus Egg- und Post Punk, vollgestopft mit abgehackten Rhythmen, ungeraden Takten und komplett durchgebrannten Klangparametern.
Die Zeit zwischen den Jahren ist ja was Punk Rock angeht üblicherweise eher von den unscheinbaren, obskuren Perlen, Fetzen und Krümeln geprägt und das ist auch diesen Winter nicht viel anders. Hier ist deshalb ein kleiner Roundup von einigen dieser kurzspielenden Leckerbissen, die sich in den letzten Wochen angesammelt haben.
Die Londoner Rifle haben ja schon mit zwei exzellenten EPs bezaubert und ihre neueste ist auch wieder eine Wucht zwischen den Welten von Garage Punk, Postcore und altem KBD-Lärm, der an dabei an so unterschiedliche Bands erinnert wie Ascot Stabber, frühe Golden Pelicans, Mystic Inane, Launcher und Rolex. Raya aus Madrid, deren Debüt-EP mich vor ein paar Monaten schon durchaus zu beeindrucken wusste, haben jetzt eine weitere 2-Track Single raus und ratet mal was: Jau, das ist erneut eine respektabler Knall aus verschrobenem Garage-/Eggpunk, der am meisten an andere spanische Bands wie Pringue, Finale und Prison Affair erinnert, aber auch an internationale Bands wie Beer, Set-Top Box und Gremlin. Vacation aus Cincinnati haben sich ja schon lange als eine wahre Schatztruhe der geballten Songkraft in einem Gewand von Power Pop, oldschooligem Indie Rock, Garage Punk und Fuzz Pop bewiesen und ihr Song auf einer neuen Splitsingle ist erneut ein hochkalibriges Geschoss in ihrem Arsenal. Der andere Song kommt von den Post Punkern Whippets aus Madison, Wisconsin und ist aber auch verdammt gut, erinnert mich dabei stark an die Kanadier Dead Cells oder die kürzlich erschienene Psychbike LP. Noch ein hochklassiges Glitzerstück ist die neue 7″ der Pleasants aus Perth, Australien, auf der sie zwei Explosionen aus einfach gestricktem, aber trittsicherem Power Pop abliefern, die Freunde etwa von Teen Line, Bad Sports, Tommy and the Commies, Mr. Teenage oder Corner Boys sich keinesfalle entgehen lassen sollten. Und wo wir schon von eingängigem Songmaterial sprechen, davon git es auch zwei mal Nachschub auf der Debüt-7″ der Engländer Cream Soda, raus auf Spinout Nuggets. Darauf gibt es ein etwa gleiches Maß von sowohl an Buzzcocks- als auch Television Personalities erinnernden Vibes zu spüren, oder alternativ bieten sich als hinkende Vergleiche noch alte US Underground-Acts á la Broken Talent an oder auch aktuellere Schrammelbands wie The Suburban Homes aus UK, Australiens Nasty Party und das frühe Zeug der Kanadier Neutrals. Zu guter Letzt ist auch noch etwas aus dem Metal-infizierten Camp zu vermelden von Ninth Circle aus Austin. Es waren zuletzt ein paar interessante Jahre für so einen alten Pimmel wie mich, der noch die unsägliche Metalcore-Ära der späten ’90er bis ’00er mit ihrer peinlichen Inszenierung des hypermaskulinen Kasperletheaters mitansehen musste und eigentlich dachte, dass die Kombination aus Punk und Metal jetzt für immer verb(r)annt wäre. Aber allem zum Trotz sitz ich jetzt hier in den wilden Zwanzigern und finde regelmäßig Gefallen an mehr oder weniger Metal-mäßigen Platten, auf denen keineswegs immer nur Poison Ruïn draufstehen muss! So lange wie ich den Metal-Industriekomplex jetzt ignoriert habe, fällt es mir aber schwer da spezifischeres zu nennen, also belasse ich es dabei dass diese zwei Songs ganz wunderschön auf die Scheiße hauen und das ist eh alles, was man darüber wissen muss.
So, das war dann vermutlich mal alles für dieses Jahr und ich nehme mir wie üblich so zwei oder drei Wochen Urlaub vom Blog. Wir hören uns dann wieder in jener deprimierenden, brennenden Mülltonne, die das Jahr 2025 zu werden verspricht..
Ich gehe mal davon aus, dass jener Nick G. hinter dieser neuesten EP auf unserem Lieblings-Bullshitunternehmen Discontinuous Innovation inc. der gleiche ist, der uns im letzten Jahr bereits das zu wenig beachtete Post Punk-Highlight namens Broken verursacht hat. Sollte ich recht haben, dann hat sein Sound sich definitiv ein gutes Stück weiterentwickelt in eine melodischere Richtung, auf der ersten Veröffentlichung unter dem neuen Alias NRG, lässt aber dennoch wenig Zweifel daran, dass diese Songs dem gleichen Geist entsprungen sind. Neu sind hier unter anderem psychedelische Einflüsse und Elemente von melodischem Indie Rock. Weniger Criminal Code oder Sievehead diesmal, sondern jetzt deutlich näher an so geschätzten Post Punk-Phänomenen wie Marbled Eye, The Drin, Straw Man Army, Institute, Public Eye und Waste Man einerseits, aber ebenso lassen sich Gemeinsamkeiten feststellen mit gewissen Acts aus dem vergangenen Jahrzehnt á la The Gotobeds und Sleepies.
Ein fantastisches Stück des psychedelischen, monoton pulsierenden Post Punk mit Echos aus der Proto- und frühen Art Punk-Ära. Diese neue Kassette der Pariser Jazz V.O.S.T. kommt ein bisschen so rüber wie eine unheilige Allianz aus Métal Urbain, MX-80 und Chrome, ein bisschen Swell Maps obendrein… oder vielleicht auch so japanischen Grenzgängern zwischen Psychedelic und Post Punk wie The Rabits und frühe High Rise. Das alles wird hier in eine vage Kontur eines Cold Wave-Kontexts transportiert, hat dabei aber dankenswerter Weise überhaupt nichts von der formelhaften Gleichschaltung jenes Genres, das ich in den letzten Jahren mitunter leider für eines der unkreativsten und eingefahrensten halte. Nein, das hier ist eine ganz andere Tasse Tee. Die Pulse, Zuckungen und Donnerschläge auf dieser Platte entstammen ganz und gar nicht den kühlen Rotationen einer austauschbaren Maschine, sondern der unaufhaltsamen menschlichen Schaffensfreude kreativ getriebener Geister, die hartnäckig grimmigen Realitäten ins Gesicht lachen, unwillig, sich von ihnen erdrücken oder bestimmen zu lassen.
Hochwertiger Stoff mal wieder vom zuverlässigen spanischen Spezialisten für eigenwilligen Post Punk, Flexidiscos. Auf ihrer Debüt-LP beschwört die Band aus Valencia, Spanien einen mehr als beachtlichen Sturm herauf aus schlauem, verwinkeltem, jedoch niemals ermüdend wirkendem Lärm, die ein bisschen so rüberkommt wie eine Verschmelzung der No Wave-igen Noise Rock / Post Punk-Abstraktionen von Spray Paint mit einer ganzen Reihe verwandter Genre-Grenzgänger wie etwa die gewundenen, ineinander greifenden Garage Punk-Grooves von Uranium Club, Reality Group und Vintage Crop einerseits, aber auch den exzentrischen Post Punk-Konstrukten von so Bands wie Rolex, Knowso, Meal, Exit Group, frühen Marbled Eye und Patti. Das alles fühlt sich dabe viel weniger bemüht und eingängiger an als man so erwarten würde, vorangetrieben mit unaufhaltsamem Drive, ökonomisch und punktgenau konzentriert angewandter Energie.
Ein kleines Paradox, diese berliner Band, die hier einerseits eins der am meisten „Berlin“ klingenden Alben seit langem abgeliefert hat, für die ich dann aber doch keine so wirklich passende Entsprechung in jüngerer Zeit finde. Der beste Vergleich, der mir da einfällt wären wohl Hyäne und ihre zwei saustarken EPs plus eine ebenbürtige LP, die sie zwischen 2016-2018 von der Leine gelassen haben, wenngleich das Zeug hier sich hier aber noch ein ganzes Stück roher, oldschooliger, primitiver anfühlt, stärker verankert in einem ’80er Punk- und Hardcore-Hintergrund. Trotz all dem würde ich mal sagen dass Freunde von so Bands wie Die Verlierer, Kalte Hand, Maske, Pigeon and Gesture auch dieser Platte bestimmt nicht abgeneigt sind, denn irgendein roter Faden, so vage und undefiniert er auch sein mag, zieht sich durch alle davon.
*edit* In der langjährigen Tradition dass ich manchmal einfach schlecht informiertes, dummes Gewäsch schreibe, stellt sich heraus, dass die Band mal so gar nicht aus Berlin kommt (nur das Label) sondern nicht weit von meiner eigenen Haustür irgendwo im Ruhrpott. Na kein Wunder dass die so angepisst sind. Es bleibt spannend: Was wird mein nächster Griff ins Klo? Stay tuned!
Wer die (nichtsdestotrotz ausgezeichnete) letzte LP von Exwhite aus Leipzig und Berlin ein bisschen zu aufgeräumt, konventionell und sauber produziert fand, den wird diese neue Kassette sicher wieder versöhnen, denn das ist eine wunderbar hyperaktiv lärmende, göttliche Schweinerei angerichtet von einer Band, die ihren kreativen Launen freien Lauf lässt in dreißig chaotischen Minuten aus „found-sound“-Interludes, krudem Humor und reichlich amtlichen Bangern inmitten dieses Durcheinanders, das wieder in etwa den verspulten Level erreicht auf einer Höhe mit ihrer schwer zu toppenden 2022er Estray LP.
Über diese Kopenhagener Band bin ich bisher noch nicht gestolpert, obwohl es die jetzt offenbar schon seit so anderthalb Jahrzehnten gibt. Vom ersten Moment an versprüht ihre dritte LP einen seltsam vertrauten Vibe aber bei genauerem Hinschauen passiert da auch mehr unter der Haube als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die leichten Folk- und Cowpunk-Anleihen des Openers rufen etwa den folkigen Post Punk von Dead Finks und Optic Nerve oder die nervösen Garage Punk-Zuckungen von Hank Wood and the Hammerheads ins Gedächtnis. Insgesamt würde ich aber sagen, konsolidiert ihr Sound daraufhin mehr zu einer Ästhetik auf dem Grat zwischen geradlinigem, melodischem Punk Rock und ungleich düsteren Post Punk-Tendenten, auf die eine oder andere Art nicht unähnlich zu Bands wie Xetas, Red Dons, späteren Naked Raygun, Warp Lines, Dead Years und Telecult wirkt. Darüber hinaus passiert hier auch einiges an sehr netter, Leatherface-mäßiger Gitarrenarbeit und eine Melancholie, die ein wenig an The Misanthropes und frühe The Estranged erinnert.