Ich finde das ist mal absolut brillianter Scheiß, dieses Demo einer New Yorker Band. Die charmant rustikale Lo-Fi-Ästhetik der Aufnahmen vermag es dabei nicht im geringsten, die offensichtlichen Qualitäten ihrer so eingängigen wie auch schlagkräftigen Herangehensweise an Fuzz- und Garage Punk zu verschleiern, die eine starke Note von Wipers-meet-KBD-mäßigen Vibes verströmt und darüber hinaus etwas von einem Saints-, Buzzcocks- oder Dead Boys-Flair hat. Aber noch mehr passiert hier unter der Haube, schält sich z.B. bei näherer Betrachtung doch auch eine leichte Ahnung von Southern Rock heraus, wie wir sie neulich etwa auf der Elvis 2 LP gehort haben, während die kraftvolle, tighte Darietung und das angepisste Gebelle des Sängers mir australische Bands im Umfeld von Split System und Punter ins Gedächtnis rufen. In einigen Momenten könnte man auch plausible Vergleiche ziehen zu dem fieberhaften Post Punk von Nervosas oder dem roheren Ende des Booji Boys-Spektrums.
Thyroids aus Dallas, Texas hatten schon einige Jahre in variierenden Styles und Vibes herumgeschaufelt, aber sind erstmals so richtig auf Gold gestoßen mit der ausgezeichneten EP Toppings and Droppings aus dem letzten Jahr. Und jetzt, anlässlich ihres ersten Langspielers, haben die ihren Sound erneut mal ziemlich durchgeschüttelt und diversifiziert, mit nur noch leichten Rückständen des Synth Punk-Sounds, welcher den Vorgänger noch dominiert hatte. Der Opener ABCs of Assimilation entzückt mit einer Variante von verwinkeltem Post-meets-Garage Punk-Scheiß á la Reality Group, Uranium Club oder Exit Group und obendrein ein bisschen Skull Cult. Letzteres trifft sogar noch mehr auf Tracks wie Static/Dynamic und The New Poor zu, die gleichzeitig aber auch einen unbestreitbaren Knowso-Vibe ausstrahlen. The Loot und Don't Ask, Dumbass sind schnörkellos präzise Hardcore-Schläge in die Magengrube. Daily Habits hüllt die Band in eine fast schon Egg-mäßige Tarnkleidung wohingegen Enterview und Suited & Tied etwas von einer Math Rock-Kante haben, die vage an so Bands der Sorte Big Bopper, Rolex, Brandy und Mystic Inane erinnert. Check Engine Light beschwört eine oldschoolige Useless Eaters oder Ex-Cult-Energie herauf. Cop Out ist ein ultrafokussierter Garage Punk-Smasher, der den maximalen Effekt aus einem althergebrachten Riff ausbeutet und der letzte Song !!! Click Now To Claim Your Reward !!! springt dann wieder kopfüber in die bereits erwähnten Skull Cult- und Uranium Club-Versatzstücke zu einem absolut hypnotischen Ergebnis.
Eine durchweg verblüffende Debüt-LP kommt hier von einem Duo aus Alamance, North Carolina, die darauf eine hypnotisch-vernebelte Mischung aus Noise Rock, Post Punk, oldschooligem Indie Rock und den dunkelsten Gassen des Americana-Spektrums erschafft. Letztere Tendenz kommt dabei oft so rüber wie eine hartnäckigere und treibendere Variante des staubigen Southern Gothic-Charmes von den (paradoxer Weise) aus New York operierenden Weak Signal, hat in vielen Momenten aber auch Spuren des bluesigen Proto-Noise Rock von Feedtime oder Scratch Acid, dem Swamp Rock von '80er Scientists. Die alles durchtränkende Melancholie des Ganzen erinnert mich einerseits wiederum an eher in Richtung Indie Rock tendierende Bands wie die Australier Kitchen's Floor und Treehouse oder das frühe Schaffen der Londoner Witching Waves, andererseits aber auch an den dunklen Post Punk etwa von den auf der Auckland/Berlin-Achse agierenden Trust Punks und Dead Finks, den tiefschwarzen Abgründen der in Atlanta ansässigen Uniform, Glittering Insects, Mother's Milk oder dem Folk-infizierten, tief in der Schuld von Angst und Meat Puppets stehenden Neo-Proto-Grunge von Bands wie Pig Earth aus Bellingham, Washington und Dharma Dogs aus Madison, Wisconsin. Das alles ist dann hier meisterlich aufbereitet zu zehn all-killer-no-filler Melodramas in prachtvollem Cinemascope und auf einer Basis der opulenten Klangarchitektur und brilliant eingefädelten Dramaturgie.
Meditation aus Minneapolis zünden hier eine Handvoll ausgesprochen prächtiger Postcore-Sprengsätze, die sich wohl grob an dem etwa von Drive Like Jehu und - mehr noch - Hot Snakes etablierten Strickmuster orientieren, das später dank so Bands wie Wymyns Prysyn oder Bloody Gears seine zweite Jugend erlebt hat, wobei ich es in diesem spezifischen Fall aber auch für besonders angebracht halte, so Krempel wie Ascot Stabber oder Flowers Of Evil nicht unerwähnt zu lassen, sozusagen die ungleich räudigere Seite der gleichen Medallie, die sich besonders in der zweiten Hälfte dieser EP bemerkbar macht. Jetzt wo ich mal drüber nachdenke, meine ich auch ein bisschen Video oder frühe Bad Breeding zu hören.
Neues Futter für Kerkerkinder und anderes mittelalterliches Punkgesocks. Sword Breaker aus Utrecht, Niederlande hatten schon einen starken Eindruck hinterlassen mit ihrem 2022er Demo und ihr Langspieldebüt liefert jetzt hochwertigen Nachschub von diesem schädelspaltendem Vergnügen, welches sich recht einfach als "Poison Ruïn und die Folgen" kategorisieren lässt. Das bedeutet aber keineswegs, dass diese Songs nicht für ihren ganz eigenen, exquisiten Nervenkitzel sorgen würden in ihrer vergleichsweise rohen und simplen Art, mit der sie das Mikrogenre angehen (wenngleich auch mit einer marginal polierter wirkenden Produktionsästhetik), was insgesamt mehr '70er Hard Rock- als '80er Heavy Metal-inspiriert erscheint und gleichzeiting etwas stärkere Oi!- und Garage Punk-Vibes mitbringt mit einem zusätzlichen Hauch von Wipers und subtilen Spuren von britischer Psychedelia.
Die zweite EP der Dänen Missvnaries Ov Charity ist definitiv mal eine angenehm kuriose Anomalie in unserer Zeit. Ihr Post Punk-Sound - gesättigt mit stark nach '80ern riechenden Drum Machines und auch ansonsten viel von der üblichen Produktionsästhetik jener Ära sowie deutlich New-Wave-mäßigen Untertönen - erinnert mich in der Tat an so ziemlich gar nichts aktuelles und stattdessen an eine Reihe von alten Homestead Records- und Touch and Go-Veröffentlichungen von Bands wie etwa Breaking Circus, Flour und Nice Strong Arm. Alle davon würde ich mal eher als Deep Cuts der Post Punk-Geschichte einordnen (wobei aber insbesodere Nice Strong Arm rückblickend mehr Respekt verdienen!), womit ich sagen will: Jau, das alles ist eine wundervolle und rar gesäte Abweichung von der täglichen Post Punk-Routine. Brauchen wir mehr von!
Ich muss eingestehen dass ich nach einer ausgesprochen starken 2019er Debüt-EP meine Schwierigkeiten hatte, mich für die nachfolgenden EPs und insbesondere die 2023er Big Mess LP dieser Band aus Brighton zu erwärmen, die mir einfach etwas zu rigide auf die populäre Standardformel des hippen britischen Post Punk-Chic abzuzielen schien mit den üblichen verräterischen Anzeichen wie einem etwas zu glatten Produktionsstil, einem Übermaß an polyrhythmischen Gitarrenleads und Appregios, fadem Gen Z zähle-jede-silbe Sprechgesang (der Scheiß wird nicht gut altern, sag ich euch) - also schlicht gesagt, nicht den originellsten Grundzutaten dieser Tage. Der neue Langspieler ist dagegen mal ein ganz anderes Kaliber, auf dem sich die Band ihre ursprüngliche Kante zurückerobert und eine stellenweise fast schon Postcore- und Noise Rock-mäßige Energie zu Songs zusammenfließen lässt, die organisch und rund wirken anstatt erzwungen zusammengetüftelt und zu Tode quantisiert in einer Pro Tools-Postproduktionshölle. Nein, das hier ist klar der Sound einer fähigen Band, die von irgendwas (Anlässe gibt's ja reichlich) aus ihrer Komfortzone herausgesprengt wurde, ein lebender, pulsierender Organismus, wuchtig vorangetrieben von gerechter Wut während das Songmaterial fraglos das am sorgfältigsten aufgebaute und ausbalancierte ist, was die Band bisher von sich gelassen hat - besonders hervorzuheben ist, wie nahtlos sich die Synths in den Sound integrieren und verankern auf dieser Platte, die mich neben vielen anderen an so vielfältige Bands wie Beef, Dr. Sure's Unusual Practice, Broken Prayer, Wristwatch and Patti erinnert.
Laxisme sind eine Band aus Leipzig, aber so einiges mehr als nur die französichen Texte provoziert hier Vergleiche zu jener gewissen Brut an französischen Bands, die diesen speziellen Mix aus geradlinigem und ultraeingängigem Garage- und Post Punk mit einer subtilen Spur von Oi! spielen, wie wir es so ähnlich auch von Bands wie Telecult, Distance, Stalled Minds, Nightwatchers, Litovsk oder frühen Bleakness gehört haben, wobei sich gleichermaßen aber auch diverse stärker Garage-orientierte Euro-Bands wie die Belgier Mitraille, Pedigree und Itches; Achterlicht aus den Niederlanden und die Italiener Dadar und Shitty Life stellenweise als Vergleiche anbieten. Also ja, nichts bahnbrechendes oder neues zu hören hier, aber die einfache Formel hat nach wie vor eine hohe Durchschlagkraft wenn sie kompetent umgesetzt wird und die Präsentation hier ist von erster Güte - dargeboten mit exzellentem Drive und Energie, ein wenig von einer '77er Kante und eine Reihe von zertifizierten Killertunes wie Grand Cerveaux und 7 Secondes machen die Sache perfekt.
Nicht allzu lange nach ihrer brillianten Debüt-EP bekommen wir jetzt auch schon die erste LP von dieser Band aus Minneapolis zu hören, die wie gehabt mit einem charmant aldmodischen Genre-Mix entzückt, der offenbar überwiegend Inspiration von einigen eher unkonventionellen und melancholisch angehauchten Ausläufern der '80er bis '90er Punk-, Hard- und Postcore-Historie bezieht, wenngleich die Einflüsse hier noch etwas vielfältiger und differenzierter rüberkommen. Während der Opener Hello World mit einem starken '90er Dischord-Vibe mit Echos etwa von Jawbox, Crownhate Ruin, Bluetip, Smart Went Crazy oder Kerosene 454 aufwartet, hat der darauf folgende Track Tectonic Plates mehr so etwas von einer seltsamen Mischung aus Rapeman, Brainiac und Mule. Kick Geneva und Steve erinnern mich hingegen stark an Angst oder Moving Targets und BDFI hat so eine Butthole Surfers-mäßige Doom-Ästhetik. Diesmal dauert es darüber hinaus doch tatsächlich bis zum vorletzten Track What Happens Next und nachfolgend Mantle, dass letztendlich doch noch mal der Mission Of Burma-Vibe zum vollen Vorschein kommt, der die vorherige EP noch stärker dominierte. Nicht zuletzt ist über weite Strecken auch eine stark folkige Unterströmung zu verzeichnen, die mich unter anderem an so geringfügig exzentrische Bands der '80er erinnert wie The Proletariat, Volcano Suns, M.I.A. und My Dad Is Dead.
Electric Prawns 2 aus Moffat Beach, Australien sind zurück mit nicht nur einer, sondern gleich zwei neuen LPs im Gepäck, die zwei mehr oder weniger gegensätzliche Vibes repräsentieren, welche eigentlich schon von Anfang an Bestandteil ihrer musikalischen DNA waren. Das dunkelrote Artwork der Perspex LP wirft bereits einen Schatten voraus, dass man dieses Gelände besser mit Vorsicht betreten sollte und in der Tat ist das hier mit voller Absicht ein gewisser Downer geworden. Die kraftvollen Useless Eaters-Vibes des Openers Who's Been Laying Eggs Under My Skin? leiten eine Strecke von ziemlich düsterem, psychedelischem Garage Rock ein, der irgendwo zwischen "ziemlich traurig" und "totaler Horrortrip" alterniert, gleichermaßen abgespaced und tausend Meilen im Meer versenkt, immer bei vollem Bewusstsein dass beide Orte nicht für ihre Gastfreundlichkeit gegenüber Menschen bekannt sind und nur nur eine dicke Stahlwand sie davon abhält, den Körper binnen von Millisekunden in eine halbe Badewanne voll rötlicher Glibbermasse zu transformieren. Und? Jetzt schon komfortabel mit dener fragilen Existenz? Die gute Nachricht ist, dass ich bisher nur die halbe Wahrheit preisgegeben habe und (die bislang wohl nur imaginär zu verstehende) Seite B zwar auch in psychedelischen Sphären herumschwirrt, aber sich durchweg auf die erbaulicheren Tugenden des Genres konzentriert, so verdammt sonnendurchflutet dass dir Blumen aus dem Arsch wachsen werden. Die etwas längere Heavy Shitters LP ist dann doch ein gutes Stück näher dran an dem quirligen, unverkennbaren Vibe, der einen Großteil ihrer bisherigen Diskografie dominiert hat; der eigentlich nur spielen und rumgammeln und abrocken und dumme Witze vom Stapel lassen will. Die größten Hits heben sie sich dabei für die zweite Hälfte auf und insbesondere die fabelhafte sechs-Song-Strecke von Sick bis Farted In Her Sleep ist die Art von schlafwandlerisch treffsicherem Songmaterial, für die andere Bands töten würden.