Die Leipziger Szene schlägt mal wieder zu mit diesem netten kleinen Tape voll mit zeitlos-rumpeligem DIY Punk, der in etwa die Klangästhetik von S.Y.P.H. zu channeln scheint aber den Krempel erfolgreich in einen kontemporären Kontext verfrachtet, nicht ganz unähnlich zu so Zeug wie Narkose, Maske, Die Verlierer oder sehr frühen Pisse. Ganz unerwartet ist da aber auch noch eine leichte Unterströmung von The Gun Club vorhanden, die sich in so Songs wie Relax Like A Puu und ganz besonders Copy Man zeigt und dessen unerwartetem Slide Guitar-Einsatz.
Eine neue kurzspielende Dosis des klanggewordenen Wahnsins kommt hier mal wieder von dieser Ein-Mann-Band aus Lansing, Michigan und wer hätte es gedacht: Es ist erneut eine ganz entzückende Attacke aus chaotischem Synth-/Elektro-/Sample Punk der so stark durch den LoFi-Fleischwolf gedreht wurde, dass ich etwa im Opening Track nicht so genau weiß ob ich da jetzt eine Gitarre höre oder einen ramponierten Synth. Hochwertiges Futter also für Freunde von ähnlich verstörenden Geräuschen im Fahrwasser von Beef, ISS, Heavy Metal, Klint, Spyroids, R. Clown oder Kerozine.
Okay, hier hätten wir also eine weitere Berliner Post Punk-Band aber in diesem Fall würde ich sagen, klingen die so höchstens zu 50% nach Berlin und der Rest tendiert eher in Richtung eines charmant antiquiert wirkenden Styles, den ich in erster Linie mit der Stuttgarter Szene und insbesondere den frühen Karies in Verbindung bringen würde, oder auch deren Ruhrpott-Zwillingen Nuage und vor nicht allzu langer Zeit vielleicht auch noch den Chemniztern L’appel Du Vide.
Die neueste Langspielkassette dieser New Yorker übertrifft mal jede Erwartung meinerseits und markiert einen riesigen Sprung vorwärts von ihrem schon saumäßig guten Vorgänger, der Fancy! EP aus dem Jahr 2022. Transportierte jene noch eine etwas schnuckelig anmutende powerpoppige und New Wave-ige Qualität, kommen die neuen Songs in gleichem Maße abstrakter und reifer daher. Weniger Television Personalities und mehr ’80er The Fall in ihrem repititiven Minimalismus, aber dennoch erscheint hier alles raffiniert und sorgfältig konstruiert und channelt dabei die Ästhetischen Eggpunkte von altem britischem DIY á la Desperate Bicycles, Membranes, Swell Maps oder den frühen Mekons. Gleichsam verbindet aber auch eine dichte tragende Schicht aus Melancholie einige zentrale Punkte dieser Platte und erinnert dabei an so einen gewissen Strang von australischen Bands wie Wireheads, Kitchen’s Floor und den getrageneren Momenten von Eddy Current Suppression Ring. Auch ein brauchbarer Referenzpunkt wäre dann noch eine weitere nicht so bekannte „famous“ Band – Famous Mammals aus Philadelphia – zusammen mit einem bunten Strauß weiterer schepperiger US-Post- und Art Punk-Acts wie etwa Society, Germ House, Spiral Rash und Toe Ring.
Auf dieser Debüt-Kassette mit dem Qualitätssiegel der verlässlichen Detroiter Kassettenklitsche Painters Tapes zieht eine Band irgendwo aus Ohio nicht weniger ab als höchstwertige, waffenfähige Synth Punk-Exzellenz und Gitarren-freie Zone, die einen Bogen schlägt von oldschool-Acts der ’70er und ’80er wie Nervous Gender, Units, Visitors and Screamers einerseits, zu einer Reihe von jüngeren, variabel eiermäßigen Bands in einem Spektrum zwischen dem hyperaktivem Ansatz etwa von Checkpoint, Titanium Exposé, Pressure Pin und dem minimalistischeren Schaffen von Beef, Busted Head Racket – und nicht zuletzt auch einigen Bands zwischen diesen Welten wie Quitter, Slimex, Isotope Soap, frühen Freak Genes oder auch Billiam’s Synth Punk-Project NTSC>PAL.
Eigentlich dachte ich das letzte was ich in meinem Leben bräuchte wäre noch so eine instrumentale Surf Rock-Platte, ein Genre dessen stilistisches Vokabular scheinbar seit dem ’50er/’60er Goldrausch nicht wesentlich und nur selten expandiert wurde und mir – noch schlimmer – oft vorkommt wie ein vollkommen zahnloser, domestizierter Aufguss seiner goldenen Ära. Nun schafft aber unverhofft diese Band aus La Cisterna, Chile das Wunder, mich doch mal für eine Surf-LP zu erwärmen, klingt sie doch nach einem sonnigen Surftrip… durch die fucking Hölle würde ich mal sagen und geht das Genre von einer Basis aus Noise-lastigem, Goth-infiziertem Post Punk und Death Rock an, was eine ungewohnte Energie und dringend benötige frische Luft in das uralte Genre einbringt. Im Kontrast zu gefühlten 99% von instrumentalem (und nicht nur Surf-) Rock’n’Roll, bei dem ich mir dringend eine Gesangsmelodie wünsche um die beweglichen Teile zu ordnen und verbinden, funktionieren die Arrangements auf diesem Album als eine in sich geschlossene Einheit. Die dramaturgisch dichten Kompositionen und die elektrifizierenden Gitarrenleads erzählen ohne Mühe ihre eigene Geschichte, die sich am besten ohne Worte kommunizieren lässt.
Diese Band aus Bordeaux, Frankreich fällt auf den ersten Blick nicht allzu sehr aus der Reihe gegenüber dem omnipräsenten Grundrauschen an französischen Bands, die jene einfach gestrickte Formel aus leicht Oi!- und Post Punk-geprägten, eingängigen Punkhymnen durchziehen. Aber meine Fresse, treffen die Herrschaften hier mal jeden Nagel auf den Kopf auf ihrem Debüt-Kurzspieler und holen so ziemlich den optimalen Wumms aus einem relativ restriktiven und vorstrapazierten Subgenre. Ich würd mal sagen Freude von so Bands wie Telecult, Litovsk, Bleakness or Nightwatchers sollten sich das keinesfalls entgehen lassen!
Wo wir schon von Pyrex reden… diese Platte ist relativ nah an dem Sound, ich ursprünglich bezüglich ihrer neuen LP vermutet hätte. Relativ verwinkelter Post Punk, der ziemlich tief in Genre-Traditionen der vergangenen zwei Jahrzehnte verwurzelt scheint und nicht unähnlich klingt zu so Bands wie den frühen Marbled Eye, Rank Xerox, Institute, Bruised, Negative Gears, Tube Alloys, Public Interest, Corker, Sarcasm oder neulich auch NRG. Also klar, das hier schlägt keine allzu neuen Wege ein aber trifft dafür 100% ins Schwarze als ein sebstsicherer, überduchschnittlicher Genrebeitrag mit ultra-robuster, solide gebauter Songarchitektur und durchaus einiger stilistischer Vielfalt, was sich etwa im Elektro-lastigen Mittelteil und dem deutlich roheren, energischen dritten Akt äußert. Fraglos eines der mühelos funktionalsten Alben, die mir in letzter Zeit begegnet sind.
In jenen gewissen Post Punk-Spären, in denen es zum gewohnten Vorgehen gehört, dass Bands mit jeder Veröffentlichung etwas aufwändiger und polierter klingen, fallen Pyrex etwas aus dem Rahmen indem sie genau den umgekehrten Weg beschreiten mit ihrer zweiten LP, auf welcher – wenn man die soliden Produktionswerte mal außen vor lässt – sich ihre bislang rohesten und primitivsten Lärmattacken entladen. Der beste Vergleich der mir dazu gerade einfällt ist der dreckige Krach der frühen Nag, ein Rezept der schieren Überwältigung und verzweifelten Energie, das mit einem Minimum an musikalischer Substanz auskommt und was soll ich sagen… Die simple Formel macht maximal Bumm!
Was für eine schicke kleine Anomalie, die zweite EP von Forklift Rodeo aus Chicago. Darauf verquirlen sie einige Ladungen von wunderbar kaputtem Cowpunk mit leichten Spuren von klassischen, AmRep/Touch&Go-mäßigem Noise Rock und Postcore und zeitweilig auch einer gewissen Eggpunk-Qualität, wobei ich aber eher an frühe Skull Cult denke als an die inzwischen geringfügig kodifiziertere, aktuelle Welle des gepflegten Lo-Fi-Wahnsinns. Apropos Lo-Fi… das ist diese Platte definitiv nicht und die polierten Produktionswerte bewirken einen ungewohnten Glanz und eine klangliche Tranzparenz für ihre unvorhersehbaren, verworrenen Songkonstrukte, die es tatsächlich auch gar nicht nötig hätten, sich hinter einem schützenden Schleier aus Lärm und Dreck zu verstecken.