Nachdem Pitchfork ordentlich Wind drum gemacht hat (ein selten gewordener Treffer für die zunehmend irrelevante, ehemalige Indie-Autorität) und sich die restliche Musikpresse drauf stürzt wie eine ausgehungerte Horde Zombies auf ein süßes 4chan-Kätzchen, hab ich wohl endgültig den Zug verpasst und dürfte der letzte sein, der darüber berichtet. Irgendwie war da wohl gerade zu viel los, angesichts der ersten größeren Release-Welle des Jahres. Das hält mich jetzt aber nicht davon ab alle anderen zuspätgekommenen noch auf diese tolle Platte voller hymnischem und psychedelischem Jangle-Pop hinzuweisen. Viel Spaß mit euer neuen Lieblingsplatte. Danke, keine Ursache. Ich helfe doch gern.
In der massiv diversifizierten Indie-Welt von heute ist etwas annähernd Konsenzfähiges seltener als Hipsterfressen ohne Bart und Brille, aber Gorgeous Bully aus Manchester und ihrem simplen aber effektiven Indiegaragenpowerpoppunk rechne ich doch ganz gute Chancen zu, einen größeren Teil des Spektrums auf ihre Seite zu ziehen. Melodisch und poppig genug um die Weichspülpopper-Schönklangfraktion nicht abzustoßen aber auch gerade eben noch räudig genug und in alten Indireock-Traditionen verwurzelt um die Synapsen krachaffiner Zeitgenossen ausreichend zu kitzeln. Offiziell erscheint das Ding erst in so zwei Wochen, zum recht happigen Preis ist der Download aber jetzt schon auf Bandcamp zu erwerben.
Per email flatterte mir neulich dieses schrullige Indierock-Kleinod entgegen. Wer die Dreistigkeit besitzt irgendwelche Blogger anzuschreiben (machen alle, ich weiß…), sollte besser richtig gut sein. Und Überraschung, Senile Crocodile aus dem britischen Kingston Upon Hull halten der strengen 12XU-Qualitätskontrolle problemlos stand. Wunderschön exzentrischer als auch eklektizistischer, ausufernd-verspieleter Indie Rock mit offensichtlichem Glam-Einschlag wird hier geboten. Macht Lust auf mehr.
Gustave Tiger aus Budapest verpassen ihrem sägenden Noisepunk ein paar ganz eigene Dellen. Ihre Debüt-EP mag sich dabei nicht so recht für eine klare Marschrichtung entscheiden, wirkt trodzdem nicht zerfahren. Eher klingt es ein bisschen so als wären zwei unterschiedliche Inkarnationen der gleichen Band am Werk. Da wäre einmal die an spätere Gun Club Platten oder die Country-Punk-Fusionen von Angst erinnernde, folkig-countryfizierte Schrammelvariante. Und der böse Zwillingsbruder davon in in der Form psychedelisch-düsterer, treibender Noiseattacken; ich fühle mich hier etwas an das eigenwillige Ten Kens-Debüt erinnert. Dann gibt’s als krönende Abschlüsse noch eine epische Postpunkexplosion á la P.I.L meets Birthday Party und eine erstaunlich eingängige Venom-Coverversion. Und fertig ist eine der erfrischendsten und eigenständigsten Platten in letzter Zeit.
Die letztes Jahr erschienene EP Amagosa ließ mich schon ein wenig interessiert aufhorchen, stand aber noch auf etwas wackeligen Füßen was das Songwriting anging. Der neue Kurzspieler der Band aus Olympia, Washington ist in der Hinsicht ein gewaltiger Sprung nach vorne und das ganze klingt etwa wie eine Verschmelzung von Joy Divisions düsteren Postpunkwelten mit der Melodiösität und treibenden Energie von Hüsker Dü oder Dinosaur Jr, vielleicht auch etwas spätachziger-Sonic Youth. Vielversprechend.
*edit* Ich lese gerade, dass diese Songs der gleichen Session entstammen wie die Amagosa EP, mein Gefasel wegen Weiterentwicklung und so stellt sich damit als Quatsch raus. Komisch, denn ich finde nach wie vor dass Haunted eine viel stärkere, reifere Platte als ihr Vorgänger ist.
Das derzeit vor sich gehende 90er Revival hab ich ja schon ein paar mal angesprochen. Hier ist eine Band, die schon ‘ne Weile dieses Metier bearbeitet, aber bisher geößtenteils übersehen wurde. Ihr Sound ist eindeutig von den LoFi-Meisterwerken geprägt, die Guided By Voices in den frühen Neunzigern in Serie rausgehauen haben. Und warum auch nicht, in der aktuellen Indie-Landschaft ist noch eine menge Platz für gekonnten PowerPop dieser Machart und die Trefferquote ist hier höher als auf vielen Platten ihrer Vorbilder.
Clearance , eine noch ganz taufrische Band aus Chicago, haben sich scheinbar nur mit der Mission gegründet, den Sound und Spirit alter Pavement-Platten noch mal aufleben zu lassen. Und wer kann’s ihnen auch verübeln, denn in den letzten 15 Jahren gab’s wenig dergleichen. Und das hier klingt einfach nach einer sehr guten Pavement-Platte.
Mehr als nur vielversprechender Kurzspieler einer mehr als nur vielversprechenden Band aus Montreal. Klanglich durchaus in der nähe ihrer Landsleute Japandroids und P.S. I Love You zu verorten, aber auch eine gewisse nähe zu Hüsker Dü und diversen mittneunziger Emo Bands kann man ihnen nicht absprechen. Zeitgemäßer, euphorisch-melodischer Punkrock mit genug Feuer unter’m Arsch, der jedes Kitschfettnäpfchen gekonnt umschifft.
Ein wahrhaft beunruhigender Trend ist das: Noiserock ist plötzlich wieder en vogue. Eine allzu willkommene Unruhe, die hoffentlich bald die verschlafene Indieszene etwas aufzuwecken vermag. Ansonsten eine ganz ähnliche Marschrichtung wie die gestern verhandelten Grass Is Green, minus Blattgewächs, Mathematik und Postzeugs; plus Meeresfrüchte, gradlinige Songstrukturen, Melvins-artiges Geriffe und kapput-melodische Songeskizzen á la Pixies, Chokebore oder Guided by Voices. Geht runter wie ‘ne abgelaufene Dose Karlsquell.
Gras der einen oder anderen Sorte scheint hier das Thema der Woche zu werden (siehe letzter Beitrag). Außerdem scheint das 90er Indierock Revival in diesem Jahr seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen, angesichts des Erfolges von Speedy Ortiz und Konsorten. Ist natürlich schön, mal etwas anderes zu hören als seichtes Folk-Gesäusel und überzuckertes Synthpop-Geplucker, aber auf Dauer würde ich mich doch mal wieder über etwas mehr vorwärts-denkenden Krach freuen. Naja, genießen wie es, bevor der aktuelle Trend mal wieder zum Hals heraus hängt. Die aktuellste Wortmeldung aus dieser Ecke kommt von Grass Is Green aus Boston. Die spielen sehr gekonnten Noiserock mit klaren Post-Irgendwas und Mathrock Einflüssen, zum Beispiel der Marke Polvo, Shellac oder Chavez. Aber auch Indieklassische zwischentöne á la Sebadoh oder Pavement kommen vor. Wie meistens eine sehr angenehme Zeitreise aber: Bitte, bitte, liebe Indiebands von heute, wenn ihr die Basics des Lärmens wieder etwas aufgefrischt habt, schielt doch mal wieder etwas in Richtung Zukunft, ok?