Liquid Cross – Don’t Think

Vom ersten Moment an versprüht die Debüt-EP dieser Band aus Eugene, Oregon einen gewissen Vibe, der mich an eine Reihe von kurzlebigen Bands in Spektrum von so melodischem wie auch lärmigem Punkrock in den frühen 2010ern wie Milk Music, Fins und Darma Dogs erinnert aber auch ein paar ungleich jüngere Erscheinungen wie Jolana Star und Psychic Dogs, die neues Leben in einen zeitlosen Sound aus unterschwellig Post Punk-angehauchten eingängigen Punksongs, die der klassischen Homestead-, SST- und Touch & Go-Ära tribut zollen. Jetzt darf man also auch Liquid Cross dazu zählen, aber obendrein schwingt hier auch noch ein beachtenswerter Hauch von frühen Protomartyr, insbesondere ihrer zweiten und dritten LP mit, nicht zuletzt auch aufgrund der Stimme des Sängers, die eine ähnlich überdrüssige und melancholische Qualität channelt wie der Protomartyr-Frontmann Joe Casey.

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Yuasa-Exide – Go To Hell Encyclopedia Britannica

Die zweite LP von Yuasa-Exide aus Minnesota beginnt mit einem kräftigen Beben aus Fuzz-geladenem, melodischem Midtempo-Punk, der in etwa eine Mischung aus Guided By Voices in ihrer Mid-Fi-Ära und dem powerpoppigeren Ende des Bevis Frond-Spektrums channelt, ebenso eine vage Spur von Eric’s Trip oder der klassischen Dinosaur Jr.-Ära obendrein im Opener The Picture You Painted, nur um in folgenden Tracks zunehmend und mit voller Absicht den klanglichen Unterbau zu destabilisieren. Ihre Songs und Arrangements irgendwo zwischen den Stühlen von ’80er-’90er Indie- und College Rock, Flying Nun Records-mäßiger Psychedelia und fleißigem C86-Geschrammel gewinnen dabei eine zunehmend rumpelige, surreal vernebelte Qualität, immer in akuter Gefahr beim kleinsten Widerstand in sich zusammenzufallen. Wundersam aber, dass das drohende Damoklesschwert niemals zuschlägt und die Songs jederzeit ihr fragiles Gleichgewicht aufrecht erhalten. Diese unheimliche Fähigkeit stach schon auf dem Vorgänger Hyper At The Gates Of Dawn als ihre spezielle Superkraft hervor und kommt hier sogar noch stärker zum tragen – eine rare Qualität, die ich zuvor etwa in den jetzt auch schon wieder über ein Jahrzehnt alten, frühen Werken von Rat Columns und The Molds wiederfinde und vielleicht auch in den vergleichsweise straighten Psych Pop-Nuggets auf Blank Realm’s 2014er LP Grassed In, mit denen sich dann wiederum der Kreis zu den zuvor erwähnten Flying Nun-Vibes schließt.

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Monda – The Mondas

Seit ich irgendwann im letzten Jahr zum ersten mal meine Nase in die einschüchternd massive Discografie von Monda aus New Jersey gesteckt habe hat sich die Band wiederholt als einer der nicht nur produktivsten sondern auch konsistentesten Lieferanten von catchy abgefuzzten Leckerbissen bewiesen, die sich irgendwo zwischen den Eckpunkten von Garage Punk, oldschooligem Indie Rock, Noise- und Power Pop bewegen. Auch lässt sich schwer übersehen, dass sie sehr gerne die Tapete wechseln und die Einrichtung neu arrangieren zwischen den Veröffentlichungen um die Sache frisch und spannend zu halten, was sich unter anderem auch schon mal in einem ausgeprägt psychedelisch-spacerockigen Abstecher in ihrem Schaffen rund um die 2024er Ponderous Leviathan LP niederschlug. Auf ihrem neuesten Album besinnen sie sich hingegen wieder ein gutes Stück weit auf die ihre Basics zurück und treffen wie gewohnt jederzeit den Nagel auf den Kopf, wie sie hier eine Fülle sowohl von ’50er bis ’60er Bubblegum Pop-Vibes als auch ’80er Art-/Indie Pop-Artefakte der Flying Nun und Sarah Records-Schule und diverse Schrammelartefakte der C86-Ära channeln in einem makellosen Bündel ausgesprochen simpler und liebevoll gefertigter Songs, die niemals ihre Wirkung verfehlen.

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Xanny Stars – Adaptor

Was Xanny Stars aus Cleveland, Ohio auf ihrer neuesten EP heraufbeschwören transportiert jederzeit einen gewissen Vibe des zuckerigen Fuzz Punk und Noise Pop der variabel Primitives-informierten Art, die im vergangenen Jahrzehnt ja auch noch mal im größeren Stil neu aufgeflammt ist mit so Bands wie Feature, UV-TV, Slowcoaches, Monster Treasure or Male Bonding, und welche in jüngerer Zeit von so Bands wie etwa Private Lives, Exo and Glitter on the Mattress am brennen gehalten wurde. Der Scheiß hier braucht diese Vergleiche ebenfalls nicht scheuen mit seiner grundsoliden, ultraeingängigen Songsubstanz und hat obendrein noch einige nette Schnörkel und Überraschungen an Bord, wie z.b. diesen Hüsker Dü-Feel in Here We Go Again oder als Gegenstück dazu, die so leicht Wipers-vs.-Wire-mäßigen Sounds im abschließenden Symmetry, der mich ebenfalls etwa an eine verlangsamte Version von Nervosas oder frühen Milk Music denken lässt.

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Psychic Armour – Pressure

Diese spektakläre Debüt-EP einer Band aus Montreal zieht hier einen wundersamen Trick ab und das absolut reibungslos und genau zum richtigen Zeitpunkt im kollektiven kulturellen Bewusstsein. Ultraeingängiger Punkrock, der einen Bogen spannt von klassischen ’80er Bands wie Hüsker Dü, Dinosaur Jr., Dag Nasty, Embrace, dem späteren Werk von Naked Raygun und Government Issue einerseits, hin zu lärmigen Punk- und Indie Rock-Bands des vergangenen Jahrzehnts wie etwa den frühen Milk Music, Kicking Spit, California X, Milked oder Happy Diving, wird hier fest verschweißt mit Riffs und Solos aus der ’80er Heavy Metal-Grabbelkiste, was – in Verbindung mit einer stark Dungeon-lastigen visuellen Asthetik – sicher unter anderem bei Freunden von Steröid oder Poison Ruïn auf einige gegenliebe stoßen wird, wobei sie aber im Vergleich insbesondere zum Schaffen letzterer Band eine ungleich weniger grimmige und ausgesprochen nahbare Variante abgeben.

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Puddy Knife – Flowers

Das englische Label Noise Merchant Records hat jetzt die Debüt-EP dieser Band aus Spokane, Washington als Kassette wiederveröffentlicht, die ich im letzten Winter entweder übersehen oder ziemlich dumm ignoriert haben muss. Darauf injizieren sie eine Spur von frühen Superchunk oder Dinosaur Jr. in einen Sound, der anderweitig aber primär auf einer Linie ist mit den ersten und zweiten Emocore-Wellen, dabei alle Basics perfekt auf die Reihe bekommt und mit Schmackes die Tropes und Konventionen reproduziert, die das Genre ursprünglich mal zu einer spanneneden und mitreißenden Angelegenheit gemacht haben, dabei aber all die Fallstricke umgeht, die es später zu einem verdammten Witz und einer Sammlung armseliger Klischees mutieren ließen. Das Songhandwerk hier ist ebenfalls eher basic, aber selbstbewusst und trittsicher genug um mich als Hörer auf Zack zu halten, auch wenn Puddy Knife hier, wie ihr sicher schon geschlussfolgert habt, nichts neues zum Genre hinzufügen. Vielmehr ruft diese Platte erfolgreich in Erinnerung, wie viel Spaß und Energie der althergebrachte Emocore einmal zu transportieren vermochte und immer noch kann, wenn man ihn nur mal vom angehäuften Ballast aus Mall Punk Clown-Cosplay und performativem Selbstmitleid entledigt.

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Jolana Star – May Day Promo Cassingle

Das 2024er Lo-Fi-Demo der New Yorker war ja schon die pure Glückseligkeit und hier bekommen wir nun zum ersten mal Aufnahmen in höherer Fidelität von der Band zu hören, welche sie in einem gerindfügig anderen Licht präsentieren mit weniger von einem Garage-Vibe und stattdessen stärker nach dem melodischeren Ende des SST Records-Spektrum und verwandtem Krempel klingend, irgendwo zwischen der mittleren Hüsker Dü-Phase, frühen Dinosaur Jr., Man Sized Action und auch einem Hauch von Angst. In jener Hinsicht – und ganz besonders im unbestreitbaren Überhit Combat Zone (Left For Dead) – erinnern mich die zwei Songs auch ganz schön an die unglaubliche erste Milk Music EP.

Ex Iguana – Be a Good Boy

Eine durchweg verblüffende Debüt-LP kommt hier von einem Duo aus Alamance, North Carolina, die darauf eine hypnotisch-vernebelte Mischung aus Noise Rock, Post Punk, oldschooligem Indie Rock und den dunkelsten Gassen des Americana-Spektrums erschafft. Letztere Tendenz kommt dabei oft so rüber wie eine hartnäckigere und treibendere Variante des staubigen Southern Gothic-Charmes von den (paradoxer Weise) aus New York operierenden Weak Signal, hat in vielen Momenten aber auch Spuren des bluesigen Proto-Noise Rock von Feedtime oder Scratch Acid, dem Swamp Rock von ’80er Scientists. Die alles durchtränkende Melancholie des Ganzen erinnert mich einerseits wiederum an eher in Richtung Indie Rock tendierende Bands wie die Australier Kitchen’s Floor und Treehouse oder das frühe Schaffen der Londoner Witching Waves, andererseits aber auch an den dunklen Post Punk etwa von den auf der Auckland/Berlin-Achse agierenden Trust Punks und Dead Finks, den tiefschwarzen Abgründen der in Atlanta ansässigen Uniform, Glittering Insects, Mother’s Milk oder dem Folk-infizierten, tief in der Schuld von Angst und Meat Puppets stehenden Neo-Proto-Grunge von Bands wie Pig Earth aus Bellingham, Washington und Dharma Dogs aus Madison, Wisconsin. Das alles ist dann hier meisterlich aufbereitet zu zehn all-killer-no-filler Melodramas in prachtvollem Cinemascope und auf einer Basis der opulenten Klangarchitektur und brilliant eingefädelten Dramaturgie.

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Orchid Club – Three Alarm Fire

Nicht allzu lange nach ihrer brillianten Debüt-EP bekommen wir jetzt auch schon die erste LP von dieser Band aus Minneapolis zu hören, die wie gehabt mit einem charmant aldmodischen Genre-Mix entzückt, der offenbar überwiegend Inspiration von einigen eher unkonventionellen und melancholisch angehauchten Ausläufern der ’80er bis ’90er Punk-, Hard- und Postcore-Historie bezieht, wenngleich die Einflüsse hier noch etwas vielfältiger und differenzierter rüberkommen. Während der Opener Hello World mit einem starken ’90er Dischord-Vibe mit Echos etwa von Jawbox, Crownhate Ruin, Bluetip, Smart Went Crazy oder Kerosene 454 aufwartet, hat der darauf folgende Track Tectonic Plates mehr so etwas von einer seltsamen Mischung aus Rapeman, Brainiac und Mule. Kick Geneva und Steve erinnern mich hingegen stark an Angst oder Moving Targets und BDFI hat so eine Butthole Surfers-mäßige Doom-Ästhetik. Diesmal dauert es darüber hinaus doch tatsächlich bis zum vorletzten Track What Happens Next und nachfolgend Mantle, dass letztendlich doch noch mal der Mission Of Burma-Vibe zum vollen Vorschein kommt, der die vorherige EP noch stärker dominierte. Nicht zuletzt ist über weite Strecken auch eine stark folkige Unterströmung zu verzeichnen, die mich unter anderem an so geringfügig exzentrische Bands der ’80er erinnert wie The Proletariat, Volcano Suns, M.I.A. und My Dad Is Dead.

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Monda – Everything You Wanted

Irgendwie hab ich’s verpeilt über die vorherige Monda-LP zu posten, also nehme ich diese neue EP mal zum Anlass daran zu erinnern, dass es den Typen noch gibt und dass er weiterhin ausgesprochen coolen Scheiß fabriziert. Es handelt sich hier um den schnörkellosesten und eingängigsten Release seit einer Weile mit fünf unbestreitbaren Ohrwürmern zwischen den groben Koordinaten von oldschooligem Indie Rock, Garage Punk und Power Pop, der überwiegend eine melancholisch-verträumte Atmosphäre versprüht. Also wie üblich hochwertiger Stoff, der mich diesmal besonders an die Power Pop-Overlords Vacation aus Cincinnati erinnert.

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