Die neueste EP der New Yorker führt weitgehend das halsbrecherische Tempo und die klangliche Urgewalt der vorherigen Body LP fort und entwickelt dennoch ihren Sound subtil weiter in eine geringfügig kompaktere und greifbare Richtung, die ein vorsichtiges Maß an Nuancen und stilistischer Vielfalt zulässt im Vergleich zum Vorgänger und seiner kompromisslos-rohen Ästhetik, ohne dabei aber irgendetwas von dessen Durchschlagkraft einzubüßen.
Ich fand es etwas schwierig mich für die letzte EP der Punks aus Buffalo, New York zu erwärmen mit ihrer etwas generish-metallischen mosh- und Riff-Orgie, die sich teilweise doch ein bisschen danach anfühlte als ob bei aller Ambition die Substanz ein wenig auf der Strecke geblieben ist. Da ist die neueste LP doch viel mehr meine Baustelle mit einer Mischung aus Noise-durchtränktem, sludge-infiziertem Hard- und Postcore, die hier ein ganzes Stück organischer und weniger erzwungen rüberkommt, getragen von einfallsreichen, eingängigen Hooks und elaborierten Songstrukturen, denen ein Gefühl von Gefahr und Unberechenbarkeit innewohnt ohne dass der Krempel jemals planlos zusammengewürfelt erscheint. Was ich damit sagen will ist: Diese Songs stellen ein Maß an Überlegung, Absicht und eindeutiger Richtung zur Schau, das der Vorgänger ein Stück weit vermissen ließ.
Acht pfundige Sprengladungen von im gleichen Maße rohem und schlauem, erfinderischem und vielfältigem Hardcore Punk erwarten uns auf der ersten EP dieser Kalifornier, deren Sound einerseits einiges gemeinsam hat mit solchen oldschool Hardcore-meets-Garage Punk-Bands á la Strutter, Headcheese, frühen Electric Chair, Insane Urge und Necron 9, diese Ästhetik aber mit dem unvorhersehbaren, strukturierten Chaos von etwas quirligeren, irgendwie anders verdrahteten Bands wie Mystic Inane, Cucuy, Acrylics, Big Bopper und Rolex verschweißt.
Eine irre ansprechende Kassette voll mit abgefuckt-rohem oldschool Hardcore Punk von einer Band aus Richmond, Virginia, die hier eine etwas zögerlich melodische Variante davon spielt mit deutlichen KBD- und Garage Punk-Zusätzen und klar beeinflusst von frühen US Westküsten-Bands, die noch nicht komplett die catchy '77er Vibes hinter sich gelassen hatten. Obendrein geht da aber auch noch ein Noise-lastiger Vibe á la Flipper oder Broken Talent ab. Das alles wurde hier in einem absolut perfekten und durchaus angemessenen LoFi-Sound verewigt, der auch in einer Reihe mit typischen Deluxe Bias oder Impotent Fetus-Veröffentlichungen nicht allzu sehr aus dem Rahmen fallen würde. Was für ein schöner Knall!
Es waren schon wieder zwei ausgesprochen produktive Wochen für mehr oder weniger Hardcore-mäßigen Lärm und deshalb sind in diesem Post gleich noch mal vier besonders erwähnenswerte Exponate versammelt, die einen Bogen spannen vom oldschoolig-garagigen Ende des Spektrums hin zu ganz unverblümt Metal-verseuchten Randgebieten. Als erstes hätten wir da mal das neue Tape von Flower Power aus Dublin, Irland, die darauf fünf kraftvolle Einschläge aus schön rohem LoFi-Krawall verursachen, der scheinbar mit einem Bein in der Tradition von so unkonventionellen Hardcore-Acts wie z. B den frühen Flipper, Broken Talent, Noxious Fumes stehen oder - in etwas jüngerer Zeit - Soupcans, Stinkhole oder Vulture Shit, und mit dem anderen Bein in alten KBD-Artefakten der Marke Mentally Ill, Endtables und Executives in einer stimmigen Verschmelzung von Hardcore-Energie und Garage Punk-Drive. Eine ungleich grimmigere Stimmung strahlen dann die Songs von Mother Nature aus Leeds, England ab, deren Punkgeschosse so einiges von einem Post Punk-, Death Rock- und Noise Rock-Vibe beinhalten, was mich unter anderem ein wenig an Acrylics, frühe Bad Breeding und die Australier Arse erinnert. Cheap Heat aus Schenectady, New York schlugen hier bereits ordentlich ein mit ihrem ausgezeichneten 2022er Demo und auf ihrer neuesten EP nehmen sie die Stränge an der gleichen Stelle wieder auf einem Sound, der von einer Hardcore-Basis aus sich großzügig durch Jahrzehnte von Motörpunk, Sleaze Rock und Speed Metal plündert. Die resultierende Gesamtästhetik ist nicht ganz unähnlich zu so Bands wie Cülo, Cement Shoes, Tarantüla und Polute. Zu guter Letzt wäre dann noch die Metal-lastigste Band im Pack zu nennen, nämlich Dart aus Oulu, Finnland, die hier einen weiteren Eintrag in den relativ jungen Kanon von Bands ausmacht, die erfolgreich die Kombination von Punk und Metal zu rehabilitieren verstehen indem sie im Metal den Punk erkennen und herausarbeiten, anstatt unsubtil dem Punk einen generischen Metal-Anstrich zu verleihen, wie es sonst leider meistens der Fall ist. Das Resultat ist wie ihr euch denken könnt durchzogen von einem starken NWOBHM-Vibe und sollte oldschool Metalheads gleichermaßen ansprechen wie auch Freunde aktueller Punk-Acts wie etwa Poison Ruïn, Punter, Ninth Circle, Polute, Hög und Steröid.
Die Band aus Olympia, Washington war schon immer eine aufregende Achterbahnfahrt mit ihren zwei vergangenen EPs und einem Langspieler, allesamt erschienen auf der immer exzellenten Kassettenschmiede Impotent Fetus. Nach einer Wiederveröffentlichung des ersten Albums auf Vinyl via Sorry State Records, ist nun auch dessen Nachfolger wieder bei dem Punkbollwerk aus Raleigh, North Carolina erschienen und wie es zu erwarten war bleibt ihre hyperaktive Mischung aus Art- und Garage Punk, Hard- und Postcore eine spannende und überwältigende Attacke auf die Sinne. Gleichermaßen unvorhersehbar, schlau konzipiert und abwechslungsreich, erinnert mich das vereinzelt mal an etwas unkonventionellere alte Punk- und Hardcore-Hausnummern wie Tragic Mulatto (ganz besonders in Failed Experiment), Really Red und Saccharine Trust einerseits, aber nicht weniger auch an jüngere Phänomene wie Mystic Inane, Warm Bodies, Launcher, Vexx, Rolex, Cucuy oder Big Bopper.
Necron 9 aus Milwaukee hinterließen ja schon einen ausgezeichneten Eindruck mit einer Reihe von Demos und EPs und ihr "Lang"-Spieldebüt konsolidiert jetzt alle Tugenden davon zu einer ordentlichen Verkettung von Sprengsätzen mit denen sie so kompakt und durchschlagend rüberkommen wie nie zuvor. Ihrer Herangehensweise an moderat Motörpunk- und Garage-beeinflussten Hardcore wohnt einerseits eine ausgesprochen minimalistische oldschool-Ästhetik inne, fühlt sich gleichzeitig aber auch sehr kontemporär an in der Art wie bewährte Hardcore-Riffs und -Strickmuster hier mit einer Fülle an schrägen Ideen, unerwarteten Schlenkern und einer überdurchschnittlichen Frequenz ansteckender Hooks verschweißt werden, perfekt ausbalanciert mit einer verschwitzten, rohen, entfesselten Performance.
Von ähnlichem Kaliber aber noch ein gutes Stück ungewaschener ist dann die neue EP von SSIK aus Kelowna, British Columbia, Kanada, die sich hier weitgehend an etablierten Genre-Mustern orientieren aber gleichsam jeden Nagel auf den Kopf treffen mit ihrem einfach gestrickten Lärm, verpackt in eine super-tighte Darbietung von unnachgiebiger Kraft.
Abgerundet wird diese durchaus starke Hardcore-Woche mit einer neuen 2-Track-Single (und offenbar auch zukünftigen 7"), die wie von ihnen gewohnt vor allem das Bindegewebe zwischen Garage- und Hardcore Punk strapaziert in ihrer unverwechselbar arschtretenden, patentierten Machart. Die Songs an sich sind scheinbar nicht so wirklich neu, waren die gleichen Aufnahmen doch schon mal auf einem älteren Tape aus dem Hause Girlsville vertreten. Egal, für mich sind die jedenfalls neu und mehr Hood Rats passen mir immer in den Tee!
Kann eigentlich nie viel schiefgehen wenn Sorry State und Drunken Sailor Records gemeinsame Sache machen! The Hell aus Cleveland erzeugen auf dieser EP ein feines Konzentrat aus Hardcore, der auf den ersten Blick etwas generisch oldschool erscheint und in etwa die Merkmale von früh-80er Ost- und Westküste vereint. Bei genauerer Betrachtung gehen diese Songs aber weit über den Aufwand des durchschnittlichen Retro-Neuaufgusses hinaus, sind dicht beladen mit infektiösen Hooks und unerwarteten Schnörkeln und Wendungen. Jene kulminieren dann in dem fünfminütigen Rausschmeißer Dirt Nap, der zuerst den Drang und die Energie alles zuvor gehörten über Bord zu werfen scheint zugunsten eines schleppenden, leicht Flipper-mäßigen Proto-Noise Rock und Sludge-Sounds, bevor er um die zwei-Minuten-Marke dann doch abrupt in den Gänge kommt und für einen intensiven Spannungsausgleich sorgt.
Punter aus Melbourne zeichneten bereits für ein starkes Demo und eine brilliante 2023er EP verantwortlich, aber wenn du glaubst viel besser könnte es nicht werden, dann halt dich jetzt gut fest! Aufbauend auf der schon vertrauten Mischung aus gelegentlich Metal-infiziertem, wunderbar schmierigem Hardcore- und Garage Punk á la Polute, Cheap Heat, Cement Shoes oder Cülo, nicht vor epischen Gitarrensolos zurückschreckend und mit weiteren Ähnlichkeiten etwa zu Postcore-Acts wie Dollhouse, Flea Collar und der Melancholie, dem überlebensgroßen Drama von Pist Idiots und Split System, sind das dreizehn perfekt kalkulierte Präzisionsschläge, jeder davon leitet gekonnt ein solides Drama in seinen Lauf, um im dritten Akt unfehlbar in Flammen aufzugehen. Jau, diese Ausbrüche des Jet-getriebenem Rock'n'Roll sind bombenfest verankert in einem Fundament von ultrasolider Songkonstruktion, viel smarter und aufwändiger als man es auf den ersten Blick vermuten würde und gewürzt mit einer Fülle von unerwarteten Schnörkeln und Stilblüten die dennoch niemals den Bogen zu überspannen drohen. Selbst die extravaganteren Akzenze wie der Einsatz von Orgel, Dudelsack, ja sogar einem epischen Saxophon-Solo im abschließenden Track It Aint Pretty, verfehlen nie ihre Wirkung.
Nach ihrer schon durchweg beachtenswerten, noch deutlich Egg-mäßiger klingenden 2023er EP kommt diese Band aus Reading, Pennsylvania jetzt aber mal so richtig in die Gänge mit ihrem ersten Langspieler und einem Sound, der konstant auf der Grenze zwischen Garage- und Hardcore Punk balanciert ohne dabei das Rad neu erfinden zu wollen - diese Songs halten sich recht treu an etablierte, simple Garage-Formeln aber verdammt, machen die mal alles richtig dabei! Was so dumme wie spaßige Rock'n'Roll-Rifforgien angeht, holen die hier mal so ziemlich das Optimum aus den vorhandenen Mitteln.