Tom Lyngcoln, ursprünglich vermutlich am bekanntesten für seine alten Bands Pale Heads und The Nation Blue, hat irgendwie ja mal so richtig einen Nerv getroffen mit seiner 2020er Solo-LP Raging Head und dessen überlebensgroßem Drama, das oldschooligen Postcore auf rustikale Americana-Elemente treffen ließ und dann auf eine minimale Grundfläche heruntertrimmte. Hier ist nun also seine neueste Band und ich würde mal sagen auch der spirituelle Nachfolger jenes singulären Projekts, bestehend aus einigen durchaus vertrauten Gesichtern wie etwa dem Garage Punk-Übermenschen Jackson Reid Briggs (aktuell als Frontmann von Split System bekannt), Callum Foley von The Blinds und The Stevens (sein Bass war auch schon auf Raging Head zu hören), sowie Jay Jones, um dessen alte Schlagzeugaufnahmen Raging Head herum konstruiert wurde, und der offensichtlich auch schon seit Mitte der '90er in einem ganzen Arsch voll Bands mitgespielt hat, die alle etwas vor meiner Zeit waren. In erster Linie ist es aber auch hier Herr Lyngcoln's unverkennbare Handschrifft, die wieder am stärksten durschscheint. Die Platte geht sich in etwa so aus wie eine etwas räudigere Variante der Solo-LP, spontaner und direkter, vergleichsweise unaufgeräumt im besten Sinne. An eine Sache erinnert mich das ganze darüber hinaus aber besonders, nämlich an die Bands von Josh Feigert und insbesondere dessen jüngere Projekte wie Uniform, Glittering Insects und Mother's Milk.
Nach einer schon durchweg vergnüglichen Debüt-EP von 2023 trifft die neue LP dieser Band aus Kansas City aber mal ganz eiskalt meinen Nerv mit ihren überraschend flexiblen, wandlungsfähigen Lärmattacken, in denen ein Hauch von oldschooligem US Westküsten-Style auf Echos von frühen Minutemen und solchen (Proto-) Postcore- und (Proto-) Noise Rock-Acts wie etwa Flipper, Really Red oder Saccharine Trust trifft. Deren unkonventioneller Style mutiert dabei aber zu einem ausgesprochen KBD-getränkten Garagenvibe, der sich genau so gut auch mit aktuellen Referenzen á la Launcher, Mystic Inane, Cutup, Fugitive Bubble, Rolex, Cucuy oder Flea Collar umschreiben ließe.
Digital Hotdogs bringt uns das neueste Verbrechen der Cowpunk-Abrisscrew Leche aus Austin, Texas und darauf erinnern sie mich noch viel, viel mehr als auf ihren bisherigen Veröffentlichungen an eine weitere Digital Hotdogs-assoziierte Band, Trashdog, nicht unbedingt was ihren Sound angeht sondern eher in ihrer hyperaktiv-zerfahrenen "anything goes"-Herangehensweise die scheinbar alle Regeln und Konventionen in Sachen Genre, Struktur, Kontinuität, Bezug zur Realität ignoriert und untergräbt... also klar ist das wieder mal ein glorreicher, Genre-sprengender, fragmentierter Brocken von Chaos, der sich beim ersten Durchgang schon mal nach zu viel von allem anhühlen kann. Hat man das Gerümpel aber erstmal durchgefiltert, lässt sich aus dieser scheinbar willkürlichen Verklappung von Exzess mit der Laufzeit einer Doppel-LP aber eine saumäßig gute Einzel-LP herausschälen. Das ist weniger (Trashdog's) Weezer's Blue Album und mehr (Leche's) The Beatles' White Album - etwas zu lang, ziemlich chaotisch, scheinbar komplett zufällig sequenziert und man täte Unrecht daran, es nach seinen schwächsten Momenten beurteilen.
Diese Band aus Cleveland, Ohio drückt bei mir auf alle richtigen Knöpfe nachdem schon ihr 2023er Debüt einen starken Eindruck gemacht hat, aber die neue EP ist da nochmal ein anderes Level des Irrsinns in einer Klangoffensive aus gleichermaßen räudigem und quirligem Hardcore- und gelegentlich auch Post Punk, gehüllt in eine dicke Dreckschicht aus Noise-Texturen. Mich erinnert das ausgesprochen positiv an moderne Genre-Klassiker von so Acts wie Stinkhole, Mystic Inane, Launcher, frühe Soupcans, Dollhouse, Lumpy and the Dumpers, Vulture Shit und Big Bopper, um mal nur die offensichtlichsten zu nennen.
Hier ist noch so ein wunderbar verstörter Ausbruch des Lo-Fi Hardcore-Lärms. Der kommt von einer Band aus Orlando, Florida, die bereits ein ordentliches Demo auf Bellicose Records raus hatte, aber diese neue EP auf Drunken Butterfly Records ist da noch mal deutlich mehr meine Tasse Tee mit ihrer komplett zersprengten, unberechenbaren Version der zeitgenössischen Hardcore-Besorgnis die, under einer rohen, versifften Oberfläche auch einiges von einer nicht weniger zwielichtigen oldschool Garage-, Proto- und KBD Punk-Schattenwelt preisgibt.
Diese neue Sammlung von vermeintlichem B-Material ist schon wieder ein solider Beweis dafür, dass diese Agenten des gepflegt Noise-versifften Garage-/Hardcore Punk-Chaos' aus Melbourne einfach nichts falsch machen können, denn auch bei dieser EP kann ich weitgehend nicht nachvollziehen, warum diese Songs es nicht auf eine "reguläre" Veröffentlichung geschafft haben sollen. Nu ja, des einen Müll ist eines anderen Gold sagt man ja und ich hab jedenfalls reichlich Spaß dabei, mich durch diese ganz hochkarätige Mülltonne zu wühlen.
Die neueste EP der New Yorker führt weitgehend das halsbrecherische Tempo und die klangliche Urgewalt der vorherigen Body LP fort und entwickelt dennoch ihren Sound subtil weiter in eine geringfügig kompaktere und greifbare Richtung, die ein vorsichtiges Maß an Nuancen und stilistischer Vielfalt zulässt im Vergleich zum Vorgänger und seiner kompromisslos-rohen Ästhetik, ohne dabei aber irgendetwas von dessen Durchschlagkraft einzubüßen.
Ich fand es etwas schwierig mich für die letzte EP der Punks aus Buffalo, New York zu erwärmen mit ihrer etwas generish-metallischen mosh- und Riff-Orgie, die sich teilweise doch ein bisschen danach anfühlte als ob bei aller Ambition die Substanz ein wenig auf der Strecke geblieben ist. Da ist die neueste LP doch viel mehr meine Baustelle mit einer Mischung aus Noise-durchtränktem, sludge-infiziertem Hard- und Postcore, die hier ein ganzes Stück organischer und weniger erzwungen rüberkommt, getragen von einfallsreichen, eingängigen Hooks und elaborierten Songstrukturen, denen ein Gefühl von Gefahr und Unberechenbarkeit innewohnt ohne dass der Krempel jemals planlos zusammengewürfelt erscheint. Was ich damit sagen will ist: Diese Songs stellen ein Maß an Überlegung, Absicht und eindeutiger Richtung zur Schau, das der Vorgänger ein Stück weit vermissen ließ.
Acht pfundige Sprengladungen von im gleichen Maße rohem und schlauem, erfinderischem und vielfältigem Hardcore Punk erwarten uns auf der ersten EP dieser Kalifornier, deren Sound einerseits einiges gemeinsam hat mit solchen oldschool Hardcore-meets-Garage Punk-Bands á la Strutter, Headcheese, frühen Electric Chair, Insane Urge und Necron 9, diese Ästhetik aber mit dem unvorhersehbaren, strukturierten Chaos von etwas quirligeren, irgendwie anders verdrahteten Bands wie Mystic Inane, Cucuy, Acrylics, Big Bopper und Rolex verschweißt.
Eine irre ansprechende Kassette voll mit abgefuckt-rohem oldschool Hardcore Punk von einer Band aus Richmond, Virginia, die hier eine etwas zögerlich melodische Variante davon spielt mit deutlichen KBD- und Garage Punk-Zusätzen und klar beeinflusst von frühen US Westküsten-Bands, die noch nicht komplett die catchy '77er Vibes hinter sich gelassen hatten. Obendrein geht da aber auch noch ein Noise-lastiger Vibe á la Flipper oder Broken Talent ab. Das alles wurde hier in einem absolut perfekten und durchaus angemessenen LoFi-Sound verewigt, der auch in einer Reihe mit typischen Deluxe Bias oder Impotent Fetus-Veröffentlichungen nicht allzu sehr aus dem Rahmen fallen würde. Was für ein schöner Knall!