Nach ihrem phänomenalen Debütalbum in 2020 und einer ungleich grimmigeren zweiten LP in 2022 liefert das New Yorker Duo jetzt etwas ab, für das mir das Wort Meisterwerk nicht zu weit gegriffen erscheint. Hier ist erneut eine absolut singuläre Vision am Werk, die sich einerseits im Rahmen von kontemporärem Post Punk und Postcore bewegt und sich gleichermaßen aber anschickt, dessen Grenzen und Limitierungen zu sprengen. Die Lyrics sind so unverblümt politisch wie auch emotional und introspektiv - desillusioniert aber dennoch immer mit einem Funken der Hoffnung... also kurz gesagt: Sie reflektieren die mentale Last die es mit sich bringt, mit offenen Augen durch eine Ära zu gehen in der die Menschheit mit einer Unzahl globaler und lokaler Krisen konfrontiert ist und gleichzeitig systemisch unfähig oder unwillig erscheint, einen nachhaltigen und praktikablen Weg für die Zukunft einzuschlagen; in der westliche Gesellschaften kollektiv den Kopf in den Sand stecken und globale Eliten allzu willig sind, jeglicher Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft zugunsten kurzsichtiger Anhäufung von Reichtümern eine Absage zu erteilen. Yo, der ganz alltägliche Zustand also. Aber nun gibt es großspurige politische Statements heute ja wie Sand am Meer und nichts hiervon wäre einer besonderen Erwähnung wert, wenn nicht die Musik so verdammt brilliant wäre, die hier erneut die Vielschichtigkeit der beiden Vorgänger aufweist mit filigranen Arrangements und dichter Atmosphäre, was sie hier letztendlich zur absoluten Perfektion verfeinern. Für mich fuhlt sich das an als hätte man den Geist der ersten Emocore-Welle - noch unbelastet von den Tropes, Klischees und Konventionen späterer Jahre - in die Gegenwart transportiert, mit einer einzigartig eigenen Stimme und ausgesprochen unvoreingenommen in seiner Vorstellung davon, was Punk Rock in 2024 sein und tun kann.
Die dritte EP dieser Band aus Stockholm macht unmittelbar mal einen ausgezeichneten Eindruck mit einem moderat exzentrischen und abwechslungsreichen Mix aus Garage-, Post-, Synth- und Art Punk der geringfügig Devo-mäßigen Machart, zu dessen Tugenden und Referenzen auch etwa das quirlige Chaos von Skull Cult und Jelly Belly gehört, die '80er Synth Punk-Flashbacks jüngerer Isotope Soap, etwas Psychedelia á la Mononegatives und die Unvorhersehbarkeit von Pressure Pin. Auch eine erfreuliche Überraschung: Der Bonus-Remix des pulsierenden Rausschmeißer-Tracks Wendy Got Balls, der tonnenweise von einem aus der Zeit gefallenen retro '80er 12" Disco Edit-Charme mitbringt.
Die vorherige LP dieser Band aus Cincinnati, Ohio, die obendrein einige Mitglieder von The Drin mit an Bord hat, war ja schon ein herausragendes, wenn auch nicht so wahnsinnig originelles Post Punk-Album, aber auf ihrem zweiten Langspieler erklimmt die Band nochmal ein ganz neues Level - alles an diesen Songs und Arrangements wirkt fokussierter, aufwendiger und bewusster konstruiert als zuvor. Das überwältigende Gedränge des Vorgängers weicht hier einer neuen Klarheit, präzisen Strukturen und einem bislang ungehörten Sinn für Melodie und Melancholie, insbesondere in Distant Dawn, Dependency und Nothing in None. Im großen und ganzen ist das hier ein ähnlicher Quantensprung wie das jüngste Marbled Eye-Album, auf dem sehr ähnlich eine bereits herausragende Band die Limitierungen ihres jeweiligen Genre-Umfelds transzendiert und genau deshalb fühlt es sich jetzt auch etwas billig und reduktiv an, Referenzen aufzuzählen aber um der Orientierung willen sag ich jetzt trotzdem mal so: Der Scheiß ist absolutes Pflichtprogram für Freunde von so Zeug wie den erwähnten Marbled Eye, Waste Man, Negative Gears, Rank/Xerox, Tube Alloys, Nag, VR Sex und Public Eye.
Na das ist ja mal ein bemerkenswerter Scheiß hier! Auf ihrer Debüt-EP kreieren diese Schweden eine Machart des monotonen oldschool Post Punk die zwar mal echt nichts neues erfindet, aber dafür ohne Mühe in allem brilliert, was diese Band anfasst in einer Ästhetik, die sich gleichermaßen geradlinig, elegant und meisterhaft vorangetrieben gibt. Das hat ein bisschen was von Wire, MX-80 und Crass bezüglich der alten Haudegen, und von Nag und Institute in jüngerer Zeit... und auch einen Hauch von The Estranged kann man dem letzten Track Empty & Blue bescheinigen. Ausgesprochen einfach gestrickt und so verdammt gut ist das!
Die sechs Songs auf der Debüt-LP dieser Band aus Leeds lassen sich reichlich Zeit um die Grooves und Texturen ihres kühl-analytischen Post Punk einwirken zu lassen in stetig ausufernden, leicht krautigen Endlosschleifen, die sie hier in eine spezielle Form gießen, welche mich einerseits an so Richtung Postcore und Noise Rock tendierende Acts wie John (timestwo), Metz, Cool Jerks und frühe Greys erinnert, gleichermaßen aber auch etwas von Post Punk-Bands á la Criminal Code und The Cowboy hat. Ganz besonders sehe ich da aber noch eine geistige Verwandtschaft zu der kürzlichen Machiavellian Art-LP, von der diese Songs sich in etwa als eine beschleunigte und entschlackte Variante begreifen lassen.
Wenn du dachtest, die 2022er EP dieser Band aus Montreal wäre schon reichlich schräg und total Banane gewesen, sagen Pressure Pin so: "Hold my Beer", denn das war alles noch gar nichts! Die zweite EP legt die Messlatte noch mal deutlich höher sowohl bezüglich aufwendiger Songkonstrukte als auch was freidrehendes Chaos und ungezügelte Kreativität angeht in einer Gesamtästhetik, die irgendwo im Nebel von Garage-, Synth-, Art und Eggpunk herumgurkt mit einem deutlichen Devocore-Einschlag, und es gleichsam voll darauf anlegt, alle Grenzen und Konventionen besagter Genres zu sprengen. Das ist genau jener eklektizistische "anything goes"-Ansatz der mich insbesondere an jüngere Werke von Trashdog und Checkpoint erinnert, aber wenn man das ganze mal auf seine grundlegenden Bauteile herunterbricht, kann man auch Parallelen zu zu den '90er Midi Pop-Exkursionen von Metdog erkennen, den Devo-ismen von Isotope Soap, der quirligen Freude von Snooper und den Garage-/Art Punk-Ohrwürmfabriken namens Smirk und Cherry Cheeks. Die Typen verbauen mehr Ideen und Inspiration in einen einzigen Song als viele andere Garagenbands für ein ganzes Album übrig haben.
Mehr Brain Fuck und Brain Fog als des selbigen Wäsche ist diese durchweg desorientierende neue EP eines gewissen italienischen Gentlemans namens Leonardo Carlacchiani aka Purp, eine überwältigende Welle von LoFi-mäßigem DIY Lärm und Psychedelia, die alles daran setzt, den Verstand nicht etwa zu brechen, sondern zu benebeln. Der Opener Mind Space kommt in etwa so rüber als hätte man den folkig-schrammeligen Powerpop von jüngeren Vaguess-Platten in den durchgebrannten Fuzz Pop-Kontext weiterer italienischer Genossen wie Mustard/Metal Guru und der jüngsten EP von Dadgad verfrachtet. Letzteres morpht dann in Labyrinthorama zu einem deutlich relaxteren Midtempo-Indie Rocker, der mir etwa Treehouse und frühe Tape/Off ins Gedächtnis ruft. Reminder Demons With Gufo Mangia Sale ist pure Space Blues-Unendlichkeit. Astral Angel klingt ein bisschen nach frühen Pixies, verlangsamt zu einem deprimierenden Kriechtempo und bekommt zusätzlich einem Nachgeschmack von '90er Chokebore verpasst. Ladybug's Ballata With Bobby Chombo zieht einen No-Fi-Flickenteppich aus My Bloody Valentine und Dinosaur Jr durch einen psychedelischen Flying Saucer Attack-Fleischwolf, gefolgt von I-Ching, das eine Brücke schlägt von frühen Japandroids zu den Noise-/Fuzz Pop-Acts der späten 2000er / frühen 2010er á la No Age, Wavves und Male Bonding.
Wow, ist das mal eine fantastische Debüt-EP von einer Band aus Philadelphia, die sich darauf mit einem erdigen, dissonanten und mittelgradig exzentrischen Mix aus Art- und Post Punk zu schaffen macht. Das monotone, no wave-mäßige Geschrammel des Openers The Shield lässt dabei an den Minimalismus von Shop Regulars oder Honey Bucket denken, während Green Man mehr von einem früh-'80er The Fall-Vibe mitbringt und weitere Ähnlichkeiten etwa zu den Stadtnachbarn Toe Ring und B.E.E.F. 39X hat. Die Bösen Grooves in Gangstalker hingegen halten eine empfindliche Balance aus Dissonanz und Eingängigkeit und channeln damit eine etwas stacheligere Inkarnation von Lithics, gekoppelt mit so einiger dissonanter Glenn Branca- und '80er Sonic Youth-Gitarrentextur, wie wir sie vor nicht allzu langer Zeit etwa von Self Improvement gehört haben.
Lange erwartet, ist hier endlich das Debütalbum der Art Punks The Carp aus Cleveland, Ohio, einer Band bestehend aus Leuten unter anderem mit Verbindungen zu Perverts Again, Knowso und Cruelster. Die meisten der Songs sind schon vom 2022er Demo geläufig, werden her aber mit deutlich polierteren Produktionswerten und angemessener Wucht präsentiert, wobei ihr Sound es sich irgendwo in der Lücke zwischen den Klangparametern von Knowso und Cruelster breit macht und die elaborierten und rigiden Strukturen ersterer mit dem Spaß und der Energie letzterer kombiniert und obendrein gibt's in The Old Ways noch einen Hauch von Cowpunk á la Murderer zu bestaunen.
Was gibt es noch neues zu sagen über Pisse? Das schlechte Gewissen des deutschsprachigen DIY Punk hat mal wieder einen Batzen exzentrischer und wie immer ausgezeichneter neuer Songs in ihrer einzigartigen Fusion aus gleichermaßen angepisstem und quirligem Post-, Garage- und Synth Punk wie üblich ohne großes Getöse bei Bandcamp abgeladen und bald™ soll das ganze dann auch als LP via Phantom Records zu bekommen sein.