Ich fand es ein bisschen schwierig, mich für die letzten paar von den zunehmend bruchstückhaften, ungezügelt jammigen EPs dieser Band aus Portland rund um Honey Bucket-Frontmann Matt Radosevich zu erwärmen. Mit ihrer ersten richtigen LP-Veröffentlichung meinen sie es aber ganz offensichtlich ernst und kommen mit ihrem fokussiertesten Brocken Musik seit einer ganzen Weile daher. Weniger ist mehr scheint hier die Devise zu lauten und bricht sich Bahn in fünf ausufernden, gleichermaßen monotonen und verspielten (nahezu-) Ein-Akkord-Wundern, in denen an Stelle von Melodien die Texturen und Rhythmen als tragende Elemente herhalten müssen. In der Tat ist das genau die Art von Minimalismus, die frühe The Fall im direkten Vergleich wie Progressive Rock wirken lassen. Paradoxerweise für eine Platte, die sich so wenig um herkömmliche Vorstellungen darüber schert was einen „Song“ ausmacht, hat das ganze einen durchweg unerwartet positiven Vibe in den vermutlich beschwingtesten dreißig Minuten abstrakt-experimenteller Art Punk-Klangkunst, die wir diesen Sommer zu hören bekommen.
Das ist ja mal ’ne beeindruckende Debüt-LP von dieser Londoner Band, die offenbar schon einige Jahre aktiv ist aber sich reichlich Zeit damit gelassen hat, ihr Schaffen auf einem Langspieler zu präsentieren. Vom ersten Moment an hat das so einen Vibe von Saccharine Trust mit einer Prise Flipper dazu. Outsude Looking In entfaltet sich etwa so als würde ein verlorener Wire-Song mit Volcano Suns und Mission Of Burma kollidieren, sowie mit jüngeren Kreationen von Institute, Peace de Résistance. Animals Eat For Free emuliert zu Beginn vorwiegend The Fall der ’80er Jahre, nimmt dann aber eine unerwartet melodische Wendung im Chorus. Und so ähnlich geht es weiter in dieser so eklektizistischen wie auch geschmackvollen Schatzkammer aus Ideen und Einflüssen, zu denen ich desweiteren so Bands X (AUS), Membranes, Cravats, Fungus Brains, die frühen, noch nicht so stark Dub-getränkten Swell Maps und noch viele weitere Größen des DIY Post Punks zählen würde. Ebenso ließen sich hier aktuellere Bands nennen wie Shark Toys, The Cowboy, Society, frühere Sleepies, die Weirdo-Franzosen Subtle Turnhips oder andere Londoner Bands wie das Garage-Bollwerk der 2010er Jahre, Sauna Youth oder vielleicht auch Tense Men, deren nachträglich in 2018 veröffentlichter Schwanengesang klare Ähnlichkeiten aufweist. Da ist einfach kein Platz für Langeweile zwischen den endlosen Blitzschlägen aus freidrehender Inspiration und Kreativität.
Nachdem ihre durchaus schon starke Debüt-EP die Band aus Antwerpen noch stärker aus einem garagigen Winkel präsentierte, springt der Nachfolger kopfüber in eine Post Punk-Ästhetik, die sich klar einiges bei James Chance und dem funky Ende des alten No Wave-Spektrums abgeschnitten hat. Gleichermaßen lässt sich aber auch eine klare Verwandtschaft zur aktuellen Berliner Szene feststellen, insbesondere zu so Bands wie Pigeon und Liiek. Ich denke es ist dann auch überhaupt kein Zufall, dass der Krempel als 7″ beim Berliner Spezialisten Mangel Records erschienen ist.
Das Berliner Post Punk-Soloprojekt DBR ist jetzt schon eine ganze Weile unterwegs und hat bislang eine Langspielkassette und ein ganzes Bündel an EPs veröffentlicht, zuerst unter dem Namen Dee Bee Rich, auf späteren Releases dann zu DBR abgekürzt. Die neueste, auf Turbo Discos erschienene Kassette ist dabei mal ganz locker Dee Bees ansprechendstes und vielfältigstes Werk seit einer ganzen Weile, auf dem er die minimalistisch-kleinlaute Ästhetik, in die sich sein Sound graduell hineinentwickelt hat, mit einem ausgeprägten Sinn für Melodie und Eleganz ausstattet, dabei aber weiterhin durchweg verspielt bis verspult rüberkommt.
Auf der gerade bei den Australiern Urge Records erschienenen dritten LP rückt das Berliner Duo bestehend aus Erin Violet und dem ehemaligen Trust Punks-Frontmann Joseph Thomas ein Stück weit ab von den folkigen Einflüssen zugunsten eines etwas dunkleren, schwermütigeren Sounds, behält dabei aber die alles überspannende Melancholie und die Song-orientierten Qualitäten bei, die schon die zwei Vorgänger weit über die meisten Genrevertreter herausragen ließen und nach wie vor ausschießlich schmeichelhafte Vergleiche mit so Bands wie Public Interest, Marbled Eye, Waste Man, Tube Alloys, Corker, Glittering insects, Public Eye, Kitchen’s Floor, VR Sex and Mothers Milk provozieren.
Eine neue (Co-)Veröffentlichung auf Dischord und wie das ja dort üblich ist, haben wir es erneut mit einer Band zu tun, deren Mitglieder schon ihre Finger in einem ganzen Arsch voll bedeutsamer Bands über mehrere Jahrzehnte der lokalen Punkszene drin hatte. Zu den geläufigsten davon dürften Kerosene 454, Channels, Beauty Pill, Soccer Team, Office of Future Plans, Alarms And Controls gehören und um das Namedropping-Kreisgewichse zu vollenden, ist das ganze auch noch von J. Robbins (Jawbox) produziert. Aber hier ist die Sache mit so vielen jüngerer Dischord-Veröffentlichungen: Die klingen selten nach einem müden Neuaufguss oder einer rentablen Nostalgie-Veranstaltung. Das ist eine ungleubliche Qualität dieser speziellen Szene: die Fähigkeit, einerseits die eigene Tradition nicht zu verleugnen und gleichzeitig immer noch so dringlich und leidenschaftlich zu klingen wie am ersten Tag. Bereit, im kreativen Prozess die nötigen Extrameilen zu gehen, macht man hier keine halben Sachen und „gut genug“ ist niemals gut genug.
Was ich zuletzt über Uranium Club und ihre Wirkung auf die Garagepunk-Szene gesagt habe, ließe sich so änlich auch auf diese Band aus Oakland und ihr spezifisches (Sub-)Genre anwenden. Hier ist also eine neue LP einer weiteren Band, die zwar unter’m Strich bislang gar nicht sooo viel Musik veröffentlicht hat, aber dennoch spürbare Wellen durch die Art- und Post Punk-Szene der letzten Jahre gehen ließ. Ihr letzter und bis dato einziger Langspieler liegt jetzt schon über fünf Jahre zurück und die verstrichene Zeit wird sehr deutlich spürbar auf dem Nachfolger, bricht sich Bahn in einem stark gereiften Sound der sie erneut als eine Band präsentiert, die sich selbstbewusst gegen Grenzen des eigenen Genres stemmt. Ein Sound, den sie hier gekonnt weiterentwickeln und vorantreiben, ohne dabei jedoch die Tugenden zu vernachlässigen, die sie von Anfang an zu einer besonderen Band gemacht haben. Was auf der 2022er digitalen Single Dirty Water bereits seine Schatten voraus warf, entfaltet sich hier zur vollen Blüte – die Songs und Arrangements, wenngleich immer noch stark verwinkelte und komplexe Konstruktionen, haben viel an Eleganz und melodischer Schönheit gewonnen, immer geerdet in filigraner Songwriting-Kunst. Songs wie die absolut brilliante Vorabsingle See It Too channeln dabei einige der melodischeren und eingängigsten Aspekte von ’70er Wire aber vollziehen dabei das Kunststück, die Schlaumeierästhetik mit einem satten Maß menschlicher Wärme und aufrichtiger Emotion auszubalancieren.
Das ist ja mal ein brillianter Scheiß, auf den ich so nicht vorbereitet war. Entspricht mal sowas von gar nicht dem Zeitgeist und hat klar seinen ganz eigenen Willen. Jau, das Zeug fühlt sich irgendwie alt an. Ich bin auch irgendwie alt, deshalb mag ich das. Man stelle sich vor, Saccharine Trust, Minutemen, Swell Maps und The Pop Group träfen sich für ein okkultes Ritual, um einen vergessenen Acid Rock-Dämon aus den 60ern zu beschwören, das Resultat einer unheiligen Vermählung von Psych- und Math-Rock. Klar steckt dessen Nase ein paar Millimeter weit im eigenen Arschloch, aber das gehört ja auch zum guten Ton in diesen Genres. Vermutlich habt ihr an diesem Punkt schon entschieden, ob ihr den Krempel liebt oder hasst. Ich persönlich finde das, was die Gruppe aus Philadelphia hier halluziniert ausgesprochen knorke! Das gehört einfach… legalisiert, sowas!
Heilige Scheiße, ist es jetzt wirklich schon fünf Jahre her seit der letzen LP von einer der prägendsten Bands, die wie kaum eine andere ihre unübersehbaren Spuren in die aktuelle Garage Punk-Ära eingebrannt hat? Mir schien es jedenfalls gar nicht so und das liegt möglicherweise genau daran, dass der Einfluss ihrer patentierten Mischung aus intelligentem, verspielt-verwinkeltem und ausgefuchstem Garage- und Art Punk so allgegenwärtig ist – Bands wie Dumb, Vintage Crop, Pinch Points, Aborted Tortoise, Reality Group, Yammerer und Patti sind da nur die Spitze des Eisbergs von Bands, die sich zumindest phasenweise mehr oder weniger offensichtlich von Uranium Club inspirieren ließen. Auf ihrer bislang vierten LP erweitern Uranium Club erneut ihr Klangspektrum und warten mit deutlich gereiften Songwriting-Skills auf, die sich vor allem in den langsameren Nummern perfekt entladen wie etwa in der folkig-schrammeligen fast-schon-Ballade Tokyo Paris L.A. Milan, die unter anderem Qualitäten von so Bands wie Wireheads, Tyvek und The UV Race in sich vereint, oder in dem von einem starken Television-Vibe durchzogenen The Ascent. Genau wie alle vorherigen Alben der Band ist das mit sofortiger Wirkung als Instant-Genreklassiker zu handeln und wer das anders sieht kann mich mal!
Ein volles Fass ungesund zuckerigen Vergnügens, die zweite EP dieser New Yorker. Die beschwören hier einen eingängig-kaputten Mix aus Synth- und Garage-, Art- und Eggpunk herauf, der irgendwie den Sweet Spot trifft zwischen den Klangwelten von… sagen wir mal Metdog, Smirk und Cherry Cheeks, ich glaub so ungefähr kommt das hin. Guter Scheiß!