Was Evil Eye aus Charlotte, North Carolina hier auf ihrer Debütkassette abziehen lässt sich oberflächlich recht einfach beschreiben als eine geradeaus gehende Machart von Garage Punk, die ’77er Energie und Eingängigkeit mit einer KBD-mäßigen Ungeschliffenheit kombiniert und tonnenweise von Dead Boys- und Wipers-mäßigen Hooks. Aber so alt und abgestanden wie das in der Theorie klingen mag, so frisch kommt das in der Praxis hier dennoch rüber und das ist nicht zuletzt einigem unbeirrbaren Händchen für starkes Songmaterial zu verdanken und einer angemessen rohen, treibenden Performance um die einfach gestrickten Hooks wackelfest zu verankern.
Smarm aus Cincinnati, Ohio machen hier einen absolut vielversprechenden Eindruck auf ihrer Debüt-EP mit einem ausgesprochen unprätentiösen Garage Punk-Sound und einer netten ’77er und Proto Punk-Kante, die insbesondere ein bisschen lokaler Punk-Vergangenheit Tribut zollt mit einer ausgeprägten Dead Boys-Energie, wobei der Krempel obendrein mit ordentlich ausbalanciertem Songhandwerk brilliert und einfach den Nagel perfekt auf den Kopf trifft mit infektiösen Hooks, einer schnörkellos und entschlossen geradeaus gehenden no-bullshit Darbietung.
Ebenfalls ein ausgezeichneter Schwung von ziemlich ’77-aromatisiertem Krawall ist dann das neue Demo von 700 Club aus Athens, Georgia, dessen drei Songs hier in einer ungleich roheren Produktionsästhetik festgehalten wurden und mich dabei etwas stärker an Saints und Wipers erinnern, vereinzelt aber auch auch mal etwas ins Hardcore-Spektrum übertreten wie im Rausschmeißer No Cash, aber durchgehend ist da auch eine leise Ahnung aktuelleren Einflüssen an Bord an deren Spitze das Chaos von Bands wie Lumpy & The Dumpers und Fried E/m steht.
Der Werdegang der New Yorker Band Shop Talk über die Jahre gehört fraglos zu den etwas unwahrscheinlicheren. Erstmals in meinen Radar gerieten die mit ihrer selbstbetitelten 2016er Mini-LP, die damals noch mit einem etwas zurückgelehnteren, seinerzeit recht gängigen Garage Punk-Sound aufwartete, irgendwo zwischen gleichen Teilen Gun Club und aktuelleren Acts der Zeit wie Woolen Men und Eddy Current Suppression Ring. Danach war dann erst mal sehr lang Funkstille, es dauerte geschlagene sieben Jahre bevor ihre nächste Veröffentlichung aufschlug – die unglaubliche 2023er EP The Offering mit einem komplett überholten und massiv gereiften Sound, geprägt von saumäßig eingängigen ’77er Hooks wie man sie so eindringlich selten gehört hat jenseits der goldenen Ära von so Bands wie Dickies, Buzzcocks und Adverts. Das alleine wäre ja schon genug Substanz um die Band aus der Masse herausstechen zu lassen, aber das ist nur ein Teil des Appeals dieser Band und wäre nicht komplett ohne die gleichermaßen melodische wie elaborierte Gitarrenarbeit des Frontmannes Jon Garcia und seiner genauso bissigen wie auch beseelten Gesangsdarbietung. Eine explosive Formel, an die sich die Band seitdem weitgehend gehalten hat und auch ihr jüngst erschienener erster oder – je nachdem wie man Zählt – zweiter Langspieler klingt sowohl nach dem vorläufigen Hohepunkt als auch einer Rückschau auf ein Jahrzehnt des hochinfektiösen Songhandwerks, bestehend zur einen Hälfte aus exzellenten neuen Songs und zur anderen aus arschtretenden Neuaufnahmen einer Auswahl ihrer alten Hits, die teilweise bis zur eingangs erwähnten Debütplatte zurückreichen. Das Ergebnis ist nicht weniger als ein sofortiger Instant-Klassiker und gehört definitiv zum besten was ihr dieses Jahr zu hören bekommt im Bereich von geradlinigem aber elegantem Punkrock mit starker Songsubstanz und einer klaren Vision.
Hier ist noch so ein Leckerbissen aus ziemlich oldschool, vereinzelt ’77-angehauchter Garage Punk-Vorzugsware der suchtgefährlichen, unverschämt eingängigen Machart, von der Leine gelassen von einer Band aus Long Beach, Kalifornien auf ihrer jetzt schon fünften EP. Auf jener verleihen sie ihrem Sound eine im Vergleich zu den Vorgängern deutlich ungeschliffenere Kante und das steht diesen Songs ausgesprochen gut, die aber auch für sich genommen schon aus der Masse herausstechen indem sie sich nicht allzu sehr auf den Glanz ihrer Jahrzehnte alten Grundzutaten verlässen sondern die althergebrachten Songs und Strukturen bombenfest in einem Fundament aus unerschütterlicher Songwriting-Substanz verankern.
Dieses neue Tape der Londoner Botox versucht überhaupt nichts neues aber in dem was es sich vornimmt, trifft es absolut den Nagel auf den Kopf wenn es ein primitives aber hochprozentiges Gesöff aus ’77er-, KBD- und Garage Punk destilliert, das zu so 35% aus Fuzz und 45% aus Attitüde besteht und die übrigen 20% aus einem hauchdünnen Fundament zeitbewährter oldschool Punk-Tropes und -Formeln, die ihren Job hier ganz tadellos verrichten in einem Sound, der zu den sparsam-effektivsten Detonationen gehört, die mir in letzter Zeit so begegnet sind.
Eine entzückende und Spaßkanone von einem Debüt hat da eine Band aus Pittsburgh, Pennsylvania abgeliefert. Der instrumentale Opener Liftoff Jam (White Boys in E) schwillt an zu einem monotonen Monster aus psychedelischem Nebel, was ein bisschen so klingt als würden MX-80 und Chrome mit frühen The Men verschmolzen, woraufhin der Rest der EP sich dann aber eher auf eine handlichere Klangästhetik aus geradlinigem, moderat Stooges-infiziertem Garage Punk eingroovt, der sich vereinzelt auch mal Hardcore-Tempos und -Energieleveln annähert und sich jederzeit von der Masse abzuheben weiß mit seinen subtil psychedelischen Obertönen und einer konstanten melodischen Unterströmungen, die sich als roter Faden durch ihr oldschooliges Garage- und Proto Punk-Feuerwerk erstrecken.
Zugegeben, eigentlich ist die Debüt-LP dieser Band aus Pittsburgh, Pennsylvania eine gewisse Mogelpackung, sind die ersten fünf Songs doch eins-zu-eins von ihrem 2023er Demo übernommen. Andererseits ist es aber doch ganz nett, dass jene Songs jetzt einen offiziellen Release erfahren und die sechs neuen Songs sind allesamt auf ebenbürtig hohem Niveau! Der Opener Nothing Left geht direkt nach vorne mit einem unverkennbaren Proto- und First Wave US Punk-Vibe auf, der unter anderem an Stooges, Dead Boys und Gun Club denken lässt. Televised Violence fühlt sich daraufhin fast so an, als hätte man Radio Birdman und Saints mit den Hot Snakes und exzentrischen ’80er Hardcore-Acts wie Really Red und Saccharine Trust verquickt. Über die gesamte Laufzeit ist auch ein oldschooliger Garage Punk-Vibe nicht zu übersehen, der irgendwo zwischen Pagans und Dead Moon sein Ding treibt und nicht zuletzt ist da noch ein großes Maß an früher Westküsten-Energie im Spiel. Im Zusammenspiel mit trittfester Songsubstanz destilliert sich das zu einem starken und explosiven Cocktail aus primitiver Punk Rock-Exzellenz.
Noch ein stolzer Fang hat hier mal wieder das hypersensible Frühwarnsystem des Garage Punk-Überlabels Feel It Records aus Cincinnati, Ohio ausgelöst. Die Band aus Minneapolis teilt sich unter anderem Mitglieder mit Green/Blue, Citric Dummies und noch einen ganzen Haufen anderer mehr oder weniger einschlägiger Bands und versprüht auf ihrer Debüt-LP einen ultraeingängigen ’77er Vibe, der nahtlos die Welten der frühen US- und UK-Szene vereint, etwa wie eine Verschmelzung von Dickies, Dead Boys und Adverts, aber auch jüngere Bands bieten sich als Referenzen an wie etwa Shop Talk, The Celebrities, Tommy and the Commies, Sick Thoughts, Bad Sports und Tropicana.
Zwei neue Veröffentlichungen sind hier diese Woche reingerollt, die mit ganz unverblümt oldschooliger Ästherik hantieren und beide überzeugen auf etwas unterschiedliche Art und Weise. No Brains aus dem niederländischen Utrecht präsentieren eine kompromisslos geradeaus gehende Mischung aus zeitlosem Garage Punk und vage KBD- und Hardcore-verwandten Geräuschkulissen der frühen ’80er Jahre. Das bewerte ich mit 0/10 Sternchen für Originalität und 20/10 Sternchen für unnachgiebigen Druck und Energie. Ergibt gemittelt 10/10 Punkte. Du siehst das anders? Pfft, die Mathematik gibt mir Recht. Komm drauf klar. Ebenfalls reichlich Garage-Action hat die brandneue EP der Kalifornier The Celebrities aus dem US-Garagenbollwerk Total Punk Records im Gepäck, wenn auch mit einem stärkeren Powerpop- und ’77-Vibe. Etwas relaxter im Tempo, ist das nichts desto trotz ein Bündel einwandfrei spaßiger Tunes mit einer starken Dead Boys-meet-Dickies-Energie unter der Haube, ein exquisiter Zuckerrausch der sich, zugegeben, manchmal ganz schön käsig zu werden traut aber dankenswerterweis wird das jederzeit mit meisterlich gearbeiteten Wänden aus Fuzz gekontert. Ich geb dem 11/10 Punkte für den Glamour und die Starpower. Tja, Mathe halt. Kannste nix machen.
Der Nachfolger zum sensationellen letztjährigen Debüt-Tape AN/AL des New Yorker Garage Punk-Zauberers Jean Mignon hat etwas weniger stilistische Vielfalt an Bord als jenes, gleicht das aber vollkommen aus durch einen durchweg empfindlich erhöhten Energielevel seiner schnörkellosen Garage Punk-Klopper hier, unaufhaltsam vorangetrieben, hochentflammbar und mit mehr als nur einem Hauch von Proto Punk im Allgemeinen und der New Yorker Szene ca. ’74-’77 im Speziellen.