Kommissars – Kommissars

Das erste Tape der Kommissars aus Sudbury, Kanada macht mit durchweg kompetentem Post Punk schon mal ordentlich gespannt auf die zukünftige Entwicklung der Band. Über den Gitarren schwebt hier öfter mal ein subtiler Sonic Youth-Vibe, ansonsten erinnern mich die fünf abwechslungsreichen Songs stellenweise mal an frühe Protomartyr, Sarcasm, Rank/Xerox oder Marbled Eye.


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The Effects – Eyes To The Light

Dischord Records hat ein Album veröffentlicht. Diese Tatsache ist heutzutage an und für sich schon ein sehr erwähnenswertes, weil selten gewordenes Ereignis. Und dann handelt es sich auch noch um die aktuelle Band von Devin Ocampo, der in den 90ern bei der (in meinen Augen) Postcore-Legende Smart Went Crazy am Werk war, später denn bei den von mir heißgeliebten Mathrockern Faraquet und Medications. Zwischenzeitlich war er außerdem bei Deathfix aktiv, die sich aus Mitgliedern letztgenannter Band und Fugazi-Drummer Brendan Canty zusammensetzten. Seine aktuelle Band The Effects versprüht dann auch mal wieder den unverwechselbaren Vibe seiner alten Projekte, verbindet das beste aus allen Welten. Die Komplexen Arrangements von Faraquet treffen auf die schrammelige Leichtigkeit der Medications und die Eingängigkeit der alten Smart Went Crazy-Scheiben. Dabei lassen Ocampo & Co mehr als je zuvor eine Vorliebe für progressives Gegniedel raushängen, was ich angesichts der Hochwertigkeit in Songs und Darbietung aber problemlos tolerieren kann. Mir wird mal wieder richtig klar, wie sehr ich das vermisst habe.



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Sodium Beast – Night Club Tonite

Ein starkes zweites Tape hat die New Yorker Band da vorgelegt, ein massiver Qualitätssprung im Vergleich zum eher mauen Vorgänger. Noise Rock mit exquisitem Vorschub und einem sehr postpunkigen Unterbau gibt es zu hören, der sich gut ins Umfeld aktueller Bands wie Tunic, Dasher, USA Nails oder Batpiss einfügt.


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Chain & The Gang – Experimental Music

2017 war ein bemerkenswert geschäftiges Jahr für diesen Mann, der mit Leichtigkeit die Rollen des Rock’n’Roll-Poeten, Aktivisten, Philosophen, Performance-Künstlers und Essayisten (Wink/mit dem/Zaunpfahl) in einer Person vereint. Ian Svenonios, bekannt auch aus alten Bands und Projekten wie The Nation Of Ulysses, The Make-Up, XYZ und Weird War, hat dieses Jahr bereits eine Art Best Of-Album mit seiner derzeitigen Band Chain & The Gang veröffentlicht, das ausschließlich Neuaufnahmen der alten Songs enthielt. Im November kann man sich außerden auf das erste Album seines Soloprojekts Escape-ism freuen. In der Zwischenzeit haben Chain & The Gang noch kurzerhand ihr fünftes Album rausgehauen. Schnell und dreckig mit Vierspur-Technik aufgenommen, erstrahlt das ganze nach den etwas cleaneren letzten Alben jetzt wieder im besten Vintage-Sound, der ihnen eh besser steht. Und die zehn Songs, die sich überwiegend wie gewohnt ums Überleben im scheiternden Kapitalismus drehen, gehören mit zum besten, was die Band bislang verbrochen hat.



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Lipups – 7ep2

Die dritte EP der Band aus Tokyo (auf Bandcamp für einen sehr, nun ja… japanischen, also recht gesalzenen Preis zu bekommen) gefällt mal wieder mit einem sehr verspielten Sound, der sich zu gleichen Teilen aus Garage- und Postpunk speist. Könnte man z.B. als eine postpunkigere Version von Reality Group oder eine garagelastigere inkarnation von Marbled Eye bezeichnen.

Jackson Reid Briggs & The Heaters – Spit On It And Give It A Name

Das hier ist bereits das zweite Album, das die Band aus Melbourne in diesem Jahr veröffentlicht hat. Und so langsam müssen das dringend mal mehr Leute mitbekommen, denn wie schon der Vorgänger ist das Album ein definitives Highlight des Jahres. Unglaublich Ärsche tretender Punkrock ist das nach wie vor, mit variablem Garagenfaktor. Aber während das erste Album When Are You Going To Give Up On Me So I Can Give Up On Myself noch eine einzige kompromisslose Attacke war, ist der neue Langspieler abwechslungsreicher und melodischer ausgefallen. Eine subtile Noise-Kante hat das stellenweise und auch die folkigen Einflüsse der letzten EP scheinen vereinzelt wieder durch. Entsprechend fällt mir auch kein treffender Vergleich zu einer bestimmten Band ein, aber in unterschiedlichen Momenten kann man sich mal an X (sowohl die Amis als auch die Australier), Scientists oder Naked Raygun erinnert fühlen.



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Phantom Works – Ohms EP

Phantom Works kommen aus Chicago, klingen auch nach Chicago. Absolut klassischer, intelligenter Lärm, der irgendwo im Noiserock/Mathrock/Postcore-Genrekomplex zuhause ist und deutliche Assoziationen zu den goldenen Touch&Go-Zeiten weckt.


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Sleepies – Melt To You

Die New Yorker Sleepies lassen mal wider was von sich hören in Form eines ziemlich blauen Kurzspiel-Tapes. Ihre wuderbar fluffige Mischung aus Indie Rock und Postpunk, die man inzwischen schon fast wieder als oldschoolig bezeichnen könnte, hat über die Jahre kein bisschen von ihrem Charme eingebüßt.


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Protomartyr – Relatives In Descent

Als ich das zweite Album Under Color Of Official Right von Protomartyr aus Detroit zum ersten mal zu hören bekam, traf mich ihre Musik ganz unvorbereitet. Der recht ordentliche Vorgänger No Passion All Technique gefiel mir schon nicht schlecht, ließ aber nicht annähernd erahnen, was für Höhen die Band später noch erklimmen würde. Plötzlich war da also diese angepisste Giftspritze von einer Platte, getragen von den außergewöhnlich einfallsreichen Arrangements einer Band, die mit allen Mitteln daran arbeitet, die Konventionen des Postpunk-Genres zu überwinden. Und ein perfekter Klangteppich für die von Joe Casey in einer Mischung aus Wut und Resignation vorgetragenen Vocals, die nicht selten in scharfzüngige Rants ausarteten. Viel besser kann zeitgemäßer Post Punk doch kaum werden.

Dachte ich. Und dann kam The Agent Intellect. Ein vor Ambition berstendes Album, das den Fokus stärker nach außen, auf das Weltgeschehen richtete und dessen Grundstimmung von tiefer Melancholie und Weltschmerz zu einem losen Konzeptalbum von epischen Ausmaßen kanalisiert wurde. Ein eindringliches Statement über die universellen Abgründe der menschlichen Existenz in einem Umfeld, das zunehmend den Verstand und jegliche Vernunft hinter sich lässt. Ich ging zu dem Zeitpunkt davon aus, dass Protomartyr damit ihren kreativen Zenit erreicht hatten.

Seither sind knapp zwei Jahre vergangen, deren Ereignisse sich in ihrer geballten Wucht anfühlen als wäre die Menschheit bereitwillig und vor Freude johlend in einen Pool aus Scheiße gesprungen. Man kann’s auch nicht mehr ignorieren, der Gestank ist einfach zu penetrant und allgegenwärtig. Nun ist besagte Scheiße ja auch der Brennstoff für die Musik von Protomartyr, das Potenzial für ein ordentliches Feuer ist also gegeben.

Und was für ein prächtiges Feuer sie hier veranstalten! Wie schon beim letzten mal, als ich dachte, Protomartyr könnten da kaum noch einen draufsetzen, übertrifft sich die Band ein weiteres mal selbst. Die diversen Ereignisse sind natürlich nicht spurlos an Joe Casey vorbei gegangen. Direkter als je zuvor nehmen seine Lyrics Bezug auf das Zeitgeschehen, spiegeln mit deutlichen Worten und ausdrucksstarken Bildern die allgemeine Befindlichkeit, das Chaos, den Zerfall, die Verwirrung einer Welt wieder, die ihre bedrückendste existenzielle Krise seit langer Zeit durchlebt. Dazu passend schlägt auch die Musik zunehmend getragene, nachdenkliche Töne an. Mit abermals gesteigertem emotionalen Punch. Keine Frage, Protomartyr fahren mal wieder ganz beachtliches Drama auf. Dass das funktioniert, ist ihrem bis dato besten, sorgfältig konstruierten Songmaterial von beeindruckener dramaturgischer Finesse geschuldet. Die Platte ist eine verblüffende, niederschmetternde, spektakuläre Abfahrt. Und Protomartyr sind die wichtigste Band der letzten Jahre. Punkt.



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Metz – Strange Peace

Album Nummer drei der Noiserocker aus Toronto, die es derzeit wohl als einzige Band dieses Genres schaffen, ein gewisses Maß an Medien-Buzz zu generieren. Mir fielen so einige Bands ein, die das auch verdient hätten. Aber in der gegenwärtigen Aufmerksamkeits-Ökonomie der Musikmedien scheint kein Platz für mehr als eine derartige Band zu sein. Metz waren halt früh genug dabei, bevor alles den Bach runter ging (darüber habe ich mich hier ja schon mal ausgelassen…).

Große Veränderungen braucht man bei dieser Band ja nicht zu erwarten, dennoch kann man ein paar Neuerungen feststellen. So findet man auf dem neuen Album eine untypische, zaghaft eingesetzte Melodiösität und vereinzelte psychedelische Einflüsse, wie sie am deutlichsten in Sink zum tragen kommen. Ich bin diesbezüglich etwas gespalten. Einerseits überzeugt die Band immer noch am meisten, wenn sie in klassischer Manier losbollert. Andererseits wird es aber auch Zeit für musikalische Weiterentwicklung. Es ist nämlich fraglich, ob die Welt nochmal einen Neuaufguss der ersten zwei Alben braucht.