Saumäßig Randale machen Jesuslesfilles aus Montreal mit ihrem supereingängigen Garagen-Post-Punk, aufgelockert durch gelegentliche Spuren von Surfrock. Ist mir eigentlich scheißegal worüber die singen (ich verstehe vielleicht fünf Worte Französisch). Wenn jemand derart gekonnt den Putz von der Decke haut bin ich sofort angenehm betäubt, dank der universellen Sprache des Rock’n’Roll.
Dass langjährige Musikblogger ihre eigenen Labels starten ist ja kein neues Phänomen und gehört inzwischen wohl eher schon zum guten Ton. Aber wenige scheinen das so ernst zu meinen wie Onkel Masala (nicht sein echter Name) von der australischen Bloginstitution (naja, in einer gerechteren Welt…) Sonic Masala. Katalognummer 3 ist erwartungsgemäß wieder ein wundervolles Album, vielleicht die schönste Veröffentlichung bisher. Tape/Off aus Brisbane spielen diese Art von in den 90ern geerdetem Indierock, der spürbar Herzenssache ist und sich deutlich von der gegenwertigen Schwemme an ach-so-coolen Bands abhebt, denen es reicht sich in eine medienwirksame aber oberflächliche Slacker-Pose zu werfen. Sie spielen ganz offensichtlich nicht einfach ihre Einflüsse nach, sondern haben sie sich einverleibt, zu eigen gemacht und gelernt sich in dieser Sprache auszudrücken. Es ist ja ganz offensichtlich nicht so schwer, einer Lieblingsband von damals ähnlich zu klingen. Dabei aber einen eigenen Ausdruck zu finden, etwas neues und sehr persönliches damit zu kommunizieren, bleibt wenigen Musikern vorbehalten. Diese Platte aber schafft es, zu mir mit einer eigenen Stimme zu reden. Das Album ist lose inspiriert von ihrer Heimatstadt, und tatsächlich klingt es wie eine dieser Platten, die nur an einem bestimmten Ort entstehen können und ein gutes Stück der dortigen Atmosphäre und dem Geist ihrer Bewohner zu transportieren weiß. Behauptet zumindest eine alte Couchkartoffel wie ich, die nicht besonders viel in der Welt rumgekommen ist. Musikalisch sind da die bekannten Einflüsse im Spiel. Archers of Loaf, Pavement und Sebadoh sind da mal wieder zu nennen und – so müde ich auch bin, das zu jeder zweiten Band zu sagen – Sonic Youth haben natürlich ihre Finger im Spiel. In ihren lärmenderen Momenten (davon gibt es hier mehr als genug) könnte man Solids als etwas aktuellere Referenz anführen.
Wie vorgestern im Fall Hysterese haben wir es hier schon wieder mit einer deutschen in Deutschland ansässigen Band (die drei Neuseeländer haben’s sich derzeit in Berlin gemütlich gemacht) zu tun, die dem alten langsam inkontinent werdenden Arschloch namens Punkrock nicht nur dank hervorragender Songwriting-Qualitäten nochmal etwas Leben einzuhauchen vermag, sondern dem ganzen auch noch ihren ganz eigenen persönlichen Stempel aufzudrücken weiß. Das erinnert mich mehr als einmal an die großartigen Leatherface in ihren derberen Momenten, aber auch eine ausgeprägte bluesig-countryfizierte Kante ist vorhanden, die sie nicht unbedingt musikalisch, aber doch im Geiste etwas näher an The Gun Club rückt.
Diese Noisepunk-Combo aus Toronto lärmt ein bisschen so als hätten die Nachbarn von METZ ihre atonalen Bestrafungsriffs durch eine gute Dosis doomigen Rock’n’Roll á la Destruction Unit ersetzt. Geht nach vorne wie Sau, ist dabei aber eben auch durchaus eigängig und unter der rauhen Oberfläche verbirgt sich so die eine oder andere Melodie, die einem nicht mehr aus dem Kopf will. Auch Sonic Youth-artige Harmonien und Noiseattacken sind mit an Bord, angereichert um subtile Psych-Einflüsse. Die derzeitige Welle düsterer Postpunk-Kapellen wie etwa Lower wären auch kein ganz falscher Vergleich.
Hervorragendes Punkgedöns der schnörkellosen und melodischen Machart von dieser Band aus Tübingen, der bestimmt das Rad nicht neu erfindet, einem dafür aber auf derart hohem Niveau zehn vorwärts stürmende, eingängige Hymnen um die Ohren haut, dass jegliche Kritik verschämt in der geballten Faust dahinsiechen muss. Könnte Freunde aktueller Krawallmacher wie etwa Autistic Youth sehr glücklich machen. Die Platte überzeugt von vorn bis hinten ohne nennenswerte Schwachpunkte. Erinnert ihr euch noch an Punkrock? So geht das richtig.
Wow. Schwer zu greifendes, wahnsinnig ambitioniertes Debüt dieser Band aus New Paltz im Bundesstaat New York. Die möglichen Referenzen aufzuzählen würde den Rahmen sprengen, aber besonders oft fühle ich mich an den epischen Post-Emo alter Appleseed Cast-Platten erinnert und The Cures trauriger Pop-Meilenstein Disintegration scheint immer wieder durch. Auch Chokebore oder Cursive zu Ugly Organ-Zeiten sind da zu nennen. Das alles wird dann zusammengehalten von einem Sänger, dessen Organ wie eine Kreuzung aus Greg Dulli und Chino Moreno klingt. Die Band des Letzteren könnte auch durchaus ähnlich klingen, wenn sie mal den Moshfaktor gröstenteils ausradieren würde. Trotz der vereinnahmenden Düsternis der Platte und des eher schleppenden Tempos hat fast jeder Song hier einen seltsam Hymnischen Charakter, eine weitere Qualität, die sie mit genannten Bands gemein haben.
Postpunk-Trio aus Lexington, Kentucky. Musikalish irgendwo zwischen sägendem aber melodischem Punkrock und der etwas derberen Seite des Shoegaze-Kosmos zu verorten. Stell dir ‘ne Mischung aus Swervedriver und Hüsker Dü vor, das käm dem schon halbwegs nahe. Aber auch der düstere Postpunk/-core von aktuellen Bands wie Criminal Code oder The Estranged ist nicht so weit ab davon.
Entspannt vor sich hin Groovender Retro-Garagenrock mit hohem Twangfaktor aus Los Angeles. Lässt spätgeborene wie mich sofort fakenostalgisch in erlogenen Erinnerungen an die Psychedelische Ära schwelgen, als alle bessere Frisuren hatten und gute Drogen noch billig waren. Dazu an allen Ecken und Enden diese wunderbar einlullenden Surfgitarren und ein durchgehend melancholischer Unterton, der sehr an Crystal Stilts oder The Fresh and Onlys erinnert.
Noise-/Postcore Band aus San Francisco. Könnte man vielleicht als im Tempo gedrosselte Version der Hot Snakes sehen, angereichert um Elemente aus dem Noiserock der Neunziger Jahre. Unsane könnte man da als Beispiel nennen. Wirklich prägnant sind hier aber die deutlichen Grunge-Untertöne, die dieser Platte eine ungewöhnliche Eingängigkeit und eine wohlige Vertrautheit verleihen.
Das Duo aus dem kanadischen Halifax spielt psychedelischen Garagenrock mit hohem Spaßfaktor. Gelegentlich mit einer powerpoppig-verträumten Note. Eingängig, simpel und ab und zu mit einem kleinen Hauch von Wahnsinn. Die Platte gibt’s im Shop des Labels in so ziemlich jedem erdenklichen Format zu erstehen.
Diese Woche wollen die hochkarätigen Veröffentlichungen einfach nicht abreißen. Heute dran: Der neueste Streich einer Band aus Chicago, erschienen auf dem Qualitätslabel Exploding in Sound, ist vorzüglicher Postcore, der stark an 90er Dischord-Bands wie etwa Lungfish, Shudder Think oder Bluetip erinnert, aber auch der zeitgleich stattgefundene Noiserock von Jesus Lizard oder Chavez hat wohl deutliche Spuren hinterlassen. Das ganze bewegt sich aber weniger auf der verkopft-vertrackten Seite, sondern beackert die explosiv rockenden Facetten jenes Genrepools und enthält auch einige waschechte punkige Indierock-Hymnen, so wie sie selten geworden sind. Das fügt sich auch ganz gut in eine Reihe mit aktuellen Labalmates wie etwa Grass is Green, Ovlov oder Krill. Toll.
Supereingängiger und angenehm stupider Garagenpostpunk von einem Trio aus San Diego, vorwärtsgetrieben von einer prähistorischen Drum Machine und, ähem… veredelt… durch oftmals eher unsubtilen Synth-Einsatz.
Die letztes Jahr erschienene EP Mitanni Mares dieser Kapelle aus Budapest ließ ja schon gespannt aufhorchen, aber jenes kleine Beben konnte mich in keinster Weise vorbereiten auf diesen Erdrutsch von einem atmosphärisch dichten Album. Ohne Scheiß, beim ersten Hördurchgang fiel mir von den ersten Takten an die Kinnlade mal sowas von auf den Boden. Und ich bin wirklich nicht mehr so leicht zu beeindrucken.
Es ist ein Album der scheinbaren Widersprüche. Semi-sinfonische Chorgesänge und new-agiges Geschwurbel treffen auf Blastbeats, Noiseattacken und selbst für einen überraschenden Bläsereinsatz ist hier Platz. Über weite Strecken zieht sich ein gewisser Gothic-Vibe durch die Songs, aber auch ein Psychedelisches Bluesriff kann da mal als Songfundament herhalten. An jeder Ecke passiert hier irgend etwas spannendes, aber nicht nur das. Am Ende hat das auf Albumlänge alles Hand und Fuß. Selbst in den konventionelleren Momenten können sie mit drückendem Postcore überzeugen, der stellenweise etwas an White Lung erinnert. Außerdem durchzieht das ganze Album eine unglaublich traurige wie auch epische Atmosphäre, eine surreale Andersweltlichkeit wie ich sie schon lange nicht mehr gehört habe, erst recht nicht auf einer Art Punkalbum.
Gustave Tiger haben hier ein ziemlich unvergleichliches Stück Musik erschaffen und man kann nur hoffen, dass sie damit auch außerhalb der ungarischen Landesgrenzen die Beachtung bekommen, die sie sich redlich verdient haben. Ich bin da mal verhalten optimistisch.
Tolle Einreichung dieses wundervollen Punktrios aus dem kanadischen Greater Sudbury. Punk ist hier relativ zu verstehen, denn das hier ist eine ziemlich verschrobene, stark angeblueste Mixtur aus so einigem was melodischer Punk- und Indierock über die Jahrzehnte so hervorgebracht hat. Etwa so: Gun Club trifft auf die Weezer der Pinkerton-ära, oder Thermals auf den den postfolkigen Indierock von Cursive oder Bright Eyes. Built to Spill mit mehr Feuer unter’m Arsch. Das sind neun eingängige aber keineswegs glatte Rocker mit leicht rootsiger Kante. Macht auf jeden Fall ungemein glücklich, die Platte.