Nach der spektakulären Debüt-EP vor einigen Wochen liefern Temporary Curse aus Austin, Texas ein ungleich kruderes, unpoliertes - aber nicht weniger aufregendes - Bündel neuer Tunes nach, die sich allesamt in den exzentrischeren Sphären des Garage-/Synth-/Eggpunk-Spektrums aufhalten. Weniger catchy insgesamt, dafür aber hochenergetisch, gibt das einen durchweg soliden Nachfolger ab für eine EP, die ehrlich gesagt auch nicht leicht zu toppen war und auch als die schwächere von beiden Veröffentlichungen ist das dennoch ein unglaublich Spaß machender Klumpen des exzentrischen Lärms.
Irgendwie scheinen die Kids ja wieder auf Shoegaze zu stehen in den letzten Jahren und doch passiert da irgendwie herzlich wenig, wofür ich mich begeistern kann in einem Umfeld, in dem die meisten Bands sich völlig damit zufrieden geben, ein austauschbares Bett aus leichter Ambient-Hintergrundberieselung zu erzeugen auf dem man zugegebenermaßen ganz gut einschlafen kann, dem es für andere Anlässe aber an Biss und Lärm mangelt und der die Songsubstanz, den Punk-Antrieb und die Energie früherer Generationen vermissen lässt. Mopar Stars aus Philadelphia sind da mal eine ganz andere Angelegenheit und eine durchweg erfreuliche Ausnahme, die den Geist etwa von Swervedriver, Pale Saints und frühen Catherine Wheel wiederbelebt und gleichzeitig die Klangpalette um Tugenden des eleganten Powerpop-Songwritings der '70er bis '80er Jahre erweitert, zu einem Resultat das mich besonders noch mal an das frühe Schaffen in den späten 80ern vom britischen Noise Pop-Act Mega City Four erinnert.
Immer ein großer Spaß, eine neue EP der besten Addresse in der Ukraine für quirlig-eingängige Eggpunk-Qualitätsware, welche die Ästhetik von so Genre-Grundpfeilern heraufbeschwört wie Prison Affair, Beer, Set-Top Box, Autobahns, Goblin Daycare, Midgee... Yup, dieser spezielle Zweig des Genres mausert sich zu einem bemerkenswert internationalen Phänomen und es ist pures Vergnügen, das zu verfolgen.
Wenn du dachtest, die 2022er EP dieser Band aus Montreal wäre schon reichlich schräg und total Banane gewesen, sagen Pressure Pin so: "Hold my Beer", denn das war alles noch gar nichts! Die zweite EP legt die Messlatte noch mal deutlich höher sowohl bezüglich aufwendiger Songkonstrukte als auch was freidrehendes Chaos und ungezügelte Kreativität angeht in einer Gesamtästhetik, die irgendwo im Nebel von Garage-, Synth-, Art und Eggpunk herumgurkt mit einem deutlichen Devocore-Einschlag, und es gleichsam voll darauf anlegt, alle Grenzen und Konventionen besagter Genres zu sprengen. Das ist genau jener eklektizistische "anything goes"-Ansatz der mich insbesondere an jüngere Werke von Trashdog und Checkpoint erinnert, aber wenn man das ganze mal auf seine grundlegenden Bauteile herunterbricht, kann man auch Parallelen zu zu den '90er Midi Pop-Exkursionen von Metdog erkennen, den Devo-ismen von Isotope Soap, der quirligen Freude von Snooper und den Garage-/Art Punk-Ohrwürmfabriken namens Smirk und Cherry Cheeks. Die Typen verbauen mehr Ideen und Inspiration in einen einzigen Song als viele andere Garagenbands für ein ganzes Album übrig haben.
Eine weitere saustarke EP dieser komplett entgleisten Hair Punk / Egg Metal Combo aus Los Angeles, die hier weiter ihren Status zementiert als die übel hirngefickten bösen Cousins der Elektropunk-Bollwerke ISS und Heavy Metal, wenn sie ein weiteres mal ein von Grund auf absurdes musikalisches Konzept auf lyrische Ergüsse prallen lassen, die irgendwo im Spektrum von "Der Zensor war pinkeln" bis "Hat er das jetzt wirklich gesagt?" rangieren. Nach wie vor eine Explosion des dementen Chaos' und ein absurder, surrealer Spaß.
Die ruhelose Berliner Post Punk-Szene liefert hier mal wieder ein hochklassiges Artefakt ab, das mit einem Umweg über Spezialisten von Future Shock Recordings in Cincinnati, Ohio zurück zu uns findet. Darauf balanciert die Band durchweg meisterhaft dunkle Abgründe und atmosphärische Breite mit einer konzentrierten, punktgenauen Klangattacke. Einerseits trägt das ziemlich klar die Handschrift der Berliner Umfelds und von so Bands wie Pigeon, Glaas, Clock Of Time, Pretty Hurts, Kalte Hand und Liiek. Gleichsam spüre ich da drin aber auch eine klare Verwandtschaft zu so US-Bands wie Kaleidoscope, Straw Man Army und Fantasma, die kürzlich erschienene LP der britischen Punks Subdued, Negative Gears aus Sydney... und vielleicht ein Hauch von Criminal Code? Wie auch immer, das ist hochwirksamer Scheiß hier!
Mehr Brain Fuck und Brain Fog als des selbigen Wäsche ist diese durchweg desorientierende neue EP eines gewissen italienischen Gentlemans namens Leonardo Carlacchiani aka Purp, eine überwältigende Welle von LoFi-mäßigem DIY Lärm und Psychedelia, die alles daran setzt, den Verstand nicht etwa zu brechen, sondern zu benebeln. Der Opener Mind Space kommt in etwa so rüber als hätte man den folkig-schrammeligen Powerpop von jüngeren Vaguess-Platten in den durchgebrannten Fuzz Pop-Kontext weiterer italienischer Genossen wie Mustard/Metal Guru und der jüngsten EP von Dadgad verfrachtet. Letzteres morpht dann in Labyrinthorama zu einem deutlich relaxteren Midtempo-Indie Rocker, der mir etwa Treehouse und frühe Tape/Off ins Gedächtnis ruft. Reminder Demons With Gufo Mangia Sale ist pure Space Blues-Unendlichkeit. Astral Angel klingt ein bisschen nach frühen Pixies, verlangsamt zu einem deprimierenden Kriechtempo und bekommt zusätzlich einem Nachgeschmack von '90er Chokebore verpasst. Ladybug's Ballata With Bobby Chombo zieht einen No-Fi-Flickenteppich aus My Bloody Valentine und Dinosaur Jr durch einen psychedelischen Flying Saucer Attack-Fleischwolf, gefolgt von I-Ching, das eine Brücke schlägt von frühen Japandroids zu den Noise-/Fuzz Pop-Acts der späten 2000er / frühen 2010er á la No Age, Wavves und Male Bonding.
Eine weitere Achterlicht-EP sorgt erneut für einen beachtlichen Wumms und sprengt vom bisherigen Output der Niederländer mal locker das größte Loch in die Decke. Die Band hat noch nie so tight geklungen wie hier und das Songmaterial signalisiert ebenfalls einen massiven Sprung nach vorne in einem einzigen Spektakel aus gefährlichen Hooks und hartnäckigen Melodien grob im Fahrwasser von so Garage-/Synth-/Eggpunk-Schwergewichten wie Dadar, Satanic Togas, Research Reactor Corp. und Gee Tee.
Wow, ist das mal eine fantastische Debüt-EP von einer Band aus Philadelphia, die sich darauf mit einem erdigen, dissonanten und mittelgradig exzentrischen Mix aus Art- und Post Punk zu schaffen macht. Das monotone, no wave-mäßige Geschrammel des Openers The Shield lässt dabei an den Minimalismus von Shop Regulars oder Honey Bucket denken, während Green Man mehr von einem früh-'80er The Fall-Vibe mitbringt und weitere Ähnlichkeiten etwa zu den Stadtnachbarn Toe Ring und B.E.E.F. 39X hat. Die Bösen Grooves in Gangstalker hingegen halten eine empfindliche Balance aus Dissonanz und Eingängigkeit und channeln damit eine etwas stacheligere Inkarnation von Lithics, gekoppelt mit so einiger dissonanter Glenn Branca- und '80er Sonic Youth-Gitarrentextur, wie wir sie vor nicht allzu langer Zeit etwa von Self Improvement gehört haben.
Diese Leipziger Band ließe sich recht einfach wegsortieren als ein weiteres Artefakt des deutssprachigen Post Punk irgendwo zwischen so Acts wie den frühen L'apell Du Vide, Hyäne, Kalte Hand und Die Wärme aber so naheliegend wie dieser Vergleich auf den ersten Blick wirken mag, sind hier bei genauerer Betrachtung doch noch ganz andere Unterströmungen zu erkennen, die weit über einen oberflächlichen Neuaufguss einer etablierten Formel hinaus gehen. Zum Beispiel sehe ich hier nicht weniger Parallelen zu einer Anzahl von internationalen Acts - Criminal Code drängen sich als erstes auf aber auch Negative Gears, Sievehead, aktuelle Longings und Pyrex erscheinen mir da nicht zu weit hergeholt.