Bad Shout aus Cardiff konnten bereits eine vielversprechende Debüt-EP im letzten Jahr verzeichnen und einen noch etwas stärkeren Nachfolger dieses Jahr im Sommer, aber für mein Empfinden taten sie sich schwer damit, dem müßigen Status als "durchaus nett, aber noch nicht ganz da" zu entkommen. Nu ja, was soll ich sagen... mit der neuesten EP ist die Band aber mal sowas von angekommen, auf welcher sie gekonnt zwischen ordentlich eingelaufenem, bluesigem oldschool Garage Punk, Hardcore-Ausbrüchen und powerpoppigen Ohrwürmern mit '77er Vibe, leichten Spuren von Dickies alternieren.
Es hat ein paar Jahre gedauert nach dem starken 2019er Demo aber zu guter Letzt ist doch tatsächlich mal die Debüt-LP von den Berlinern Benzin am Start und wird den hohen Erwartungen mehr als gerecht, wobei sich ihr zuvor stärker Garage-orientierter Sound sich jetzt mehr von einem Post Punk-Vibe zulegt während das Tempo sich zunehmend Richtung Hardcore bewegt. Der Scheiß hier umfasst so einige Tendenzen anderer Berliner Bands wie Rogue, DBR, Tanning Bats, Ponys auf Pump, Cold Leather, eine Synth-lose Variante von Gym Tonic oder auch die erste Puff! 7" lässt grüßen. Gleichsam lasse ich aber auch Vergleiche zu der Leipziger Szene gelten und Bands wie Ambulanz, Lassie, Onyon und Laugh Box... oder, wo wir eh schon von den Sachsen reden, würde ich sagen ein bisschen Pisse ist da auch drin. Aber die Einflüsse gehen über den Tellerrand der deutschen Szene hinaus - nicht zuletzt ist da auch ein starker Vibe von Surfbrett-schwingenden, frühen Westküsten-Punks á la Agent Orange, Germs und Adoloscents zu erkennen in Kombination mit jüngeren Erscheinungen der Sorte Warm Bodies, Warp, Judy and the Jerks, Vexx oder Itchy and the Nits.
Hier gibt's Nachschub von diesem "echte belgische Punk" an dem absolut nicht ein Typ aus Montreal oder ein New Yorker beteiligt sind, isch schwör ey. Musikalisch ihr ausgereiftester Output bisher, verschmilzt das die freimütig propagierten '80er Europunk-Einflüsse mit gleichen Teilen von Oi! und Post Punk, leichten Spuren von Death Rock aus der selben Ära. Aus jüngerer Zeit könnte man sie auch als einen extra primitiven und melodischeren Abkömmling des US Post Punk-Bollwerks Institute beschreiben, von denen - so habe ich gehört - auch jemand definitiv nicht in dieser Band mitspielt, versprochen!
Die zweite EP dieser Band aus Austin, die möglicherweise zu 75% aus rein imaginären Mitgliedern bestehen mag, strapaziert genau die richtigen Schmerz- und Genusspunkte im Nervensystem mit diesen drei wunderschön brennenden Mülltonnen aus primitivem, rohem Drei-Akkord Garage- und Fuzz Punk, der sich gerade eben ausreichend dement benimmt um anspruchsvolle Genießer von so Scheiß á la Buck Biloxi, ISIS oder Giorgio Murderer wunschlos glücklich zu hinterlassen.
Lasst euch nicht vom ziemlich standardmäßigen Surf Rock des Openers täuschen, denn was darauf folgt ist um einiges Spannender: Zwei mühelos schreddernde Garage Punk-Perlen mit einem leichten '77er Einschlag, innen gefüllt mit griffigen Hooks und eine Oberfläche reich an melodisch funkelnden Texturen. Insgesamt erinnert mich das ein gutes Stück an frühe Vaguess oder das absolut freidrehende Wild Rose-Demo von 2017.
Es gefiel mir schon sehr was ich auf der netten Split EP hörte, die das Duo (?) Jimsobbins aus Providence, Rhode Island, nun ja... in erster Linie mit sich selbst unter dem Alias Cindy veröffentlicht hatte. Diese neue digitale Single bringt mehr vom gleichen guten Scheiß. Den Anfang macht eine rundum kompetente Nerves-Coverversion, gefolgt von einem eigenen Song dessen quirliger Vibe sich etwa in der Nähe von so Krempel wie R.M.F.C., Billiam, Gonk, Shrudd, Music for Microwaves oder Liquid Lunch verorten lässt.
Auch wenn ich es immer noch nicht fertig gebracht habe, mich tiefer in die etwas einschüchternd massive Diskografie von Monda aus Totowa, New Jersey reinzuwühlen, muss ich ihnen dennoch zugute halten im Laufe dieses Jahres einen kräftigen Eindruck hinterlassen zu haben als eine sich konstant wandelnde und ruhelose kreative Gewalt. Wo die im Frühling erschienene LP Stiff Jumbo amtlich abgespackt seine schrille Fahne in den Wind hängte in der Form von kurzen Blitzen aus melodoischem Lärm und VIII in Sommer dann die klanglichen Parameter deutlich entpannte zu einer klassicheren Indie Rock-Ästhetik, begibt sich der neueste Langspieler in weiten Teilen in vergleichsweise, nu ja... benebelte Sphären würde ich mal sagen. Das ist ein ausgesprochen wolliges, ausgefranstes Bündel aus DIY-mäßigen Space-/Acid Punk-Exzentrizitäten, die in keinem Moment den kreativen Trieb, die menschliche Wärme, Neugier und Verwunderung verbergen kann hinter einer, zugegeben, ziemlich bekifften Fassade. Einerseits erinnert mich das stark an so Zeug wie Mononegatives, späte Useless Eaters, Pow! und einige der stärker Motorik-verschwurbelten Inkarnationen von The(e) O(h)Sees, wobei dann andererseits aber Songs wie I Alwys Have It Till I Need It, Chronic Embarrassment und Creek Time wiederum die gleichen melodischen oldschool Indie Rock- und Fuzz Punk-Qualitäten transportieren, die schon die beiden Vorgänger durchzogen.
Wo die durchschnittliche Band des 12XU-kompatiblen Spektrums doch eher dazu tendiert, ausgefeilter und feingeistiger zu werden bis sie anfängt zu saugen, scheinen The Unfit aus Seattle genau den umgekehrten Weg einzuschlagen und immer simpler und primitiver zu klingen bis sie vermutlich auch irgendwann ziemlich saugen werden. Aber aktuell sind sie davon noch weit entfernt und der Scheiß entfaltet seine Wirkung ganz vortrefflich, auch wenn - oder auch gerade weil - ihre fuzzigen Garage- und Post Punk-Tunes stellenweise auf ein geradezu Feedtime-mäßiges Level an monoton-repetitiver simplizität heruntergekocht werden.
Diese Band aus Minneapolis deckt ein interessantes Klangspektrum ab auf ihrer neuesten EP, von der kräftigen Fuzz Punk-Attacke in Like A Dream? über den Math- und Noise Rock-angehauchten Post Punk von Yeehaw! zum vergleichsweise geradeaus gehenden Garage Punk in Saved, woraufhin dann der abschließende Track 5678 unerwartet zu einer Art vernebelten Space Rock-Jam abdriftet. In unterschiedlichen Momenten erinnert mich das an einen recht vielseitigen Haufen von Bands wie etwa frühe Rolex, Cutie, Shark Toys, Reality Group, The Cowboy und Big Bopper.
Nach ihrem phänomenalen Debütalbum in 2020 und einer ungleich grimmigeren zweiten LP in 2022 liefert das New Yorker Duo jetzt etwas ab, für das mir das Wort Meisterwerk nicht zu weit gegriffen erscheint. Hier ist erneut eine absolut singuläre Vision am Werk, die sich einerseits im Rahmen von kontemporärem Post Punk und Postcore bewegt und sich gleichermaßen aber anschickt, dessen Grenzen und Limitierungen zu sprengen. Die Lyrics sind so unverblümt politisch wie auch emotional und introspektiv - desillusioniert aber dennoch immer mit einem Funken der Hoffnung... also kurz gesagt: Sie reflektieren die mentale Last die es mit sich bringt, mit offenen Augen durch eine Ära zu gehen in der die Menschheit mit einer Unzahl globaler und lokaler Krisen konfrontiert ist und gleichzeitig systemisch unfähig oder unwillig erscheint, einen nachhaltigen und praktikablen Weg für die Zukunft einzuschlagen; in der westliche Gesellschaften kollektiv den Kopf in den Sand stecken und globale Eliten allzu willig sind, jeglicher Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft zugunsten kurzsichtiger Anhäufung von Reichtümern eine Absage zu erteilen. Yo, der ganz alltägliche Zustand also. Aber nun gibt es großspurige politische Statements heute ja wie Sand am Meer und nichts hiervon wäre einer besonderen Erwähnung wert, wenn nicht die Musik so verdammt brilliant wäre, die hier erneut die Vielschichtigkeit der beiden Vorgänger aufweist mit filigranen Arrangements und dichter Atmosphäre, was sie hier letztendlich zur absoluten Perfektion verfeinern. Für mich fuhlt sich das an als hätte man den Geist der ersten Emocore-Welle - noch unbelastet von den Tropes, Klischees und Konventionen späterer Jahre - in die Gegenwart transportiert, mit einer einzigartig eigenen Stimme und ausgesprochen unvoreingenommen in seiner Vorstellung davon, was Punk Rock in 2024 sein und tun kann.