Kram-A-Xam – Maxi and Marky

Jau das ist ja mal ein gleichermaßen ansprechender und abgehobener Scheiß von einer Band unbekannter Herkunft, bei der es sich um ein Duo handeln mag oder aber auch nur die multiplen Persönlichkeiten von einem Solo-Typen. Also ja, auch die Faktenlage ist hier angemessen nebulös und undefiniert. Die ersten drei Tracks erinnern ein bisschen an eine Art Eggpunk-Variante des ganzen Feed/Zhoop/Brundle/Nightman/etc.-Clusterfucks mit weiteren Geschmacksnoten von funkigem ’80er Post Punk und No Wave, wobei hier aber auch insbesodere die Vibes der frühen Proto-Ära des Eggpunk gechannelt werden. 1 + 6 + 2 + 9 + 8 Milligrams macht einen unerwarteten Abstecher zum quirligen Electro Punk, der mich ein bisschen an Freak Genes erinnert, deren älteres Schaffen hier unter anderem auch in Sallywagger reflektiert wird, zusammen mit einer kleinen Dosis Skull Cult. Um den Spaß komplett zu machen, haben einige der schnörkellos-gitarrenlastigeren Songs wie z. B. Big Man eine ausgesprochen altmodische Qualität vom Schlage Neo Neos oder frühem Erik Nervous.

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Pill Time – Extended Release

Hier haben wir eine absolut knorke kleine Debüt-EP von einer Band aus Cleveland, Ohio. Die entzückt darauf mit einem ziemlich wandlungsfähigen Ansatz an Garage Punk, der einerseits ein bisschen von einer ’77er Note hat – nicht ohne Grund ist der Opener eine ziemlich steile Coverversion eines Black Randy and the Metrosquad-Songs – im weiteren Verlauf sich aber ausgeht wie eine gemischte Wundertüte aus Punk-Projektilen erster Güte mit einer schwankenden Menge von KBD- und Devo-fizierung, was in unterschiedlichen Momenten auch an einen farbenfrohen Strauß an aktuellen Bands erinnern mag wie etwa Tyvek, Skull Cult, Jean Mignon, Parquet Curts, Sick Thoughts und D. Sablu.

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Missvnaries ov Charity – Petrolevm Jelly

Die zweite EP der Dänen Missvnaries Ov Charity ist definitiv mal eine angenehm kuriose Anomalie in unserer Zeit. Ihr Post Punk-Sound – gesättigt mit stark nach ’80ern riechenden Drum Machines und auch ansonsten viel von der üblichen Produktionsästhetik jener Ära sowie deutlich New-Wave-mäßigen Untertönen – erinnert mich in der Tat an so ziemlich gar nichts aktuelles und stattdessen an eine Reihe von alten Homestead Records- und Touch and Go-Veröffentlichungen von Bands wie etwa Breaking Circus, Flour und Nice Strong Arm. Alle davon würde ich mal eher als Deep Cuts der Post Punk-Geschichte einordnen (wobei aber insbesodere Nice Strong Arm rückblickend mehr Respekt verdienen!), womit ich sagen will: Jau, das alles ist eine wundervolle und rar gesäte Abweichung von der täglichen Post Punk-Routine. Brauchen wir mehr von!

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Public Body – Finger Food

Ich muss eingestehen dass ich nach einer ausgesprochen starken 2019er Debüt-EP meine Schwierigkeiten hatte, mich für die nachfolgenden EPs und insbesondere die 2023er Big Mess LP dieser Band aus Brighton zu erwärmen, die mir einfach etwas zu rigide auf die populäre Standardformel des hippen britischen Post Punk-Chic abzuzielen schien mit den üblichen verräterischen Anzeichen wie einem etwas zu glatten Produktionsstil, einem Übermaß an polyrhythmischen Gitarrenleads und Appregios, fadem Gen Z zähle-jede-silbe Sprechgesang (der Scheiß wird nicht gut altern, sag ich euch) – also schlicht gesagt, nicht den originellsten Grundzutaten dieser Tage. Der neue Langspieler ist dagegen mal ein ganz anderes Kaliber, auf dem sich die Band ihre ursprüngliche Kante zurückerobert und eine stellenweise fast schon Postcore- und Noise Rock-mäßige Energie zu Songs zusammenfließen lässt, die organisch und rund wirken anstatt erzwungen zusammengetüftelt und zu Tode quantisiert in einer Pro Tools-Postproduktionshölle. Nein, das hier ist klar der Sound einer fähigen Band, die von irgendwas (Anlässe gibt’s ja reichlich) aus ihrer Komfortzone herausgesprengt wurde, ein lebender, pulsierender Organismus, wuchtig vorangetrieben von gerechter Wut während das Songmaterial fraglos das am sorgfältigsten aufgebaute und ausbalancierte ist, was die Band bisher von sich gelassen hat – besonders hervorzuheben ist, wie nahtlos sich die Synths in den Sound integrieren und verankern auf dieser Platte, die mich neben vielen anderen an so vielfältige Bands wie Beef, Dr. Sure’s Unusual Practice, Broken Prayer, Wristwatch and Patti erinnert.

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Laxisme – Laxisme

Laxisme sind eine Band aus Leipzig, aber so einiges mehr als nur die französichen Texte provoziert hier Vergleiche zu jener gewissen Brut an französischen Bands, die diesen speziellen Mix aus geradlinigem und ultraeingängigem Garage- und Post Punk mit einer subtilen Spur von Oi! spielen, wie wir es so ähnlich auch von Bands wie Telecult, Distance, Stalled Minds, Nightwatchers, Litovsk oder frühen Bleakness gehört haben, wobei sich gleichermaßen aber auch diverse stärker Garage-orientierte Euro-Bands wie die Belgier Mitraille, Pedigree und Itches; Achterlicht aus den Niederlanden und die Italiener Dadar und Shitty Life stellenweise als Vergleiche anbieten. Also ja, nichts bahnbrechendes oder neues zu hören hier, aber die einfache Formel hat nach wie vor eine hohe Durchschlagkraft wenn sie kompetent umgesetzt wird und die Präsentation hier ist von erster Güte – dargeboten mit exzellentem Drive und Energie, ein wenig von einer ’77er Kante und eine Reihe von zertifizierten Killertunes wie Grand Cerveaux und 7 Secondes machen die Sache perfekt.

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Robbie Thunder – If Rock N Roll Is Dead… So Is Robbie Thunder

Der Garage Punk-Scherzbold Robbie Thunder aus Newcastle, Australien ist und bleibt eine durchweg charmante Angelegenheit auf seiner siebten LP in gerade mal etwas über zwei Jahren und mein lieber Herr Gesangsverein, hat er darauf einen neuen Level erreicht mit seinen ausgesprochen simpel gestrickten, minimalistischen und geringfüfig Ramones-ifizierten Punksmashern der Fuzz-intensiven Machart in einem konstanten Feuerwerk aus Hits. Wo frühere Veröffentlichungen sich streckenweise noch etwas eintönig und ermüdend anfühlen konnten, treffen diese zehn Songs eine perfekte Balance aus einem vertrauten Sound, ausreichend viel Abwechslung und bestechender Küze – die Laufzeit von knapp 15 Minuten erscheint mir als die perfekte Dauer für so einen knusprigen kleinen Kartoffelchip von einer Platte wie dieser.

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The Vacant Lot – Creatures Of The Night

Die reaktivierten australischen Punk-Oldtimer haben eine neue 7″ auf Iron Lung Records am Start und in mehrfacher Hinsicht ist das eine besondere Platte – nicht zuletzt handelt es sich bei den Songs hier um verschollene, niemals aufgenommene Klassiker, geschrieben um ’78-’79 herum und jetzt seit langen wieder hervorgeholt und neu aufgenommen. Die aktuelle Inkarnation der Band hat den Ausmuteants- und Alien Nosejob-Frontmagier Jake Robertson an der Gitarre und jener zeichnet wohl auch gemeinsam mit dem unersetzlichen Szene-Hansdampf in allen Gassen, Mikey Young, für die Produktion verantwortlich und oh boy, wird das hier alles offensichtlich auf einer Platte, deren Sound das beste aus beiden Welten repräsentiert – die quirlige Energie der kontemporären Szene genau so wie die catchy-verspielten Vibes der ersten DIY-Punkwelle.

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Orchid Club – Three Alarm Fire

Nicht allzu lange nach ihrer brillianten Debüt-EP bekommen wir jetzt auch schon die erste LP von dieser Band aus Minneapolis zu hören, die wie gehabt mit einem charmant aldmodischen Genre-Mix entzückt, der offenbar überwiegend Inspiration von einigen eher unkonventionellen und melancholisch angehauchten Ausläufern der ’80er bis ’90er Punk-, Hard- und Postcore-Historie bezieht, wenngleich die Einflüsse hier noch etwas vielfältiger und differenzierter rüberkommen. Während der Opener Hello World mit einem starken ’90er Dischord-Vibe mit Echos etwa von Jawbox, Crownhate Ruin, Bluetip, Smart Went Crazy oder Kerosene 454 aufwartet, hat der darauf folgende Track Tectonic Plates mehr so etwas von einer seltsamen Mischung aus Rapeman, Brainiac und Mule. Kick Geneva und Steve erinnern mich hingegen stark an Angst oder Moving Targets und BDFI hat so eine Butthole Surfers-mäßige Doom-Ästhetik. Diesmal dauert es darüber hinaus doch tatsächlich bis zum vorletzten Track What Happens Next und nachfolgend Mantle, dass letztendlich doch noch mal der Mission Of Burma-Vibe zum vollen Vorschein kommt, der die vorherige EP noch stärker dominierte. Nicht zuletzt ist über weite Strecken auch eine stark folkige Unterströmung zu verzeichnen, die mich unter anderem an so geringfügig exzentrische Bands der ’80er erinnert wie The Proletariat, Volcano Suns, M.I.A. und My Dad Is Dead.

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Elvis 2 – Thank You Very Much

Drei unglaubliche (und auch hier noch einmal vertretene) Tracks, die über die letzten anderthalb Jahre verteilt tröpfchenweise auf Bandcamp angesickert kamen, machten schon ausgesprochen hungrig auf mehr von dieser Band aus Melbourne und ich freue mich mitteilen zu dürfen dass ihre erste (mini-) LP den hohen Erwartungen mehr als gerecht wird. Was Steröid mit dem Metal der ’80er Jahre tun, das zelebrieren Elvis 2 in ähnlicher Form mit ’70er Hard- und Southern Rock plus verwandten Dad Rock-Vibes und transformiert den ganzen Salat in eine nur geringfügig Eierpunkige, maximal Fuzz-verseuchte Ästhetik aus ultraeingängigem Garage Punk und Power Pop mit einem ungewönlichen Händchen für infektiöse Gitarrenleads – eine unaufhaltsame Welle aus mitreißenden Riffs, widerstandsfähigen Hooks und hartnäckigen Ohrwürmern, die auf eine unwahrscheinliche Art einige der Tugenden von, sagen wir mal, den frühen Sheer Mag EPs mit jüngeren Garage Punk-Zeiterscheinungen á la Satanic Togas verbindet.

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No Victim – No Victim

Eine irre ansprechende Kassette voll mit abgefuckt-rohem oldschool Hardcore Punk von einer Band aus Richmond, Virginia, die hier eine etwas zögerlich melodische Variante davon spielt mit deutlichen KBD- und Garage Punk-Zusätzen und klar beeinflusst von frühen US Westküsten-Bands, die noch nicht komplett die catchy ’77er Vibes hinter sich gelassen hatten. Obendrein geht da aber auch noch ein Noise-lastiger Vibe á la Flipper oder Broken Talent ab. Das alles wurde hier in einem absolut perfekten und durchaus angemessenen LoFi-Sound verewigt, der auch in einer Reihe mit typischen Deluxe Bias oder Impotent Fetus-Veröffentlichungen nicht allzu sehr aus dem Rahmen fallen würde. Was für ein schöner Knall!

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